Grenzblicke

Tag 5: Alt Garge – Hitzacker

Der Tag beginnt um zwei Uhr morgens. Genau genommen: um 2.17. Da fällt mein erster Blick auf die Uhr. Mit dem Schlafen ist es in diesem Moment vorbei. Ein Gewitter, stundenlang, direkt über unserem Zelt, so hört es sich an. Unheimlich, so nah. Ich bedenke schnell, wo die großen Bäume stehen und wie viele Häuser mit Blitzableiter in der Nähe sind – das schmälert meine Angst – aber das macht den Peng-Bumms-Knall-Krach nicht kleiner.
Bei jedem lauten Böller wirft sich die Tochter an mich, zwischendurch steckt sie ihre Finger in die Ohren (so dass diese am Morgen schmerzen, die Finger), schläft aber den Schlaf der Seligen weiter. Im Gegensatz zu mir …

Morgens bin ich müder als müd, es regnet aber ohnehin, darum bleiben wir – bis auf lästige Toilettengänge – lange lange liegen.
Wohin auch mit dem nassen Zelt, wir lassen es ausgewittern und ausregnen, dann ist es nach 10 Uhr. Ein Gemütlich-Tag bahnt sich an, da wir hier eh nicht vor Mittag wegkommen werden. Weil zudem für die Tochter Papa-Abholtag ist, überlegen wir ein wenig hin und her, kommen aber bald zu dem Schluss, dass so spätes Losfahren mit einer Abholverabredung nicht sinnvoll zu vereinbaren ist. Der Tag hat eben nur 24 Stunden, und 11 davon liegen wir jetzt schon im Zelt.

Also – ein kleiner saurer Apfel für das Kind, aber sie schluckt es schnell – wird ihre Tour hier enden. Wir telefonieren den Papa auf den Campingplatz, und dann überlege ich, was ich gern möchte. Am liebsten: nochmals mit allen Essen gehen, den Nachmittag gemeinsam verbringen, sich in Ruhe verabschieden. Mit einer Tagestour kombiniert sich das schlecht, also buche ich mir ein Jugendherbergszimmer in Hitzacker – 20 km entfernt – und beschließe, mit den anderen im Auto mitzufahren.
Nun werde ich meine Grenzwegradtour also um 20 km unterbrechen. Aber der gemeinsame Tag ist das wert, und ich verspreche: Bis zum Ende der Tour werde ich mich so oft verfahren haben, dass ich die fehlenden 20 km locker wieder reingefahren haben werde.

Nun denn: Am frühen Nachmittag sitzen wir im Auto, die Räder auf dem Dach, die Packtaschen in den Kofferraum geworfen, und überführen uns, insbesondere mich, nach Hitzacker. (Dort bloß nicht vergessen, mein Rad wieder vom Dach zu nehmen!)

Hitzacker ist ein Ort, den man in Reiseführern vermutlich lieblich nennt, so stelle ich mir ¨lieblich¨ jedenfalls vor. Wir machen es uns trotzdem schön, zunächst in einem Eiscafé, dann in einer Biergartenkneipe. Wespenumwoben verbringen wir unsere letzten gemeinsamen Stunden, bevor ich von nun an allein unterwegs sein werde, während die Kinder mit dem Papa nach Hause und von dort nach Italien reisen.

Es zieht und schmerzt schon ein wenig in mir, als ich allein mein Zimmer beziehe (übrigens: eine fantastische Herberge hier!), als wir uns verabschieden, als ich die Tochter ein letztes Mal drücke und mir vergegenwärtige, was mir fehlen wird. Darum auch ist es besser, heute nicht auf einem Zeltplatz zu sein: Ich werde das gemeinsame Kruschteln im Zelt vermissen, ihr Heizstrahlerdasein im Schlafsack neben mir, das gemeinsame Kochen und Packen (und vorher: das Suchen, das Suchen!). Und das gemeinsame Fahren, bei dem sie sonnenstrahlengleich, mit schlechte-Laune-Unterbrechungen nie länger als 1,5 Minuten lang, neben mir herfuhr  – so einen Begleiter bräuchte jeder Radwanderer!

Es ist seltsam. Ich habe mir das Alleinfahren selbst gewählt. Habe es in den Pfingstferien und früher schon sehr genossen. Bin mir sicher, dass ich in diesem Alleinsein am tiefsten in einen meditativen Zustand hineinfinde. Besitze genug vom Autismus-Gen, wie Herr Irgendlink es nennt (in dessen Blog http://www.irgendlink.de un-un-unbedingt hineinzuschauen lohnt: befindet er sich doch auf dem Weg zum Nordkap, ist schon in höchsten Breitengraden angelangt und schildert das in seinem Blog auf mitreißende, mitreisend machende Weise!)
Und dennoch vermisse ich sie. Ihre Strahlelaune. Ihre Geduld mit sich und der Welt. Ihr Chaos (das sie mit beharrlichem Suchen und triumphierendem Finden kompensiert). Ihre Ausdauer. Ihre Fragen. Ihr Nachdenken. Überhaupt: sie.

