Gelesen

Lesenswelt

Mich in die Phantasie meines eigenen Südens hineinwärmen,
den Schauer einer in all mein Sein hineingreifenden Gesundheitsdiktatur auf dem Rücken spüren,
mich über die skurrilen Abenteuer eines Deutschen im postsowjetischen Sankt Petersburg – erinnernd und wiedererkennend – ausschütten,
in der Depression der Zwischenkriegswiener Vorstädte oder auch des New Yorks der 60er Jahre mitverzweifeln,
in den großen Bögen von Menschen- und Menschheitskrankheiten das eigene Oben und Unten suchen,
angestoßen werden, gedanklich, warum die Kinder gerade auf diesen und jenen Pfaden unterwegs sind, und ich auf anderen, und die Eltern wiederum auf jenen, und überhaupt alle Menschen in ihren jeweils verschiedenen Phasen,
einen milden Blick auf die eigene Erschöpfung bekommen, wenn ich lesend die klare Botschaft beginne zu begreifen …

Lesend, gelesen, all das, von all diesem. Und noch viel mehr.
Eine ganze Welt, hier, unter der Decke auf meinem Lesesofa.
Während sich vor dem Fenster der erste Reif niedergesetzt hat.

 

Fragen ans Ich

„Die Menschen sind geradezu süchtig nach dem, was ihnen nicht guttut. Sie glauben offenbar, es wäre blamabel, gemäß ihren tatsächlichen Talenten zu leben. Dieses sich zum eigenen Vorteil nicht bescheiden können und an den Angebereien und G’schaftelhubereien teilhaben zu wollen, ist eine Geisteskrankheit. Von den daraus abgeleiteten Überforderungen werden sie dann herumgeschubst und geraten ins Trudeln. Es ist wie bei denen, die nicht die geringste Begabung fürs Reiten haben, und eines Tages lesen sie irgendwo den Spruch ˋDas Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferdeˋ, den gewiss ein Sattelerzeuger als Reklame erfunden hat, und jetzt wollen sie unbedingt auf ein Ross hinauf. Sie tun es. Dann passiert, dass sie abgeworfen werden, und während sie mit ihrem Zuckergoscherl im Gatsch liegen und ihnen alles weh tut, flüstert ihnen der innere Hausteufel: ˋDu musst zurück in den Sattel, denn dort wirst du ja das Glück erfahren.ˋ Sie tunˋs wieder und, bumsti, liegen sie wieder auf der Erdˋ und so weiter ad infinitum, bis sie halt endgültig zerschmettert sind.“

„Diejenigen, die sich für nützlich halten, sind oft eine Pest für die Menschheit und machen das Einfache mit Leidenschaft kompliziert. Die Taugenichtse, zu denen auch ich mich, mit Stolz, zähle, hinterlassen keine Kriege und andere Tragödien, sie spazieren im Dasein herum und können genießen, was es gerade im Angebot gibt. Sie kennen den Wert des vermeintlich Wertlosen und sehen das Talmihafte der Kronjuwelen der Weltenlenker, oder so ähnlich, oder was weiß ich.“

Julian übte gerne, seine ganze Aufmerksamkeit in einzelne Schritte zu legen. Dann spürte er den Druck, den die Begegnung seiner Schuhsohlen mit dem Granit der Pflasterung hervorrief, ebenso das Anspannen und Entspannen seiner Waden und Oberschenkelmuskeln, das Abfedern, das die Ferse leistete, oder die makellosen Bewegungen seiner Kniegelenke. Ein andermal nahm er bewusst die Gerüche wahr […] So lernte er bald, dass alle Stunden aus derart vielen, für gewöhnlich überhörten, übersehenen, überrochenen, überfühlten Nuancen und Vorkommnissen bestanden, dass man sich fragte, an wen all dies Getümmel eigentlich adressiert war. Gab es für jedes Signal, das ausgesandt wurde, einen Empfänger? Dienten sie als Orientierungshilfe für Luftgeister oder Dybbuks? Waren etwa die Millionen von Geräuschen Grundlage und Impulsgeber für bestimmte unerforschte Abläufe bei Fauna und Flora? Es gab eine Welt hinter der Welt, dessen war er sich sicher. Aber wo befanden sich die Durchschlüpfe in diese Dimension, und welche Techniken musste man beherrschen, um dort Fuß zu fassen? […] Was er als besonders bemerkte, entsprach allerdings für die meisten seiner Leser dem reichlich Unauffälligen und Leisen, das häufig überhaupt erst durch seine Beschreibungen in ihre Wirklichkeit trat. In einer Gesellschaft des groben Rasters und der Vereinfachungen war er ein altmodischer Parteigänger der Zwischentöne und Verästelungen.

