Ferien

#3wegsam-Bilder-5: Auf die Heimat zu

Das graue Wetter vor dem Fenster, das Ende der rastlosen Korrekturtage und dass ich begonnen habe, ein Buch über eine lange Radreise zu lesen, haben mich wieder zu den Fotos gezogen. Die letzten Sommerradreisebilder gab es hier.

Unsere Pension in Dessau ist nicht viel idyllischer als dieses Flugzeugmuseum, lohnt also das Fotografieren nicht. Hier dagegen hält es den Sohn für eine Weile.

3wegsam-auf-die-heimat-zu-1

 

Der Weg aus Dessau heraus ist holprig …

3wegsam-auf-die-heimat-zu-2

 

… und von einem weiteren verlockenden Museum gesäumt. Wenn es nur nicht schon so spät wäre …

3wegsam-auf-die-heimat-zu-3

 

… hätte es für mehr als das Lesen eines wegweisenden Satzes gereicht.

3wegsam-auf-die-heimat-zu-4

 

Wiederbegegnung mit dem Elberadweg …

3wegsam-auf-die-heimat-zu-5

 

… und dann mit – ha, nein, das ist noch gar nicht die Elbe, sondern die Mulde:) …

3wegsam-auf-die-heimat-zu-6

 

… und nun der Elbe also.

3wegsam-auf-die-heimat-zu-7

 

Auf der anderen Seite fühlen wir uns schon wie kurz vor Berlin, mit dem Fläming beginnt die kindheitsvertraute Landschaft.

3wegsam-auf-die-heimat-zu-8

 

Nur ist lang nicht mehr alles wie es war, die Dörfer leergewohnt, …

3wegsam-auf-die-heimat-zu-9

 

… die ehemaligen LPGs stehen verwitternd im Gras, …

3wegsam-auf-die-heimat-zu-10

 

… nach offenen Gasthäusern muss man lange suchen.

3wegsam-auf-die-heimat-zu-11

 

Es bleiben Weite und Himmel …

3wegsam-auf-die-heimat-zu-12

 

… und das Heimkommen ins Land Brandenburg.

3wegsam-auf-die-heimat-zu-13

 

Auch wenn der Weg zuweilen versperrt ist, plötzlich und unerwartet, wenn wir also durch märkische Sandwege schieben und uns streckenweise am Sonnenstand orientieren müssen, …

3wegsam-auf-die-heimat-zu-14

 

… es fühlt sich heimisch an. (Zu den Kindheitserinnerungen kommen ab Bad Belzig auch die an die Tour vor drei Jahren, als wir die Berlinstrecke in umgekehrter Richtung fuhren.)

3wegsam-auf-die-heimat-zu-15

 

 

3wegsam-auf-die-heimat-zu-16

 

 

3wegsam-auf-die-heimat-zu-17

 

 

3wegsam-auf-die-heimat-zu-18

 

Bad Belzig hält eine Biergarten-Eiscafé-Herberge für uns bereit, …

3wegsam-auf-die-heimat-zu-19

 

… und am nächsten Tag werden die Wälder sandig-kieferndominiert, es heimatet sehr.

3wegsam-auf-die-heimat-zu-20

 

 

3wegsam-auf-die-heimat-zu-21

 

Hier hatten wir vor drei Jahren übernachtet …

3wegsam-auf-die-heimat-zu-22

 

… und hier ebenso Ärger beim Fotografieren bekommen wie jetzt. Warum ich das damals fotografieren wollte, ist unwichtig, ich weiß nur noch, wie mir fast die Kamera aus der Hand geschlagen wurde. Diesmal war es ähnlich.

3wegsam-auf-die-heimat-zu-23

 

Berlin ist nahe, die Großbaustelle ist eindeutiges Indiz.

3wegsam-auf-die-heimat-zu-24

Auf den nächsten Bildern – ein ander Mal – werden wir am Ziel sein.

 

Die damaligen Live-Berichte dieser Tage finden sich hier und hier.

 

 

#3wegsam-Bilder-4: Ebene Leichtigkeit

 

Der Regen hat aufgehört. Bevor er wieder anfangen wird. Doch bis dahin werden noch ein paar Kilometer vergehen.
Zunächst: Den Ausgang von Mechterstädt finden …

3wegsam-ebene-leichtigkeit-1

 

… und hinauf, irgendein Hügel ist immer im Weg. Der Blick zurück auf den Thüringer Wald …

3wegsam-ebene-leichtigkeit-2

 

3wegsam-ebene-leichtigkeit-3

 

… lässt unsere Schönwetterhoffnung schwinden.
Dafür können wird es beim Fotografieren von Himmelsbildern nicht langweilig …

3wegsam-ebene-leichtigkeit-4

 

… und bei Flussbildern sowieso nicht. Das hier ist die Unstrut, der wir mehr als einen Tag lang folgen werden. Einer der schönsten Radwege, die ich getroffen habe.

3wegsam-ebene-leichtigkeit-5

 

Nach also einem weiteren Regentag übernachten wir in Sömmerda, in einer Pension, die sich im Innern weitaus freundlicher gibt als es dieser Hinterausgangsblick vermuten lässt.

3wegsam-ebene-leichtigkeit-6

 

Am Morgen werfen wir einen kurzen Blick ins Stadtzentrum …

3wegsam-ebene-leichtigkeit-7

 

… bevor uns die grünen Weiten wieder haben.

3wegsam-ebene-leichtigkeit-8

 

3wegsam-ebene-leichtigkeit-9

 

In der Ferne der Kyffhäuser ..

3wegsam-ebene-leichtigkeit-10

 

… Schotterwege, wie ich sie liebe (wirklich! das Geräusch ist so heimelig) …

3wegsam-ebene-leichtigkeit-11

 

… und Felder, die schon den Herbst anzeigen.

3wegsam-ebene-leichtigkeit-12

 

Kurz vor Querfurt erreichen wir Sachsen-Anhalt — und werden von diesem Dramahimmel empfangen.

3wegsam-ebene-leichtigkeit-13

 

Auf Querfurts Burg bin ich fast allein. Der Sohn ist im Hotel geblieben, und auch sonst streicht niemand hier umher.

3wegsam-ebene-leichtigkeit-14

 

3wegsam-ebene-leichtigkeit-15

 

Ein Fenster trägt Bart …

3wegsam-ebene-leichtigkeit-16

 

… und der Turm Zopf.

3wegsam-ebene-leichtigkeit-17

 

Und der Himmel schenkt Licht. Endlich. (Um zu spoilern: Morgen Vormittag wird er uns wieder haben, der Regen.)

3wegsam-ebene-leichtigkeit-18

 

3wegsam-ebene-leichtigkeit-19

 

Wir verlassen Querfurt, um den ganzen Tag durch die weite Ebene zu fahren, möglichst bis zur Elbe, so ist der Plan.

3wegsam-ebene-leichtigkeit-20

 

Zunächst schiebt uns Rückenwind, wenn auch – ja, schon wieder – mit Regen.

3wegsam-ebene-leichtigkeit-21

 

In Halle klart es auf, mit der Geschwindigkeit eines Aprilwetterwechsels ist es plötzlich blau am Himmel.

3wegsam-ebene-leichtigkeit-22

 

Und bunt auf dem Marktplatz: Beachvolleyball ohne einen Beach weit und breit.

3wegsam-ebene-leichtigkeit-23

 

3wegsam-ebene-leichtigkeit-24

 

Am Nachmittag spüren wir endlich Sonne auf dem Rücken und im Gesicht. Wie ich das vermisst hatte, merke ich erst jetzt. Auch die Stimmung wird hell.

3wegsam-ebene-leichtigkeit-25

 

3wegsam-ebene-leichtigkeit-26

 

3wegsam-ebene-leichtigkeit-27

 

Zum Glück. Denn der Weg zieht sich. Der Wind hat sich gegen uns gestellt. Die Landschaft ist flach, baumlos und folglich ohne Windschatten, und die Ortschaften halten kein Eis bereit. Heute hätten wir es gebrauchen können …

3wegsam-ebene-leichtigkeit-28

 

Aber nun, irgendwann kommen wir an. In Dessau an der Elbe, wie morgens angedacht. Ein Katzensprung noch nach Berlin …

 

Die damaligen Live-Berichte dieser beiden Tage finden sich hierhier und dort.

 

#3wegsam-Bilder-3: Rennsteigquerung

 

Am nächsten Morgen wird es laut, wir wohnen gegenüber einer Baustelle, die ab sechs Uhr in Schwung kommt,  das ist einfach ein Imperativ: Schnell weg aus der Stadt!

3wegsam-ueber-den-rennsteig-1

 

Laute lärmende staubige graue Straßen, wir erwischen wohl eine unidyllische Trasse, aber wenigstens ist sie gut ausgeschildert.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-2

 

So dass wir schnell im „Freien“ sind, in ruhiger, großstadtarmer Landschaft also.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-3

 

3wegsam-ueber-den-rennsteig-4

 

Irgendwo stoßen wir auf eine Autobahn. Der Blick auf die Karte verrät: Wir sind schon oft auf dieser grauen Spur gereist. Welch Kontrast das ist: Unsere 7-Stunden-Strecke nach Berlin dehnen wir gerade auf knapp zwei Wochen aus.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-5

 

Unser tägliches Eis bekommen wir in einem Ort, dessen Name insbesondere den Sohn begeistert:)

3wegsam-ueber-den-rennsteig-6

 

Während mein Glücksmoment eher der erste Hauch von Mittelgebirgsatmosphäre ist, es wird nadelwaldiger und karger, irgendwie. Wir nähern uns spürbar den Bergen.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-7

 

Der nächste Morgen zeigt sich schon im Ansatz verregnet. Zunächst ist es Niesel, später wird daraus ein ausgewachsener Landregen mit Schauer-Zwischenspielen.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-8

 

Darum bleibt die Kamera bilderarm, man will sie nicht unnötig baden. Nur ab und zu, wenn das Nass abschwächt oder ich ein wenig geschützt stehen kann, hole ich sie raus. Es kommt auf’s Bild, was zufällig am Wegesrand liegt.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-9

 

Manchmal ist es ein hoffnungtragendes Blümchen in einer riesigen grauen Mauer.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-10

 

Nach etlichen Auf-und-Ab-Kilometern – wir überqueren Rhönausläufer – liegt das Werratal vor uns. Unten treffen wir wieder eine Brücke unserer Berlin-Autobahn, darunter quer der Werratalradweg, auf dem mich meine Tour des vergangenen Jahres ein paar Kilometer entlanggeführt hat.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-11

 

Und während ich schwelgend fotografiere, hachze und mit Erinnerungsschwaden um mich werfe, übt der Sohn sich in Geduld und sucht sich seine Art von Beschäftigung.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-12

 

Der Rest der Strecke bleibt verregnet. Es wird immer ärger. Sogar der Sohn – auf obigem Bild noch in der coolen Mama-ich-frier-doch-nicht-Kleidung eines 15jährigen – zieht sich die Regenjacke über. Hose und Gamaschen verweigert er weiterhin hartnäckig, klar, das Ende der Regenmesslatte ist noch nicht erreicht, fahren wir doch tapfer bis sechs Uhr weiter.

