Und Tag 4a: immer noch Dresden

der erste Studienort bleibt – obwohl gar keine richtig glückliche Zeit meines Lebens: viel Suche, viel Zweifel, viel Einsamkeit, viel Hadern – aber doch eben der erste Studienort, in der Rückschau also ein Hach-Ort, auf den ich mit freudigem Schaudern zufahre – erstes Ankommensgefühl, als ich unterwegs das erste „nu“ höre (kurz gesprochen, speziell intoniert, und es heißt – man rät es kaum: „ja“), und dann die Elbwiesen (ein so oft überschwemmtes Paradies) mit all den das Wochenende feiernden Menschen, die vielen Biergärten, in die wir neidvoll blinzeln (wir wollen aber erstmal ankommen und keinesfalls mit diesen immer noch am Po klebenden Hosen irgendwo sitzen), die berühmte Silhouette der Stadt, wir treiben mitten durch die Historie, ich schwelge, der Sohn fragt die ganze Zeit, wann wir endlich da sind, ich will Erzählungen von damals loswerden und meine Freude in Ruhe ausleben dürfen, er hört mir gar nicht zu, als ich sage, dass hier mal ein Wohnheim war, in dem nämlich der H. gewohnt hat, dann verfahre ich mich noch, weil die einfach Häuser hingestellt haben, wo früher keine standen und ich meine ewigen Orientierungspunkte verloren habe, nur der Bahnhof, den haben sie gelassen wo er war, und dahinter kommt der Berg, den wir früher immer hochgelaufen sind, wenn Sonntagnacht nach dem letzten Zug aus Berlin keine Straßenbahn mehr fuhr, und den wir jetzt mit letzter Kraft hochtreten … so war das bei der Ankunft in dieser Stadt
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apropos neugebaut: das ist ja wirklich unglaublich – zwischen Bahnhof und Brühlscher Terrasse standen damals etwa sieben Häuser (die drei Klotzhotels, das runde Kino, die Kreuzkirche, der Kulturpalast mit dem Bannergemälde und das Verkehrsmuseum), der Rest war eine einzige Windschneise, man konnte fast so weit schauen wie in Friesland – und jetzt haben sie da eine Million Neubauten hingestellt (wer braucht denn bitte so viele Geschäfte?) und verwirren den nach ewigen Zeiten wiederkehrenden Besucher zutiefst (obwohl ich später noch ein paar Mal hier war, scheint doch der Stadtzustand aus der Studentenzeit tief in mir verankert zu sein – zahlreiche der neuen Gebäude muss ich schon gesehen haben, aber ich empfinde sie alle alle als neu)
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was nicht neu ist: der beeindruckend wilde Verkehr – schon damals standen wir (als Berliner, wohlgemerkt) immer wie die Dorfkinder an den Straßen und fragten uns, wie man wohl lebend auf die andere Seite komme – so auch jetzt: bei Kreuzungen ohne Bordsteinkanten ist nicht zu erkennen, wo Straße, wo Gehweg ist, und aus welcher Richtung selbst dann noch Autos und Straßenbahnen angeschossen kommen, wenn man meint, alles abgecheckt zu haben – in dieser Hinsicht also alles wie gehabt
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erste Besichtigungswege am Morgen führen ins Univiertel – unsere wilde Straße, die gar kein Kopfsteinpflaster mehr hat und nun fußgängerüberbrückt ist, der Tante-Emma-Laden an der Ecke durch einen Computerladen ersetzt, Café Müller gibt’s aber noch, unsere Wege, die wir in den nur 20minütigen Pausen irgendwie stets entlangeilten, der Ort wo unsere (einzige!) Telefonzelle stand, die alte Mensa (genannt wie früher: „Neue Mensa“), wirklich neu dagegen, dass man Essen jetzt per App bestellt (damals graue Papierschnipselchen, immer gern verbummelt), neu sind auch zahlreiche Gebäude ringsum, verschwunden dagegen all die Baracken, in denen wir Übungen und Seminare hatten, die historischen Schon-immer-TU-Gebäude natürlich stehen da und heißen so wie immer, lassen Erinnerungen hochschnipsen (Barkhausen-Bau: wir waren donnerstags