Tagesfluss

Wenn das Aufwachen einhergeht mit dem Schreck, verschlafen zu haben, der Vergewisserung, dass dem nicht so ist, dafür aber als nächstes die Erinnerung in den Kopf springt, dass der Computer gestern abend seinen Geist aufgegeben hat, aus dem Nichts heraus, ohne Vorwarnung, mitten im laufenden Betrieb, und dass dies in der unglaublichen Enge der Notenschlusswoche (selbst schuld, könntet Ihr mir zurufen, ja, und sogar mit Recht) einer Katastrophe gleichkommt (ok, erste-Welt-Katastrophe, bin ich mir bewusst; aber das hilft mir nicht weiter), dass ich also unseren Computerzaubermenschen möglichst heute früh gleich erreichen und überzeugen muss, dass mein Fall absolut dringend ist, und überhaupt: ob das so einfach und schnell zu reparieren geht?, wenn ich versuche tief durchzuatmen und mir zu sagen, dass bis Montag 13 Uhr ja doch noch ein paar Stündchen Zeit sind und ich seit Montag immerhin schon 1,5 der 4,5 Stapel geschafft habe, wenn auch die Noteneingaben von gestern wohl erstmal futsch sind, wenn sich im selben Atemzug der Kopf meldet, mit der Erinnerung, dass da noch die Erkältungskäferchen in mir schlummern, oder eben gerade nicht schlummern sondern fröhlich treiben, autsch, schon so doll am frühen Morgen, was mich davon überzeugt, dass ich zwar nicht den Vormittagstermin, wohl aber die Konferenz am Nachmittag absagen kann, dann läge ich gegen 14 Uhr wieder im Bett, immerhin, wobei mir einfällt, dass auch der Sohn noch länger zu Hause bleiben sollte, der ist viel kränker als ich, was den Berg seiner nachzuschreibenden Klassenarbeiten auf vier erhöht, auch nicht witzig, so ein Schülerleben, wenn mir beim Schlappen in die Küche das unaufgeräumte Chaos von gestern entgegenbrüllt, dass ich hier ja wohl gerade nichts auf die Reihe bekomme, nichtmal – upps, schon nach sechs, schon wieder wecke ich die Tochter unpünktlich:( – wenn der Tag also so beginnt, dann ist er, dann ist die ganze Woche, der ganze Monatsrest nicht leicht durchzustehen. Alles fühlt sich genauso voll und endlos und durcheinander an wie dieser erste Satz.

Stopp. Schnitt. Durchatmen.

Dieser Tag, diese Zeit sollte doch zu schaffen sein.
Mantra: Eines nach dem anderen.

Tee. Aspirin. Dusche. (In dieser Reihenfolge.)
Tochter verabschieden.
Tasche für die Prüfungsstunde packen. Hustenbonbons nicht vergessen. Der Referendar bekommt sonst die Krise, wenn ich da hinten belle wie ein Ungeheuer. (Vielleicht Codeintropfen? Ich nehm sie mal mit, kann ja auf der Fahrt überlegen, ob’s angeraten wäre.)
Tschüss, Sohn, ich hab Dir noch nen Tee hingestellt. Bleib schön im Bett. (Haha:))
Nochmal probehalber Computer hochfahren. Upps: geht wieder. Wie das? Ein Wunder? Wozu diente die Aufregung dann? Um zu testen, ob ich ruhig bleibe? Ja, doch, blieb ich. Vergleichsweise. Im Unterschied zu früher, wo mich solche Unerwartetheiten, gekoppelt mit Terminandrang, in Herzrasenszustände zu versetzen vermochten. Dem war jetzt überhaupt nicht so, die Herzgegend war ruhig geblieben. Nur der Kopf raste herum, im Zirkel aus Machbar- und Schaffbarkeitsgedanken. Nun also: Entspannung, computertechnisch. Bis zum nächsten Ausfall? Kann ich der Kiste jetzt noch vertrauen? Geb‘ ich dem Computerchen soviel Macht über mich, dass ich meine innere Ruhe davon abhängig mache? Jedenfalls: schnell noch eine aktuelle Datensicherung, man weiß ja nie, und dann los.