Der vollkommene Süden. Er wusste nicht genau, was die Eigenschaften dieses Gebiets waren, aber deren Wirkungen glaubte er zu ahnen: allen voran jene bedeutende innere Ruhe, die Antworten von Klarheit auf wichtige Fragen zuließ. Ganz bei sich selbst würde man dann sein, keiner und keinem die Macht gebend, einen zu verletzen. Imstand, den eigenen Wert zu erkennen und zu achten und endlich Vertrauen zu stiften zwischen Körper, Geist und Seele. Versöhnt mit sich selbst, Augenblick um Augenblick die Herausforderung annehmend, die eigenen Möglichkeiten bis zum Äußersten zu leben.

Ein Potpourri, das mich aufhorchen lässt. Gefunden in André Hellers „Das Buch vom Süden“.

Es sind ja immer wieder diese Fragen, an mein Ich, an seine Entscheidungen, die kleinen alltäglichen, und die großen weiterreichenden:

In welche Sattel klettere ich, obwohl sie mir nicht passen? Wo erliege ich dem groben Raster, den Vereinfachungen, wo sitze ich dem Talmihaften auf und lasse mich blenden? An welche „Nützlichkeiten“ verschwende ich meine Zeit und Kraft?

Und:

Durch welche Augen muss ich blicken, damit mir die Welt hinter der Welt sichtbar wird, mehr und mehr? Wie öffne ich mich für das „vermeintlich Wertlose“, für all die „Zwischentöne und Verästelungen“? Was bedeutet das für mich: im Dasein herumzuspazieren?
Und wo finde ich meinen eigenen Süden? Er muss ja nicht vollkommen sein …

Fragen, die ich jetzt einfach so stehenlasse. Die weitergetragen werden wollen und weitertragen.

sichtgewandelt

Man könne das Leben nicht durch gleichförmig ablaufende Zeiteinheiten ausmessen, weil es nicht aus einem Gleichtakt von „so und so vielen Tagen, Wochen, Jahren“ bestehe, so las ich neulich. Diese Täuschung versuche dem „Ernst der Einmaligkeit auszuweichen.“
Wir schieben die mechanische Gleichförmigkeit der abstrakten Stunden oder Tage vor. In Wahrheit sind jede Stunde, jeder Tag, jedes Jahr lebendige Phasen unseres konkreten Daseins, deren jede nur einmal kommt, da sie eine unvertauschbare Stelle in dessen Ganzem bildet.
Darin, daß jede neu ist, noch nicht da war, einzig ist und für immer vergeht, liegt ja auch die Spannung des Daseins; der innerste Anreiz, es zu leben. Sobald er nicht mehr empfunden wird, entsteht ein Gefühl der Monotonie, das sich bis zur Verzweiflung steigern kann. Ebendaraus wächst aber auch die Schwere der Tatsache, daß nichts Vergangenes einzuholen ist, und damit die Not des Verloren-Habens.
(Aus: Romano Guardini „Die Lebensalter“)

Mich springen diese Worte an. War das doch lange Zeit – bis jetzt sogar? – auch meine Täuschung. Das Ganze des Lebens schien mir unendlich, jeder Lebensmoment wiederholbar zu sein. Nicht in einem naiven Sinne, wie ein Kind etwa noch kaum daran denkt, dass es einst sterben wird, aber eben doch. Mich täuschte es darin, dass ein jeder Lebenspunkt, ein jeder Lebensbogen jederzeit wieder aufzugreifen, fortzusetzen, in ein Neues zu verwandeln wäre.
Eine Illusion in zweierlei Hinsicht lebte (und lebe?) ich damit: Das schon Gewesene scheint unendlich fortsetzbar zu sein. Und das noch nicht Gewesene scheint immer nur mit diesem bereits Gewesenen zu tun zu haben.

Und nun – merke ich auf. Wie wäre es denn, wenn ich einen jeden Lebenspunkt als ein Neues lebte, als einen einzigartigen Moment mit einzigartigem Charakter? Wenn mir Wiederholungen, der äußeren Abläufe etwa, nicht als Wiederholungen erschienen, weil sie dies letztlich nicht sind? Schaut man nämlich über die äußere Form in ihrer Ähnlichkeit zu schon Gewesenem und noch Werdendem hinaus, wird in jeder Wiederholung etwas Eigenes, Unvertauschbares sichtbar. Was öffnete sich mir, wenn ich den routinegefüllten, sich hohl anfühlenden Tagen ihre jeweilige Einzigartigkeit abzugewinnen vermöchte? Und den besonderen, spektakulären Momenten ebenfalls? Auch diese sind ja nicht unendlich wiederholbar, möglicherweise gar nie wiederkehrend. Wie wäre es, die Einzigartigkeit eines jeden Lebensmomentes beim Wort zu nehmen?
Dann wäre ein jedes Das-mache-ich-beim-nächsten-Mal oder Hier-fahren-wir-wieder-her oder Der-Tag-kann-weg oder Wenn-nur-die-Woche-erst-vorbei-ist Täuschung, wäre fortgesetztes Verkennen der Einzigartigkeit.
Kann ich ohne diese irreführenden Sätze leben? Kann ich nicht nur vermeiden, sie auszusprechen, sondern kann ich sie selbst im Unbewussten löschen?