morgens da, nur für was, das fällt mir nicht mehr ein, im Beyer-Bau war Russisch bei dem Dozenten, der immer von der Nullkopula sprach und nie erklärte, was das ist, im Försterbau Informatik-Übung, auf der Bayreuther Straße ML – „Marxismus-Leninismus“ – im ersten Jahr, im zweiten Jahr dann PolÖk war mensanah in einer Baracke, und natürlich alles, was uns wirklich interessierte im Willersbau, der noch steht wie damals, ich schlich drumherum, erinnerte mich von allen Seiten, nur nicht von innen, weil ja Sonntag war), dann das Gebäude, in dem damals das Auslandsamt war und wo ich Fahrkarte, Visum und Studienunterlagen für Moskau abholte, und noch mehr Erinnerungen, als wir zum Wohnheim einbiegen, die Pappeln rauschen immer noch, das Haus steht noch, ist noch Wohnheim – ich komme per Zufall hinein und betrete eine nicht veränderte Welt, Wahnsinn, was da alles hochkommt, nur die Duschen sind jetzt gefliest und das Nottelefon im Eingang steht nicht mehr, es sind wohl auch keine Dreibettzimmer mehr, wie die Briefkästen vermuten lassen … sehr seltsam, in den Fluren herumzulaufen, das eigene Fenster von außen zu sehen, die Wiese hinterm Haus, der Betonplattenweg und der Pfad auf die Anhöhe hinauf, welche mit dem Blick über die Stadt Zufluchtsort war …
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ok, ok, ich höre schon auf – auch dem Sohn ging mein permanentes „hier war früher“ sicher auf die Nerven, er war aber fein genug, dies nicht zu zeigen, wofür ich ihm sehr dankbar bin
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der Rest des Tages ist schneller erzählt: wir schauen alles an, was man in Dresden eben so anschaut, nur von außen, denn auf Museen und Ähnliches haben wir beide keine Lust, statt dessen setze ich mein „hier war früher“ noch ein wenig fort: dass nämlich das Schloss noch Ruine war, auf dem man – war man mutig (ich also nicht) – herumklettern konnte, und dass die Kreuzkirche damals noch am Markt stand und nicht dahinter, hier war alle zwei Wochen Kreuzchorvesper, nach der man im Eiscafé („Milchbar“) hinter der Kirche stets einige kleine Kruzianer ein Eis hinunterschlingen sehen konnte, bevor ihr Bus ins Internat wieder abfuhr, ich erzähle wie wir eines Tages mit Wanderstiefeln und Rucksäcken direkt aus der Sächsischen Schweiz ins Theater gingen, natürlich von allen Seiten beäugt wurden und dann auch noch während der Vorstellung einschliefen, mir fällt plötzlich wieder ein, dass an dieser Ecke das Reisebüro war, in dem es am 1. März die Fahr- und Liegewagenkarten nach Bulgarien gab …
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ganz zufällig treffen wir vor der Frauenkirche eine Chorbekannte von zu Hause, die mit ihrer Tochter die Stadt anschaut, um sie vielleicht als Studienort auszuwählen – ich rede wärmstens zu: das Lebensgefühl in dieser Stadt, die Menschen – das kann doch heute gar nicht anders sein als damals (oder kann es? jedenfalls habe ich jetzt mal zugeraten …)
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dass ich kurz danach noch denke, einen meiner wichtigsten Profs von damals auf der Straße zu sehen, das ist vielleicht Einbildung meines gerade nur rückschauenden Sehens, er ist schnell vorbei, und ohnehin hätte ich ihn wohl nicht angesprochen, weil meine Wege mich inzwischen so weit weggeführt haben, was ich jetzt nicht erzählen, nicht erklären will (und wozu eigentlich, wenn man sich kaum oder gar nicht kennt?)
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ich habe genug gesehen, und der Sohn erst recht, für weitere Aktivitäten ist es zu heiß – den Rest des Tages lassen wir uns von Biergarten zu Biergarten treiben …

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