Fragen

Herbstradeln Tag 4: Gaildorf – Bad Wimpfen

Bis auf die ersten Morgenkilometer – die fast noch dunkle, jedenfalls nebeldiesige Auf-und-Ab-Strecke nach Schwäbisch Hall – ist mir mein Weg heute nicht neu. Und das, ich bin selbst erstaunt, ändert alles. Mein Sehen, mein Lauschen, mein Betrachten, mein Erwarten. Dass ich nicht zum ersten Mal hier entlang fahre, lässt mich sofot ins Damals rutschen, es nimmt mir mein Erleben. Jedenfalls einen Teil davon.

Damals, vor anderthalb Jahren war es, probierte sich die Tochter auf einer ersten Übernachtungsradtour. Wir wollten für den Sommer wissen, ob sie diese Reiseart möchte, und wieviel sie fahren kann. Unsere beiden Tagesetappen und noch ein bisschen mehr fahre ich heute in einem Rutsch.
Ich durchlebe die ganze Strecke immer mit Blick auf das Damals, merke ich. Erinnere mich, hole Emotionen wieder hervor, gleiche ab. Und bin irritiert, wenn es streckenweise keine Erinnerung gibt. Denn seltsam, die Linie als Ganze ist mir entfallen. Pünktchen flammen auf, oder ausgewachsene Punkte, aber kein Ganzes.
Dort hinter jener Ecke kommt gleich … hier haben wir gehalten … hier gegessen … dort gesessen … hier war sie wütend … dort kraftlos … hier lachten wir … hier mussten wir uns vor Hitze die T-Shirts ausziehen … hier lag ein Geocache … und dort noch einer, den wir nicht fanden … hier fotografierten wir … dort schnauzte uns der Mann an … hier sahen wir den Segelfliegern zu … dort den Schützen … hier gab es ein Eis … und dort nicht.
Punkt um Punkt ersteht vor meinem inneren Auge. Dazwischen sind Lücken. Blicke, die ich noch nie gesehen habe. Oder die ich einer anderen Reise zugeordnet hätte.

Wie kommt das? Was fädelt sich als bleibende Erinnerung ein, was nicht? Wieso sind es keine Linien, nur unterbrochene Muster, die in mir bleiben?
Und wieso versperrt mir das Altdaseiende ein Neubetrachten? Dies ist meine wichtigste Frage. Wieso hatte der Weg heute keine Chance, mir zu einem neuen zu werden?
Wie kann, wie könnte ich denn mit Erinnerungen umgehen, dass daraus etwas Neues erwächst? So dass das Alte nicht perpetuiert, sondern zu einem fruchtbaren Boden für neues Keimen wird? So dass ich nicht in Wehmut und Bedauern rückwärtsgewandt lebe und mir das Hinterhertrauern zum Leitmotiv wähle?
Hier bin ich an einer für mich wesentlichen Frage angekommen. (Bei der es um so viel mehr als Radfahren geht.)

Die Antworten darauf werde ich nicht heute finden, nicht jetzt. Zumal sowieso Zeit ist, mich wieder auf den Weg zu machen. Denn was ich bei allem Erinnern auch spürte: Ich vermisse sie, die Tochter. Und den Sohn. Es zieht mich nach Hause.
Jetzt.
Letzte Etappe.

Wichtiglinks

Mich lähmen diese Ereignisse. Was in der Reisezeit schon schwierig war, ist mir nun gänzlich unmöglich: Einfach von irgendetwas zu plaudern. Einfach ein Buch lesen, wo es um irgendetwas geht. Einfach meine kleinen persönlichen Befindlichkeiten vor mir selbst und anderen auszubreiten.
Doch, ja, wir leben hier weiter. Lachen mit den Kindern, sind viel bewusster als sonst dankbar für das, was wir haben, gestalten unsere Tage bunt und farbenreich, begegnen einander. Und das alles ist wichtig. Sich der Lähmung nicht hingeben. Und sich um sich selbst kümmern, scheinen die Befindlichkeiten noch so nichtig zu sein. Wenn ich selbst nicht hell bleibe, kann ich nicht nach außen strahlen. Niemandem würde das nützen.
Aber dringlicher als je nagen in mir Hilflosigkeit, und Hand in Hand damit die konkrete Suche nach Möglichkeiten, unser Glück, das wir geschenkt bekamen, weil wir gerade hier leben dürfen, und in der jetzigen Zeit, wenigstens im Kleinen zu teilen. Abzugeben. Weiterzuschenken. Mitanzufassen.
Da sind einige ganz konkrete Ideen in meinem Kopf. Wenn ich am Montag wieder zu Hause bin, bleibt noch eine ganze Ferienwoche, um mich diesen intensiv zu widmen. Damit jedenfalls anzufangen.