Es ist ja auch so: Wenn mich zuweilen Wehmut über Vergangenes überfällt, weil es mir als Verlorenes daherkommt, dann vielleicht, weil ich diese Momente damals nicht als Unvertauschbare, sondern als stets und beliebig oft zu Wiederholende gelebt habe. Irrtümlich. Ich war jung.

Einzigartigkeit löscht Momente sozusagen aus. Im Augenblick ihres Vergehens werden sie zu Gewesenem. Zu einem Es-war. Es-wird-nicht-mehr-sein. Ein Satz, gegen den man sich häufig wehrt. Andererseits – und das wurde mir noch nie so klar – eröffnet erst das Vergehen Raum für Neues. Ja, zu begreifen, dass ein jeder Lebenspunkt mir etwas vom bisher Ungelebten bringt, vom noch nie Ge- und Erlebten, bedeutet Öffnung. Die von mir schon erfahrenen Dimensionen münden stets in einen geweiteten und immer noch zu weitenden Raum.

Sagte ich vor einigen Jahren zu mir selbst, dass ich nicht hadern würde, träfe mich von heute auf morgen das Wissen um mein Baldsterbenmüssen, denn ich hätte ja alles gehabt, was das Leben schenken kann, so beginne ich nun wieder zu fürchten, dass es alsbald zu Ende sein könnte, dieses wunderbare Leben. Die tiefe Dankbarkeit für alles was war, ist weiterhin und unauslöschlich in mir. Ich bin mir nach wie vor bewusst, wie viel Reichtum sich mir im Laufe meines Lebens geschenkt hat. Insofern bin ich bereit.
Und doch ist ein Stachel gewachsen. Dass das nicht alles gewesen sein darf. Dass es nicht gerade jetzt enden solle, wo so vieles, was zu mir gehört, von mir noch nicht gelebt wurde.

Mit neuem Fokus aber, scheint meine Sehnsucht nach einem Mehr zu sein. Ich möchte nicht einfach weitergehen, weiter Schätze ansammeln, weiter beschenkt werden. Eher entspräche mein Weiter einer Umkehr, wenn ich es räumlich fassen wollte. (Umkehr und Umkehrung. Enthält Öffnung und Weitung immer auch Umkehrung? Weil das umfassendste Öffnen zu jedem Ding sein Gegending enthält?)
Bisher habe ich vor allem empfangen und genommen, was das Leben schenkte. Die Kinder, die insbesondere. Diesen beglückenden Beruf. Die Geborgenheit im Leben. So vieles. Zurückgegeben jedoch, so fühlt es sich an, habe ich noch nicht viel. Darum wäre ich arm, fühlte es sich arm an, wenn ich jetzt schon ginge. Weil die Zeit des Weitergebens, des Durchmichströmenlassens ja gerade erst beginnt.

Mich erahnt, dass sich hierbei neue Räume öffnen werden. Mein Alltagswirken, natürlich, das wird bleiben. In diesem lebe ich wie bisher Verantwortung, mit allem, was dieser Begriff umfasst. (Dass mir dies nicht in allen Belangen gelingt, so wie ich gern möchte, das ist Teil des Weges. Ich lerne dies zu akzeptieren.). Auch hier schon ist Empfangen und Weitergeben in einer Dichte verflochten, dass es zuweilen kaum zu trennen ist.
Aber mir scheint mehr und mehr, dies sei nur der erste Schritt. Ich kann noch nicht fassen, in Worte schon gar nicht, was da beginnen will. Es hat mit Loslösen aus Seilen zu tun, mit Träumen, mit Fliegen, mit Befreiung, aus der Innensicht betrachtet. Mit weit umfassenderer Verantwortung als bisher, für das mich Umgebende, aus der Außensicht benannt. Und mit einem neuen Blick auf das, was im Außen – so sind diese Zeiten – immer schwärzer zu werden droht. Mit einer hoffnungsvolleren Sicht auf das Ganze.