Die Ruhe auf der Autofahrt. Nach der Aspirinladung geht’s eigentlich.
Fremde Schule betreten, zack, Smalltalk. Meine Mitprüferin mag den ebenso wenig wie ich, da muss man aufpassen, nicht gemeinsam ins Schweigen zu geraten. Fühlt sich seltsam an mit jemand Wildfremden. Aber warum eigentlich nicht? Auch sonst passt’s: am Prüfen in Fleecejacke sollt Ihr Euch erkennen:) (Ehrlich: Habe ich selten erlebt. Sehr wohltuend.)
Durchhalten, möglichst wenig in der Stunde rumhusten, Besprechung, Note, Protokoll, fertig.
Ab nach Hause.
Nicht vergessen zu telefonieren: Krankmeldung für die Konferenz.

Ich brauche jetzt mein Bett. Nur die Korrekturen, die hat noch niemand für mich erledigt. Leider. Und warum eigentlich nicht? Ich nehme sie also mit rein, in die warmen Federn, zusammen mit Ingwertee und Schokolade.
Bloß: ich kann da nicht sitzen und auch noch mit dem Rotstift arbeiten. Ständig rutscht mir der Papierstapel weg, wird der Rücken krumm, tut weh, ich bräuchte einen Betttisch, ja, das wär’s jetzt. Den gibt’s unter Pflegebedarf, guugle ich, na, so doll hat mich die Erkältung nun doch noch nicht zu Boden geworfen. Nützt für jetzt sowieso nichts. Also schlafen.
Und weiterschlafen, nachdem die Tochter aus der Schule gekommen ist und mir mittels einer heftigen Kuschelattacke mitteilt, dass sie in Latein ne 1 geschrieben hat. Dann weiterschlafen, nachdem sie mir ein Tablett mit Brotchips und Saft gebracht hat. Und später immer noch ein wenig weiterschlafen. Durchschlafen bis morgen … das wär’s.
Dem Sohn geht’s nicht anders. Er wankt ab und zu in mein Zimmer, äußert seine Verwunderung darüber, dass er den ganzen Tag schon schläft und immer noch müde ist. Tja, so ist das.

Aber: Die Korrekturen. Bäh. Ein halbes Stapelchen schaffe ich doch noch. Mit erkältungsgetrübtem Blick, wer weiß, was ich alles übersehe. Aber macht ja nichts.

Und ein bisschen Cello. Das muss so. Das gehört seit einem Monat zu einem jeden Tag:)

Ein Tee für die Nacht, eine heiße Dusche, ein wenig Sofa, schreibend, das hier, vorfreuend auf das Wochenende, und dann ins Bett. Morgen, die eine Schulstunde, die werde ich halten. Sonst muss ich 137 Dinge umorganisieren, das dauert länger als eben schnell hinzufahren und mich kurz vor den Kurs zu stellen.
Denn was der Computer gestern abend konnte – mir einfach ein „missing operating system“ vor die Nase zu knallen und sich eine Auszeit zu nehmen, das kann ich nicht. Das schaffe ich jedenfalls nicht mit dieser Konsequenz, wie er es tat. Wobei das eigentlich angeraten wäre. Mein operating system ist ja tatsächlich etwas im Funktionsumfang reduziert.
Aber jetzt erstmal: schlafen. Ja.

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9 Kommentare

  1. Gut, dass ich wenigsten nicht auch dem Computer gute Besserung wuenschen muss! Das war frueher immer mein Alptraum: dass der Computer sich urploetzlich verabschiedet, wenn ich mitten in der schulischen Arbeit mit ihm war, oder dass es einen (kompletten) Datenverlust gab. Backups waren naemlich nie meine Staerke. Und auch wenn ich eine Zeit lang einen zweiten Computer [Laptop] eben genau fuer einen Notfall hatte, so waren die doch nie wirklich auf dem gleichen Stand. Da konnte ich immer nur hoffen. Mein Glueck war, dass ich unter meinen Schuelern einen wirklichen Computer-Nerd hatte, der auch immer, sogar spaetabends, bereit war, mir aus der Patsche zu helfen. Und der es auch immer geschafft hat, wenn ich mal wieder aus eigener Dummmheit meinen Compi aus dem Verkehr gezogen hatte.
    Dir und Deinem Sohn nun gute Besserung, und ein hoffentlich erholsames Wopchenende,
    Pit

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