Am nächsten Morgen: Himmel leider unverändert. Man braucht die Abfahrt gar nicht hoffnungsvoll hinauszuzögern, von einem Ende des Horizonts bis zum anderen weht es uns grau an.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-13

 

Wir richten uns innerlich auf einen unsonnigen Tag ein und starten gen Rennsteig. Nicht an seiner höchsten Stelle wollen wir ihn überqueren, aber doch müssen wir ein wenig hoch. Die „Hohe Sonne“ ist als Querungspunkt anvisiert.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-14

 

Bis dahin regnet es, und regnet, und regnet. Wir halten kaum an, außer für die Wegsuche. Der auf der Karte eingezeichnete Radweg erweist sich leider als Mountainbike-Pfad, für uns nicht zu machen, also werden es ein paar Kilometer Bundesstraße. Da der Regen aber schon unsere gesamte Genervtheit aufbraucht, kommt es auf ein paar Autos nicht mehr an:)

Oben!
Ein Dach zum Untersetzen!

3wegsam-ueber-den-rennsteig-15

 

Und warme Nahrung. Die hat es allerdings nicht aufs Bild geschafft, weil die flüssige ihr die Show stiehlt. Fassbrause als Farbtupfer des Tages. Denn der Himmel ist grau. Das sagte ich ja schon.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-16

 

 

In der Ferne dort unten, das ist die Wartburg. Später rollen wir an ihr vorbei, haben aber keine Lust, die Kuscheligkeit unserer Regenklamotten zu verlassen und abzusteigen. Darum bleibt es bei diesem Fernblick.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-17

 

Von Eisenach gibt es aus gleichem Grunde keine Bilder. Wir fahren durch, lassen uns von Autos nassspritzen und schauen nicht groß rechts und links. Ohnehin waren wir letztes Mal ausgiebig hier. So durchradeln wir die historische Stätte, stellen fest, dass die Unterkünfte teuer sind, legen deswegen noch ein paar Kilometer drauf, vorbei an der „Wuthaer Verwerfung“ (was man sich so von Schautafeln für Wörter merkt;-)), bevor wir in Mechterstädt ein Dach über dem Kopf finden.

3wegsam-ueber-den-rennsteig-18

 

Von hier müssen wir nach Berlin nur noch herunterrollen. Glauben wir. Und der Regen lässt nach. Glauben wir auch:)

 

Die damaligen Live-Blog-Berichte dieser Tage finden sich hier, hier und hier.

 

#3wegsam-Bilder-2: Auf und Ab zum Main

 

Ein nebelschwadendurchzogener Klostermorgen, …

3wegsam-aufabmain-1

 

… und wenn man mit einem pubertierenden Kind unterwegs ist, darf man die ersten Morgenstunden in Seelenruhe und -frieden allein im Klosterhof verbringen, schreibend schwelgend träumend, und natürlich kaffeetrinkend.

3wegsam-aufabmain-2

 

3wegsam-aufabmain-3

 

3wegsam-aufabmain-4

 

Den Schlaf lässt sich der Sohn erst von der unmittelbar bevorstehenden Frühstücksbüfettschließung nehmen – da springt er auf und drängelt direkt auch schon zum Losfahren. Es hat ihn gepackt. Mich ja sowieso:)

3wegsam-aufabmain-5

 

3wegsam-aufabmain-6

 

3wegsam-aufabmain-7

 

Das sanfte Jagsttal behält uns noch gut zwanzig Kilometer bei sich, dann geht es ans Aufsteigen. Auf eine Hügelkette nämlich, die hinüber zum nächsten Fluss führt. Die sieht hier so arglos aus, ist aber in Wirklichkeit von 35 Grad, Schattenlosigkeit, staubverbreitenden Mähdreschern und einer lauten Autostraße gesäumt. Tritt für Tritt schaffen wir uns hoch – wie gesagt, dem Bild sieht man den Schweiß nicht an.

3wegsam-aufabmain-8

 

Drüben, unten, dort, wo es endlich Eis gibt, heißt der Fluss zu meiner Überraschung gar nicht Main. Es ist die Tauber, der Main wird uns erst morgen begegnen. Geographie 5, setzen:)

3wegsam-aufabmain-9

 

3wegsam-aufabmain-10

 

Es ist jedoch egal, Radweg ist Radweg. Wir bringen den heutigen früh zu Ende, legen sogar einen Aufwärts-Schlussspurt ein (drahtig wie dieser hier:)) …

3wegsam-aufabmain-11

 

… und übernachten in einem Weinort, ohne uns vom abendlichen Weinfest verlocken zu lassen. Schlafen ist dringlicher, schließlich ist erst der dritte Ferientag und das Erholungsbedürfnis entsprechend.

3wegsam-aufabmain-12

 

Am nächsten Tag also geht es  nun wirklich zum Main, wieder durch ein Auf und Ab. Heute schaffe ich es weit besser, in einen meditativen Zustand hineinzufinden. Als fliegen wir durch die goldgelben Welten.

3wegsam-aufabmain-13

 

3wegsam-aufabmain-14

 

3wegsam-aufabmain-15

 

3wegsam-aufabmain-16

 

Kurz vor Würzburg wird es waldig. Ein Symbolbild für unser Unterwegssein …

3wegsam-aufabmain-17

 

Die Stadt empfängt uns mit einem Spektakel am Mainstrand, mit viel zu vielen Menschen und dann doch einem unerwartet sommerlauschigen Abend auf ihren Brücken und Plätzen.

3wegsam-aufabmain-18

 

3wegsam-aufabmain-19

 

3wegsam-aufabmain-20

 

Die damaligen Live-Berichte dieser beiden Tage finden sich hier und dort.

Feriengeschenke

Vorbei sind sie, die Ferien. Mein Kerzenteller, der mich durch die Zeit begleitet hat, spürt das; soeben ist die zweite von sechs Kerzen erloschen, den restlichen verbleiben noch wenige kurze Stündchen. Schnell ist die Zeit vergangen, die anfangs wie eine ewige, unberührte Decke vor mir gelegen hatte. Wie immer fühlt es sich am Ende zu kurz an. Doch wie viele Geschenke haben die Tage bereitgehalten …

… wie die Kinder sich bei allem Großwerden, bei aller pubertierender Scham doch dem Weihnachtsbaumschmücken nicht entziehen wollen; da werden sie plötzlich wieder zu Kindern. Nur eines hat sich verändert, wie der Sohn bemerkt: „Ich wollte gerade fragen: ‚Mama, kannst Du die Sterne da oben aufhängen?‘, da fiel mir ein, ich bin ja größer als Du.“ :) …

… wie ich am Geschenk meiner wilden fünften Klasse eine Karte voll liebevoll gestalteter blumen- und smilieverzierter Unterschriften finde, keine wie die andere – hej, Kinder, das hat mir die Tränchen ins Auge getrieben (was ich Euch morgen unbedingt gleich als erstes sagen muss) …

… wie wir allmählich in die Ruhezeit „zwischen den Jahren“, in unsere „Schlafanzugtage“ hineingleiten, mit viel Lesen, Puzzlen, gemeinsamem Musizieren, Spielen, Schreiben, Filmschauen, Basteln, vor allem aber: ohne irgendwelche Planungen …

… wie ich es endlich schaffe, meiner Sommerradtour wiederzubegegnen, weil ich erstmals Zeit habe, die Fotos richtig anzuschauen, wie ich dazu die Live-Blogposts wiederlese, mich in jeden einzelnen Tag zurückversetze, ihm Farben gebe und vor mich hinträume …

… wie ich auf einem Abiturjubiläumstreffen eingeladen bin, meine ehemalige Klasse wiedertreffe und wir in gute Gespräche finden – über erstaunliche Lebenswege mit Schleifen und Unerwartetheiten, die sich sehr gesund, eigenständig und selbstbestimmt anfühlen; einiges überrascht auch mich. In manchen Gesprächen darf ich weiterhin beratende Begleiterin sein, in manchen haben sich die Rollen schon umgekehrt – sie sind schließlich inzwischen FastlehrerInnen, FastärztInnen, DoktorandInnen, Ingenieure, Sozialarbeiterinnen, Weltreisende und Weltgereiste, Ehefrauen und -männer und ganz einzeln schon Väter. Erwachsen, wie man so sagt. Und doch hätte ich ihnen eines voraussagen können: „Wir dachten immer, mit 25 sei man erwachsen. Jetzt aber fühlt es sich gar nicht so an …“

… wie am Altjahrstag Schnee fällt und Glückseligkeit in unsere Augen zaubert …

… wie wir zufällig an Silvester den besten Film erwischen, noch nie hatte ich von ihm gehört, hatte ihn nur zufällig in der Bibliothek gegriffen: „Das Konzert“. Und während ich noch mit der Musik im Ohr und Tränen in den Augen dasitze, beginnt zum Abspann ganz andere Musik, mir aus der Kindheit bekannt, die Tochter juchzt auf, und kurz darauf tanzen und springen wir im Zimmer herum …

… wie ich den Sohn um Mitternacht dann sogar umarmen darf (die Tochter ja sowieso) und auch er kurz sehr still wird, weil ja nun das Jahr beginnt, in dem er weit weit weg gehen wird …

… wie mir an den ersten Tagen des neuen Jahres das Gespür für mich selbst zurückkehrt, und die Kraft, und die Schreibstimme, und so vieles, was mich nun auch durch die ersten Arbeitstage am Schreibtisch geführt hat …

… wie der Sohn so intensiv, so ergriffen von seiner Musik erzählt, derzeit sind es Prokofjewsonaten, wie er sie gedanklich zerlegt und versteht und seine Faszination teilen möchte – und am liebsten noch mehrere Kubikmeter weiterer Noten bestellen würde …

… wie die Kinder zu ihren Probentagen in der Musikschule gehen und immer freudeerfüllt zurückkehren, obwohl sie teilweise ganze Tage dort verbringen (ein unendliches Danke an ihre Lehrer übrigens, die sie dort mit Hingabe begleiten – und die ja eigentlich auch Ferien gehabt hätten) …

… wie ich – Zufall? – das Teetrinken sozusagen wiederentdecke und damit mein Bei-mir-Sitzen eine neue Dimension des Wohlseins hinzugefügt bekommt …

… wie ich in mehreren Büchern versinke und gar nicht mehr aufhören möchte mit Lesen …

… und immer wieder: wie ich dankbar bin für den Weg zum Cello hin, und jetzt mit ihm zusammen. Es vergeht kein Tag mehr ohne, und morgen ist die nächste Stunde:)

Danke.

#3wegsam-Bilder-1: Der Starttag

 

Die Sommerreise, mein sechswöchiges Radreisen unter dem Hashtag #3wegsam ist unendlich lange her, so scheint es. Die Bilder blieben monatelang unbeachtet liegen. Erst in diesen Ferien kam ich dazu, sie zu öffnen. Und damit öffnete ich auch meine zurück- und vorwärtsgewandte Sehnsucht in den Reisezustand hinein.

Wenn ich sie jetzt herzeige, dann werde ich vor allem dieser meiner Sehnsucht gerecht. Ich werde mich nicht zu lange in Auswahl und strukturiertes Zusammenfassen vertiefen, sondern einfach chronologisch durch die Tage gehen. Auch wenn es viele Bilder werden, zu viele vielleicht. Ich durchreise das jetzt alles noch einmal. Während draußen die Winterkälte weht …

 

So starten wir also, einen Tag nach Ferienbeginn.