Ach, ich kann nicht erklären, was genau mich da anweht, worin genau das neu Empfundene besteht. Sichtbar wird es mir selbst an scheinbar marginalen Dingen wie dem Weggehen von meinem zweiten Dienstort, an dem ich vor Kruste kaum mehr atmen kann, an meiner größeren Sorgfalt im Umgang mit mir selbst, mit meinen Kräften und meiner Gesundheit, an meinem langen Reisen, auf dem ich Ähnliches suche wie am Klavier, mit den farbigen Stiften und mit meiner Schreibhand. Nicht einen Zustand des Mit-mir-und-in-mir-Seins nämlich, sondern … ja, doch, diesen Zustand suche ich auch. Aber mit deutlich vernehmbarem Mitschwingen eines Um-zu’s. Um zu … ja, was?
Ich stochere im Nebel. Noch. Vielleicht so: Um Wege zu finden, und Gefährten auch, die in Heilung hineinführen. Für die Welt möchte ich sagen. Das klingt zu groß, ich zucke zurück. Also gut, für das mich Umgebende, zunächst. Dies versperrt sich dem Geschrieben- und Gewünschtwerden nicht sofort.
Heilung also. Wollen doch Kopf und Vernunft in diesen Zeiten resignieren, Anlass genug haben sie. Darum sind Kopf und Vernunft nicht ausreichend. Es kann nur im Herzen beginnen, und in den Träumen. In unbenennbaren Sphären wird sie möglich: die Hoffnung auf Frieden.

Wie war ich an diesen Punkt gekommen? Erstaunlich, wohin sich dieser Text seinen Bogen geschlagen hat, fast könnte man es einen Haken nennen. Von meinen eigenen Lebenspunkten in ihrer Unwiederholbarkeit über meine Verortung in dem mich Umgebenden zu den Lebensmomenten der Welt als Ganzes. Viel zu groß, diese Wortgruppe.
Ich wollte ja nur anmerken, dass die Einzigartigkeit von Allem stets Neues gebiert. Und dass wir das Neue träumen dürfen …

 

PS.
Der Text lag lange im Entwürfe-Ordner. Ihm fehlte ein Ende. Beziehungsweise der Mut zu einem Ende. Erst als ich das Wort Träumen fand, in diesem Text nämlich und in diesem, und den Mut dazu es einzusetzen, wagte ich, ihn als fertig zu sehen. Als vorläufig fertig. Und so steht er jetzt hier. (Danke.)

 

12 von 12 im Oktober

(Mal wieder ein 12 von 12 . Mal wieder später als alle anderen:))

 

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Noch ganz in einem unangenehmen Traum befangen, schweife ich mit den Augen durch’s Zimmer, auf der Suche nach Halt. Eine Schale gibt diesen, einer meiner Schalen, die mir, unabhängig von ihrem realen Inhalt – Sand, Steine, Natur, Räucherstäbe – je nach Bedürfnis verschiedenste Wunschdinge enthalten. Einfach nur für mich in meiner Vorstellung. Heute möchte ich in ihrem Inneren bitte Geborgenheit finden. Oder Wahrgenommenwerden. Oder beides. Ja, beides.

 

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Die frühe Morgenstunde liest sich schnell weg. Der Roman, in den ich gestern Abend zufällig und flüchtend vor meinen eigenen Tränen geraten bin, der mit mir nichts zu tun hat, den lasse ich heute liegen. Statt dessen sind da die „Lebensalter“, deren scheinbar antiquierte Sprache und Gedankenwelt für mich soviel Universelles enthält, in dem ich mich wiederfinde, oder besser noch, das mich auf neue Spuren schickt. Die Abschnitte über die Krisen zwischen den verschiedenen Lebensaltern, die sind es besonders. Heute, und häufiger schon.

 

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Ich schreibe ein paar Worte, etwas, was herausdrängt. Zwar würde ich jetzt lieber auf Papier schreiben, aber die Uhr sitzt im Nacken, die Kinder müssen geweckt, die Morgenroutine begonnen werden. Tippen, digitales Schreiben als Kompromiss. Nicht so befreiend wie händisches, aber eben doch: Schreiben.

 

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Der Schultag wird unglaublich voll, zwischen sechs Unterrichtsstunden drängeln sich unerwartet viele Kurzgespräche, wieder massive Schwierigkeiten mit unserer 5. Klasse, schnell zur Schulleitung, mal eben die weitere Strategie beraten. Und dann ist da noch der nicht deutsch sprechende Gastschüler, die physikvortragenden Jungs, die Klagen der Mädchen über die anderen Mädchen, die an einem Vortrag Interessierten, die sich vor der Klausur Ängstigenden, all das. Keine Sekunde, um ein Bild aufzunehmen. Dabei steht die Kamera neben mir. Erschreckend, in solcher Deutlichkeit vor Augen geführt zu bekommen: Ein Schulvormittag bedeutet 6,5 Stunden Dauerstrom, ohne eine Minute des Nachlassens, ohne einen Moment des Beimirseins. Das kann man doch so nicht schaffen?!
Jedenfalls: Dieses Kaffeebild entstammt dem Nachmittag, als ich mich auf dem Sofa langlege und kurz wegträume. Der Kaffee wird derweil kalt, macht nichts, er tut trotzdem gut.

