Tag 1: Lübeck – Ratzeburg

Der Ruhetag in Lübeck tut gut: wir gönnen uns ein Schläfchen nach dem anderen, zwischendurch trödeln wir durch die Stadt, sind – natürlich:) – von all den Touristenmassen leicht genervt, andererseits bin ich ganz ergriffen, endlich das Holstentor meines Kindheitspuzzles in live zu sehen, und ein Café mit Eis gibt es auch. (Wir müssen sehr müde und im Kopf schon wirklich verwirrt sein, dass wir lange danach suchen.)

Zum Stand unserer Hierbleibensgründe: Auge ist dankbar für das Antibiotikum, das wirkt wie ein Zaubermittel; Hals unverändert seit einer Woche (was ist das? das kenne ich so nicht); Sohnesfuß humpelt und die Wunde juckt und drückt im Schuh (aber klar, wenn man 13 ist, kann man kei.nes.falls Sandalen anziehen:))
Am Freitag aber geht es los, denn in der Jugendherberge ist kein Platz mehr, für eine kurze Etappe reicht die Kraft allemal und vor allem: Mental ist mir das Losfahren Lebenselexier.
Vor dem Start das große Taschenpacken: was zu Hause noch System und Logik hatte, hat sich binnen 36 Stunden in einen explodierten Chaoshaufen verwandelt, und der muss jetzt mit neuerlichem System wiederum in all den Taschen verpackt werden. An dieser Morgenphase in meinen Radreisen lässt sich noch arbeiten – oder eher am weniger chaotischen Entpacken in den Abendstunden:)

Gegen halb elf ist alles fertig, und wir schwanken los. Weniger gesundheitsbedingt als durch die immer wieder ungewohnte Fahrradbeladung kämpft man sich auf den ersten Kilometern so durch, bis sich ein Gleichgewichtsgefühl einstellt. Dieses kommt heute sehr schnell – innerlich wie äußerlich. Schon in den Vorstädten von Lübeck – ich liebe Vorstädte: man erhascht so manche Blicke in so manche Leben – fühle ich mich im Fluss. Verträumt selig verpassen wir daraufhin gleich mal den richtigen Weg. Den Pfad eigentlich, der uns erstmals hätte an die deutsch-deutsche Grenze bringen sollen. Macht nichts: ich werde sie noch drei Wochen lang sehen. Wir treideln durch Felder und Dörfer, der Sohn von den Hügeln (Endmoräne: der kleine Harz Norddeutschlands!) mehr und mehr genervt, zumal er kräftemäßig nur mit einem Bein tritt, wie er sagt, weil am anderen noch alles zieht und zuppelt. Über mich selbst wundere ich mich: schneller als je komme ich in ein meditatives Fahrgefühl hinein, störe mich nicht an Anstiegen, schaue nicht auf die Zahlen des Tachos, bin einfach nur im Grün dieser Landschaft – ähm – angekommen. So schnell schon.

Die kleinen prosaischen Momente dieses großartigen ersten Tages: Wie immer die Essenssuche. Zum Glück sind wir hier abseits der großen Radautobahnen (in Lübeck hatte ich Schlimmstes befürchtet), mit der Folge aber, dass unser Hunger die Anzahl der Nahrungsstätten weit überschreitet. Erfahren wie wir in diesem Erleben schon sind, ergreifen wir daher selbst den ungemütlichsten Imbiss an der Schnellstraße. Zwanzig Meter über uns donnern Flugzeuge einer Einflugschneise. Aber satt werden wir.

Und der Regen. Ja: Regen. Dörrende Süddeutsche werden sich vor Neid kaum einbekommen: Hier regnet es. Hier sind auch nur 20-25 Grad. Wunderbar. Während des Regens lesen wir in einem Café, und das Fahren in den Resttropfen ist alles andere als unangenehm. Verblüffend immer wieder: Wann immer man sich in die Regenmontur pellt, hört es auf. Wann immer man im Blüschen weiterfahren will, fängt es wieder an. Wir wundern uns.

Vorhergesagt sind nächtliche Unwetter und vormittäglicher Weiterregen: Wir fügen uns und lassen das Zelten für diese erste Nacht sein. Buchen ein Zimmer (Plüschpension vom Kitschigsten! aber für einen Tag erträglich), mäandern uns an dieses heran (die schon erwähnte Endmoräne sorgt für heftiges Auf und Ab, das Blödnavi für heftiges Hin und Her) und lassen den Rest des Tages in der Domaltstadt bei einem Griechen ausklingen.

Den Sohn schmerzt der Fuß, das findet er selbst schade, aber so ist es nunmal. Also lässt er sich ¨austauschen¨ gegen die Schwester – ich fahre mit ihr weiter, und er wird mit dem Papa ruhige Tage (mit viel Sitzen? kaum vorstellbar) verbringen.

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