Reiseweise

Nun bin ich zu Hause, in den Alltag hineingestolpert, schneller und heftiger, als es mir am Sonntag vorstellbar war. Während ich morgens im Garten saß, ruhig, schweigend, nichtstuend, nach meiner ersten Freiluftnacht zu Hause, noch bevor die Kinder heimkamen, noch ohne dieses To-do-Korsett im Kopf, innerlich noch ganz reiseruhend, da hatte sich der Alltag, obwohl er unmittelbar vor der Tür stand, in eine unendliche Ferne verschoben. Nicht als Realität, die ja doch in wenigen Stunden beginnen würde, sondern als innerer Zustand.
Alltag ist innerer Zustand. Reisen ist innerer Zustand. Gehetztsein ist innerer Zustand. Ruhe ist innerer Zustand. Eine Polarisierung, die sich in mir selbst bildet, nicht durch das äußere Geschehen. Wie klar mir das war, als ich auf der Sonnenterrasse saß, damals. Damals vor fünf Tagen

Und nun ist es soweit: Es ist Alltag. Im Äußeren, das lässt sich nicht abstreiten. Knall auf Fall ging das. So ist Schuljahresanfang ja immer, und diesmal ist es noch ein wenig heftiger. So dass – unter anderem – vor diesem ruhigen Vormittag jetzt am Donnerstag noch kein einziges Minütchen blieb, um mich zu besinnen, wer und wo und wie ich bin.
Und doch.
Doch, spüre ich, hat mich mein Sonntagmorgengefühl nicht getäuscht. Es ist anders als sonst zu Schuljahresbeginn, es ist anders als vor den Ferien, es ist tatsächlich etwas im Innern verblieben von meinem Unterwegssein. Ich lebe weiter in einer Reiseweise, oder sagt man: auf Reiseweise?
Äußeres Indiz ist für mich ganz klar: ich habe keine Kopfschmerzen. Kopfschmerz ist mein übliches Symptom der ersten Schulwoche. Der Kopfschmerz gehörte dazu wie der neue Stundenplan. Von der ungestümen Beschleunigung, der fordernden Aufgabenvielzahl und -vielfalt, der plötzlichen Begegnungsdichte bekam ich im Laufe der ersten Woche immer immer Kopfweh. Diesmal kommt noch die Hitze dazu, wir werden gut gargekocht hinter unseren Glasfenstern auf der Südseite, diesmal kommt eine schwierige Klassenkonstellation mit unerwarteten Anforderungen hinzu. Und dennoch: mein Kopf fühlt sich ruhig und sanft an.
Und: ich habe keine Herzrasensmomente. Auch dieses geschah mir immer. Wenn die andrängenden Haufen zu dicht wurden, wenn ich meinte, mein Tempo erhöhen und gleichzeitig an allen Fäden knüpfen zu müssen, so dass letztlich keiner mehr in Ruhe verarbeitet wurde, dann immer gab es diese Klopfzeichen aus der Brust. Diesmal nicht. An keinem einzigen Tag, in keiner einzigen Situation.
Selbst in der hochkomplexen Klassensituation, in die wir geworfen wurden, schaffe ich es im Moment noch, den Kopf oben zu behalten, meine Kollegin aufzumuntern, Ideen zu entwickeln, die Dinge mit Zuversicht in die Hand zu nehmen und dabei zu lächeln. Sogar das. Obwohl es eine wirklich herausfordernde, arbeitsintensive und traurigstimmende Konstellation ist.

Warum mag das so sein? Ist eine Reise, wenn sie nur doppelt so lang währt, gleich zehnmal so nachhaltig? Oder sind das die Reiseveränderungen all der Reisen, all der Jahre, die plötzlich gesammelt zum Tragen kommen? Oder wird es nur kurzfristig so sein? (Das hoffe ich natürlich nicht.)
Ich lebe ja schon noch ein wenig reisend. Schlafe seither draußen, nicht im Zelt, sondern unter freiem Himmel. So kann ich nachts weiterhin freie Reiseluft einatmen.
Habe meine Radtaschen noch nicht vollständig ausgepackt, nehme immer wieder ein Päckchen in die Hand, verräume all das Gegenständliche erst Schritt für Schritt.
Auf dem Boden liegen die Radkarten ausgebreitet, ein Netz aus gelben Linien – die abgefahrenen Routen – bildend. Die Kamera liegt auf dem Tisch, die Fotos auf ihrer Speicherkarte bereithaltend, noch gänzlich unbetrachtet. Das Zelt räkelt sich, schon längst trocken, im Garten. Das Rad ist und bleibt ungeputzt, gibt der Schulbluse ein wenig Staub von der Altmühl und der Bürotasche eine Spur Donauschlamm ab, und wenn es heimwärts bergauf leicht knirscht, ist das der märkische Sand im Getriebe. Da ist noch so viel offenes Reiseende.