3wegsam-starttag-1

 

Die Felder rund um unseren Ort, in Tagestourenentfernung, lesen sich noch nicht wie der Beginn eines langen Unterwegsseins. Immerhin könnten wir ja umkehren und gleich wieder daheim sein, heute noch.

3wegsam-starttag-2

 

3wegsam-starttag-3

 

3wegsam-starttag-4

 

3wegsam-starttag-5

 

In Bad Wimpfen allerdings, wir essen dort zu Mittag, werden wir angesprochen. Wir berichten über unsere Pläne und sind plötzlich gedanklich doch ganz schön weit weg. Jetzt geht es los, so richtig. Auf der anderen Neckarseite beginnt Neuland, auch wenn hin und wieder noch bekannte Orte unter die Reifen schwappen.

3wegsam-starttag-6

 

3wegsam-starttag-7

 

3wegsam-starttag-8

 

Das Hinaufkeuchen auf das Hochland zwischen Jagst und Kocher lässt Mittelgebirgsvorahnung aufkommen, wir sind noch ganz schön anstrengungsentwöhnt. Die Belohnung erfolgt – so ist das in den Bergen – auf dem Fuße: wir fliegen hinab. Das Bobfahrergen kommt zu seinem Recht.

3wegsam-starttag-9

 

3wegsam-starttag-10

 

3wegsam-starttag-11

 

Das erste Eis der Tour in Möckmühl wird zum Startpunkt eines täglichen Rituals. An keinem einzigen Tag werden wir uns fragen, ob wir, sondern stets nur, wo und welches Eis wir essen.

3wegsam-starttag-12

 

Der Sohn benötigt Fotopausen, immer wieder. Es ist spannend zu sehen, was ihn verlockt. Ich versuche mich an diesen Stellen auch fotografierend. Schon deshalb, weil ich eh auf ihn warten muss:)

3wegsam-starttag-13

 

3wegsam-starttag-14

 

3wegsam-starttag-15

 

Nach 90 Kilometern nähern wir uns dem Kloster Schöntal, ein mir schon vertrauter Ort. Wir beziehen unser Zimmerchen ganz oben in einem Seitentrakt des Klosters, die Räder bekommen eine Extragarage, und der Rest der Familie kommt zum Abendessen noch einmal zu uns. (Sie waren nämlich zusammen mit Kinderbesuch tagsüber in der Nähe in einem Museum.)

3wegsam-starttag-16

 

3wegsam-starttag-17

 

3wegsam-starttag-18

 

Der damalige Live-Bericht dieses Tages findet sich hier.

 

WmDedgT 01/2017

Es ist kurz vor neun, als ich erwache. Erstaunlich, bleibt doch in den Ferien üblicherweise mein Alltagsrhythmus mit frühem Aufwachen bestehen, fast unverändert. Seit über 15 Jahren immerhin. – In diesen Ferien ist es anders. Abends zieht mich nichts ins Bett, und morgens nichts ins Erwachen. Ich staune, was sich wohl verändert haben mag?

Die Kinder sind zum Glück auch noch im Traumland (oder wie man das in der Pubertät nennt), und ich kann in Ruhe lesen. Ein neues Buch habe ich gestern begonnen, das x-te dieser Ferien. Dieses jetzt ist extrem dicht, ich lese ergriffen, schreibe halbe Seiten ab, schreibe ohnehin zwischendurch immer wieder Sätze und Absätze in meine verschiedenen Tagebücher (ja, mehrere!), und so vergehen die Vormittagsstunden. Kaffee und Kerzen sind natürlich auf dem Sofa mit dabei.

Als es im Haus unruhiger wird, kann ich mich in meine Gedanken nicht mehr so gut vertiefen, also wechsele ich zum Computer hinüber. Die letzten Sommerreisebilder befinden sich in einer Großsortierungs- und -beschriftungsaktion, dazu mussten also erst die Weihnachtsferien kommen. Während ich mich gedanklich der Sommertour hinterhererinnere, ertönt immer mehr Jungmenschenrascheln im Haus, sie scheinen den Weg aus den Betten zu finden, allmählich, die Uhr zeigt zwölf.

Während die Tochter dann Hunger zum Umfallen hat, klagt der Sohn, dass er so früh noch nichts essen könne, natürlich besteht keine Einigkeit über die Platzierung der Mahlzeiten im Tagesablauf, ist ja klar. Frühstück jedenfalls nennen wir es jetzt nicht mehr, es gibt gleich was Warmes – ein Mittagsessen zur Tageseröffnung also.

Es ist nach eins, gleich kommt unsere helfende Saubermachfee, und hier liegt und steht in allen Räumen alles rum …  das bringt uns erstmals an diesem Tag in ein gewisses Tempo. Im Tochterzimmer wirbeln wir schnell zu zweit, damit Boden, Tischfläche und Bett wieder sichtbar werden. Insbesondere letzteres scheint Tochters Wohn- und Speiseort der vergangenen zwei Ferienwochen gewesen zu sein, es gibt nichts, was es in diesem Bett im Moment nicht gibt. Vielleicht bin ich ja eine pingelige Mutter, aber in der Speisedeko auf dem Laken mag ich mein Kind nicht länger schlafen lassen, ich überzeuge sie vom Bettwäschewaschen, jetzt sofort. Wir ziehen also ab und schleppen alles – die Wäschekörbe der letzten zwei Wochen auch gleich – in den Keller. Also nun doch eine Wäsche während der Raunächte …

Schnell noch die Küche aufräumen, die Garderobe umsortieren, und von all dem Zoix, das sich immer von allein im Flur abstellt, kann dies und das gerade in die Garage. Und wenn wir schon dabei sind: die Stiefel, mit denen wir im Dezember unseren Weihnachtsbaum aus dem Wald geschleppt haben, sind immer noch nicht von den Erdbrocken befreit, ich mache mich daran und fühle mich beim Freikratzen der Sohlen wie früher in der Schule im Kunstunterricht, Linolschnitttechnik.

Während ich so meditativ an den Furchen herumpfriemele, ertönen laute Schreckensschreie aus dem Tochterzimmer. Es stellt sich heraus: All das Gekramse kam sich gegenseitig in die Quere, irgendwer hat Kisten und Kuscheltiere vom Boden direkt auf die frisch kreierten Acrylfarbbilder auf dem Schreibtisch gestellt. In ihrem Schreck stellt die Tochter eine acrylverbuntete Kiste gleich noch auf den Schreibtischstuhl und kommt mir mit der bäuchlings blaugrünen Robbe entgegengelaufen – oh je. Das ist nämlich meine Robbe :(  Und überhaupt schreite ich mal lieber ein, damit sich die farbenfrohe Verzierung nicht noch auf Teppich, Wänden, Türen und dem Cello wiederfindet. Alles in die Badewanne gestellt, die Tochter getröstet, dass die Bilder jetzt eine ganz eigene Note haben und immer noch toll aussehen, dass sie sie zum weiteren Trocknen dann doch lieber in den Keller bringt, das Schrubben der Robbe begonnen. Naja, Acryl ist Acryl. Sie wird von nun an einen bläulich-grünen Bauch haben, Spuren des Lebens eben. Immerhin lebt sie schon 26 Jahre bei mir, da darf sie ruhig vom Zusammenleben mit uns gezeichnet sein:)

Auf den Schreck einen Tee, und überhaupt überlasse ich das weitere Saubermachen den helfenden Händen und ziehe mich in ein paar weniger gefährliche organisatorische Tätigkeiten zurück. Zahnarzttermin machen, für alle drei. Schreibtischablage mit abzuheftenden Dokumenten vorsortieren – sie quillt über, was auch kein Wunder ist, da ich dies letztmals im Frühjahr gemacht haben muss, am Alter der Papiere leicht abzulesen. Morgen soll das in die Ordner kommen, für heute ist es zu viel. Aber die Krankenversicherung und Beihilfe könnte ich noch beginnen. Oder doch nicht, ich steige in meiner Sortierung nicht durch, da hat sich auch zu viel angesammelt, ich vermisse die letzte Versicherungsabrechnung, es wird kompliziert, ich mache das morgen in Ruhe. Aber drei Überweisungen schnell noch erledigen, ich frage mich, wo die Mahnungen bleiben – oder ob ich selbst die schon verbummele? Batterien in den Wanduhren wechseln – die haben sich doch alle verabredet, dass sie seit Tagen je individuell spinnen? Wäsche in den Trockner, Bibliotheksverlängerung und drei kurze Mails.

Die Tochter ist mittlerweile zur Probe in der Musikschule, der Sohn füllt das Haus mit Prokofjew-Sonaten, und ich überlege kurz, ob ich jetzt ein bisschen Schule …? Nein, doch lieber weiter mit den Fotos. Ja, doch, die Fotos sortiere ich noch fertig. Hach und seufz, so viele Erinnerungen kommen. Mein Reisesommer war einmalig und unglaublich.

Nebendran liegen nur immer anpochender die Schreibtischstapel, ich bemerke erstmals in den Ferien aufsteigende Unruhe. So vieles ist liegengeblieben, eben weil wir uns die Zeiten so gemächlich gestaltet haben. Und nun droht es mich innerlich zu irritieren. Ich will das aber nicht. Nicht jetzt jedenfalls. Und tue das, was auf jeden Fall hilft: Ich greife zum Cello. Ein Wundermittel, alle Unruhe verschwindet, Ton um Ton um Ton.

Kurz vor acht ist die Tochter wieder da, wir essen. Beziehen anschließend noch ihr Bett, hängen bei der Gelegenheit gleich ein Plakat auf, welches schon Wochen darauf wartet, schauen nach der Robbe – immer noch blaugrün:( – und nehmen uns dann einen der letzten Bibliotheksfilme vor: Der Himmel über Berlin. Ist aber doch nichts für die Kinder, sie ziehen sich bald zurück, so dass auch ich ausschalte, ich kann ihn ja später allein zu Ende schauen. Anderntags.

Denn jetzt setze ich mich mit einem Tee aufs Sofa, lese ein wenig in Blogs herum, schreibe (das jetzt hier:)) und werde anschließend noch lesen.

Bis die Augen zufallen …

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

Weihnachtsferienbeginn

Es ist der am längsten ersehnte schulfreie Tag des Jahres. Mehr als vor jeder anderen freien Zeit, mehr noch als vor den Sommerferien dürstet man darauf hin. Beim Abschiedsglühwein in der Schule unterhalten wir uns, es geht allen so. Weil die Wochen seit den Herbstferien pausenlos dahinströmen, weil es mehr Schuljahresaufgaben gibt als zu jeder anderen Zeit im Jahr, weil die Sonne kaum scheint, all das wird es sein, warum wir diesen ersten Ferientag in so erschöpftem Zustand erreichen.

Und dann ist er da. Das schulische Terminhamsterrad hört mit einem Mal auf zu drehen, das muss erstmal bewältigt werden. Der Körper lässt sich plötzlich kaum noch in Schwung halten, die Seele sowieso nicht, all die Ferienvorfreude ertrinkt in mattdunkler Traurigkeit, die Stunden wollen durchwatet werden, eine nach der anderen.
Sich aufs Fahrrad setzen wie zu Beginn der Sommerferien, wegfahren, aus dem Alltag entschwinden, jetzt sofort – das wär’s. Wenn auch das Fahrrad natürlich eher symbolisch zu verstehen ist, bei diesen Außentemperaturen. Eine Lese-Musik-Schreibreise ins Innere, zum Beispiel.