Die Jugendherberge fängt mich auf. Viele Radfahrerfamilien sind hier. Man unterhält sich über vergangene und kommende Etappen. Und Jugendgruppen. Aus den Zimmern hört man das Werwolf-Spiel. Durchbrochen von ¨Psst, nicht so laut.¨-Rufen. Woanders wird Ball gespielt. Und Brettspiele. Das Zimmer mir gegenüber trägt die Aufschrift ¨Lehrerstübchen¨, ich fühle mich willkommen:) Spät abends reisen französische Jugendliche mit Geigenkästen an.  Stimmt, da stand was mit Musikfreizeiten an der Infowand. Und allüberall sprüht die besondere Gruppe, sogenannte ¨Behinderte¨, ihren zugewandten, öffnenden Charme in das Hausleben.
Hier ist es warm, hier ist es gut, hier ist der richtige Startpunkt fürs Alleinsein.

Tag 4: Büchen – Alt Garge

Mit Blick auf den See bloggen, Seestille und Morgenerwachen vor Augen, gar nicht hier wegwollen. Wenn sich dieses Gefühl einstellt, war der Platz richtig gewählt.
Irgendwann wird die Tochter von der Sonnenwärme aus dem Schlafsack getrieben, schon beim Frühstück flüchten wir in den Schatten, Wärme und unsere Flucht davor wird zum Leitmotiv des Tages werden. (Im Unterschied zu den im Süden Stöhnenden ist das aber unser erster heißer Tag.)

Der Weg ist eben, zunächst, führt entlang des Lübeck-Elbe-Kanals. So erwarten wir das. Darauf stellt sich unser Kopf ein. Und hier wird sichtbar, wie sehr eigentlich der Kopf fährt. Mehr fast als die Beine. Kondition ist immer auch eine Einstellung, eine Erwartung, ein Sicheinlassen.
Erste Bewusstwerdung: als der Weg nach Lauenburg hinauf führt, da streikt es in uns. Wir kehren um, bleiben am Ufer, imbissen dort (man hat uns dort extra eine Bude hingestellt:)) und lassen den hochgelegenen Ort links liegen.

Der Imbiss übrigens überschüttet uns mit Pommes, was möglicherweise ein Versehen, eher aber wohl Geldverdienmasche ist. Wir tragen´s mit Fassung, rufen laut in die Runde der imbissenden Menschen, ob jemand Pommes geschenkt möchte, was nicht der Fall ist, und lassen sie uns – sparsam und nichtsahnend wie wir sind – einpacken. Nichtsahnend deswegen: Habt ihr schonmal probiert, wiiieee bääähhh eingepackte, kalte, lätschige Pommes schmecken? Tut es nicht. Lasst sie euch nie einpacken. Wir sind für den Rest unseres Lebens geheilt.

Zweite Bewusstwerdung dieser Flachstreckenerwartung dann die Elbberge. Die heißen nicht nur so, die sind auch welche. Bei mittlerweile 36 Grad eine Durststrecke im Wortsinne. Oben ist uns die Lust auf das Elbbergmuseum und den Aussichtsturm vergangen, wir hecheln uns nur noch zu einer Bank im Schatten. Befinden uns dort im Ort mit dem sprechenden Namen Vier (vier wovon? haben wir nicht herausgefunden; und der Sohn so: wart ihr auch in Fünf?) und in bester Gesellschaft von minütlich auf die Bank plumpsenden Radfahrern, ebenso erledigt wie wir. (Um jeglichen Fantasien vorzubeugen: es handelte sich um eine große Bankgruppe, niemand plumpste da auf irgendjemand anderen).

Wer sich stundenlang hinaufgekämpft hat, darf dann auch hinabrollen – etwa eine Minute lang. In Boizenburg gibt es außer Eis nicht viel, und dieses teilen wir auch noch mit tausend Wespen, Samariter wir. Ein Wunder, dass wir ungestochen davonkommen, und unüberfahren (Flucht vor Wespen versetzt uns zuweilen in hektisches Quer-über-den-Platz-laufen).

Boizenburg liegt an der Elbe (und ist nicht unser Klassentreffensort, wie die Tochter seit Tagen dachte), also geht es ab jetzt brettleben. So wie gewünscht. Der Elbdeich ist einfach der flachste Radweg der Welt. Was wir nicht dazu gewünscht hatten: die Baum- und Buschlosigkeit. Das heißt nicht nur pralle Sonne, so weit das Auge blicket, sondern auch Weitsicht ohne jedes Ende. Schlecht, wenn man mal muss. So wie die Tochter. Sie versucht es – am Wachturm, am Aussichtsturm – doch jedes Mal kommen schaulustige und verweilende Menschen. Sie verzweifelt fast, und so biegen wir ab vom Deich, in einen Seitenweg, bis dort rettende Büsche ihrem Ansinnen Sichtschutz gewähren.

Die Landschaft übrigens, die ist mir noch sehr nahe. Bin ich doch erst zu Pfingsten hindurchgefahren. Nur war es damals halb so warm, höchstens, also fuhr es sich doppelt so leicht. Der Wachturm ist der erste, der uns auf der Strecke begegnet. Alle anderen bisher waren abgerissen. Wieder so ein Schockmoment. Mit welchem Ziel sie damals auf diesem Turm saßen – das kann man wissen und wissen und wissen, das wird einfach niemals normal. — Heute beobachtet man von hier aus Vögel.

