Krank

Wahrscheinlich soll ich das lernen, das Annehmen. Mich verlangsamen oder gar anhalten zu lassen von den Bedürfnissen meines Körpers, ihnen nachspüren und nachgeben. Ein wirkliches Übefeld für mich. Und deswegen – oder warum auch immer – kam heute das Kranksein erneut zu mir, nach nur wenigen Tagen Gesundgefühl.

Es fängt an wie vor drei Wochen. Gestern Kratzen im Hals, Kopfschmerzen, eine leise Ahnung. Heute Schmerzen beim Sprechen, und sobald mein Unterricht um war und ich mich auf einen Stuhl im Lehrerzimmer fallen ließ, dieses Schlappgefühl. Zu Hause dann Bett, Bett, Bett, ein Nachmittag voller Schlaf. Im Wattegefühl, mit wirr-bunten Träumen, jedoch ernüchterndem Hals-, Glieder- und Nasenweh beim Aufwachen – Ihr kennt das.
Wenn es so weitergeht wie letztes Mal, werde ich morgen, vielleicht unter Tabletten gesetzt, noch halbwegs in der Lage sein, meine einstündige Unterrichtsprüfung abzunehmen. Ich muss ja nur kurz zuhören und dann benoten, nicht viel sprechen, nicht stehen.
Ja, ich weiß, krank ist krank. Krank wäre krank. Aber … Morgen ist jedenfalls machbar, ich gehe jetzt ja gleich wieder schlafen.

Und dann schaue ich. Wenn es morgen Abend nicht besser ist, dann bleibt ja noch der Freitag zum Krankmelden. Ich fange schon mal an, mich dazu durchzuringen, das braucht eine Weile. Immerhin ist Elternsprechtag, das schlechte Gewissen pocht. Andererseits: fünf Stunden Unterricht und dann zwanzig Gespräche in fünf Nachmittagsstunden ist schon in gesundem Zustand für mich kaum zu schaffen. Wenn es also nicht geht, geht es nicht. — Ich schreibe das extra hier schon hin, um der Entscheidung nicht wieder auszuweichen:)

Und ja, es wäre eigentlich normal, sich um sich selbst und seinen Körper zu kümmern, auf sich aufzupassen, sich dem Ruhebedürfnis zu widmen und sich selbst hierbei das Wichtigste zu sein. Allein: ich kann das nicht. Pflichtgefühl und sogenannte Disziplin, gepaart mit einem Ich-schaffe-das-schon-irgendwie-Wahn. Auch das kennt Ihr. Jedenfalls einige von Euch.

Wenn ich mich also diesmal wirklich besser um mich kümmern werde als letztes Mal und schon so häufig, dann hat das erneute Kranksein etwas erreicht. Und wenn nicht … dann werde ich also neuerliche Grippeanflüge brauchen. Nur falls ich mich dann wundern sollte, warum es mich wieder erwischt.

So lange, bis ich’s verstanden haben werde.

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27 Kommentare

  1. Der ewige Spagat zwischen der Verantwortung für die Aufgaben und für die Selbstfürsorge.
    Und da gibt es wohl wirklich keine klare eineindeutige Lösung. Ums Abwägen kommen wir nicht herum – die Kehrseite unserer Freiheit. Gute Besserung und viele Grüße aus dem Havel-Nebel auf Schwanenwerder.

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    1. So habe ich das noch nie gesehen: Das Entscheidenmüssen – hier an dieser Stelle, oder aber immer? – als Entscheidendürfen sehen. Ich habe die Freiheit, oder etwas kleiner gesprochen: den Freiheitsgrad, hier für mich selbst zu entscheiden, das Meine zu verantworten.
      Sei lieb gegrüßt, in den berlinnahen Norden, hach:)

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    1. „Grippeanflüge buchen“, so zur mentalen Selbsttherapie – der Gedanke lässt mich lächeln:)
      Und „kommt Rad“ als Wunsch kommt sehr gelegen, ich sehnsüchtele nach ein wenig mehr Wärme mit Draußensein. (Denn nein, in diesen Frostwochen, da bin ich verfroren und scheue es oft.)
      Liebe Grüße in Deine Tage, in diese jetzt besonders, ich denke sehr an Dich, Frau Rebis

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    1. Ich sitz doch eh ganz hinten, auf dem „Aussätzigenbänklein“:)
      Man steckt ja schon ein paar Tage vorher an, in Schulen (oder Massenmenschenplätzen) lässt sich Ansteckung ohnehin nicht vermeiden. Mich husten ja auch ständig Schüler an. Ein Wunder, dass es uns nicht öfter trifft. Wahrscheinlich wird man gegen 99% der Tierchen immun, im Laufe der Jahre.

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  2. Ich bin dir wirklich immer noch dankbar für deinen letzten Blogartikel zum Kranksein. Nicht nur, weil ich auch Dank diesem daheim geblieben bin und mir selbst bewiesen habe, dass ich mich durchringen kann, sondern besonders auch jetzt. Denn ich habe mich schon ewig nicht mehr so schnell und gründlich erholt wie dieses Mal. Nur 2 Tage daheim bleiben müssen, aushalten müssen, dass ohne mich die Dinge schlech… ähm anders laufen als mit mir und dafür habe ich so viel neue Energie bekommen. Das war die Investition mehr als wert!