 

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Weil zu Vieles am Schreibtisch ansteht, ist für einen Spazierweg keine Zeit. Ein paar Minuten im Garten nehme ich mir dennoch, um Herbstfarben, um die Muster des Älterwerdens zu betrachten.

 

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Und die kleinen Wunder des Aufblühens.

 

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Und die Kraft, die noch immer im Grün liegt. Da wäre viel Gelegenheit, ins Metaphorische abzugleiten …

 

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Doch wie gesagt, der Schulschreibtisch. Ich bin heute langsam, arbeite nur mühsam manches weg. Als mein Tempo dem einer Schnecke immer näher kommt, werfe ich zusammen, es reicht. Feierabend, es ist spät genug.

 

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Der Gang zum Briefkasten, jetzt erst, bringt große Freude: Eine Postkarte, eine echte Postkarte – wow!

 

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Dazu schenkt die Tochter mir ein Sandbild. Sie spürt wohl, dass ich Farben gerade dringend brauche.

 

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Letzte Tagestätigkeit: den Kaffee für morgen vorbereiten, die Zeitschaltuhr stellen. ich weiß, das Aroma verdunstet oder so ähnlich, aber es ist egal. Es ist gut so für mich:)

 

12-von-12-im-oktober-12

Und eine letzte Leserunde auf dem Sofa. Um nicht schon wieder das gleiche Buch zu fotografieren:), schwenke ich zum Sofa und zur Decke, unter der meine Beine liegen. So genau habe ich die noch nie betrachtet. Und vor allem habe ich noch nie bemerkt, was für einen Berg meine Füße dort unten bilden:)

Ein guter Tag. Trotz allem.

Mehr 12-von-12’s gibt es hier zu sehen.

 

Über die Geduld

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und 
dann gebären…
Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…
Man muss Geduld haben
mt dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher,
die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich, 
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.
(aus einem Brief von Rainer Maria Rilke „an einen jungen Dichter¨)

Herbstradeln Tag 3: Nördlingen – Gaildorf

Heute schwimme ich mich frei. Nein, kein Vorsatz, sondern Erleben.

Obwohl heute morgen die zeitliche Nähe des Bald-wieder-Alltags in meinen Kopf rückt, fast in Stunden schon ist sie zu messen, kann ich mich von ihr lösen.
Dieser sogenannte Alltag betrifft mich nicht in meinem Heute, bedrängt und bedrückt mich nicht. Er ist einfach nur da, als Wissen darum, wie es bald wieder sein wird.
So wie dieser hiesige, radelnde Tag da ist. Kein Konkurrieren, kein Wettlaufen, kein Bewerten dieser beiden so verschiedenen Zeiten. Friedliche Durchdrungenheit, eine Symbiose der beiden Pole. Einatmen und Ausatmen.

In solche ungestörte Gelassenheit auch in kurzen Ferien zu finden, und nicht schon mit rasend-hektischer Nervosität das Ferienende zu antizipieren, wo sie noch kaum begonnen haben, dazu habe ich eine lange Lehrzeit gebraucht.
Im Moment ist – so scheint es – Erntezeit. Von den Bäumen zu pflücken: stille, ruhige, unaufgeregte, friedliche Freude. Möglicherweise habe ich diese nicht mal gesät, wer weiß das schon.

Ich fahre also – und sammle von den Feldern, was sie darbieten. Für den kommenden Winter. Irgendwann kommt immer ein Winter. Manchmal auch im Sommer, manchmal morgen schon, manchmal in der nächsten Sekunde. Ich sammle also. Wie Frederik.

Heute ernte ich …

… Morgennebel auf den eigenwillig geformten Tafelbergen der Schwäbischen Alb,

… das Erleben einer Kraft, die sich nicht unwillig gegen die Anstiege stellt, sondern sie Schritt für Schritt einfach hinaufsteigt,

… Lichtblicke in und durch allfarbene Baumkronen,

… das Lächeln der Frau, die mir an der Kreuzung Vortritt ließ, und das von jenen Menschen im Café,

… meine Wiederbegegnung mit Jagst und Kocher, in noch ganz kleindkindartiger Größe,

… ein besonderes Gefühl, als ich die Wasserscheide überquere – auch wenn es dort oben sehr unspektakulär ausschaut,

… die Vertrautheit der Sprache, der schwäbischen – es fließen Erinnerungen an meine Zeit in Tübingen (natürlich, Ortsansässige werden umgehend erklären, dass die hiesige und die dortige Sprache SO unterschiedlich sind…),

… den Stausee, mit allem, was Wasser mit einem macht, wenn man nur lange genug seinen Blick darin verliert,

… die Überquerung des Buckels zwischen Jagst und Kocher, auf dem es sich alpenländisch anfühlt, so wohlig,

… die Rast am blätterbedeckten Waldtisch, inmitten einer raschelnden Idylle, und einem Blätterregensegen mit jedem Windstoß,

… den so glatt ausgebauten Jagst-Kocher-Radweg, der zum Ende des Tages derart ungeahntes Tempo zulässt, dass zeitlich sogar noch eine Kaffeepause drin ist, ohne dass ich anschließend in die Dunkelheit fahren muss.

