Immer wieder

Jedes Mal kann ich es nicht fassen. Jedes verdammte Mal.

Warum bemerkt Ihr nicht, dass Ihr D. immer weiter in die Ecke drängt, wieso seht Ihr seine Tränen nicht, wie schafft Ihr es, über sein Leid hinwegzuschauen?
Was treibt Dich an, ihn immer und immer wieder anzugreifen, bis er sich nur noch klein und ängstlich vor Dir versteckt?
Wieso machst Du mit, wie ein schlechtes Echo? Brauchst Du das, um Dich selbst zu spüren?
Nennt Ihr das Freundschaft, wenn Ihr Euch zusammenschließt, um ihn nach außen zu drängen?
Ist es seine Stärke, oder seine Weichheit, oder seine Ehrlichkeit, die Euren Neid auslösen, so dass Ihr ihn nicht neben Euch sein lassen könnt?
Warum lügt Ihr alle mich an – da wäre noch etwas zu klären – wenn doch alles längst klar ist, in Form eines am Boden liegenden Besiegten?
Du, hast Du das all die Zeit gar nicht mitbekommen?
Und Du, Du meinst, es wäre doch nur ein Scherz gewesen, immer und immer wieder?
Du fandest das alles nicht so schlimm? Hast Du D. nie in die Augen gesehen, wo seine Angst flackerte?
Du, Du weißt doch von zu Hause, wie es sich anfühlt, wenn man nicht füreinander da ist?
Und Du, dagegen, kennst das ganze Gegenteil, bist so geborgen in Deiner Familie, wieso hast Du D. nicht von Deiner Kraft abgegeben?
Und Du, wie kannst Du nachmittags in die Sozial-AG gehen, um anderen Menschen zu helfen, und vormittags derart die Augen verschließen?
Welch sensible Musik aus Dir ertönt, bei jedem Konzert bestaune ich es, aber hierhin, zu ihm, hast Du Deine Empfindsamkeit nie gerichtet?
Wie sanft Ihr mit den jüngeren Klassen seid, wenn die Eure Hilfe brauchen. Nur in der eigenen Klasse, da erkennt Ihr den akuten Hilfebedarf nicht?
Wie solidarisch Ihr miteinander umgeht, Eure gesamte Gruppe, nur ihn habt Ihr übersehen? Über eine so lange Zeit? Immer und immer wieder?
Wieso stellt Ihr Euch nicht vor ihn, wenn er wieder einmal ausgelacht wird?
Wieso traut Ihr Euch nicht, dazwischenzugehen?
Wieso habt Ihr all die Monate geschwiegen? Euren Eltern gegenüber? Uns gegenüber?

Schaut, Ihr hättet es ja nur den beiden nachzumachen brauchen. Den beiden einzigen verbliebenen Freunden, die sich mutig zu ihm gestellt haben. Die als einzige zu ihm gehalten, die zuweilen sogar ihre Stimme erhoben haben.
Schaut, wie es geht. Macht es D.s unglaublich tollen Freunden nach. Ihr alle.
Bitte.

Außerdem braucht Ihr jetzt wohl uns Erwachsene, um wieder hinauszufinden aus der Verstrickung. Wir werden es versuchen. Wir alle werden alles versuchen, was wir vermögen.
Irgendwie möchte man Euch kaum die Schuld geben. Die Erwachsenenwelt lebt es ja nicht anders vor.
Und doch. Wir wollen Euch zeigen, dass es andere Wege gibt.
Wir sind für Dich da, D. Von jetzt ab wissen wir Bescheid, werden wir auf Dich achtgeben, werden wir unser Möglichstes tun, damit es Dir wieder besser geht.
Wir sind für Euch da, liebe Klasse. Wir werden zusammen hinschauen lernen. Und Mut üben. Dass Ihr Euch in Zukunft zusammentut, Eure gesammelte Kraft einsetzt, damit niemandem von Euch mehr so etwas geschehen muss.
Wir sind für Euch da, Ihr, die Ihr es nicht besser konntet bisher. Wir werden versuchen, mit Euch zusammen Wege aus der Sackgasse heraus zu finden.

Wir sind für Euch da.

(Mobbingsituation, siebte Klasse. Eine von unendlich vielen Klassen,  die es (be)trifft. Trauriger Alltag.)