Je näher wir dem Ziel kommen, umso leichter fährt es sich. Die Fähre Bleckede liegt eine Handbreit vor uns (nur gefühlt), und wir beginnen zu fliegen. So lange, bis wir aus der Ferne eine Autoschlange auf ein Schiffchen sich wälzen sehen, was eine schlachtrufgleiche Reaktion bewirkt: ¨Schaffen wir die?¨ – ¨Klar.¨ Und schon sind wir drauf. Sind wir über eine Wasserlücke gesprungen? Wohl kaum. Die Fährfrau schaut trotzdem erschrocken, wo wir plötzlich herkommen.
Fühlt sich gut an, dieses Übers-Wasser-gleiten.

Am anderen Ufer wartet ein Eiscafé. Die Tochter ist bass erstaunt, dass ich ihr zum vierten (?) Male an diesem Tag mehrere Kugeln spendiere. Was aber soll man bei diesem Wetter auch machen?

Ein Anruf beim Campingplatz – seit neulich sind wir skeptisch -, ein Supermarkteinkauf, ein paar Kilometer noch, die wir schwätzend über Fragen der großen Welt verbringen (die Tochter ist so unglaublich wach derzeit, sie reift minütlich vor meinen Augen:)), und dann das Dorf, in dem wir bleiben wollen. Abgeschnitten von jeder Zivilisation, so verlassen, dass es mir schon unheimlich vorkommt, eine Landschaft mit hohen Kiefern und Anhöhen. Schon wieder Anhöhen, und der Zeltplatz natürlich ganz oben. Schwitz.

Zur Belohnung Alleinsamkeit auf der großen Zeltwiese, ein Kiosk mit Bier (Bier!), und wir. Kochen, spielen, reden.
Schlafen, sehr früh.
Ein guter Tag.

Tag 3: Salem – Büchen

Morgens am See sitzen, schreiben, träumen, schauen … Bis die anderen Zeltmenschen und der Gedanke wach werden, dass die Reise heute weitergehen sollte.
Die Tochter springt in den See, unser kleines Frühstück wird von Wespen umschwärmt, das expandierte Chaos unserer  vielen Dinge sucht sich einen Weg zurück in die Packtaschen – das dauert, wir sind noch nicht routiniert im Aufbrechen. Außerdem ist das Zelt außerordentlich taufeucht, so dass wir uns Zeit lassen mit dem Einpacken. Kurz nach 11 sind wir erst auf dem Weg.

Dieser empfängt uns heute mit Anhöhen und Kopfsteinpflaster, wurzelwerkdurchsetzt. Der worst case unter den Straßenbelägen. Dazu bergauf und in der Sonne. Wenn doch nur eines nicht wäre … die Tochter stellt laut Betrachtungen an über die Menge an Belastung und unseren Umgang damit. Gern würde ich das vertiefen, aber ich keuche selbst zu sehr. Und realisiere, dass wir gerade mal wieder die Grenzlinie überfahren. Dieser Weg hier ins Nirgendwo, der kann nur zu Wachtürmen geführt haben.

Keine 20 km sind um, wir sind aber schon rechtschaffen abgearbeitet. Ergreifen das Café in Zarrentin als Gelegenheit zum Mittagessen, Blick auf den See, Schollenfilet, Salat, Soljanka. Über diese meine nostalgische Soljanka-Liebe – ich lasse wohl keine aus – machen sich inzwischen beide Kinder lustig, Macht ja nichts.

Man möchte ewig sitzenbleiben, aber dafür sind Radtouren nicht da. Wir zählen die Kilometer bis zum nächsten geeigneten Zeltplatz – und erschrecken beide: noch über 30. Die großartige Tochter ist sofort hochmotiviert: dann machen wir eben mal 10 km lang keine Pause, dann sind wir bald da.

Gesagt, getan, wir fliegen los und schaffen Kilometer weg. Der Weg beschenkt uns aber auch. Flach, flacher, am flachesten – nach meinen rudimentären Erdkundeerinnerungen aus Klasse 5 muss das der Sander sein, südlich der Endmoräne. Stimmt, Kiefernwald, die wohligen Gerüche meiner Kindheitsurlaube. Wie stark das olfaktorische Gedächtnis immer wirkt!