Am Ende des Tages findet sich – trotz geschlossener Jugendherberge – ein Zimmerchen am Wegesrand, mitten in der Pampa. So habe ich keine Veranlassung, nochmals hinauszugehen und irgendwelche Straßen und Orte zu durchstreifen. Ich bleibe einfach nur im Zimmerchen und lese stundenlang – lediglich unterbrochen durch Abendessen und -trinken, natürlich.
Ein Tag voller Geschenke.

im Oktober

Ein Monat, eingespannt zwischen goldenen Tagen zum Anfang und zum Ende: Oktoberorange, wie es unglaublicher kaum sein kann. Bei noch T-Shirt-warmen Temperaturen radelten wir am 3. Oktober zum Rhein nach Speyer, und heute begannen ein paar Münchentage mit herbstsonnigem Englischen Garten, Biergarten inklusive. Mehr Ausflugseinträge weist der Kalender nicht auf – diese beiden aber waren erfüllend genug.

Viel Besuch kehrte bei uns ein: Kinderfreunde und -freundinnen, auch übernachtend, Abendgäste, spontan oder angekündigt, und Geburtstage mitgefeiert habe ich auch ein paar. Die Kinder übernachten immer wieder mal auswärts – so muss das.

Viele Kinderdinge waren zu tun, das reißt einfach nie ab (soll es ja auch nicht, doch manchmal häuft es sich arg):
Tochters Gymnasiumseingewöhnung läuft noch, soll heißen: es läuft noch nicht von allein – sich organisieren, wann welche der langfristigen Hausaufgaben zu machen sind, wann welche Dinge im Ranzen zu sein haben, wann man sich mit den – vielen(!) – neuen Freunden verabreden muss, damit es auch klappt;
Sohnes Schule ist inzwischen Selbstläufer, er zeigt zuweilen ungeahnten Ehrgeiz mitten aus dem Chaos heraus;
dafür gibt er uns zu tun mit diversen Elternabenden seiner tausend Hobbys, den organisatorischen Vorbereitungen für eine Südafrika-Konzertreise (und ich dachte schon, Deutschland hätte Formularwahnsinn), Vorbereitung eines Schüleraustauschs mit der niederländischen Partnerschule, Absprachen und Organisation einer Tschechienreise, wohin er zum Musizieren eingeladen wurde, ein Computerkauf (vom langgesparten eigenen Geld, aber begleiten muss man das ja schon) … und so manches, was mir schon wieder entfallen ist;
Tochter hat – ihr Herzenswunsch – Fußball im Verein angefangen zu spielen; hat mit der Musical-AG der neuen Schule ihre ersten Aufführungen gehabt (wow: mit kleiner Sprechrolle auf die Schnelle – nie nie nie hätte ich mich das in diesem Alter auf so ner Riesenbühne getraut!); geht stolz zu ihren ersten Schulorchesterproben und freut sich wie ein Springball, dass sie bald mit all den ¨Großen¨ auf Probenfreizeit und Auslandsreise gehen wird.

Und ich?
Ruhiger bin ich, seit Teilzeit ist, und langsamer. Mehr Schlaf, alles dauert länger, der Haushalt liegt ebenso brach wie zuvor. Einzig wichtig aber: das verlangsamte Lebenstempo, DAS!
Zeit für ein paar Spaziergänge, mit und ohne Fotoapparat, ein bisschen gelesen (da ginge immer noch mehr:)), intensiver Klavier gespielt als in den Monaten zuvor, mich im Dorf eingeknüpft in das gerade entstehende Netzwerk zur Aufnahme der bald bei uns einziehenden >100 Flüchtlinge, mit Freundinnen getroffen, all das.
Und gearbeitet, in aller Ruhe, möchte ich fast sagen. Wären da nicht noch ganz frisch die vergangenen drei Tage, an denen ich den halben November vorbereitet und ne Klassenarbeit korrigiert habe. Doch doch, insgesamt ist es ruhiger denn je. Auch wenn es an meinem zweiten Dienstort jetzt bald wieder losgeht und wenn ich seit neuestem in der Steuergruppe der Schule mitwirken darf (intensiv, erfüllend und viel Zeit ausfüllend). Unterrichten ist einfach das schönste (Geldverdien)Geschäft, das ich mir für mich vorstellen kann. Immer noch, immer wieder. In Klassen verliebt sein lässt manchmal gar nicht nach:)