Doch nein, unmöglich. Da ist weiterhin fordernder Alltag, ein unschulischer, ein von den letzten Schulwochen mitverursachter. Fünf Trommeln Wäsche warten, die Schränke der Kinder sind leer. Der Haushalt liegt brach. Und wer jetzt entgegnen möchte, dies sei doch nicht wichtig: Bitte einmal den Blick durch unsere völlig verramschten Zimmer schweifen lassen , sogar die Kinder stellen schon fest, dass wir ja keine Ecke zum ruhigen Sitzen und Spielen mehr haben. Und dann noch ein paarmal an all die klebrigen Türklinken fassen … Der Haushalt also braucht ein paar energische Eingriffe. Die Tochter hat eine Probe in der Stadt und muss hingefahren werden. Immerhin liegt direkt daneben die Stadtbücherei und versorgt uns mit Ferienbüchern und -filmen. Pässe und Personalausweise müssen wir beantragen, es eilt – im Rathaus ist man fast erschrocken über so späte Kundschaft. Ein paar Schulnotizen und Mails sind fertigzumachen, bevor ich in der zweiten Ferienhälfte nicht annähernd mehr weiß, worum es ging und geht. Schultasche und Schulschreibtisch wollen aufgeräumt werden, oder nein: ich will, dass sie in den aufgeräumten Zustand übergehen. Nicht nur wegen eventueller Brotdosen, die bis zum Ferienende sonst Beine bekommen werden, sondern auch, weil der Tisch für meine Weihnachtsferienpuzzletradition gebraucht wird.
Es ist dicht. Viel, das.

Zwischen all dem sacke ich immer wieder zusammen. Versuche mich zu erinnern, worauf ich mich die Wochen zuvor fast wie irre gefreut habe. Aufs Spielen mit den Kindern – ach ja, zwei neue Spiele werden unterm Baum liegen. Und mir fällt ein, dass ich dieses Jahr nicht nur keinerlei Post geschafft habe, sondern dass noch keines der kleinen Dinge in den Hinterkatakomben des Schranks (Kinder: bitte weglesen:)) bisher eingepackt ist, hoffentlich haben wir noch Papier, hoffentlich vergesse ich das nachher nicht;-) Also: aufs Spielen freue ich mich. Aufs Alleinsein und Wenigreden auch – und die Kinder ebenso. (Die sind übrigens schon in ihre Lesewelten abgetaucht, wie das am ersten Ferientag sein muss:)) Aufs Wiederhellerwerden, das man sich ja wenigstens vorstellen kann, wenn schon der Blick aus dem Fenster nichts davon zeigt. Aufs Puzzlen, aufs Legobauen, aufs Lesen, aufs Schreiben, auf Tage im Schlafanzug, ohne Blick auf die Uhr und ohne jede Strukturierung durch irgendwelche Mahlzeitenpläne. Verhungert sind wir dabei noch nie. Eher gesättigt in unserem Ruhehunger.
Und auf meine Musik freue ich mich. Zum Klavier ist ein Cello eingezogen. Es begeistert, fasziniert und belebt mich mehr als je erträumt und erhofft. Wenn auch ein Berg an Ungeduld zu zügeln ist. Wäre es doch am sinnvollsten, im Moment nur leere Saiten zu streichen – in zwei Unterrichtsstunden habe ich erspüren dürfen, wie sich der Körper dabei anfühlen kann, bin in meditative Bewegungen hineingekommen. Dennoch ist da das unbändige Bestreben, schon die linke Hand mitzubenutzen, Töne und Melodien zu formen. So quietschig und unsauber die noch klingen, ich habe mit der Tochter erste Duette gespielt, und das fühlt sich unglaublich an! Und doch: Das Cello wird mir zum Geduldslehrer werden, ich freue mich drauf.
Auf Bücher freue ich mich, der ungelesene Stapel ist ins Unendliche gewachsen. Auf Fotos freue ich mich, denn die Sommerbilder sind noch nicht mal sortiert, geschweige denn irgendwie bearbeitet und verblogpostet. Auf Spaziergänge freue ich mich. Aufs Schreiben. Auf meditatives Einfach-nur-da-sitzen.

Ich werde sehen, was die Ferien schenken. Ich hoffe, ein wenig Stille. Ein wenig nur.

Die wünsche ich Euch auch. Und Frieden. Den wünschen wir uns wohl alle …

im November

boten Himmel und Wetter alles dar, was sich auf ihrer Farbenpalette fand: vom goldenen ersten Tag, den wir für eine Herbstlaubwanderung nutzten, über nebliggraukalte „echte“ Novemberstimmung, bis hin zu den wieder blauhimmeligen frostweißen letzten Monatstagen
*
standen bei beiden Kindern aufregende Neuigkeiten an:
für die Tochter fanden wir ein spektakulär gut klingendes 3/4-Cello und eine neue Cellolehrerin, mit der es sofort stimmte – auf beides muss sie jetzt zwar noch ein halbes Jahr warten, aber die Vorfreude und so…;
derweil sind die Jugend-Musiziert-Anmeldungen abgeschickt und das Üben am Klavier und in den Streicherensembles in vollem Gange – an Proben und Vorspielen bestand diesen Monat also kein Mangel;
viel wichtiger aber: der Sohn bekam nach einem Bewerberseminar eine Zusage für ein Schuljahr in Italien, jubelte laut, hatte mit uns zusammen eine dicke Bewerbungs- und Unterlagenmappe auszufüllen, muss nun in der Schule so manches regeln und bereitet sich innerlich darauf vor, hier – zunächst – auszuziehen (ja, das Mutterherz, das bis zuletzt ein wenig egoistisch auf eine Absage spekuliert hatte, weinte natürlich los, als die Zusage kam, hat sich aber mittlerweile in echte Mitfreude begeben und hofft einfach nur, den Moment des Abschieds am Flughafen im September dann irgendwie zu überstehen);
vielleicht ist es kein Zufall, dass wir uns gerade in diesen aufregenden Zeiten erstmals seit Jahren wieder eine Magen-Darm-Grippe ins Haus holten? (andererseits können wir uns ja glücklich schätzen, dass es ein solch banaler Infekt in die Monatserinnerungen schafft, weil er Seltenheitswert hat:))
*
hatte ich nach den Ferientagen natürlich auch ein pralles Leben in der Schule, mit einem Pädagogischen Tag, viel Steuergruppenarbeit, der Organisation einiger Mathe- und Physikwettbewerbe und einem dreitägigen Schullandheim mit unseren lebendigen 5ern, das sich als unerwartet unkompliziert und berührend-erfreulich erwies;
nahm ich allmählich innerlich Abschied von meiner zweiten Dienststelle, weil meine Tätigkeit dort auslaufen wird, wie ich nun endlich offiziell regelte
*
versuchten wir in unserem Haushalt ein wenig zu entschlacken – die Tochter ihre Kinderspiele, denen sie entwachsen ist, sowie eine Million Kleinstgeraffelteile, wie sie sich in einem Mädchenzimmer nunmal so ansammeln, und ich in den diversen Bereichen des Hauses, in denen sich die Kann-man-nochmal-gebrauchen-Dinge ballen; wir begannen damit, täglich je 10 Dinge auszusortieren, das wurde aber nach drei Wochen zu schwierig, daher müssen wir alltagskompatiblere Wege finden, oder aber den nächsten Entschlackungsschub einfach erst in den nächsten Ferien stattfinden lassen, mal schauen – der Prozess fühlt sich jedenfalls grundsätzlich sehr gut und erleichternd an
*
reiste ich ein wenig mehr als sonst herum: ein Wochenende zu liebsten Freunden, und eines zu einem Jubiläumsschultreffen und damit in meine Vergangenheit – beides war innerlich sehr wärmend (wenn es auch schwer ist, mitten im Alltagsbetrieb übers Wochenende wegzufahren, weil der Arbeitsstapel danach fast nicht mehr aufzuholen ist);
planten wir eine große Reise für die Osterferien;
verlockte mich das neue Tochtercello, welches einem „ausgewachsenen“ schon sehr nahe kommt, es auch einmal zu probieren – und so streiche ich seit Tagen mit wachsender Faszination darauf herum, bin also infiziert und erwäge ernsthaft … naja, mal schauen, was der nächste Monatsrückblick darüber zu berichten weiß …;
bastelte ich erstmals eigene Adventskalender für die Kinder (macht ja sogar Spaß:)): da müssen sie also erst aus dem Haus gehen, damit ich das mal schaffe

Herbstfarbenhügel

Lange war ich nicht auf meinen eigenen Füßen unterwegs. Jedenfalls nicht eine so weite Strecke, nicht so lange, nicht mit so viel Ruhe. Eher wähle ich ja das Fahrrad, um mich ins Unterwegssein zu begeben, selbst die Kinder haben diesen Impuls schon verinnerlicht, können wir nicht eine Radtour machen? Nein, diesmal nicht, ich wollte mal wieder laufen, oder wandern, wie immer man es nennt, wünschte es mir sehnlichst. Und die Kinder mussten mit, manchmal haben Kinder eben keine Wahl:)

Es war großartig, es war mehr als das, es war wie ein Bad im ureigenen Element. Ein paar raschelnde Goldblätter unter den Füßen drängen alles Gedankenknirschen mit einem Schlag in die Unbedeutsamkeitsecke. Weg und Blick über die hügelige Welt mit ihrem Auf und Ab legen eine So-ist-das-Leben-Metapher nahe und machen sie mit jedem Schritt, mag er auch seufzend und keuchend sein, überflüssiger. Das schräg durch die kahlen Bäume strömende Licht schiebt sich auch in dunklere Gemütsecken und zeigt einfach: Da bin ich. Da bist Du ja, sage ich.

Zwar murrt der Sohn gelegentlich, dass es ihm zu langsam sei, und warum wir denn an jeder Ecke stehen blieben, schließlich wolle er nicht erst im Dunkeln heimkehren, er müsse heute noch so viel machen. Für ihn ist also das Ziel das Ziel, naja, er ist fünfzehn und folglich in den Fußstapfen der Ungeduld unterwegs, mit fünfzehn waren Waldwanderungen auch nicht mein Lieblingszeitvertreib, ich gestehe es. Auf dem Rückweg lassen wir ihn vorausgehen, er möchte schneller zu Hause sein. Ich sorge mich nur, er so allein den weiten Weg durch den Wald. „Mama, ich bin fünfzehn! FÜNF!ZEHN! Fünf sechstel auf dem Weg zur Volljährigkeit hab ich überlebt, da werd ich wohl diesen Waldweg schaffen …
Wo er Recht hat. Loslassen ist schwer. Sie werden so schnell groß.

Die Tochter dagegen genießt den Weg sichtlich, bei aller Erschöpfung zum Ende hin. Sie singt, vor allem auf den letzten Kilometern, unterbrochen von kurzen Ich-kann-nicht-mehr-Rufen. Doch dann singt sie wieder, Lieder vom Glücklichsein, Lebensfreude pur, sich verschenkend an die ganze Welt. Es steckt an. Meine Füße tun schon gar nicht mehr weh.

Auch wenn sich das alles kaum in Bildern wiedergeben lässt, habe ich ein paar mitgebracht.