Immer wieder zwischendurch Erinnerungsstätten. Hier: ein geschleiftes Dorf. Diesen Ausdruck verinnerliche ich in diesen Tagen. Menschen entfernt, Häuser plattgemacht, nur um die Grenzanlagen zu bauen. Heute ist hier, wo einst ein Dorf blühte, ein elend trostloses Gewerbegebiet entstanden.
Wir überqueren die Autobahn, mit Blick auf eine Tankstelle, wo früher die Grenazabfertigung war. Aus den Betonplatten dringen sanft ein paar Mohnblüten, fast schon symbolisch.
Ein Dialog:
– ¨Zum Glück ist die Mauer weg, sonst könnte ich den Papa nie besuchen.¨
– ¨Na, dann wär er aber auch gar nicht dein Papa.¨
– ¨Stimmt. …. Aber wer wäre ich dann???¨

Die 30 Kilometer verfliegen, irgendwann sind wir schon an der Ecke, wo wir nach dem Zeltplatz fragen müssen. Ja, da lang. — Wir schaffen es trotz präziser Auskunft dennoch, den falschen Weg zu wählen. Vielleicht haben wir nur einfach geträumt, während wir uns im Springkraut am Wegesrand verloren haben. ¨Da wird man nochmal zum Kind¨, so der Sohn vor ein paar Tagen. Heute gilt`s für mich.Àls immer mehr Nirvana kommt, kehren wir um – so abgelegen liegen auch naturbelassene Zeltplätze nicht.

Im zweiten Anlauf schaffen wir´s, werden herzlichst begrüßt (so kann es auch gehen) und haben uns Minuten später für einen Platz direkt am Wasser entschieden. Von dem Moment an ist die Tochter drin, im Wasser. Irgendwann springe ich dazu, und wir schwimmen zur Plattform heraus. Dieses Schwebegefühl …

Kochen, essen, sitzen, See schauen, träumen … der Tag endet wie er angefangen hat. Ein wunderbarer Bogen.

Tag 2: Ratzeburg – Salem

Der Regen schenkt einen ruhigen Morgen. Nach dem um 8 bestellten Frühstück nochmal ins Bett gehen (Tochter) oder bloggen (ich). Die WetterApp sagt das gute Wetter für ein Uhr voraus, das gute Wetter hat Verfrühung. Jedenfalls blinzelt kurz nach 11 plötzlich die Sonne heraus, wir packen – und los gehts.

Beginn: eine 16%-Kopfsteinpflasterstraße, glitschig, eng, schier unendlich. Wir rutschen so weg, dass wir die Räder zu zweit hochschieben. Damit wäre der Frühsport dann auch erledigt, und immerhin sind wir auf der Anhöhe, die Straße bleibt dort, und wir sparen uns das gestrige Auf und Ab am See. (Später kommt es wieder, das Hoch und Runter, am Ende des Tages werden wir 300 Höhenmeter bei 40 Kilometern haben – das denkt man in Norddeutschland ja auch nicht.)

Nach wenigen Kilometern eine letzte Aussicht auf Ratzeburg, wir müssen Sonnencreme nehmen – wer hätte das vor 3 Stunden gedacht – und die Tochter schenkt mir zum Zeichen ihrer Liebe einen wunderschönen Stein. (Nur: hoffentlich macht die das jetzt nicht bei jeder Pause zur Gewohnheit:) – Zeichen der Liebe darf man natürlich nicht wegwerfen. Aber das Gewicht …)

Abbiegen in Dorfstraßen, hin zur ehemaligen Grenze. Habe ich das schon gesagt? Dort entlang soll der Weg führen, von hier bis Hof, immer mäandernd durch das Grenzgebiet, in dem es heute viele Biotope, viel Grün, viele fast unbekannte Orte gibt, und hin und wieder erinnernde Stätten.

Heute finden mich die ersten Gedenktafeln in innerlich noch unvorbereitetem Zustand an, sie treffen entsprechend. Sollen sie ja auch. Deswegen bin ich hier.
Wozu? Den Kindern zu erzählen, das zunächst. Damit sie wach werden in ihrem Leben. Wissen, was da war, ganz konkret in der Geschichte ihrer Eltern. Damit das keine unpersönliche Geschichtsbuchwelt bleibt (so wie für mich der Krieg damals, der lange Zeit nur elendes Klassenarbeitsthema war).
Und zu verstehen, was das mit mir gemacht hat: dieses damalige Leben vor 89, in seiner für immer verfestigten Enge und Beschränktheit, die mir so normal wie unendlich war. Dann das Wunder, das wirklich unerwartetste aller Wunder im Herbst vor 26 Jahren. Und die sich anschließende Zeit: Lebensveränderung – oder auch nicht? Was bewirken diese äußeren Dinge tatsächlich im Innern? — Fragmente solcher Gedanken schießen mir durch den Kopf, während wir vor den Schautafeln zum Aufbau der Grenzanlagen, des Todesstreifens stehen. Die Tochter schüttelt nur fassungslos den Kopf – anders kann man ja auch nicht reagieren.

In Schlagdorf gibt es ein Museum, wir sind für den Moment aber schon gesättigt genug. Picknicken auf einer Wiese mit Blick auf einen Grenzstein, ganz still, erledigen die letzten Vorwochenendeinkäufe in einem ¨Landhandel¨ – hier erklärt sich mir das Wort ¨Gemischtwarenhandel¨ in seiner ganzen Bedeutungstiefe: wäre es mir nicht zu unangenehm, hätte ich dieses Sammelsurium glatt fotografieren wollen:) – und sitzen gedankenversunken einfach da. Es ist vielleicht auch Schutz, sich für den Moment mal mit ganz simplen Problemen zu befassen. Zum Beispiel wie man die gerade gekaufte Schokolade vor dem Schmelzen bewahrt, oder wie man jetzt diesen Fotoapparat am Rad festklemmen könnte.

