übergeflossen

In manchen Tagen ist es zuviel.

Die Schülerin, von der wir nur ahnen, dass es ihr in der Klasse nicht gut geht. Kurz angetippt, fließt aus der Wunde plötzlich viel mehr. Rosenkrieg zu Hause, Streitobjekt sind die Kinder und deren künftiger Lebensort, es geht um das Wegziehen auf einen anderen Kontinent. Das Jugendamt ist schon in der Familie, so genau aber weiß das Mädchen gar nicht, was das für eine Frau ist, die immer zu ihnen nach Hause kommt und von der die Kinder die Telefonnummer haben, für dringende Situationen.
Nur wir als Schule wissen mal wieder gar nichts. Datenschutzbestimmungen, die es uns unmöglich machen, über die Lebensdinge der Kinder informiert zu sein, absurder geht es in diesem Bereich kaum. Aber jetzt bloß keine Kraft ins Aufregen stecken, das Mädchen braucht uns. Mit der Klasse können wir arbeiten, so dass sie dort besser integriert wird. Die Familiensituation können wir ihr nicht abnehmen. Ich werde diese Frau mal anrufen, sie kann immer noch sagen, dass sie nichts sagen darf. Vielleicht aber doch. Und dann hoffen wir auf ein Wunder.
Aber selbst wenn dies beides sich beruhigt haben sollte, irgendwann, steht als nächste Baustelle die hoffnungslose Überforderung des Mädchens auf unserer Schulform an. Soweit können wir uns noch gar nicht kümmern.

*

Im Gespräch mit unserer Klasse. Kollegen haben uns informiert, dass sich die Atmosphäre dramatisch verschlechtert habe. Oder überhaupt noch nie annähernd befriedigend war. Wir Klassenlehrerinnen waren naiv, das müssen wir uns vorwerfen, weil es bei uns beiden gut läuft. Das ist der Bonus, den wir als akzeptierte „Alphatiere“ haben, den Kollegen geht es anders.
Wir wollen das aus dem Munde der Klasse wissen. Je länger wir zuhören, umso mehr kommt ans Tageslicht. Wir ahnten ja nicht. Eine kleine Schülergruppe nur, bei uns lange nicht mehr auffallend, verhält sich offenbar andernorts so, dass die Begriffe Respektlosigkeit und Unter-der-Gürtellinie kaum noch ausreichen. Sie greifen Menschen in ihrer Würde an. Ich möchte hier überhaupt nichts genaueres erzählen, der Kollegin und mir entgleiten im Laufe des Gesprächs immer mehr die Gesichtszüge.
Dringend, alles ist plötzlich dringend. Die Klasse muss geschützt werden, die Kollegen auch. Und wir führten monatelang Gespräche über Gespräche, hatten verharmlosende und die Kinder beschützende Eltern vor uns sitzen, die auf unsere Aufforderung, dem Kind irgendeine Form von psychologischer Unterstützung zukommen zu lassen, mit Angriff oder Gleichgültigkeit reagierten. Wir sprachen mit scheinbar einsichtigen Schüler, immer wieder, immer wieder, hörten wohlformulierte Verhaltensreflexionen, investierten endlos Zeit und Kraft in diese Handvoll Kinder. Mit genau gar keinem Erfolg. Es ist alles beim Alten. Wir sind fassungslos. Und fühlen uns unfähig.
Später im Lehrerzimmer, wir wissen nicht weiter, wollen über’s Wochenende Ideen sammeln, wird uns jedenfalls klar, dass wir alles falsch gemacht haben, dass wir von nun an Fokus und Kräfte primär auf die anderen Kinder richten müssen. Dass wir in erster Linie den riesigen „Rest“ der Klasse schützen und betreuen und umsorgen müssen, weil diese viel zu lange alles ausgehalten haben.
Wie es aber nun mit „jenen“ weitergeht, wir haben keine Ahnung. Natürlich gibt es eine Maßnahmenskala, wir können die starten lassen. Am Ende – wenn sich nichts ändert – wird der Schulausschluss stehen, es wäre nicht das erste Mal. Und dann? An welcher Schule, an welchem Ort werden sie dann sein? Gibt es dort mehr und bessere Lehrer, die diesen Kindern helfen und sie nicht ebenso überfordert weiterschicken werden? Gibt es dort vielleicht Schulpsychologen, Sozialarbeiter, Familienhelfer? Profis also, und nicht so Laien wie uns, die wir – mangels Ausbildung – küchenpsychologisch herumdoktern? Ja, wo ist das Netz für diese Kinder? Wir haben es mit aller Kraft, guten Willens und mit offenem Herzen versucht. Das reichte nicht.