 

Von uns

1-wir

 

2-wir

 

3-wir

 

auf dem farbigen Weg

4-weg

 

5-weg

 

6-weg

 

mit durchscheinendem Licht

7-licht

 

8-licht

 

9-licht

 

und immer einem Stück Himmel zwischen all dem Goldgelb.

10-himmel

 

11-himmel

 

12-himmel

 

Kaum zu glauben, wie sich der blaue Himmel in der Ferne in Nebel verwandelt

13-himmelnebel

 

14-himmelnebel

 

15-himmelnebel

 

und wie Nebel mit leuchtenden Farben in friedlicher Nachbarschaft leben kann.

16-nebel

 

17-nebel

 

18-nebel

 

Die kleinen Dinge am Wegesrand

19-kleinedinge

 

20-kleinedinge

 

21-kleinedinge

 

und die nicht ganz so kleinen (mit Gruß: extra für Herrn Irgendlink:))

22-hochsitz

 

23-hochsitz

 

24-hochsitz

 

hinterlassen – wie jedes Unterwegssein – Spuren,

25-spuren

 

26-spuren

 

machen innerlich weit

27-weite

 

29-weite

 

und verwandeln alles in warme leuchtende Farben. Sattsehen kann ich mich nicht.

30-farben

 

31-farben

 

32-farben

 

(Deswegen: Der Wanderrucksack blieb gepackt und steht jetzt hier an der Tür. Die Ferien haben ja noch ein paar Tage.)

 

im Oktober

war es warm und fast noch sommerlich, so wie in den letzten Jahren öfter um diese Zeit
*
kam das Schulleben so richtig in Fahrt, so wie immer in diesem ersten Schuljahresabschnitt;
sind die neuen Klassen fürs Erste kennengelernt (inklusive aller Beglückungen und Schwierigkeiten, die solch ein Bezehungsaufbau mit sich bringt);
haben uns vor allem die neuen Kleinen anhaltend auf Trab gehalten, da liegt noch viel Arbeit vor uns, auch mit den Eltern, welche sich mehr als wir sorgend und fast schon panikmachend zeigen;
sind wir mit dem ganzen Kollegium zu einem fruchtbaren Pädagogischen Wochenende gefahren, was mir mal wieder gezeigt hat, wie dankbar ich mich an dieser Schule fühlen darf;
haben wir in der Steuergruppe getagt – u.a. wegen dieses Wochenendes -, in Konferenzen gesessen und sehr viele kleine Teamtreffen sitzend, stehend oder mailend absolviert
*
habe ich ausnahmsweise mal auf der Mutterseite Elternabende besucht;
gab es nur wenige besondere Ereignisse im Leben der Kinder, aber dafür sehr viele Gespräche – über Schul- und Lebensdinge, über Freunde und Freundinnen, über Dinge, von denen Eltern „einfach keine Ahnung“ haben – hach, es ist so toll, große Kinder zu haben;
ja, das wurde mir mal wieder bewusst, wie groß sie geworden sind, rein körperlich schon: beim allfälligen Klamotten- und Schuhkauf nämlich, beim Sohn wird das immer komplizierter (zu groß für Kinder-, zu schmal für Männergrößen …)
*
bin ich mit der Tochter am warmen langen Feiertagswochenende auf kleiner Radtour nach Strasbourg gewesen, sogar im Zelt, mit allen Freuden, die das Reisen in drei kurzen Tagen mit sich bringen kann;
habe ich versucht, in einen mit mir selbst verträglichen Alltagsrhythmus zu finden, was sich mehr und mehr als schwierig herausstellt – es sind wohl einfach zu viele Aufgaben, zu viel regelmäßig Anstehendes, als dass es gut machbar bleibt: hier steht Veränderung an, im Äußeren und im Innern;
habe ich daher mehr als sonst auf die Herbstferien hingehibbelt, einfach nur um dringende Dinge von allen möglichen Stapeln abzuarbeiten, ohne permanent die Uhr im Nacken zu spüren;
sind wir einen lang schon vor uns her geschobenen Möbelkauf angegangen: die Kinder durften von ihren Minikinderschreibtischstühlen auf richtig große aufsteigen, und ich habe mir ein Bett ausgesucht und bestellt, nachdem das derzeitige nicht nur klappert und wackelt, sondern mich mehr und mehr durch widerborstig aus der Matratze herauspiekende Federn zu wecken versucht (nicht witzig, das:));
bin ich schließlich – im Moment, wo ich dies schreibe – in der Mitte der Ferien und wohl dem Punkt größter Ruhe angekommen

Reiseweise

Nun bin ich zu Hause, in den Alltag hineingestolpert, schneller und heftiger, als es mir am Sonntag vorstellbar war. Während ich morgens im Garten saß, ruhig, schweigend, nichtstuend, nach meiner ersten Freiluftnacht zu Hause, noch bevor die Kinder heimkamen, noch ohne dieses To-do-Korsett im Kopf, innerlich noch ganz reiseruhend, da hatte sich der Alltag, obwohl er unmittelbar vor der Tür stand, in eine unendliche Ferne verschoben. Nicht als Realität, die ja doch in wenigen Stunden beginnen würde, sondern als innerer Zustand.
Alltag ist innerer Zustand. Reisen ist innerer Zustand. Gehetztsein ist innerer Zustand. Ruhe ist innerer Zustand. Eine Polarisierung, die sich in mir selbst bildet, nicht durch das äußere Geschehen. Wie klar mir das war, als ich auf der Sonnenterrasse saß, damals. Damals vor fünf Tagen

Und nun ist es soweit: Es ist Alltag. Im Äußeren, das lässt sich nicht abstreiten. Knall auf Fall ging das. So ist Schuljahresanfang ja immer, und diesmal ist es noch ein wenig heftiger. So dass – unter anderem – vor diesem ruhigen Vormittag jetzt am Donnerstag noch kein einziges Minütchen blieb, um mich zu besinnen, wer und wo und wie ich bin.
Und doch.
Doch, spüre ich, hat mich mein Sonntagmorgengefühl nicht getäuscht. Es ist anders als sonst zu Schuljahresbeginn, es ist anders als vor den Ferien, es ist tatsächlich etwas im Innern verblieben von meinem Unterwegssein. Ich lebe weiter in einer Reiseweise, oder sagt man: auf Reiseweise?
Äußeres Indiz ist für mich ganz klar: ich habe keine Kopfschmerzen. Kopfschmerz ist mein übliches Symptom der ersten Schulwoche. Der Kopfschmerz gehörte dazu wie der neue Stundenplan. Von der ungestümen Beschleunigung, der fordernden Aufgabenvielzahl und -vielfalt, der plötzlichen Begegnungsdichte bekam ich im Laufe der ersten Woche immer immer Kopfweh. Diesmal kommt noch die Hitze dazu, wir werden gut gargekocht hinter unseren Glasfenstern auf der Südseite, diesmal kommt eine schwierige Klassenkonstellation mit unerwarteten Anforderungen hinzu. Und dennoch: mein Kopf fühlt sich ruhig und sanft an.
Und: ich habe keine Herzrasensmomente. Auch dieses geschah mir immer. Wenn die andrängenden Haufen zu dicht wurden, wenn ich meinte, mein Tempo erhöhen und gleichzeitig an allen Fäden knüpfen zu müssen, so dass letztlich keiner mehr in Ruhe verarbeitet wurde, dann immer gab es diese Klopfzeichen aus der Brust. Diesmal nicht. An keinem einzigen Tag, in keiner einzigen Situation.
Selbst in der hochkomplexen Klassensituation, in die wir geworfen wurden, schaffe ich es im Moment noch, den Kopf oben zu behalten, meine Kollegin aufzumuntern, Ideen zu entwickeln, die Dinge mit Zuversicht in die Hand zu nehmen und dabei zu lächeln. Sogar das. Obwohl es eine wirklich herausfordernde, arbeitsintensive und traurigstimmende Konstellation ist.

Warum mag das so sein? Ist eine Reise, wenn sie nur doppelt so lang währt, gleich zehnmal so nachhaltig? Oder sind das die Reiseveränderungen all der Reisen, all der Jahre, die plötzlich gesammelt zum Tragen kommen? Oder wird es nur kurzfristig so sein? (Das hoffe ich natürlich nicht.)
Ich lebe ja schon noch ein wenig reisend. Schlafe seither draußen, nicht im Zelt, sondern unter freiem Himmel. So kann ich nachts weiterhin freie Reiseluft einatmen.
Habe meine Radtaschen noch nicht vollständig ausgepackt, nehme immer wieder ein Päckchen in die Hand, verräume all das Gegenständliche erst Schritt für Schritt.
Auf dem Boden liegen die Radkarten ausgebreitet, ein Netz aus gelben Linien – die abgefahrenen Routen – bildend. Die Kamera liegt auf dem Tisch, die Fotos auf ihrer Speicherkarte bereithaltend, noch gänzlich unbetrachtet. Das Zelt räkelt sich, schon längst trocken, im Garten. Das Rad ist und bleibt ungeputzt, gibt der Schulbluse ein wenig Staub von der Altmühl und der Bürotasche eine Spur Donauschlamm ab, und wenn es heimwärts bergauf leicht knirscht, ist das der märkische Sand im Getriebe. Da ist noch so viel offenes Reiseende.

Bedeutsamer aber ist, dass meine innere Reiseweise bislang nicht versiegt ist.
Die Dinge nach und nach, Tritt für Tritt, wie auf einer Perlenkette aufgefädelt erleben, das zum Beispiel. Ein Teil der Alltagsüberforderung besteht ja gerade in permanenter Gleichzeitigkeit von viel zu Vielem. Während dieser Tage meine Hände bewusster über die Gegenstände streichen, wie als würden sie nach wochenlangen Lenkergriffen das Gegenständliche des restlichen Universums erst wieder ertasten wollen, in bewusster Langsamkeit und mit innehaltenden Pausen versehen, gehe auch ich im Ganzen, mit Kopf und Herz und allem, langsamer, innehaltender und vor allem Schritt für Schritt durch die Dinge. Oft erlebte ich mich anders, oft sprang ich von einem zum anderen, zum einen zurück, zum dritten mal eben auch noch, und dann sowieso, das vierte kann man mit dem Stift schnell bearbeiten, während der Kopf schonmal ins fünfte lugt usw. So bin ich, so war ich oft. Im Moment ist es anders. Das erste darf das erste sein, und das siebzehnte das siebzehnte.
Dazwischen finde ich in Pausen hinein. Gestern im Lehrerzimmer, eine Viertelstunde mein aufgewärmtes Essen am Tisch essen, nicht mit den Kollegen reden, nicht lesen, möglichst wenig grübeln, sondern: essen. Abends, die Arbeitstage sind derzeit elend lang, gegen neun Uhr müde sein, mich mit der Tochter aufs Bett legen, sie in den Schlaf plaudern, und anschließend sofort selbst hinlegen. Wie oft konnte ich mir dies nicht gestatten, im Moment kann ich es. Die Arbeitszeit nach Stunden einteilen, nicht nach Fertigwerden. Also: wenn es zehn Uhr ist, ist Schluss. Und nicht, wenn die Listen fertig sind. Und so weiter und so weiter.
Es sind diese kleinen Momente, die das Ruhebett bilden für den Tagesfluss.