Als wir fast schon fahren wollen, kommt eine Frau des Wegs, sie veranstaltet seit Jahren Kunstprojekte zum Thema dieser Grenze. Ein spannendes Gespräch: wie unterschiedlich die Menschen auf ihre Installationen reagieren, wie viel Scheu gerade hier vor Ort da ist, und wie unterschiedlich die Erinnerungen sind. Gerade sammelt sie vielfältigste Erinnerungen, damit diese in 50 Jahren nicht verloren gegangen sein werden in einer Einheitsgeschichtsbuchdarstellung. Wir sprechen über so vieles, was sich aufdrängt, denkt man nur genauer über Grenzen nach. Die Grenze, die wir um unser Haus ziehen. Die Grenzen, die wir heute errichten. Flüchtlinge, das liegt gerade so verdammt und erschreckend nahe. Die Grenzen in der Welt …

Es ist zu viel, um zu einem Punkt, zu einem Resümee zu kommen. Irgendwann fahren wir doch weiter. Ich nehme ihre Mailadresse und ihre Webseite mit: http://www.renate-schuermeyer.de und verspreche, Ihr einiges zu schreiben.

Der weitere Weg geht schnell, wenn auch die ewigen Hügel die Tochter ab und zu fast verzweifeln lassen. Habe aber einen Trick gefunden: auf dem Abwärtsweg anhalten, dann rauscht sie vorbei mit dem Schlachtruf ¨Hej Mama¨ – und ist stolz, mich abgehängt zu haben. Und dann geht es wieder für ne Weile. Motivation kann ich:)

Wiedermal sind wir unter anderem deswegen schnell, weil kein Café, keine Einkehrmöglichkeit unser Vorankommen behindert. So ist das hier. War ja klar, in dieser verlassenen Gegend. Erst in Kittlitz legt sich uns das beste aller Sonntagscafés in den Weg. Wir sind inzwischen so hungrig, dass wir die unglaublichen Torten vor dem Verschlingen überhaupt nicht mehr zu fotografieren schaffen. Eigentlich sonst eine gute Tourtradition.
Von hier aus rufe ich den Zeltplatz an. Zum Glück. Denn dort ist – äm – voll. Für ein 2mx2m-Zelt? Hä? Ich fasse es nicht, dass es das gibt. Als durchreisende Radwanderer? Also, erklärt mir der Mann am anderen Ende der Leitung: bei ihnen hätte halt jedes Zelt seine abgegrenzte Parzelle. Da ist dann eben irgendwann die Kapazität erschöpft. Aha. Der Deutsche und seine Parzelle, zum Thema des Tages ja irgendwie passend.
Der andere Zeltplatz, ab von unserem Weg eigentlich, nimmt uns natürlich auf (und versteht unsere diesbezügliche Frage gar nicht).

Der Rest des Tages ist Wegsuche (auch ein wenig Unterholz ist dabei), Hinaufquälen zur Anmeldung (auf dem Berg, klar, weil wir unten am Ufer sind), Finden eines Platzes direkt an der Badestelle, Baden (sogar ich!), Zeltaufbau, Essen, Schlafen. So schnell, dass mich nichtmal die ringsum noch kartenspielenden Mitzelter gestört haben, so müde sind wir.

Tag 1: Lübeck – Ratzeburg

Der Ruhetag in Lübeck tut gut: wir gönnen uns ein Schläfchen nach dem anderen, zwischendurch trödeln wir durch die Stadt, sind – natürlich:) – von all den Touristenmassen leicht genervt, andererseits bin ich ganz ergriffen, endlich das Holstentor meines Kindheitspuzzles in live zu sehen, und ein Café mit Eis gibt es auch. (Wir müssen sehr müde und im Kopf schon wirklich verwirrt sein, dass wir lange danach suchen.)

Zum Stand unserer Hierbleibensgründe: Auge ist dankbar für das Antibiotikum, das wirkt wie ein Zaubermittel; Hals unverändert seit einer Woche (was ist das? das kenne ich so nicht); Sohnesfuß humpelt und die Wunde juckt und drückt im Schuh (aber klar, wenn man 13 ist, kann man kei.nes.falls Sandalen anziehen:))
Am Freitag aber geht es los, denn in der Jugendherberge ist kein Platz mehr, für eine kurze Etappe reicht die Kraft allemal und vor allem: Mental ist mir das Losfahren Lebenselexier.
Vor dem Start das große Taschenpacken: was zu Hause noch System und Logik hatte, hat sich binnen 36 Stunden in einen explodierten Chaoshaufen verwandelt, und der muss jetzt mit neuerlichem System wiederum in all den Taschen verpackt werden. An dieser Morgenphase in meinen Radreisen lässt sich noch arbeiten – oder eher am weniger chaotischen Entpacken in den Abendstunden:)