*

Lehrerzimmer, Mittagszeit. Die junge Kollegin kommt blass hinein und setzt sich einfach nur hin. So ist sie sonst nie. Ob die Klassenarbeit zu schwer sei, fragt sie herum. Quatsch, sagen wir erst noch flapsig, ganz normale Arbeit, eher zu leicht. Und bei Dir, sagen wir ihr, können die Kids doch eh vor Glück im Kreis tanzen, dass sie Dich haben.
Die Klasse habe sie angegriffen, erzählt sie. Nach dem, was sie im Wortlaut wiedergibt, ist das Wort Angriff eher noch untertrieben. Eine Suada an Unflätigkeiten ist ihr an den Kopf geworfen worden. Und das ihr, die besser als jede andere auf jedes Kind, jede Frage, jede Sorge einzugehen weiß, von der mein Sohn einfach nur sagt: „Die Kinder lieben sie.“ Offenbar hat sie das nicht geschützt. Und nun sitzt sie da, selbstzweifelnd, hadernd mit sich, geknickt. Und im nächsten Atemzug überlegend, welche Änderungen in ihrem Unterricht hilfreich wären, was sie für diese Klasse tun könnte.
Immer nur denkt sie im Kreis, was sie selbst tun könne. Nicht dass es an der Klasse wäre, wie wir alle, die wir um sie herumsitzen, befinden. Sich zunächst zu entschuldigen. Und dann, wenn ihnen an einer Problemlösung gelegen ist, gemeinsam nach konstruktiven Zugängen zu suchen. Eine offenere Kollegin als diese werden die Schüler im Leben nicht finden.
Gern würde ich länger mit ihr reden, ihr Trost und Rat geben, nach ein paar Berufsjahren hat man sowas ja schon öfter erlebt, das schult Reaktions- und Handlungsmuster, immerhin. Aber es ist keine Zeit, wir müssen los. Ich umarme sie, mehr geht im Moment nicht.

*

Zur Trauerfeier hoch auf dem Berg, oberhalb der Streuobstwiesen, mit Blick auf Wälder und Felder. So viele sind da. In den Lieblingsfarben der kleinen M., in blau und lila. Ein Regenbogen, bunte Welten aus Blumen gemalt, Fotos eines strahlenden kleinen Mädchens, meditativer Gesang trägt weit über den Berg. Und dann hören wir, welche Lebensweisheit sie ihrer Familie mitgegeben hat – und nun auch uns, die wir hier stehen. Wie sie ihrer Krankheit mit dem Lächeln ihres Herzens und oft auch mit einem laut herausgelachten Glucksen begegnet ist, das vor allem, das berührt und brennt sich ein. Wie könnten ihre aufsteigenden Luftballons anders als geradewegs in die Sonne fliegen, das Hinterherschauen schmerzt ein wenig. Wir singen ganz leise, und irgendwann findet der buntbemalte Sarg seinen Weg in die Erde. Es ist hell, es ist licht, es ist tröstend. Inmitten all der Tränen. Seltsam, diese Attribute hier zu schreiben.
Einige Freundinnen und Freunde der Schwestern sind da, manche mit, manche ohne ihre Eltern. Sie tragen – neben vielem anderen – auch Fragen in den Augen. Natürlich. Es gibt ja kaum Antworten. Ich werde sehen, wie es sich ergibt, vielleicht suchen sie einen Gesprächsraum, dann haben wir den Montagmorgen in der Schule. In Physik – das passt. Licht und Sehen. Das Licht bricht sich in unseren Tränen. Und in der kleinen M. spiegelt sich alles Strahlen des Universums.

*

Zu Hause wartet die Tochter. Sie hatte nicht mitgehen wollen, und jetzt hätte sie doch gewollt. Wir sprechen lange, schauen die Bilder des kleinen Gesichtchens an, reden über die Schwestern und dass diese zwischendurch einen Tag in der Schule waren. Wir reden darüber, dass Trauer nicht unbedingt in schwarz und mit schleichendem Gang gelebt werden will. Wie es sich anfühlen mag, wenn in der Familie plötzlich ein Mensch weniger mit am Tisch sitzt. Wo die kleine M. denn jetzt sei, fragt die Tochter. Ich gebe keine Antwort.
Aber eines, das weiß ich, das sage ich der Tochter ganz fest: Sie brauche sich keine Sorgen zu machen, dass sie nicht auf Friedhöfe und Beerdigungen passe, wie sie sagt. Warum das denn, frage ich. Weil ich immer gleich wieder hüpfen muss, sagt sie. Ich hüpfe eigentlich immer, und das passt doch dort nicht. Oh doch, sage ich, das passt sehr wohl. Mindestens die kleine M. – und die sei ja wohl die wichtigste – die wird sich sicher sehr freuen, wenn Du zu ihrem Grab gehüpft kommst. Wenn das schon die Großen nicht schaffen …

*

Das Gespräch mit der Tochter versetzt mich am Ende in Tränen. Wie auch anders, nach diesem Tag. Ich schaffe noch, ein paar Zeilen an die junge Kollegin zu schreiben, die ich mittags so ohne wirkliches Gespräch stehenlassen musste. Unterlagen und Überlegungen für unsere Klasse lege ich weg bis Sonntag.
Denn jetzt brauche ich nur noch Tränen und mich. Einen hellen Menschen zum Anlehnen, das wär’s jetzt. Der muss ich mir selbst sein. Ich weine und weine. Und gehe mit meinen Tränen schlafen.