Überhaupt, ich bin bedürfnisspüriger. Eine so eindrückliche Reiselehre war das, wie ich über Wochen intensiv wahrnehmen konnte, wann ich Bewegung wann Ausruhen, wann Essen wann Trinken, wann Lesen wann augenschließendes Träumen, wann ein Gespräch wann Schweigen brauchte.
Ein Teil dieser Spürigkeit ist mir für den Moment geblieben. Sonst würde ich nicht den halben Vormittag schon sitzen und schreiben, einfach weil es mich drängt, sondern würde mich „vernünftig“ meiner Arbeit zuwenden. Sonst würde ich nicht mehr schlafen, mehr trinken, anders essen als sonst. Sonst hätte ich nicht die Klarheit in mir gehabt, die Begegnung abzusagen, die mir sehr am Herzen gelegen hatte und liegt, einfach weil der Raum dieser Woche nicht genügt, um ein Treffen in Ruhe – und nicht übers Knie gebrochen – zu erleben. Sonst würde ich zwischen den vielen Aufgaben dieser Tage nicht immer wieder sitzen, stehen, liegenbleiben, den Blick auf Wolken oder Bäume gerichtet, ohne irgendetwas zu tun.
Kurzum: Sonst wäre ich schon viel weiter in meinem Ankommen im Schuljahr. Inklusive Kopfschmerzen, Herzrasen, erster Ungeduld den Kindern gegenüber und der ach so modernen Floskel „… als hätte ich gar keine Ferien gehabt …“ auf den Lippen.

Vielleicht wird das ja doch noch was mit mir und meiner Reiseweise durchs Leben? Vielleicht werde ich ja doch noch reiseweise?

 

Krautheim – Zuhause (#3wegsam36)

Am Abend und am nächsten Morgen vom gerade noch gewesenen Unterwegssein erzählen, das ist schon Übergangsschreibe, das fühlt sich schon anders an. Statt im Zelt sitze ich beim Tippen auf einem Stuhl, statt der baldigen Weiterfahrt habe ich beim Erinnern den Schulstart vor Augen, statt eines auf Fortsetzung hinzielenden Textendes sollte es nun … ach Quatsch, gar nichts sollte es. Das ist ja mal die erste Reiselehre: Die Solls dieser Welt sollen nicht mehr so viel Macht über mich haben. Hihi, „sollen“, schreibe ich. Besser vielleicht: „sollten“ oder „mögen“. Einer der Wünsche, die ich von der Reise mitbringe. Derlei Dinge gibt es etliche. Doch zunächst erzähle ich den letzten Radtag, den letzten Tag des physischen Unterwegsseins.

Es fühlt sich richtig an, heute anzukommen. Ich bin satt vom Reisen, ohne übersättigt zu sein. Ich bringe genug Dinge mit für ein Jahr. Ich fühle mich rundum ruhig genug, um ab übermorgen wieder Schul- und Workingmum-Alltag zu leben.
Bei aufgehender Sonne sitze ich im Zelt und betrachte liebevoll das bunt durcheinandergewürfelte Chaos der Dinge um mich herum. Dies war nun wochenlang meine Heimat, ich mag diesen Anblick im speziellen Zeltlicht und fotografiere ihn zum Abschied. Beim Packen – schon nicht mehr ganz so geordnet, außer dem Essen muss ich kaum noch etwas finden – habe ich keine Eile, denn ich kann abends getrost in die Dunkelheit hineinfahren, und ich kenne den Weg. Ein letztes Mal das Zelt abbauen. Nein, nicht ganz, am Abend oder in den nächsten Tagen wird es noch im Garten eine Heimstatt finden. Und ich werde noch in ihm schlafen, bevor der Winter kommt …

Los geht es, auf die bekannten Wege. Dass ich doch nicht jede Ecke und jede Kurve wiedererkenne, beruhigt mich selbst ein wenig, es war mir schon unheimlich, wie sich das alles eingebrannt hat. Was mich aber heute ständig überflutet, ist das gute Gefühl vom ersten Tag, wie wir mit dem Sohn so schnell in ein so vertrautes Reise“verhältnis“ kamen, wie beschenkt ich mich von den ersten Stunden an fühlte, dass das – Pubertät hin oder her – so möglich ist.
Am Biergarten des ersten Abends, in Kloster Schöntal, halte ich an, möchte einen Kaffee trinken. Es ist noch vor 11, noch nicht geöffnet, man verkauft mir mürrisch trotzdem einen. Na gut, auch unfreundlicher Kaffee kann schmecken.
Auch einer Eispause in Möckmühl, wie damals rettend bei über 30 Grad, kann ich nicht widerstehen. Erst die Essenspause in Bad Wimpfen lasse ich aus bzw. verlege sie, man muss ja nicht alles wiederholen:)

Vor Bad Wimpfen aber liegen viele Kilometer sommerheißer Fahrt. Unglaublich, dieser September. Von äußeren Dingen der Strecke kann ich nicht viel erzählen, der Tag passiert vorwiegend in meinem Kopf.
Antizipiertes Ankommen. Gedanken über das Mitbringenswerte. Warum mir zum Beispiel die kommende Woche und vor allem der volle Mittwoch in den Sinn schießen, inklusive einem winzigen Vorab-Sorgegefühl, wo ich doch hier auf Reisen niemals – NIE! – mir auch nur den Hauch eines Gedankens gemacht habe, ob und wie und wann ich in vier Tagen einkaufen, essen und schlafen werde.
Die innere Das-kann-man-nicht-vergleichen-Stimme bekommt von mir ein Doch. Ein sehr zuversichtliches Doch. Da geht was, da lässt sich doch mental etwas einrichten. Heute ist noch nicht kommende Woche, heute ist noch nicht der volle Mittwoch, das ist das Wichtigste. Tritt für Tritt für Tritt lautete die Ereigniskette der Reise. Die Dinge des Alltags lassen sich vielleicht auch auf eine Kette fädeln, so dass sie Schritt für Schritt für Schritt geschehen dürfen?
Nächste Übung: Die Schulbrote für Montag fallen mir ein, und in dem Zusammenhang der vermutlich leere Kühlschrank zu Hause. Vor drei Wochen, als hier alle abfuhren, hat ja sicher niemand vorsorgend schon daran gedacht. Die Übung ist leicht, als ich gegen vier Uhr dran denke, weiß ich sofort, dass ich bis sieben Uhr Zeit habe, um unterwegs einzukaufen. Und dass wenn nicht, es auch Sonntagslösungen geben wird.
Gedankensplitter zu Schulfragen. Was da alles in der Mailbox stehen müsste. Mein Bauch weiß sofort, dass ich das jetzt noch nicht möchte, dass ich all das auch nicht mit dem Ankommen vermischen möchte, also überredet er den Kopf, die Schulmailfächer, also den Computer überhaupt, erst am Sonntag Abend zu öffnen. Der Tag davor wird dem Ankommen gewidmet sein. Bloß gut, merke ich da, dass ich doch nicht erst am Sonntag heimkehre. Mir würde dieser sanfte Übergang fehlen.

Am späteren Nachmittag kommt Bad Wimpfen in Sicht, es liegt ja hoch genug, um über Kilometer sichtbar zu sein. Vorher fließt der Neckar, tief unten natürlich. Schiebearbeit von dort hinauf bei immer noch über 30 Grad. Und noch etwas höher, irgendwo hinter Bad Rappenau stehe ich am höchsten Punkt der Tagesstrecke und weiß, dass ich nun nur noch hinabrollen muss. Von ein paar kleineren Anstiegen, die ein Hügelland eben ausmachen, mal abgesehen.
20 oder 30 Kilometer bis nach Hause, ich rolle schnell, kaufe ein, telefoniere, und sehe dann, dass ich tatsächlich in die Dunkelheit hineinfahren werde.
Nicht gerade angenehm, das Dunkel ängstigt mich. Zum Glück kenne ich die Wege von hier aus. Weil die Radwege aber so verwinkelt und noch dunkler sind (und voll kleiner ständig in die Augen fliegender Insekten), weiche ich öfter auf die Straßen aus als ich es im Hellen tun würde. Die dunklen Wege ziehen sich. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das doch so unheimlich wird …

Ganz genau um neun Uhr stehe ich vor dem Haus, sogar den letzten Berg ohne abzusteigen geschafft:)
Das Haus steht noch und empfängt mich diesmal nicht mit Wasserrohrbruch. Die Taschen und ich trennen uns vom Radl, als ich es in die Garage schiebe, streichle ich es liebevoll und bedanke mich. Du warst großartig!
Die Taschen dürfen noch ein wenig bleiben, als Behältnis meine ich. Auspacken ist erst später dran, vielleicht morgen oder übermorgen, Abschied in Häppchen. Doch, nun bin ich traurig. Gut-traurig, mit einem erfüllten Gefühl.
Ich öffne ein paar Rollläden, finde im Kühlschrank Proseco (großartig!), verwerfe den Plan, im Garten zu zelten, zugunsten einer nicht ganz neuen, aber lange nicht erfahrenen Schlafensweise: Unter freiem Himmel. Ich baue mir ein Bett auf der Terrasse, trinke im Abenddunkel meinen Prosecco und lege mich dann unter die Sterne.
Gut.

Ach ja, und die Zahlen habe ich schön:
Genau 6 Wochen und 36 Stunden war ich unterwegs. Darunter waren 36 Radeltage.
Der letzte Fahrtag fügt sich in den Reigen der schönen Zahlen ein: 99,11. Nur die Gesamtzahl, die hat zwar eine 63 = umgedrehte 36 nach dem Komma, aber vorne, die 2510 ist nichtmal durch 6 teilbar. 10 mehr, und es wäre durch 36 teilbar gewesen. Ich hätte nochmal ums Dorf fahren sollen …
(Sorry. Mit Zahlen spiele ich einfach gern.)

Geslau – Krautheim (#3wegsam35)

Was soll ich sagen, mir ist, als ob sich alles am heutigen Tag zu einem fulminanten Finale verabredet hätte …

Ich erwache mit dem Blick in die aufgehende Sonne, durch Schilf hindurch, und werde bald von der Wärme aus dem Zelt getrieben. Und das im September. So manch Juli hatte nicht diese Kraft. Erstmals seit Tagen packe ich ein trockenes Zelt ein, Sonne und Wind vermögen das schon am frühen Morgen.
Kurz vor der Abfahrt spreche ich mit einem Radlerpaar, von Trier sind sie nach Venedig unterwegs, und bekomme Tipps für den Weg nach Rothenburg. Über die stillen Dörfer seien sie gefahren, da sage ich nicht nein.

