Es ist Liebe

Wie sie angesprudelt kommen, die Siebener, noch mit dem halben Mittagessen in der Hand, und mir als erstes erzählen, dass sie nicht in der Mensa waren, sondern … Das sehe ich, sage ich mit einem Seitenblick auf ihr Imbiss-Essen. Sie beginnen die Regeln zu brechen, Aufenthaltsorte in der Mittagspause und so, müssen sich dabei aber stets noch rückversichern, dass dies auch ja wahrgenommen wird, und dass die Beziehung zum Erwachsenen (in dem Falle: zu mir) nicht gestört wird.
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Wie ich ihm hinterherrufe: Danke, dass Du mir die Tür aufgehalten hast, während ich selbige an den Kopf bekomme und mein Heftestapel zu Boden donnert, und er daraufhin stottert, er hätte mich nicht gesehen, und ich grinse, weil der Blickkontakt zuvor, der war intensiv. Das merkt er selbst und schaut hilflos zu Boden. Er braucht dringend die Erlösung in Form einer Einladung, mit mir zusammen die Hefte wieder aufzuheben, dann erst kann er entschuldigend schauen. Und ich grinse ihn an: Alles klar.
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Wie sie das Beste für ihre Klausur herausschlagen wollen, dabei über das Erwartbare hinaus anspruchsvoll werden und in den Ferienmails nicht ganz den Ton treffen. Als wir – alle Kurslehrer gemeinsam – ihnen dies nach den Ferien spiegeln und darlegen, wie wir ihnen im Künftigen Anstöße zum Weiterreifen und zur Verantwortungsübernahme geben werden, da schauen sie plötzlich ganz verstehend. Wissen, was wir meinen. Sehen, dass schon das, was sie bekommen, mehr als das Erwartbare ist, und dass man mit Meckern jedenfalls an dieser Stelle keinen konstruktiven Schritt weiterkommt. Wir reden über all das. Und ich staune: wie sie in den vergangenen Wochen gereift sind.
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Wie die Kleinen versuchen bei uns anzukommen und sich in das Schulgefüge hineinzutasten, dabei unverdrossen ihr kindliches Jungsein weiterleben, ungeachtet dessen, dass sie damit an die Geduldsgrenzen sämtlicher älterer Jahrgänge stoßen. Und wie sie dann, als sie realisieren, dass es wohl zu viel war, die Tafel voll mit Kinderzeichungen gestalten, mich mit großen Augen anschauen und darauf warten, dass ich sage: Es ist alles wieder gut.
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Wie sie unauffällig, aber sowas von unauffällig:) immer wieder an mir vorbeispazieren, während ich hofaufsichtführend umherschlendere. Wie sie dafür sorgen, dass ich alles höre, was sie sich gegenseitig erzählen, und dass ich ihre Spiele sehe, und ihr Wettrennen, und wer da gerade mit wem, das soll ich auch noch wahrnehmen. Und falls ich das alles nicht schnell genug kapiere, geben sie mir in der nächsten Physikstunde Zaunpfahlwinke, was ich noch alles über sie wissen soll. Denn zuschauen sollen wir ihnen natürlich schon, während sie aus ihren Larvenhüllen krabbeln und als Schmetterlinge zu fliegen beginnen. Zuschauen, wenn sie dies einfordern. Und wegschauen, wenn sie dies einfordern. Zuhören, wenn sie so tun, als sollte es niemand hören. Und weghören, wenn sie Dinge sagen, die ich tatsächlich besser nicht hören sollte. Wir regeln das schon, das mit Nähe und Distanz. Sie zeigen ja freimütig, was sie jeweils brauchen.
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Und tausende solche Szenen mehr …

Es ist ja nicht nur ihre Pubertät. Es ist auch unsere Mischrolle, immer zwischen Arzt und Richter, wie man so sagt. Ständiger Blickrichtungswechsel in unseren Beziehungen. Das hält wach und achtsam, das schenkt ein tägliches reiches Miteinander, das beglückt und wärmt und – vor allem – das stimmt hoffnungsfroh.

Ich glaube, ich liebe meinen Beruf. Sehr. Ich liebe es, mit Pubertierenden zusammenzutreffen und zuweilen auch zu -prallen. Ich liebe die bunte Welt all dieser jungen Menschen.
Aber das sagte ich ja bestimmt schonmal.

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9 Kommentare

    1. Es wechselt, wir geraten schon auch aneinander, und manchmal rupft die Ungeduld – oder oft: die Erschöpfung – zarte Beziehungspflänzchen wieder aus. Aber im Großen und Ganzen ist bei uns an der Schule wirklich eine warme, wohltuende, wertschätzende Atmosphäre. Wir bemühen uns jedenfalls …

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    1. Ja, es stimmt, es ist wunderbar. Und Deines, von dem Du ja immer wieder angedeutet hast, das schmerzt. Wie alles kaputtgehen kann, menschengemacht. (So war es doch bei Dir letztlich, oder?) Ach Mensch …
      Sei lieb gegrüßt.

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    1. Liebe Ulli,
      vielleicht sind mehr von „uns“ so als man ahnt? Sogar ich staune manchmal, was meine Kinder erzählen, und merke, dass ich selbst gegenüber meinen KollegInnen Vorurteile habe – positive wie negative.
      Jedenfalls: Diesen Blick, den kann man erlernen. Als ich anfing, war meine Mentorin eine, zu der ich aufschaute, weil sie genau das verkörperte. Ich glaube, ich brauchte selbst erst ein paar Jahre und ein gewisses Alter, damit sich dieser Blick entwickeln oder reifen konnte. Und es ist nie fertig. Immer wenn man das meint, kommt von irgendwoher eine Klasse daher, die Dich testet;-)
      Herzensgruß zu Dir,
      Frau Rebis

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