Ein gutes Schlusswort, oder? Bleibe der Text für heute unredigiert, ungekürzt, ungeschliffen hier stehen. Schließlich bin ich gerade im Urlaub und will im Moment eigentlich ziemlich dringlich nur noch ins Bett. Vorher noch ein wenig Ulla Hahn …

es sind Kinder, einfach Kinder

„Was brauchen Kinder, um sich von schweren seelischen Verletzungen zu erholen? Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Sie brauchen vor allem einfühlsame und geduldige Erwachsene. Aber wo gab es sie in Kriegszeiten und in den Elendsjahren danach? Wer hatte noch die Aufmerksamkeit, die Nerven und vor allem die Zeit, um ein verstörtes Kind in den Schlaf zu streicheln? Wer nahm ihm die Angst vor bösen Träumen? Wer verstand die Wut von kleinen Mädchen und Jungen, weil ihre Welt entzweigegangen war, und reagierte mit Liebe statt mit Schlägen? Wer vermochte es, mit einem verstummten Kind zu schweigen und ihm dabei ganz nah zu sein? Wer verzichtete auf jede Eile, damit eine kleine Hand sich in einer großen Hand geborgen fühlen konnte? Wer redete mit ruhiger Stimme, und wer war ein guter Zuhörer…?

Auf dem Treck ist es zuerst ganz lustig, jedenfalls ungeheuer interessant. Die Kinder sehen sich mit großen Augen um. Als aber die Dämmerung kommt, wird es ihnen unheimlich! ‚Wir wollen ins Zimmer, Mutter, warum gehen wir nicht ins Zimmer?‘ Es wird kalt, es wird dunkel – die Kleinen zwischen zwei und sechs Jahren verstehen nicht, was dieses soll; sie sind verzweifelt wie aus dem Nest gefallene Vögel, überwältigt von dem Unbekannten.

Das Kind beginnt zu vergleichen: ‚Alle Kinder haben Spielzeug. Bloß ich habe keine Spielsachen.‘ ‚Warum haben wir keine Äpfel? Die anderen Leute haben doch alle Äpfel?‘ Es wird Ostern und obwohl es ja ’nichts gibt‘, haben doch die Kinder der Hauswirte schöne bunte Eier gebracht bekommen. Ganz genau hat Hubert (viereinhalb Jahre) es gewußt: auch ihm wird der Osterhase etwas bringen; aber er brachte nichts. Als er weinte, schenkte ihm eine Frau ein großes Pappei. Er öffnete es voll Erwartung, es war leer. – Eine Welt hatte er zusammenstürzen sehen, aber auf den Osterhasen hatte er sich doch verlassen. Und nun war auch das nichts gewesen, auch dies hatte getrogen.

Barbara ist inzwischen acht Jahre alt geworden; längst bewegt sie sich mit der Sicherheit eines Eingeborenen in ihrer neuen Welt. Sie spricht die breite westfälische Sprache ihrer zweiten Heimat; hinter ihr liegen die Zeiten, wo sie jeden neuen Menschen mit Mißtrauen ansah. Und doch passiert folgendes: Beim Abendbrot ist die Rede davon, daß eine Nachbarsfamilie aus der Wohnung herausmüsse. Das Kind wird totenbleich, legt den Löffel hin. ‚Mutter, müssen wir wieder weg?‘

‚Nicht wahr, Mutter, wenn wir das nächste Mal fliehen, dann darf ich mein Rucksäckchen doch behalten?‘ … Die Welt dieses kleinen Kerls sieht so aus: Man geht eben ab und zu auf Flucht.“

Aus Sabine Bode: „Die vergessene Generation“. Über die, die in den 40er-50er Jahren als Kriegs- und Flüchtlingskinder durch die Welt irrten. Und deren Wunden bis heute nicht geheilt sind.