Dort dann, dort auf der ansteigenden Straße ist es wirklich still, und flimmernd schon fast in der Morgenwärme. Es geht hinauf zur Wasserscheide. Und wieder ist kein Hinweisschild angebracht, ein solches, wie ich es von Autobahnen kenne, das hätte ich gern auch auf Radwegen. Woher soll ich sonst wissen, ob ich schon drüber bin? Woher vor allem aber soll ein heranfliegender Wassertropfen wissen, ob er auf diese oder jene Seite fallen soll, ob er also ins Schwarze Meer oder in die Nordsee wandern wird? Im Ernst: ein winziger, zufälliger Windhauch, und dem Tröpfchen wird plötzlich ein gänzlich anderes Leben zuteil als ohne den Hauch. Ist das in unserem Leben nicht auch zuweilen so?
Auf der Wasserscheide also. Ich schwitze beim Hochfahren. Noch mehr aber schwitzen die, welche von der Rothenburger Seite kommen, von dort ist es tatsächlich ein langer steiler Anstieg. Drei Frauen treffe ich oben schweißgebadet, ich überbringe die frohe Botschaft, dass sie es nun gleich geschafft haben. Außerdem erwähne ich die hinweisschildlose Wasserscheide, und siehe da, sie wissen gar nicht, was das ist, ich erkläre, und sie bedanken sich:)

Hinabsausen nach Rothenburg. Immer noch bin ich in der Gegend der rasenden, heulenden, quietschenden Fahrweise, es nervt, echt. Ich werde ein paarmal heftig geschnitten, und wenn man hinter mir zum Überholen wartet, dann erfolgt dieses schließlich mit aufjaulendem Motor. Warum ist das hier so?
Es mag auch an der Enge der Stadt liegen. Der Verkehrsfluss ist nicht gerade günstig geregelt, da muss man sehen, wo man bleibt, vielleicht deswegen. Ich flüchte in die Fußgängerzone, die ist ebenfalls überlaufen, voll und voller, man spricht japanisch und amerikanisch, man posiert und selfiet, och nee, eine solche Stadt ist nicht zum Verweilen gut. Eine Bäckerei, einen normalen Lebensmittelladen suche ich vergebens, die Übertouristisierung stößt mich ab, ich mag weg. Noch schnell einen Blick in die Kirche mit ihrer Atmosphäre, ihrer Kühle werfen. Davor sitzt eine Mutter mit Sohn und Jakobsmuschel. Sie passen erst auf mein Rad auf, und dann reden wir lange. Es finden sich auch in solchen Orten Juwele …

Hinaus aus Rothenburg, hinab zur Tauber, die ich kaum sehe, deren Tal ich diesmal keinen Meter entlangfahre – obwohl mich kurz Anstrengungsprokrastination verlockt: noch ein paar Kilometer tauberabwärts, und dann erst auf die Anhöhe? – ich steige dann doch gleich auf. Etliche Höhenmeter, ich weiß nicht wie viele. Es ist die Höhe, die wir am zweiten Reisetag überwinden mussten, um von der Jagst zur Tauber zu kommen. Von der anderen Seite her ist es nicht weniger hoch. Und steil. Ich schiebe, ich keuche, es ist heiß. Und doch, ich bin irgendwann oben.
Was für ein Land! Was für eine Entdeckung! Ich wusste das nicht, dieses Hohenloher Hochland (oder wie es „richtig“ heißt), das ist eine Traumlandschaft. Verschlafen und verträumt, sanft wellig, immer die Weite in Sicht, Felder und einzelne Bäume, Baumreihen, es wirkt südlich, einige Dörfer sind eingesprengselt. Und kein Mensch dort oben. Doch, eine Handvoll Radelnde. Aber eben: wenige. Hier verlaufen einige überregionale Wege entlang. Der Paneuropäischer Radweg, der Burgenradweg, ein Hohenloher Radweg. Merken zum später ausgiebig befahren, denke ich so.
Und treibe dahin. Es geht auf und ab, ich komme durch Dörfer, dort würde ich gern länger verweilen. Der Geschichte der geschnitzten Fensterrahmen lauschen, die Historie, das Geschehene aus dem Seienden herauslesen, den Altersspuren der Gemäuer beim Weiteraltern zuschauen. Ich bin fasziniert über diese Landschaftsneuentdeckung. Und gar nicht so weit von mir zuhause. Ich ahnte ja nicht.

Ich verbringe Fahrstunden in wirklicher Begeisterung, könnte ewig hier oben bleiben. Aber die Weiterfahrwelt ist von Flüssen durchfurcht, auf einer Hochebene komme ich nicht heim, also Abfahrt. Um ehrlich zu sein: von der Gegenrichtung her möchte ich diese Steigung nicht bewältigen müssen.
Unten. Die Jagst. Unser Flusstal des ersten Tages. Das ist schon fast wie zu Hause. Ich könnte von hier am Wasser entlang heim kommen. Wobei, dies kann man natürlich immer, sobald man nur an einem fließenden Gewässer wohnt und sich an einem anderen befindet. Notfalls über Gibraltar:) Aber hier könnte ich es tatsächlich, immer an Flüssen entlang. Ich bräuchte nur einen Tag mehr. So aber werde ich morgen wieder abkürzen und über eine Anhöhe fahren.
Im Jagsttal, im Tal des Reisebeginns. Ein paar Kilometer brauche ich noch, dann stehe ich an der Ecke, wo wir vor sechs Wochen – ja, genau, morgen vor sechs! Wochen – abgebogen sind nach Norden, um in Richtung Berlin zu fahren.
Kurz vor fünf schließt sich in Dörzbach der Kreis, ich bin einen vollständigen Ring gefahren und muss nun nur noch die Aufhängung dieses Rings ans Zuhause zurückfahren.
Nun geht das mit den Erinnerungen los. An jeder Ecke: Hier haben wir angehalten. Hier haben wir den Mann gefragt. Hier haben wir fotografiert. Es hat sich alles ins Gedächtnis eingebrannt. (Ob das mit allen Reisetagen so ist?)

Krautheim. Zelten unten am Fluss, oder oben in 80 Höhenmetern auf einem Bauernhof. Klar, was näherliegt. Allein, ich finde den Zeltplatz nicht. Kein Zelt zu sehen, und an der angegebenen Adresse ist Ort, Bushaltestelle, Stall und Häuser. Zurück zur Wiese, dort frage ich einen Liegeradfahrer. Ob er auch den Platz suche. Nein, er sei hier aus der Nähe, wisse aber, dass hier gelegentlich Zelte stünden. Aber wenn das nicht möglich sei, er habe sein Auto in [nichtweitvonhier] stehen und könne mich mitnehmen, irgendwohin bringen. Wie nett, ich bedanke mich, meine aber, dass ich schon noch einen Weg finde. Und tatsächlich. Der Zeltwirt lässt sich im Dorf auftreiben. Alles, alles hier könne ich benutzen. Die gesamte Wiese, unten am Fluss auch, bis dahinten, fast bis zum nächsten Dorf, ich solle mir aussuchen.
Gar nicht so einfach. Ich entscheide letztlich nach dem Ort mit dem lautesten Flussrauschen, mit Wasserzugang. Auch wenn ich es am Abend nicht mehr schaffe zu baden, es wird bald dunkel, ich koche noch gerade bei Tageslicht, bin ich hier wunderbar gelandet. Ganz allein in einer riesigen abendroten, später dunklen Welt.
Ich gebe aber zu, als es dunkler wird, werden mir die Geräusche unheimlich. Ich bin ja wirklich weit weg von allen anderen Menschen, bin ganz allein. Aber. Ein Drangewöhnen wird ja wohl machbar sein. Wenn ich nur auf den Mond schaue, und das tue ich den Abend lang, dann fühle ich mich schon weniger allein und weniger ängstlich. Also.

 

Breitenfurt – Geslau (#3wegsam34)

Wie die einzelnen Tage so unterschiedlich sein können, fällt mir als erstes ein, als ich von diesem erzählen möchte. So anders, so grundverschieden zum vorherigen und zu allen der letzten Woche. Wie im Leben, denke ich gleich dazu, wie sich die einzelnen Tage des Alltags ja auch unterscheiden.
Das so andere, was diesen Tag von allen vorhergehenden unterscheidet, ist ein Gefühl des Befreitseins. Ich weiß zunächst gar nicht so recht wovon, spüre nur vom frühen Morgen an ein inneres Fliegen, das abgeschüttelt hat, was in den letzten Tagen für Bodenhaftung gesorgt hat. Nun, das klingt vielleicht zu gewaltig, gemeint ist Fliegen versus Bodenhaftung nur in einer sehr sanften, fast unmerklichen Form.
Die Gedanken an die bisherigen Abschnitte, an die noch vor mir liegende Strecke sind weg. Auch der leichte Selbstvorwurf, dass ich hier durch dieses Altmühltal rase, fast ohne nach rechts und links zu schauen. Das Planenmüssen oder -wollen, ob ich denn bis Samstag zu Hause sein kann, hat sich aufgelöst. Und der Groll über die entgegenkommenden Radler, ich kann sie heute gut ignorieren. Auch die Ohrwürmer, die sich in mir singen, was ja eigentlich gut ist, die aber mit dem Treten automatisch immer zum Marsch geraten, auch die werden stiller, weniger leierkastenhaft. Ganz schön viel los gewesen in meinem Kopf in den letzten Tagen. Heute nun fahre ich ein wenig, als wenn es ein erster Tourtag einer ersten Radtour meines Lebens wäre, einer ziellosen noch dazu, so vielleicht kann ich es am besten zusammenfassen.

Urlaub hin oder her, ich wache um fünf Uhr auf, wie so oft in den letzten Tagen, ich bin rundum ausgeschlafen. So soll es zu Ferienende sein. Ich wache also früh auf, lese und schreibe eine Stunde vor mich hin, fühle mich dann aber aufstehenwollend. Der Zeltplatz ist so leise, dass ich mich mit dem Packen und Anziehen fast als Lärmstifterin fühle. Mir fällt in dieser absoluten Stille auf, wieviel von meinem Zeugs ich in knisternden Plastiktüten verpackt habe. Interessant. Ich gebe mir beste Mühe, trotzdem geräuscharm zu bleiben. Und mache mich für meine Verhältnisse außerordentlich früh auf den Weg, es ist kaum acht.

Hach, wie wundervoll, an diesem nebligen Morgen so früh auf dem Weg zu sein. Er ist morgendunstverhangen, still, leer, ich bin allein, die felsige Talwelt bettet mich in ihren Zauber. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dies eine meiner eindrücklichsten Reisestunden war. Vielleicht schafft diese auch die Ruhe in meinem Kopf. Und vielleicht sollte ich öfter so früh aufbrechen.

Pappenheim, die Stadt zur Redewendung, ich hatte ja keine Ahnung, dass es diese gibt und was es damit auf sich hat. Nun weiß ich ein wenig mehr. Es gelingt mir allerdings nicht, mich auf den Markt zu setzen und meine Pappenheimer zu beobachten, es sind einfach noch keine Leute auf der Straße:)
Kurz danach hört das starke Mäandern des Wegs, bei dem ich nie wusste, ob ich nicht aus Versehen die Richtung umgekehrt habe, auf. Das schmale Tal ist zu Ende, die Altmühl fließt nun unscheinbar in einer weiten Ebene. Welch plötzlicher Wechsel des Bildes um mich.
Mich erfreut der, ich mag Ebenen und ihre Weite. Es sieht zwar nicht aus wie rund um Berlin, aber es ist eine verwandte Landschaftsform, deswegen vielleicht. Es fliegt sich so dahin. Von hier ab, übrigens, scheint der Radweg weniger frequentiert. Vielleicht weil er nicht mehr so spektakulär ist, nicht mehr so einzigartig? Dabei finde ich es großartig, mich auf kleinen Sträßlein durch die Dörfer treiben zu lassen.