Gegen halb elf ist alles fertig, und wir schwanken los. Weniger gesundheitsbedingt als durch die immer wieder ungewohnte Fahrradbeladung kämpft man sich auf den ersten Kilometern so durch, bis sich ein Gleichgewichtsgefühl einstellt. Dieses kommt heute sehr schnell – innerlich wie äußerlich. Schon in den Vorstädten von Lübeck – ich liebe Vorstädte: man erhascht so manche Blicke in so manche Leben – fühle ich mich im Fluss. Verträumt selig verpassen wir daraufhin gleich mal den richtigen Weg. Den Pfad eigentlich, der uns erstmals hätte an die deutsch-deutsche Grenze bringen sollen. Macht nichts: ich werde sie noch drei Wochen lang sehen. Wir treideln durch Felder und Dörfer, der Sohn von den Hügeln (Endmoräne: der kleine Harz Norddeutschlands!) mehr und mehr genervt, zumal er kräftemäßig nur mit einem Bein tritt, wie er sagt, weil am anderen noch alles zieht und zuppelt. Über mich selbst wundere ich mich: schneller als je komme ich in ein meditatives Fahrgefühl hinein, störe mich nicht an Anstiegen, schaue nicht auf die Zahlen des Tachos, bin einfach nur im Grün dieser Landschaft – ähm – angekommen. So schnell schon.

Die kleinen prosaischen Momente dieses großartigen ersten Tages: Wie immer die Essenssuche. Zum Glück sind wir hier abseits der großen Radautobahnen (in Lübeck hatte ich Schlimmstes befürchtet), mit der Folge aber, dass unser Hunger die Anzahl der Nahrungsstätten weit überschreitet. Erfahren wie wir in diesem Erleben schon sind, ergreifen wir daher selbst den ungemütlichsten Imbiss an der Schnellstraße. Zwanzig Meter über uns donnern Flugzeuge einer Einflugschneise. Aber satt werden wir.

Und der Regen. Ja: Regen. Dörrende Süddeutsche werden sich vor Neid kaum einbekommen: Hier regnet es. Hier sind auch nur 20-25 Grad. Wunderbar. Während des Regens lesen wir in einem Café, und das Fahren in den Resttropfen ist alles andere als unangenehm. Verblüffend immer wieder: Wann immer man sich in die Regenmontur pellt, hört es auf. Wann immer man im Blüschen weiterfahren will, fängt es wieder an. Wir wundern uns.

Vorhergesagt sind nächtliche Unwetter und vormittäglicher Weiterregen: Wir fügen uns und lassen das Zelten für diese erste Nacht sein. Buchen ein Zimmer (Plüschpension vom Kitschigsten! aber für einen Tag erträglich), mäandern uns an dieses heran (die schon erwähnte Endmoräne sorgt für heftiges Auf und Ab, das Blödnavi für heftiges Hin und Her) und lassen den Rest des Tages in der Domaltstadt bei einem Griechen ausklingen.

Den Sohn schmerzt der Fuß, das findet er selbst schade, aber so ist es nunmal. Also lässt er sich ¨austauschen¨ gegen die Schwester – ich fahre mit ihr weiter, und er wird mit dem Papa ruhige Tage (mit viel Sitzen? kaum vorstellbar) verbringen.

Tag 0: Lübeck und die blauen Handschuhe

Die Reise beginnt ja ungewöhnlich. Weil der Zehenbruch des Sohnes noch nicht so lange her ist, wird es mit dem Drähteziehen knapp. Die Uniklinikorthopäden lassen sich gerade so auf den heutigen Mittwoch ein, und wir beschließen, unsere Abfahrt nicht zu verschieben, sondern direkt von der Klinik mit dem Auto gen Norden aufzubrechen.
Soweit so gut, der Morgen ist strahlend, die Wartezeit kurz und die Stimmung selbst des Sohnes nahezu ausgelassen, auch wenn der Moment des Ziehens wohl sehr schmerzhaft war und der Zeh jetzt natürlich juckt und im Schuh drückt, das Laufen beschwerlich ist und überhaupt dies Ganze in Kombination mit der Pubertät eine besondere Ladung darstellt.

Dennoch: wir fahren auf der Autobahn, die Bäume fliegen vorbei, ich lasse los, realisiere beim Vorbeigleiten, dass nun endlich eine innere Ruhe kommen kann, da ich nicht mehr agieren muss, nur noch den Gegebenheiten des Reisens mich fügen …

Nur mein Hals tut weh. Mehr als an den letzten Tagen. Überhaupt bin ich erschöpft. War ja auch eine Art Wunderheilung vom Fieber des Wochenendes, und sehr schnell habe ich sehr vieles wieder angepackt – sonst säßen wir jetzt noch nicht im Auto.
Und dann mittags plötzlich, da ist mir wohl was ins Auge geflogen. Es drückt, ich reibe herum. Es drückt doller, ich reibe doller. Immer ärger, beides. Bis ich an der Raststätte mein Glück mit Augentropfen versuche, in der Hoffnung dass es lindert oder dass da was herauszuspülen ist. Nichts.
Ich sinniere über mich selbst, glaube an eingebildetes Augen- und Halsweh. Bemerke, dass ich – statt mich auf die langersehnte Reise zu freuen, und darüber, wie gut ich begleitet bin, wie sehr ich mich werde zurücklehnen können in den nächsten Wochen – dass ich stattdessen also mein Augenmerk festhänge an den beiden Unpässlichkeiten. An kleinen Dingen, die marginal sein könnten, wenn ich nur richtig schauen würde. — Oder will mein Körper mir vielleicht gerade das Gegenteil zeigen – dass ich bitte nicht immer nur an ihm vorbeischaue und erwarte, dass er das Seine beiträgt zum allseitigen Funktionieren.