Und hier teile ich ein paar Links. Texte, die mir auf verschiedenen Ebenen in den letzten Tagen wichtig waren. Die ich gern weiterverbreiten möchte, aus meiner eigenen Sprachlosigkeit heraus.

Da ist zunächst die Aktion Blogger für Flüchtlinge – denn ja, es braucht Geld. Auch privat gespendetes Geld. Ganz viel. Zusammengesetzt aus ganz vielen Wenigs.

Ein augenöffnender Artikel über die Vorboten der neuzeitlichen Völkerwanderung.

Dazu sehr passend ein Blick von Frau Meike auf das Globale, welches wir – spätestens jetzt und hoffentlich – nicht mehr länger und für immer ausblenden können. Viel Weises in diesem Artikel.

Ein Post mit vielen Hintergrundinformationen zum Land Syrien, welches bisher, bevor ich dies las, immer nur ein entfernter Fleck auf der Landkarte war. Ich wusste all das nicht.

Und Hintergrundinformationen zum Lande Sachsen, das sich dieser Tage so oft in den Schlagzeilen findet. Auch die Kommentardiskussion sehr interessant.

Nicht unwichtig die Frage, ob und wie man mit Menschen ins Gespräch kommen kann, welche auf der anderen Seite der Argumentationsskala agieren. Denn wir wohnen hier alle zusammen in einem Land, in einer Stadt, in einem Dorf. Auch die, welche tief im Innern vielleicht am liebsten mitanzünden würden. Vielleicht werde ich solchen demnächst in meinem Lehrerzimmer begegnen, in der Nachbarschaft, auf dem Klassentreffen – wer weiß? Einfach nur sich moralisch überlegen fühlen ist keine Lösung. Es braucht Worte.

Und es braucht aufrüttelnde Bilder; hierzu noch einmal Frau Meike. Warum der Unterschied zwischen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen ein nur von uns konstruierter ist: Ein Kind, sie zu beschämen.

Sehr sehr viel weiter gedacht, über die aktuelle akute Situation hinaus: Welche Aufgaben stehen auf lange Sicht vor uns?

Und nicht zuletzt hat Maximilian Buddenbohm Texte zum Thema zusammengestellt: hier und hier.
(Ich habe noch nicht geschafft alle zu lesen, aber ich bin sicher, dass man bei ihm – wie immer – nichts falsch macht, seine Links anzuklicken.)

Wünsche an ein neues Jahr

Das neue Jahr ist noch ganz jung. Seine ersten Tage gehören immer noch dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen. Immer schon war mir ein bewusstes Hinübergehen wichtig, kann ich mich doch an sehr viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken, an die Weisen, wie neue Jahre begonnen haben, und auch an gute Vorsätze, natürlich.
Wie aber bei anderen Menschen auch: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch unberührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße mehr und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei – von nun an laufe ich richtig … 
Ich glaube, solche Vorsätze können uns nicht daran hindern, weiterhin falsch zu laufen. Ich jedenfalls werde auch in näherer und fernerer Zukunft schlurfen, torkeln, trampeln, irren … müssen. Und dürfen. Ja, es gibt vielleicht nur einen einzigen lebbaren Vorsatz: Ich nehme mir vor, mir diese meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein zu erlauben. Und selbst hier ziehe ich sofort zurück: Mein innerer Richter wird nicht lange auf sich warten lassen. Muss ich denn nicht auch ihm gestatten, weiterhin so durch mein Leben zu ziehen wie bisher? (Mit meinem inneren Richter kenne ich mich zu schlecht aus, um hierauf eine Antwort zu haben.)

