Tag 2: Ratzeburg – Salem

Der Regen schenkt einen ruhigen Morgen. Nach dem um 8 bestellten Frühstück nochmal ins Bett gehen (Tochter) oder bloggen (ich). Die WetterApp sagt das gute Wetter für ein Uhr voraus, das gute Wetter hat Verfrühung. Jedenfalls blinzelt kurz nach 11 plötzlich die Sonne heraus, wir packen – und los gehts.

Beginn: eine 16%-Kopfsteinpflasterstraße, glitschig, eng, schier unendlich. Wir rutschen so weg, dass wir die Räder zu zweit hochschieben. Damit wäre der Frühsport dann auch erledigt, und immerhin sind wir auf der Anhöhe, die Straße bleibt dort, und wir sparen uns das gestrige Auf und Ab am See. (Später kommt es wieder, das Hoch und Runter, am Ende des Tages werden wir 300 Höhenmeter bei 40 Kilometern haben – das denkt man in Norddeutschland ja auch nicht.)

Nach wenigen Kilometern eine letzte Aussicht auf Ratzeburg, wir müssen Sonnencreme nehmen – wer hätte das vor 3 Stunden gedacht – und die Tochter schenkt mir zum Zeichen ihrer Liebe einen wunderschönen Stein. (Nur: hoffentlich macht die das jetzt nicht bei jeder Pause zur Gewohnheit:) – Zeichen der Liebe darf man natürlich nicht wegwerfen. Aber das Gewicht …)

Abbiegen in Dorfstraßen, hin zur ehemaligen Grenze. Habe ich das schon gesagt? Dort entlang soll der Weg führen, von hier bis Hof, immer mäandernd durch das Grenzgebiet, in dem es heute viele Biotope, viel Grün, viele fast unbekannte Orte gibt, und hin und wieder erinnernde Stätten.

Heute finden mich die ersten Gedenktafeln in innerlich noch unvorbereitetem Zustand an, sie treffen entsprechend. Sollen sie ja auch. Deswegen bin ich hier.
Wozu? Den Kindern zu erzählen, das zunächst. Damit sie wach werden in ihrem Leben. Wissen, was da war, ganz konkret in der Geschichte ihrer Eltern. Damit das keine unpersönliche Geschichtsbuchwelt bleibt (so wie für mich der Krieg damals, der lange Zeit nur elendes Klassenarbeitsthema war).
Und zu verstehen, was das mit mir gemacht hat: dieses damalige Leben vor 89, in seiner für immer verfestigten Enge und Beschränktheit, die mir so normal wie unendlich war. Dann das Wunder, das wirklich unerwartetste aller Wunder im Herbst vor 26 Jahren. Und die sich anschließende Zeit: Lebensveränderung – oder auch nicht? Was bewirken diese äußeren Dinge tatsächlich im Innern? — Fragmente solcher Gedanken schießen mir durch den Kopf, während wir vor den Schautafeln zum Aufbau der Grenzanlagen, des Todesstreifens stehen. Die Tochter schüttelt nur fassungslos den Kopf – anders kann man ja auch nicht reagieren.

In Schlagdorf gibt es ein Museum, wir sind für den Moment aber schon gesättigt genug. Picknicken auf einer Wiese mit Blick auf einen Grenzstein, ganz still, erledigen die letzten Vorwochenendeinkäufe in einem ¨Landhandel¨ – hier erklärt sich mir das Wort ¨Gemischtwarenhandel¨ in seiner ganzen Bedeutungstiefe: wäre es mir nicht zu unangenehm, hätte ich dieses Sammelsurium glatt fotografieren wollen:) – und sitzen gedankenversunken einfach da. Es ist vielleicht auch Schutz, sich für den Moment mal mit ganz simplen Problemen zu befassen. Zum Beispiel wie man die gerade gekaufte Schokolade vor dem Schmelzen bewahrt, oder wie man jetzt diesen Fotoapparat am Rad festklemmen könnte.

Als wir fast schon fahren wollen, kommt eine Frau des Wegs, sie veranstaltet seit Jahren Kunstprojekte zum Thema dieser Grenze. Ein spannendes Gespräch: wie unterschiedlich die Menschen auf ihre Installationen reagieren, wie viel Scheu gerade hier vor Ort da ist, und wie unterschiedlich die Erinnerungen sind. Gerade sammelt sie vielfältigste Erinnerungen, damit diese in 50 Jahren nicht verloren gegangen sein werden in einer Einheitsgeschichtsbuchdarstellung. Wir sprechen über so vieles, was sich aufdrängt, denkt man nur genauer über Grenzen nach. Die Grenze, die wir um unser Haus ziehen. Die Grenzen, die wir heute errichten. Flüchtlinge, das liegt gerade so verdammt und erschreckend nahe. Die Grenzen in der Welt …

Es ist zu viel, um zu einem Punkt, zu einem Resümee zu kommen. Irgendwann fahren wir doch weiter. Ich nehme ihre Mailadresse und ihre Webseite mit: http://www.renate-schuermeyer.de und verspreche, Ihr einiges zu schreiben.

Der weitere Weg geht schnell, wenn auch die ewigen Hügel die Tochter ab und zu fast verzweifeln lassen. Habe aber einen Trick gefunden: auf dem Abwärtsweg anhalten, dann rauscht sie vorbei mit dem Schlachtruf ¨Hej Mama¨ – und ist stolz, mich abgehängt zu haben. Und dann geht es wieder für ne Weile. Motivation kann ich:)

Wiedermal sind wir unter anderem deswegen schnell, weil kein Café, keine Einkehrmöglichkeit unser Vorankommen behindert. So ist das hier. War ja klar, in dieser verlassenen Gegend. Erst in Kittlitz legt sich uns das beste aller Sonntagscafés in den Weg. Wir sind inzwischen so hungrig, dass wir die unglaublichen Torten vor dem Verschlingen überhaupt nicht mehr zu fotografieren schaffen. Eigentlich sonst eine gute Tourtradition.
Von hier aus rufe ich den Zeltplatz an. Zum Glück. Denn dort ist – äm – voll. Für ein 2mx2m-Zelt? Hä? Ich fasse es nicht, dass es das gibt. Als durchreisende Radwanderer? Also, erklärt mir der Mann am anderen Ende der Leitung: bei ihnen hätte halt jedes Zelt seine abgegrenzte Parzelle. Da ist dann eben irgendwann die Kapazität erschöpft. Aha. Der Deutsche und seine Parzelle, zum Thema des Tages ja irgendwie passend.
Der andere Zeltplatz, ab von unserem Weg eigentlich, nimmt uns natürlich auf (und versteht unsere diesbezügliche Frage gar nicht).

Der Rest des Tages ist Wegsuche (auch ein wenig Unterholz ist dabei), Hinaufquälen zur Anmeldung (auf dem Berg, klar, weil wir unten am Ufer sind), Finden eines Platzes direkt an der Badestelle, Baden (sogar ich!), Zeltaufbau, Essen, Schlafen. So schnell, dass mich nichtmal die ringsum noch kartenspielenden Mitzelter gestört haben, so müde sind wir.

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2 Kommentare

  1. Danke, Deine Worte freuen mich sehr.

    Unsere Strecke geht übrigens sehr im Zickzack. Wirklich immer sehr nah entlang der Grenzlinie. Darum haben wir gestern zum Beispiel einen Katzensprung Luftlinie gehabt, aber trotzdem über 4 km. Du kannst das sehen als Bundeslandgrenzen: (fast) immer dort entlang. Heute etwa pendeln wir zwischen Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern.

    Hab einen guten Tag – auch wenn Montag ist,
    Uta

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