Bedeutsamer aber ist, dass meine innere Reiseweise bislang nicht versiegt ist.
Die Dinge nach und nach, Tritt für Tritt, wie auf einer Perlenkette aufgefädelt erleben, das zum Beispiel. Ein Teil der Alltagsüberforderung besteht ja gerade in permanenter Gleichzeitigkeit von viel zu Vielem. Während dieser Tage meine Hände bewusster über die Gegenstände streichen, wie als würden sie nach wochenlangen Lenkergriffen das Gegenständliche des restlichen Universums erst wieder ertasten wollen, in bewusster Langsamkeit und mit innehaltenden Pausen versehen, gehe auch ich im Ganzen, mit Kopf und Herz und allem, langsamer, innehaltender und vor allem Schritt für Schritt durch die Dinge. Oft erlebte ich mich anders, oft sprang ich von einem zum anderen, zum einen zurück, zum dritten mal eben auch noch, und dann sowieso, das vierte kann man mit dem Stift schnell bearbeiten, während der Kopf schonmal ins fünfte lugt usw. So bin ich, so war ich oft. Im Moment ist es anders. Das erste darf das erste sein, und das siebzehnte das siebzehnte.
Dazwischen finde ich in Pausen hinein. Gestern im Lehrerzimmer, eine Viertelstunde mein aufgewärmtes Essen am Tisch essen, nicht mit den Kollegen reden, nicht lesen, möglichst wenig grübeln, sondern: essen. Abends, die Arbeitstage sind derzeit elend lang, gegen neun Uhr müde sein, mich mit der Tochter aufs Bett legen, sie in den Schlaf plaudern, und anschließend sofort selbst hinlegen. Wie oft konnte ich mir dies nicht gestatten, im Moment kann ich es. Die Arbeitszeit nach Stunden einteilen, nicht nach Fertigwerden. Also: wenn es zehn Uhr ist, ist Schluss. Und nicht, wenn die Listen fertig sind. Und so weiter und so weiter.
Es sind diese kleinen Momente, die das Ruhebett bilden für den Tagesfluss.

Überhaupt, ich bin bedürfnisspüriger. Eine so eindrückliche Reiselehre war das, wie ich über Wochen intensiv wahrnehmen konnte, wann ich Bewegung wann Ausruhen, wann Essen wann Trinken, wann Lesen wann augenschließendes Träumen, wann ein Gespräch wann Schweigen brauchte.
Ein Teil dieser Spürigkeit ist mir für den Moment geblieben. Sonst würde ich nicht den halben Vormittag schon sitzen und schreiben, einfach weil es mich drängt, sondern würde mich „vernünftig“ meiner Arbeit zuwenden. Sonst würde ich nicht mehr schlafen, mehr trinken, anders essen als sonst. Sonst hätte ich nicht die Klarheit in mir gehabt, die Begegnung abzusagen, die mir sehr am Herzen gelegen hatte und liegt, einfach weil der Raum dieser Woche nicht genügt, um ein Treffen in Ruhe – und nicht übers Knie gebrochen – zu erleben. Sonst würde ich zwischen den vielen Aufgaben dieser Tage nicht immer wieder sitzen, stehen, liegenbleiben, den Blick auf Wolken oder Bäume gerichtet, ohne irgendetwas zu tun.
Kurzum: Sonst wäre ich schon viel weiter in meinem Ankommen im Schuljahr. Inklusive Kopfschmerzen, Herzrasen, erster Ungeduld den Kindern gegenüber und der ach so modernen Floskel „… als hätte ich gar keine Ferien gehabt …“ auf den Lippen.

Vielleicht wird das ja doch noch was mit mir und meiner Reiseweise durchs Leben? Vielleicht werde ich ja doch noch reiseweise?

 

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14 Kommentare

      1. Ja, so ein Sabbatjahr… das wäre jetzt eine echte Perspektive, so nach 20 Jahren Berufstätigkeit.
        Wobei das mit Familie gleich ganz anders aussähe als bei all den Single-Berichten über Sabbatjahre im Internet.

