Wunschtagung

So oder so ähnlich wird das hier an der Akademie genannt, wenn eine ganze Schule sich auf den Weg macht: Kollegiums-Wunschtagung.
Wir sind hier, weil wir hier zu sein wünschen. Alle, all mein Kollegium. Weil wir an uns arbeiten wollen. Weil wir eine gemeinsame Vision haben. Dabei sind „wir“ natürlich nicht 100%, die 100%ig von allem überzeugt sind, das kann ja kaum sein. Aber eine große Mehrheit von uns ist es doch, dieses „wir“. Die anstößt, die weitergeht, die zündet, die mitzieht. Und zwar bei allem, was da aus uns heraus wächst.

„Das merkte ich Ihrer Schule sofort an, als ich sie betrat“, sagt der Referent, der uns schon länger kennt, „dass es hier stimmt. Dass ich hier auch als Kind gern hätte sein wollen.“
Na, das geht selbst einem erfahrenen Kollegium wie uns runter wie Öl, das hört man so direkt ja auch nicht jeden Tag. Wir hören es am Nachmittag noch häufiger. Von den anderen Fremdreferentinnen ebenfalls. In den Rollenspielen, während des Gedankenaustauschs, bei den Lachern in den Vortragsphasen: Die Atmosphäre ist stimmig. Wir sind ja hier auch auf unserer Wunschtagung.

Viele Impulse, Übungen, Gespräche, Rollenspiele treffen mitten hinein in meine derzeitige (berufliche) Befindlichkeit, in meine Suche nach dem Kern unserer Aufgabe und meine Rolle darin.

Von Resonanz ist die Rede. Dass wir unsere schulischen Beziehungen, ja, Beziehungen im Leben überhaupt, auch die zur Welt schlechthin, nur in Form von Resonanz gestalten können. Wir suchen danach, ineinander etwas auszulösen, ein Mitschwingen, ein Gleichzeitig-in-einen-Klang-kommen, ein Sich-gegenseitig-verstärken. Das wäre das Ideal von Beziehung, von Gesellschaft, von unserer innerschulischen Gemeinschaft, und von einer jeden Unterrichtsstunde. Spricht unser Chef in sehr eindrücklichen Worten.

Dass jeder Unterricht im Kern Kommunikation sei, fügt der Referent ein. Dass Kommunikation also nicht etwas sei, was wir jetzt auch noch – neben oder nach allem Unterricht – obendrauf tun müssten, nein. Sondern dass ein jeder Moment des Unterrichtens auf purer Kommunikation basiere. Dass Lernen nie außerhalb von Beziehungen geschehe. Je gesünder die Beziehungen, desto gelingender das Lernen. Das klingt so platt, wirkt aber – in der Illustration durch konkrete Situationen, die uns allen geläufig, nur nicht immer in ihrer Bedeutung präsent sind – einmal mehr augenöffnend. Dieses Wirkungsgeflecht kann man gar nicht oft genug anschauen und verinnerlichen.

Dass im Gegenzug misslingende Kommunikation, nicht wertschätzend gestaltete Beziehungen der Hauptauslöser von Burnout bei Lehrern sei. Das glaube ich sofort. Mir ist schon sehr bewusst, wie glücklich ich mich schätzen darf, unter einer solchen Schulleitung, in einem solchen Kollegium zu arbeiten. Freiwillig werde ich hier wohl auch nicht weggehen. Weiß ich schon lange.

Und dass missglückte Elterngespräche ihre Ursache immer darin haben, dass nicht beide Gesprächspartner mit gleichermaßen positiv-wertschätzender Sicht sowohl auf sich selbst als auch auf das Gegenüber schauen. Wenn sich einer klein fühlt etwa oder den anderen klein macht.
Wir üben uns in solch schwierigen Kommunikationssituationen, als Rollenspiel, ich hasse das eigentlich, aber mit meinen Kolleg*innen traue ich mich. Mir werden Muster sichtbar, in die ich mich begebe wenn. Aus denen ich hier im Rollenspiel ausbrechen kann, hier ist das so einfach. Beim nächsten Elterngespräch ist es vielleicht wieder weg, aber Bewusstmachung hilft. Und Übung, immer wieder.

Dass wir unseren Schülerinnen und Schülern noch viel viel mehr individuelle Rückmeldung geben müssen, darüber tauschen wir uns aus. Wir alle erleben täglich, wie die jungen Menschen danach dürsten. Wir überlegen, wie wir dies möglich machen können, trotz riesiger Klassen, trotz voller Stundenpläne. Im Kollegium gibt es schon so viele Ideen, das lässt sich hier in unseren Workshoprunden gut streuen.
Beim Abendessen spreche ich mit der Coklassenlehrerin, was wir nächste Woche in unserer Fünften beginnen. Und mit der Parallelkurskollegin überlegen wir noch vor dem Nachtisch eine oberstufenkompatible Variante.

Wow, ein kreativer Flow überall. Erst sechs Stunden hier. Schon so vieles im Gepäck für zu Hause. Und morgen ist noch ein Tag …

Es ist ja üblich geworden, dieses Lehrerbashing. In der Presse, in der „Volksmeinung“, am Stammtisch, bei Eltern, in Kommentarspalten der Zeitungen. Kaum ein Tag, an dem ich nichts über Deutschlands schlechte Lehrerinnen und Lehrer lese, über uns also, und über unsere sämtlichen und ständigen Überforderungen.
Darum wollte ich nur mal kurz ein Piep von unserer Wunschtagung senden: Es gibt auch gute Lehrerinnen und Lehrer. Die sich nicht permanent überfordert fühlen. Die ihre Arbeit mit Freude und Engagement ausüben. Die es dabei auch noch ziemlich gut machen. Und sich dennoch bewusst sind, dass es immer gilt, die Dinge weiterzuentwickeln. Im Rahmen der oft sehr einengenden Möglichkeiten. Unter den oft nicht sehr raumgebenden Bedingungen. Die sich immer bewusst sind, dass sie nur Menschen sind, dass ihnen Fehler passieren, dass sie nie jedem Kind gerecht werden können. Und es trotzdem versuchen. Immer mit einem wertschätzenden Blick auf die ihnen anvertrauten Kinder. Und mit ganz viel Herz.
Wir sind hier einige solche. Und ich weiß, es gibt an vielen vielen Schulen an vielen vielen Orten viele viele von uns.
Wollte ich nur mal sagen. Danke fürs Zuhören.

Und jetzt werden wir Rotwein trinken. Wer lange arbeitet, soll auch lange feiern:)

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6 Kommentare

  1. Das klingt nach einem lebendigen und gesundem Kollegium, nach neuem Denken und Sein und das wärmt mein Herz. Dass das alles kein Spaziergang ist, ist klar, aber gerade vorhin dachte ich wieder einmal, dass Engament glücklich machen kann, egal wieviel Mühe es kostet … und wieso wollen eigentlich so viele nur noch chillen?
    einen reichen Tag morgen wünsche ich und jetzt sage ich Skole und gute Nacht
    Ulli

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