Jedenfalls: Die Wehs sind nicht eingebildet, beide nicht. Das Auge wird binnen Stunden verquollen, rot und verschleimt, und wir steuern in Lübeck als erstes die Augenklinik an, Notaufnahme. Ich fühle mich ein bisschen hypochondrisch, als wir da vorfahren, die aufnehmende Ärztin aber sagt nach kurzem Blick auf mein Auge: Nix anfassen, desinfizieren, Handschuhe an (blau sind die!), und isoliert hinsetzen bitte.
Ich bekomme draußen einen Stuhl und habe nun weitere Zeit zum Sinnieren. Wie sich dieses Gebot auf die Natur zu hören nun in die Tourplanung integrieren lassen wird. Wie sich Störendes und Unglattes in den Fluss einfügen können. Wie ich bei mir bleibe – dennoch, oder gerade dann. All das geht mir durch den Kopf, als ich mit meinen blauen Handschuhen im Park der Lübecker Uniklinik sitze.

Die Behandlung dann ist kurz und schmerzhaft. Eine Entzündung, vermutlich wirklich hochansteckend, da keinerlei Fremdkörper oder Hornhautschädigung sichtbar (die Suche danach, ui, die brauche ich nicht jeden Tag). Dennoch ist das Auge fast geschlossen vor Schwellung. Drei Stück Augentropfen bekomme ich, und den Rat, dass Radfahren in den nächsten Tagen wegen der Windbelastung sicher nicht die beste Idee ist … Nun, wir werden sehen. (Hätte ich doch meine Skibrille in eine der 18 Taschen gesteckt:))

Wir werden uns nun von Tag zu Tag hangeln mit unseren Entscheidungen. Der Sohn ist ja mit seinem Zeh auch alles andere als fit, humpelt so Meter für Meter vor sich hin. Morgen bleiben wir daher hier. Die Jugendherberge kann uns eine Nacht länger aufnehmen, und zu den Augentropfen habe ich eine Flasche Händedesinfektion gekauft, die ist jetzt hier stündliche Pflicht für alle. Gesichtskuscheln momentan verboten, wir tun also, was wir können.

Was wir nicht tun können: Den Rest entscheiden. Ob das Auge schnell abheilen wird. Und mein Hals gleich mit. Ob uns nicht danach wieder etwas anderes treffen wird. Ob das Wetter gut sein wird, oder nicht. Ob der Wind in unsere Richtung wehen wird, oder eben nicht. Ob der Reifen heute eine Panne will, oder erst morgen. All das – so dreht es sich in meinem Kopf, während wir abends durch die lange helle Lübecker Altstadt laufen – liegt nicht in unserer Hand.
Während es sich am Nachmittag noch wie Kapitulation und Resignation anfühlte, wird allmählich Annahme daraus. Der Vergleich mit dem Wetter tut gut. Hierbei habe ich beim Radfahren immer eine sehr gelassene Haltung: Es nehmen, wie es kommt.
Auch mit unseren Wehs mache ich im Laufe des Abends – nach einigem inneren Kampf – meinen Frieden. Meine Ferien heben dieses Mal ihren Finger ganz besonders deutlich: Du willst zu viel, Du kannst nicht alles selbst entscheiden, musst auch mal zulassen, was werden soll. Dich hineinfallen lassen in das, was als Dein Leben daherkommt. Nicht immer alle Zügel in der Hand halten wollen. Gilt in Schul- wie in Ferienzeiten. An dieser ersten Lektion, die mir meine Reise schenkt, kann ich nun lange üben …

Die Sache mit den 18 Taschen

Nun hatte ich den ganzen Tag einen wunderbaren ersten Satz im Kopf für diesen Text. Der tobende Packbär aber, im Schulterschluss mit hechelnder Zeitnot – fehlen mir doch die beiden grippigen Wochenendtage – hat ihn zum Abend hin aus meinem Kopf gepustet. Wie soll ich also beginnen? Am besten mit dem Leitmotiv des Tages: 18 Taschen. Achtzehn. Ja. Richtig gelesen. Achtzehn Taschen habe ich gestern und heute gepackt. Wobei das bis vorhin eher eine Schätzung war. Drei Menschen, drei Wochen, sechs verschiedene Ziele – da entfuhr mir flapsig diese 18. Und nun — sind es tatsächlich 18 geworden.
Das glaubt mir ja niemand. Bzw. man schiebt es auf meine persönliche Eigenheit, dass ich quasi immer wie ausziehe, wenn ich für ein Wochenende wegfahre. So sagen es die Gerüchte.