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6 Kommentare

  1. „Wir sind jetzt da, jetzt, wo wir es wissen“, mehr geht nicht- ich mag auch die haltung für alles da zu sein, keine Schuld zu verteilen, sondern alle dort abzuholen, wo sie sind! Keine einfache Aufgabe, ich wünsche euch von Herzen Gelingen und D. eine angstfreie Zeit, ab jetzt…
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    1. Gerade in dieser Klasse kann man wirklich sagen: Sie sind hineingeraten. Das Schuldgeben ist immer – und hier besonders – schwierig. Oft gar nicht so eindeutig, und in den meisten Fällen destruktiv. In dem Sinne, dass auch die „ausübenden“ Kinder ja meist ihre Päckchen tragen. Natürlich gibt das kein Recht, das eigene Päckchen weiterzugeben, so viel muss gleich im ersten Interventionsschritt klargestellt werden. Aber es macht eben deutlich, wie hilfsbedürftig meist alle Seiten sind.
      Schau mal unter dem Stichwort No-blame-approach. Das kommt dem am nächsten, wie wir an unserer Schule zunächst vorgehen, so ähnlich sind unsere Routinen.
      Einen herzlichen Abendgruß zu Dir, von Frau Rebis

      Gefällt 1 Person

  2. Immer, wenn ich so eine Geschichte aus der Mittelstufe höre, will ich rufen: „Es ist zu spät, so viel zu spät!“
    Ich war in meiner eigenen Schulzeit nie besonders cool, aber ich hatte immer coole Freunde und war deswegen nie Ziel von solchen Attacken. Aber ich hatte Mitschüler, die hatten „Opfer“ auf der Stirn stehen und ich habe mich auch nie in den Weg gestellt. Es gab Bemühungen der Schule etwas zu ändern, nichts hat auch nur an unserer Schale gekratzt. Und auch jetzt, Jahre später, fällt mir nichts ein, was geholfen hätte in dieser Zeit.
    Mittlerweile sehe ich solche Opfer-Kinder in der Grundschule, die anders sind, aber keinem was tun und keiner tut ihnen etwas, aber auch eine andere Sorte Opfer-Kinder, die anders sind und für ihre Umwelt nur sehr schwer zu ertragen und auch denen wird oft noch mit relativ viel Rücksicht begegnet, noch.
    Für beide Gruppen gibt es zumindest bei uns keine Angebote außerhalb des normalen Unterrichts. Da geht es natürlich auch immer um gutes Sozialverhalten, aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Diese Kinder bräuchten viel mehr Hilfe und bekommen sie nirgends, denn ihr Verhalten ist nicht pathologisch, nur sozial unverträglich. Ich weiß, es widerspricht dem Trend die Opfer verändern zu wollen, aber ich bin der Meinung, dass genau die gestärkt und einige einfach auch bestimmtes Verhalten lernen sollten.
    Aber solange nicht einmal die Inklusionskinder mit Diagnose und allem Pipapo angemessene Förderung bekommen, zweifle ich stark an dem Einfluss, den wir selbst in der Grundschule darauf haben.

    Ich finde deinen Text toll, voller Hoffnung auf Einfluss und Verständnis für die Täter. Ich wünsche euch an der Schule viele tolle Ideen, die auch dauerhafte Veränderungen bewirken können.
    Liebe Grüße
    Lisa

    Gefällt 2 Personen

    1. Je länger ich solche Situationen erlebe, umso deutlicher wird mir: Es gibt gar nicht den und den Typ Kind, den es trifft, sondern das geht quer durch alle Gruppen. Jede und jeden kann es treffen, wie fatal. Andererseits bedeutet das eben auch, dass man nicht durch eigenes Verhalten irgendetwas verhindern kann (und muss), und dass das betroffene Kind keine Schuld daran trägt, dass es „ausgewählt“ wurde. Die von Dir beschriebenen „sozial schwer verträglichen“ Kinder sind es ja in der Regel gar nicht. Für solche Probleme funktioniert bei uns in der Regel der Klassenrat ganz gut.
      Wenn es irgendeine Tendenz gibt, dann würde ich sagen – aus fünfzehn Jahren Beobachtung: stille, sanfte, leistungsfähige und -willige Kinder mit viel Neugierde, Wissbegierde, Phantasie, Kreativität, die trifft es bei uns besonders häufig. Ist auch gar nicht so schwer zu interpretieren: Die enorme Angst, der Druck hier auf dem Gymnasium, der Neid, den diejenigen auslösen, denen alles zufliegt … irgendwie so. Doch, ja, das ist hier bei uns sicherlich oft eine Mitursache, auch hier wieder.
      Im Laufe der Schuljahre wird es besser, je älter, desto seltener. Wenn man sich mit ehemals betroffenen Schülern unterhält, sagen diese fast durchgängig, dass es mit jedem Schuljahr leichter wurde. In der Grundschule sei es am grausamsten … Wie oft habe ich diesen Satz gehört. Man möchte gar nicht näher darüber nachdenken.

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