*

Am Morgen ist alles noch da.
Manchmal scheint mir, dass wir all das Schwere, Kranke, Verzweifelte, Ausweglose und Finstere der Gesellschaft bei uns in der Schule austragen. Natürlich lebt auch viel hoffnungsfrohes Lachen, Wachsen und Strahlen in unseren Räumen. Aber je länger ich in diesem Beruf arbeite, desto mehr wird das Schwierige und Unlösbare zum Mittelpunkt meiner Tätigkeit.
Weil ich mehr sehe? Weil ich mich nicht mehr verschließe? Weil es wirklich zunimmt? Weil die Überforderung der Gesellschaft immer mehr in den Kindern ausgetragen wird?
Mathematik und Physik habe ich studiert, Didaktik erlernt, aber viel mehr auch nicht. Für den „Rest“ bin ich nie ausgebildet worden, wir haben nie professionelle Handlungsmuster für die meisten Situationen erlernt, sind in zentralen Bereichen unserer Tätigkeit Autodidakten. Familienhelferin. Schulpsychologin. Sozialarbeiterin. Trauerbegleiterin. Und vieles mehr.
An Tagen wie gestern fühle ich mich überfordert, schlecht und ungenügend. Die Kinder haben Besseres verdient. In solchen Grenzsituationen, wie sie gestern aufeinanderprallten, sowieso. Daneben aber auch im ganz normalen Schulalltag. In riesigen Klassen mich jedem Kind widmen, selbst wenn dessen Probleme sich allein auf Mathematik- und Physikverständnis beziehen würden – allein die schiere Menge an Anforderungen ist nicht zu bewältigen. Schon früher schrieb ich einmal darüber: Ich bin eine schlechte Lehrerin.
Ja, der Kopf weiß, dass es menschenunmöglich ist, was da eigentlich zu leisten wäre. Und doch flüstert er mir Selbstzweifel ein. Und das Herz blutet. Zaubern müsste man können.

*

Bis Montag werde ich – hoffentlich – wieder genug Licht auf meinen Wegen rund ums Dorf gesammelt, genug Kraft beim Schreiben gewonnen, genug Ermutigung durch Gespräche erfahren und genug Besänftigung in der Musik gefunden haben, um strahlend und offen vor meine Klassen zu treten. Vor all die Schüler – die, von denen ich hier erzählte, und die 150 anderen, die es da noch gibt.

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7 Kommentare

  1. Es ist nicht die Professionalität, die Kinder brauchen, sondern liebevolle Menschen wie euch. Aber ihr, ihr braucht auch jemanden, und Orte, und Inseln. Immer nur geben geht nicht.
    Bitte sorge gut für dich. Nicht nur andern zuliebe, vor allem dir zuliebe!

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    1. Eine Mischung aus beidem wäre wichtig, besser ausgebildet zu sein schließt das Herz ja nicht zu.
      Aber das andere auch, das fehlt. Begleitung, die wir selbst uns holen können, Rückzugs(zeit)räume als Schutz, wenn es zu viel wird. Vorgesehen ist das nicht. Oft rettet man sich gerade so in die nächsten Ferien. Apropos: 11mal schlafen noch:) Ich brauche sie mal wieder wirklich.

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  2. Liebe Frau Rebis, da wäre ich gerne der helle Mensch gewesen, ich hab grad so ein Gefühl von Rücken an Rücken, weinen, atmen, halten, stützen und ja … das ist so verdammt schwer und manchmal einfach eben auch zu schwer!
    Mitfühlende und gedankenvolle Grüsse an dich
    Ulli

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    1. Und nun kann ich es spüren, dieses Anlehnen(dürfen), liebe Ulli, es trägt durch die ersten Tagesschritte, die gleich in die Schule führen werden, wohin ich das Gefühl des Gehaltenseins gern mitnehmen möchte.
      Ich bin sehr dankbar für Dein Hiersein, für Deine Begleitung.
      Einen lichtschimmernden Morgengruß sende ich Dir in den aufblühenden Tag hinein, sei umarmt, Frau Rebis

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