Man möchte es zur Pflichtlektüre machen …

Wichtiglinks

Mich lähmen diese Ereignisse. Was in der Reisezeit schon schwierig war, ist mir nun gänzlich unmöglich: Einfach von irgendetwas zu plaudern. Einfach ein Buch lesen, wo es um irgendetwas geht. Einfach meine kleinen persönlichen Befindlichkeiten vor mir selbst und anderen auszubreiten.
Doch, ja, wir leben hier weiter. Lachen mit den Kindern, sind viel bewusster als sonst dankbar für das, was wir haben, gestalten unsere Tage bunt und farbenreich, begegnen einander. Und das alles ist wichtig. Sich der Lähmung nicht hingeben. Und sich um sich selbst kümmern, scheinen die Befindlichkeiten noch so nichtig zu sein. Wenn ich selbst nicht hell bleibe, kann ich nicht nach außen strahlen. Niemandem würde das nützen.
Aber dringlicher als je nagen in mir Hilflosigkeit, und Hand in Hand damit die konkrete Suche nach Möglichkeiten, unser Glück, das wir geschenkt bekamen, weil wir gerade hier leben dürfen, und in der jetzigen Zeit, wenigstens im Kleinen zu teilen. Abzugeben. Weiterzuschenken. Mitanzufassen.
Da sind einige ganz konkrete Ideen in meinem Kopf. Wenn ich am Montag wieder zu Hause bin, bleibt noch eine ganze Ferienwoche, um mich diesen intensiv zu widmen. Damit jedenfalls anzufangen.

Und hier teile ich ein paar Links. Texte, die mir auf verschiedenen Ebenen in den letzten Tagen wichtig waren. Die ich gern weiterverbreiten möchte, aus meiner eigenen Sprachlosigkeit heraus.

Da ist zunächst die Aktion Blogger für Flüchtlinge – denn ja, es braucht Geld. Auch privat gespendetes Geld. Ganz viel. Zusammengesetzt aus ganz vielen Wenigs.

Ein augenöffnender Artikel über die Vorboten der neuzeitlichen Völkerwanderung.

Dazu sehr passend ein Blick von Frau Meike auf das Globale, welches wir – spätestens jetzt und hoffentlich – nicht mehr länger und für immer ausblenden können. Viel Weises in diesem Artikel.

Ein Post mit vielen Hintergrundinformationen zum Land Syrien, welches bisher, bevor ich dies las, immer nur ein entfernter Fleck auf der Landkarte war. Ich wusste all das nicht.

Und Hintergrundinformationen zum Lande Sachsen, das sich dieser Tage so oft in den Schlagzeilen findet. Auch die Kommentardiskussion sehr interessant.

Nicht unwichtig die Frage, ob und wie man mit Menschen ins Gespräch kommen kann, welche auf der anderen Seite der Argumentationsskala agieren. Denn wir wohnen hier alle zusammen in einem Land, in einer Stadt, in einem Dorf. Auch die, welche tief im Innern vielleicht am liebsten mitanzünden würden. Vielleicht werde ich solchen demnächst in meinem Lehrerzimmer begegnen, in der Nachbarschaft, auf dem Klassentreffen – wer weiß? Einfach nur sich moralisch überlegen fühlen ist keine Lösung. Es braucht Worte.

Und es braucht aufrüttelnde Bilder; hierzu noch einmal Frau Meike. Warum der Unterschied zwischen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen ein nur von uns konstruierter ist: Ein Kind, sie zu beschämen.

Sehr sehr viel weiter gedacht, über die aktuelle akute Situation hinaus: Welche Aufgaben stehen auf lange Sicht vor uns?

Und nicht zuletzt hat Maximilian Buddenbohm Texte zum Thema zusammengestellt: hier und hier.
(Ich habe noch nicht geschafft alle zu lesen, aber ich bin sicher, dass man bei ihm – wie immer – nichts falsch macht, seine Links anzuklicken.)

unvertauschbar

Die Unbedenklichkeit, mit der wir in bezug auf ein bestimmtes Leben sagen: ’so und so viele Tage, Wochen, Jahre‘, ist eine Täuschung, welche dem Ernst der Einmaligkeit auszuweichen sucht. Wir schieben dabei die mechanische Gleichförmigkeit der abstrakten Stunden oder Tage vor. In Wahrheit sind jede Stunde, jeder Tag, jedes Jahr lebendige Phasen unseres konkreten Daseins, deren jede nur einmal kommt, da sie eine unvertauschbare Stelle in dessen Ganzem bildet.
Darin, daß jede neu ist, noch nicht da war, einzig ist und für immer vergeht, liegt ja auch die Spannung des Daseins; der innerste Anreiz, es zu leben. Sobald er nicht mehr empfunden wird, entsteht ein Gefühl der Monotonie, das sich bis zur Verzweiflung steigern kann. ebendaraus erwächst aber auch die Schwere der Tatsache, daß nichts Vergangenes einzuholen ist, und damit die Not des Verloren-Habens.
(Romano Guardini: Die Lebensalter)

Nein, ich würde es nicht „Not des Verloren-Habens“ nennen. Aber hin und wieder überkommt mich Wehmut über Vergangenes, das ich damals nicht als „unvertauschbar“, sondern als stets und beliebig zu wiederholendes gelebt habe. Irrtümlich. Ich war jung.

Und jetzt?
Ob ich inzwischen älter bin?