Ich habe jedenfalls einen Teil der Taschenparade fotografiert – mit Schlechtkamerahandy, zu mehr hatte ich vorhin keine Lust – und von den restlichen Taschen erzähle ich. Die stehen nämlich verteilt im Haus und werden erst morgen hoffentlich vollzählig zum Auto getragen.

Hier also:

Direkt hinter dem Leinenbeutel – auf den komme ich später – steht das Gepäckzentrum der gesamten Radwanderung, meine beiden großen Fahrradtaschen. Inhalt: alle meine Klamotten für tags und nachts, auch für kalte Harznächte, Waschzeug, Reiseapotheke, Handtuch, Sandalen, Buch, Kladde und Stifte, Technikzeugs (Solardingens, Powerbank, Ladegeräte, Tablet und Tastatur – ohne diese Schreibmöglichkeit ist es für mich kein richtiger Urlaub), Schlafsack, Isomatte. Und voll.

Obendrüber ein – nicht schöner, aber wasserfester – Rucksack, in dem ist nur das Zelt. (Und unterwegs, falls wir mal irgendwo bleiben, ist er zum Wandern und Einkaufen gut.)

Rechts von den großen meine beiden Vordertaschen: Regenzeugs, Reparatur und Werkzeug, Karten – ja, Outing: diese Navis und Apps sind superpraktisch, aber ich LIEBE es, vor einer 1mx2m-Landkarte zu sitzen und über meine Wege zu sinnieren, drum also ein Kartenstapel, dazu ein Zweitbuch – drei Wochen sind lang, Kocher, Geschirr, bisschen Essensvorräte, Kaffee (!), Badezeug, und voll.

Links von den großen die beiden Radtaschen der Kinder. Das sind eigentlich auch kleine für vorn, aber sie reichen uns. Die Kinder fahren ja nacheinander mit, also packe ich dann um. Ob der Sohn mit lila fahren wird? Na, zur größten Not bekommt er meine grauen, und ich nehme so lange diese. Drin sind Kinderklamotten, Handtuch, Badezeug, Schlafsack und Regenzeug. Und ein Buch. Ohne Buch fährt hier niemand in den Urlaub:)
(Diese lilanen Kleinode stammen übrigens aus dem Jahr 1992. Wobei die Kinder meine damit verbundene Nostalgie eher nervig finden. Und die Farbe hässlich. Nun gut. Sie werden es überleben.)

Über den Kindertaschen liegt das sperrigste Gepäckstück von allen: die Kinderisomatte. Habe uns noch keine zweite kleinleichte gegönnt, also fahren wir mit diesem Monstrum. Wenn man sich vorstellt, dass meine Matte einen Bruchteil einer Radtasche ausmacht …

Ganz links in dem Rucksack sind schon die Tochterklamotten vorbereitet: Wenn sie den Sohn ablöst, dann muss genau der Inhalt dieses Rucksacks in die lilafarbenen Taschen umgepackt werden.

Und zum Schluss der Leinenbeutel: Einer geht immer mit auf die Reise. Mein Spleen. Im Moment ist da alles drin, was wir von den Rädern abmontiert haben, weil es beim morgigen Autotransfer nach Lübeck vielleicht nicht windfest ist, und die Trinkflaschen und Schlösser und so …

Soweit also zehn Taschen.

Die elfte: Meine Lenkertasche, die noch nicht fertig gepackt ist. Drinnen ist die Spiegelreflexkamera (muss! ohne fahre ich nicht), und dann ist sie quasi auch schon voll. Dazu Dokumente, Sonnenbrille, Schlüssel, Geld und Kleinkram.

Die zwölfte: Eine große Reisetasche, mit welcher die Kinder die restliche Zeit – nach der ersten Woche werde ich allein radeln – mit ihrem Papa Urlaub machen.

Die dreizehnte und vierzehnte: Die kleinen Rucksäcke der Kinder für die restlichen Urlaubswochen – mit Lese- und Schreibzeugs, CDs, Spielen …

Die fünfzehnte: Eine große Badetasche für die Kinder: sie sind ja lange in Ostsee- und Seennähe.

Die sechzehnte: Die Provianttasche für die morgige Ganztagesfahrt. Wir starten früh zur Uniklinik, lassen dem Sohn die Drähte aus dem Zeh ziehen und wälzen uns dann auf die Autobahn. Vermutliche Ankunft in Lübeck erst kurz vor Schließzeit der Jugendherberge. Nuja, ein Kompromiss. Immerhin mussten wir die Reise nicht verschieben.

Die siebzehnte und achtzehnte: Meine eigene Reisetasche für Berlin, und eine Schultasche für ebendort. Vielleicht schaffe ich es nach der Radreise nicht mehr oder nur knapp nach Hause, bevor es nach Berlin geht, drum stehen die hier schon fertig gepackt. Ist auch alles drin, was das neue Schuljahr an Vorbereitungen erfordert. Es war wohl Illusion, dies in der ersten Ferienwoche wegschaffen zu wollen …

Nun also: 18 Taschen. Ich bin rechtschaffen müde.