So also stehe ich vor dieser unberührten Jahresfläche, die zu beschreiten ist, und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen, sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los. Aber ich darf mir etwas für sie wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ich wünsche mir gesund zu bleiben oder zu werden. Dazu werde ich mich mehr um mich selbst kümmern, mir selbst ein offenes Ohr schenken müssen. Dieses Ohr braucht viele Dimensionen und hat nicht nur mit dem zu tun, was man gemeinhin Hören nennt. Es soll meinem Körper zuhören, meiner inneren Stimme, meinen Energiereserven und meinen Bedürfnissen.

Ja, gerade diesen möchte ich mich bewusster zuwenden können. Manche wollen ausgesprochen werden, weil sie sonst mein Inneres zernagen, manche wollen ergründet werden, weil sie in tief Vergangenem wurzeln und sich möglicherweise überlebt haben, ohne dass sie mich bisher frei gelassen hätten, und manche wollen oder müssen einfach gelebt werden, wenn ich ich selbst bleiben will. Dazu braucht es weniger Harmoniesucht, mehr Eintreten für mich selbst in jeglicher Kommunikation. Da sind so Kleinwerdfallen, in die ich immer wieder tappe. Selbst wenn ich mit mir selbst spreche. Bitte also: Ich möchte so gern offen aussprechen können, was ich brauche.

Und ich wünsche mir loslassen zu können. Erwartungen, die ich an mich selbst hege, an meine inneren Prozesse, an meine Rolle in Alltag und Haushalt, an meine Verantwortung, an Ordnung und Struktur. In meinem Fall wäre weniger mehr. Ich wünsche mir dies einfach mal. (Und ob dann jemand anderes diese Verantwortung übernimmt, steht auf einem anderen Blatt. Auch diese Erwartungen muss ich loslassen. Aber wünschen darf ich auch hier.)

Sehr dringlich ist mein Wunsch nach mehr Geduld und Gelassenheit im Sein mit den Kindern. Die Pubertätsanfechtungen werden zunehmen, einige neue Herausforderungen kommen auf uns als Familie zu, mein Mutterherz tut sich so schwer mit dem Loslassen. Ich wünsche mir, dass es nicht zu unrund wird bei uns. Und dass wir neue Kommunikationswege finden, wo alte brüchig werden. (Eine konkrete Idee steht mir vor Augen. Wenn es an der Zeit ist, werde ich vielleicht davon erzählen.)

Nun überlege ich, ob ich mir etwas für meine Arbeit, für mein Schulsein wünsche. Ja, dass es so bliebe, das wäre nicht der schlechteste Wunsch. „Bleiben“ beinhaltet in diesem quirligen Raum ja ohnehin alltäglich variierende Buntheit. Und was auch bleiben möge: Meine bisher zögerlich ausgesprochenen Neins, die mögen mich bitte nicht wieder verlassen. Meine im Sommer beginnende Teilzeit wirklich als solche zu leben, so dass ich meine Kraftgrenzen zu respektieren lerne, endlich mal dauerhaft pünktlich ins Bett zu gehen und meine selbstverordnete 24-h-Erwerbsarbeitspause an einem jeden Wochenende ernst zu nehmen, und zwar ausnahmslos und immer – darf ich mir die Konsequenz dafür bitte wünschen?

Und dann wünsche ich mir wieder mehr Begegnungen. Mit mir selbst, beim Schreiben, in der Musik – und mit anderen Menschen. Mir selbst fremd zu werden bedeutete in den letzten Monaten auch anderen fremd zu werden. Gerade nach der Erfahrung der Verlorenheit in letzter Zeit wünsche ich mir ein neues Aufeinanderzugehen in viele Richtungen.

Und Unterwegssein wünsche ich mir. Mit offenen Augen, mit Wachheit und der Bereitschaft zu empfangen. Ja.

Einige dieser Wünsche haben nur mit mir selbst zu tun, nur mit meinem Tun und Sein und Gehen und Innehalten, mit keinerlei äußeren Ereignissen und Einflüssen. Ich möchte sie trotzdem Wünsche nennen, nicht Vorsätze, obwohl ihre Erfüllung nur in meiner eigenen Hand zu liegen scheint.

Liegt es denn so ganz allein in meiner Hand, ob sich mein Wunsch nach stimmigeren und besser zu mir passenden Schritten erfüllen wird?