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  3. Ich kenne diesen unheimlichen Druck im Lehrerberuf: Kranksein „geht“ nicht, denn Fehlen geht erstens ja zu Lasten von Kollegen und Schuelern, und zweitens – und das ist ein Riesenargument – es geht ja auch zu eigenen Lasten, weil sich Arbeit anhaeuft, die dann die ohnehin schon riesige Last noch vermehrt. Ein Teufelskreis.
    Trotzdem hoffe ich, dass Du Dir die Zeit nimmst, Dich voll und ganz auszukurieren.
    Von Herzen gute Besserung,
    Pit

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    1. Stimmt, die sich anhäufende Arbeit, man muss am Ende des Schuljahres ja doch alles geschafft haben, die ist der Teufelskreis. Jede nicht gehaltene Stunde hat zwei später nachzuarbeitende im Schlepptau, so etwa ist es.
      Ich baue jetzt auf ein laaaanges Wochenende, das wird …
      Danke für Deine Worte und Wünsche!

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      1. Ich habe zu meiner aktiven Zeit immer mal wieder davon getraeumt, einfach nach 9 Stunden [9 Stunden statt 8 wie im „normalen“ Arbeitsleben zum Ausgleich fuer die doch laengeren Ferien] Arbeit pro Arbeitstag einfach aufzuhoeren – egal was noch ansteht – und dann am Schuljahresende aufzutreten und zu sagen, „Tut mir leid, ich kann keine Noten erteilen, weil ich bei Weitem noch nicht alle Klassenarbeiten und Klausure korrigieren konnte.“ Als unkuendbarer Beamter haette mir ja wenig passieren koennen. Aber den Mut dazu habe ich nie aufgebracht. Statt dessen eben manchmal 12 bis 14-Stunden-Tage, plus Arbeit in allen Ferien – ausser den Sommerferien. Auch nach hier in Texas habe ich Klausuren mitgenommen, wenn ich meine „damals-noch-nicht-Ehefrau“ in den Weihnachtsferien besucht habe. Meine groesste Sorge war dann immer, dass der Koffer mit den Klausuren drin nicht verloren ging. Ist aber immer gut gegangen.

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        1. Wenn man das alles nicht schaffen würde, hieße es sicher, man arbeite nicht zügig genug. Letztlich ist’s ja auch so, je zackiger man sich durchpeitscht, je weniger Gespräche man anbietet, je flüchtiger man korrigiert, je oberflächlicher man Unterricht vorbereitet, desto weniger Arbeitszeit hat man:(
          Und ja, Verbummeln von Klausuren oder gar Abituren ist auch mein Albtraum. Hatte schon oft was mit im Urlaub, behielt sie aber – aus Übervorsicht – immer in der Handtasche, sozusagen. Und dann der Moment, wo mir auf der Mittelmeerfähre ein Windstoß die Matheklausuren über Deck wehte …

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          1. Klausuren ueber’s Deck geweht! Oh Schreck!
            Bei der Korrektur habe ich nie an der Arbeitszeit gespart, im Gegenteil. Und das war (manchmal) der Kern allen Uebels. Die Vorbereitung kam dagegen oft zu kurz, weil einfach keine (ausreichende) Zeit mehr da war.

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            1. Vielleicht ist es in anderen Fächern (in Deutsch/Sprachen) anders, in Mathe/Physik jedenfalls bringt langwieriges Korrigieren den Schülern kaum Mehrertrag an Rückmeldung und so. Deswegen versuche ich das immer zügiger hinzubekommen, dafür aber dann unter die Arbeit einen möglichst ausführlichen Kommentar zu schreiben, was ich alles bemerke und wahrnehme, nicht nur in der Klassenarbeit. Aber das dauert dann auch wieder. Zeit jedenfalls ist immer zu wenig …

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              1. „Zeit ist immer zu wenig.“ – Dem kann ich nur zustimmen. Fuer mich, zum Glueck, „war“! Bei mir waren die Kommentare unter den Klausuren immer kurz, dafuer gab’s ausfuehrliche Randbemerkungen. Jeder hat da wohl seinen eigenen Stil. Im Durchschnitt habe ich fuer eine GK-Klausur etwa anderthalb Sunden gebraucht, fuer eine LK-Klausur 2 bis 3. Das laeppert sich dann ganz schoen. Es ist eigentlich keinem Aussenstehenden klar, dass damit also schon die Korrektur fuer die Klausuren nur eines einzigen GKs so ungefaehr die normale woechentliche Arbeitszeit ausmacht. Es hat mich, zugegeben, immer geaergert, dass ich mich dann rechtfertigen musste, wenn ich Klausuren nicht innerhalb von einer Woche zurueckgeben konnte.
                Uebrigens: um dem allgemeinen Urteil, Lehrer haetten ja den bestbezahlten Halbtagsjob, entgegenzuwirken, habe ich sehr oft die Rollaeden im Arbeitszimmer [zur Strasse hin] abends nicht heruntergelassen. Da bekam ich dann oft die (erwuenschte) Rueckmeldung: „Sie arbeiten am Abend aber lange!“
                Hab‘ einen feinen (Rest)sonntag, und weiterhin gute Besserung,
                Pit

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