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    1. Ach ja, nun ist mein Ankommen zehn Tage her, sehr ruhig verlief es – im Vergleich zu anderen Jahren – und doch merke ich von Tag zu Tag ein Verblassen der unmittelbaren Wirkung. Es muss wohl so sein, dass auch die Empfindsamkeit für bestimmte Dinge, die während der Reise extrem ausgeprägt war, wieder abschwächt. Es hilft wohl auch gar nicht, mich dagegen innerlich zu wehren. Eher wohl: Mich hier langsamer bewegen. Um mir selbst mehr Raum zu geben.

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      1. Ich kann das gut nachvollziehen.
        Mir selbst geht es ähnlich … bin noch immer nicht ganz hier … nach einer – wie mir vorkommt – unendlich langen Reise in/nach Avalon. England hat mich total überrascht … alles dort … die Menschen … das Land … die Mitreisenden … die schamanischen Rituale … Ich bin noch am Verdauen … und finde keine Worte dafür.

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  1. Auch wenn Du ja erst kurz vor Schuljahresbeginn wieder von der Reise zurueckgekommen bist, so scheint Dir der Uebergang ja doch gut zu gelingen. Dazu weiterhin alles Gute.
    Meine Urlaube frueher waren kuerzer, so dass ich mich (lange) vor Unterrichtsbeginn akklimatisieren konnte. Da gab’s dann auch mit der Umstellung „von Null aug Hundert“ keine Probleme. Und mittlerweile bin ich ja seit Jahren in der gluecklichen Lage, immer Urlaub zu haben. Und ganz besonders nachdem wir hierhin {Fredericksburg, Texas Hill Country] umgezogen sind, fuehlt sich das auch (fast) jeden Tag so an.

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    1. Dieses Von-0-auf-100-Gefühl kommt wohl gar nicht daher, dass ich vorher noch unterwegs war, das hatte ich auch in Jahren, wo ich schon 2-3 Wochen vorher am Schreibtisch saß. Wenn im extrem engen Lehrerzimmer/Schulraum über 900 Menschen gleichzeitig ein Schuljahr starten und alles Mögliche beginnen, was vorher eben nicht am heimischen Schreibtisch vorzuarbeiten war, dann ist es unweigerlich wuselig, bienenstockartig, und wie. Ich glaube, genau dieses plötzliche Wieder-miteinander-wirken macht die Anstrengung aus.
      Aber dieses Jahr verkrafte ich es besser, fühle mich nach mehr als einer Woche immer noch sehr ruhig und kraftvoll, das war auch schon anders.

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    1. Ob ich sie „habe“? Nein, ich glaube nicht. Es ist für diesmal einfacher gewesen, vermutlich, weil ich so lange unterwegs, so wirklich gesättigt war.
      Und ich glaube ja, dass Du ebenso vieles von Deiner Reise mitgebracht hast. Nur vielleicht unsichtbarer, Dir selbst kaum spürbar, weil Du nicht in eine Routine zurückkehren durftest (wie ich), sondern sich im Moment auch Dein Alltagssein auf einen neuen Weg begibt? Ich ahne, dass dies ungleich schwieriger, fordernder, kräftezehrender ist als mein altbekannter „Trott“ hier. Weit mehr als zehnmal schon habe ich ein Schuljahr gestartet, das ist in vielerlei Hinsicht vertraute Gewohnheit. Die Du im Moment nicht hast … Ich wünsche Dir Kraft.

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  2. Welch ein wunderbarer Text. Und wie gut ich das Gelesene mir vorstellen kann, Dich mir vorstellen kann, so viel weniger versprengt und planvollgepackt.

    Möge Dir all das lange erhalten bleiben, immer wieder aufgefrischt werden, Dich weiterbringen und vieles bewirken, das Dir guttut.

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  3. ach wie wunderbar! das liest sich so gut. möge es dir lange erhalten bleiben.

    geruhsamkeit ist so wichtig, ich hab sie mir zum jahres’motto‘ auserkoren. ist doch egal, ob die jacke heute oder übermorgen geflickt wird, der badezimmerboden nicht so reinweiß ist – da sitz ich lieber und lese oder denke oder guck einfach nur in die luft. und die vielen gleichzeitigkeiten abstellen, tritt-für-tritt ist da ein gutes synonym. das merk ich mir und denk dabei an dich ;-)

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