Kurz vor dem Altmühlsee kaufe ich ein und setze mich zum Mittagspicknick an den See. Es ist heiß, unglaublich, dieser September. Der See ist trotzdem nicht überfüllt, jedenfalls nicht in meiner Pausenbucht. Mag sein, ich habe inzwischen ein gutes Gespür für einsame Plätze.
Das Tal bleibt flach und weit, kaum kann man es noch als Tal bezeichnen. Eine ganze Weile fahre ich noch. Die Gedanken schweifen immer mal wieder in den vor mir liegenden Schulbeginn, zu den Kindern und ihren Plänen, in meine bevorstehende Ankunft, und zurück in viele Szenen dieser Reise. Locker springen sie hin und her, um dann wieder abrupt abzubrechen, weil eine Naturszene fesselt, ein Blick gefangennimmt. Ich liebe es, Rad zu fahren, sagte ich das schon;-)?
(Einer der Gedanken geht auch in den Kalender. Dass der 3. Oktober auf einen Montag fällt. Dass ich freitags um 11 Uhr Schulschluss habe. Wohin ich von zu Hause aus in dreieinhalb Tagen fahren könnte. Und überhaupt: Ob in unseren späten Herbstferien dieses Jahr wieder so radelgeeignetes Wetter sein wird wie letztes Jahr? Da bin ich noch gar nicht angekommen, und dann macht mein Kopf sowas. Verrückt …)

Abends lande ich in einer zeltplatzarmen Gegend, ich habe keine Wahl, es gibt nur den einen, hier in Geslau. Seit dem Altmühlsee habe ich jedenfalls nichts anderes gefunden. Wieder werden es über hundert Kilometer und nach sechs Uhr, als ich ankomme. Heute hätte ich gern früher aufgehört, naja, ging eben nicht. Ich bin müde, es ist den ganzen Tag heiß gewesen.
In Leutershausen, kurz vor dem Ziel, möchte ich mir ein Eis gönnen, finde aber keines, ich mag auch nicht mehr suchen. Dafür gibt es jede Menge quietschender Reifen, trainiert man hier für eine Rallye oder was, ich erschrecke mehrmals heftig. Selbst Radler überholen im Abstand von 37 Zentimetern, offenbar macht man das hier so.
Unmerklich ist aus der Ebene eine hügelige Welt geworden, die Wasserscheide naht. Hier in Geslau muss sie ganz nah sein, denn es sind noch zwei Handvoll Kilometer nach Rothenburg am Tauber, dort ist Nordseewasser. Ob ich schon drüber bin?

Der vorletzte Zeltabend also. Ein großer Zeltplatz, nicht so still wie die vergangenen, aber ich setze meine grüne Hütte direkt ans Seeufer, mit Öffnung zum Wasser, dann sehe ich die vielen Wohnwagen nicht. Und auch laut ist es nicht, ich bin weit genug von allen anderen entfernt, es ist ja doch schon Nachsaison und leer.
Der Blick auf die Karte zeigt, dass ich die nächste Nacht auf unserer Strecke des ersten oder zweiten Tages verbringen werde. Es fühlt sich gut an, stimmig. So wird mein letzter Reisetag nahezu dem ersten entsprechen, in umgekehrter Richtung. Ich bin vorfreudig gespannt auf dieses Dejavu.
Und das Ankommen im Haus stelle ich mir schön vor. Möchte ich doch für die erste Nacht mein Zelt im Garten aufstellen. Als sanften Übergang …

Kelheim – Breitenfurt (#3wegsam33)

Alles ändert sich so plötzlich. Das fängt schon mit dem Foto an. Ich meine, mein letztes Donaubild aufzunehmen, um mich zu verabschieden. Da entdecke ich auf dem Stadtplan von Kelheim, dass der Fluss neben mir unbemerkt zur Altmühl geworden war. Na gut.
Das Tal, des neuen Flusses Tal, wird enger und felsiger. Der Fluss wird schmaler und sanfter. Der Weg wird schottrig und direkter am Fluss verlaufend.
Alles gut. Aber. Es gibt ein Aber. Es wird nämlich nicht leerer auf dem Weg, im Gegenteil. Jetzt fängt die Radreisendenfülle erst richtig an. Ich hatte wohl zuviel Hoffnung in das stille Tal gesetzt, muss erst ein paarmal durchatmen, bevor ich mich daran gewöhne: Hier ist es richtig voll. Auch in meine Richtung.

Nun gut, so ist das eben. Ich blicke den Menschen, die mir in Scharen entgegenkommen, ins Gesicht. Manche schauen wenigstens zurück, einige wenige grüßen. Und ich sehe: Sie sind fast durchgängig älter als ich, ein bisschen älter bis sehr viel älter. (Erst am Nachmittag begegnet mir das erste Kind. Es bleibt fast das Einzige.) Die E-Bike-Dichte ist groß. Die Quote derjenigen, die in Rudeln fahren, auch.
Wie abfällig das klingt: Rudel. Und überhaupt, diese Einlassungen über E-Bikes. Ich überlege hin und her, was mich daran eigentlich irritiert, ja, stört.
Es ist ja nicht so, wirklich nicht, dass ich mich störe, wenn Menschen, egal welchen Alters, egal welcher Radvorerfahrung, welcher Kondition auf diese Weise reisen. Im Gegenteil. Das Meditative, das Spirituelle des Unterwegsseins in einem Tal wie diesem, das einen zu pausenlosem Staunen bewegt, das wünsche ich einem jeden Menschen. Ich freue mich mit, wenn jemandem diese Erfahrung zuteil werden darf.
Aber. Viele der mir entgegenkommenden sehen gar nicht zufrieden aus. (Wobei: sehe ich zufrieden aus, wenn ich fahre?) Da sieht man in manchen Gruppen, in manchen Paaren die Spannung förmlich auf die Gesichter gemalt. Was hat sie hierhergeführt? Na gut, das ist ihre Sache.
Aber. Ich bin auch noch da. Ich, und andere Alleinreisende. Oder eben Stillreisende, nicht in Rudeln unterwegs seiende. Ich möchte nicht abgedrängt werden vom Weg, weil sie mir zu zwölft entgegenkommen. Ich möchte am Pausenplatz mein Fahrrad nicht zugestellt bekommen von zehn anderen Rädern. Ich möchte nicht kurz vor einer Bank von einer Gruppe überholt werden, so dass mir Bank und Pausenbucht vor der Nase weggeschnappt werden. Ich möchte nicht durch lautes Schreien von einer Karte verdrängt werden, die ich gerade betrachte. Ich möchte nicht, dass ich irgendwo still sitze und plötzlich umringt bin von einer lustig-grölenden Truppe, die so tut, als wäre ich da nicht.
All das ist mir auf der gesamten Reise nie passiert. Heute habe ich es in wenigen Viertelstunden erlebt. Alles. Dicht nacheinander. Es waren immer andere Gruppen.
Rudel also. Und ich war die Außenstehende. Mensch mensch. Ich fühle mich erinnert an das Leben im Allgemeinen: Wie oft drängen Gruppen Einzelne an den Rand. Wie oft werden Andersseiende nicht in ihren Bedürfnissen wahrgenommen und respektiert. Wie oft wird über das stille Sein von stillen Menschen hinweggeplärrt.
Nun also auch hier auf dem Radweg. Bisher erlebte ich Radfahrbegegnungen als solidarisch, zugewandt, offen und interessiert. Heute mache ich eine gegenteilige Erfahrung.
Warum ist es hier so anders? Vielleicht, weil gerade hierher – ein so liebliches Tal, eine so anziehende Landschaft – Menschen gelockt werden, die sich diese Form des Reisens doch nicht von ganz allein ausgewählt haben? Im Laufe des Tages entdecke ich an vielen Rädern spezielle blaue oder grüne Radtaschen, die Aufschriften kann ich nicht lesen. Sie scheinen von einem Reiseveranstalter zu kommen, sind zu klein für Tagesgepäck. Vermutlich also handelt es sich um organisierte Touren, wo einem das „echte“ Gepäck von A nach B gebracht wird und man dann quasi unbelastet die Strecke fährt. Ich habe ja gar nichts gegen diese Form des Radwanderns. Nur bitte: Trampelt hier auf den Wegen nicht alles kaputt. Bitte. Danke.

So. Das musste ich mir von der Seele schreiben. Es hat mich den Tag über arg bewegt. Bin ich doch pausenlos damit in Kontakt gekommen.
Aber auch, denn ich kann mein Auge ja zweiteilen, mit dem atemberaubenden Altmühltal. Vom felsig Engen geht es in immer mehr sich öffnende Weite über. Natürlich ist es manchmal zu weit, so dass neben Straße, Bahn und Ortschaften auch das eine oder andere Gewerbegebiet seinen Platz findet. Keine Idylle pur eben, muss ja auch nicht. Später wandelt sich die Art der einrahmenden Felsen. Es wirkt zuweilen sehr südlich, wie eine trockene Vegetation an kargen Felsen in der Sonne steht. Andernorts fühle ich mich schon fast wie zu Hause, so ähnlich wie im Kocher- oder Jagsttal schaut es aus, und dort bin ich schon wirklich fast heimisch.
Orte sehe ich nicht viele, genaugenommen fliehe ich sie. Nicht auch dort noch einer Touristenfülle begegnen. Vor allem Eichstätt bleibt mir unsichtbar hinter den Fassaden, den Bauten von touristischem Interesse. Ein fast schon steriles Zentrum, ich finde wohl den Zugang zu diesem Ort im Moment nicht.

Was ich aber finde, nach jeder Menge abschreckender Zeltplätze, auf denen ich um nichts in der Welt bleiben möchte, das ist ein guter Ort zum Bleiben. Ein kleiner stiller familiengeführter Zeltplatz, auf dem sich nur stille Menschen versammelt haben. Glückstreffer, wieder mal.
Hier ist gut ankommen, kochen, Bier trinken, am Fluss sitzen, der hier so still wie ein See ist. Mein drittletzter Zeltabend, übrigens. Vermutlich. Ich bin traurig.
Und: Es ist Schnapszahltag. Radltag 33. Ein wenig mehr als 111,11 km heute zurückgelegt. Und in der Summe die 2222,22 km überschritten, kurz vor der Ankunft. Schnapszahltag ohne Schnaps. Aber mit Sitzen unter Sternenhimmel. Das ist fast noch besser.

Waltendorf – Kelheim (#3wegsam32)

Ein Donauradwegtag, von morgens bis abends. Der wievielte Fluss dieser Reise mag das sein? Ich habe aufgehört zu zählen. Viele habe ich nur kurz gestreift, manche länger begleitet. Keiner von ihnen hat in so kurzer Zeit so viel Veränderung durchgemacht. (Oder aber: an keinem von ihnen bin ich so schnell entlanggefahren?)
Gestern und heute morgen noch erlebte ich ein breites behäbiges Etwas, sich durch ein weites Tal ziehend, dessen haltgebende Berge erst in einiger Entfernung aufscheinen, und dachte bei mir, wie ähnlich sich doch all diese weiten Flusstäler sind. Zum Verwechseln.
Doch flussaufwärts wandelt sich das. Es wird enger, Felsen ragen ins Bild, der Fluss windet sich, hat sich in Schleifen durchs Land gearbeitet, hält sich durch helle Felsen in Form und gibt sich auf der gegenüberliegenden Seite mit kleinen Steinstränden sehr zugänglich. Seine Altarme, so nennt man das wohl – das Pendant „Altdonau“ zu Altrhein habe ich nicht gefunden – sind zugewuchert mit Baumurwüchsigkeit, ich möchte immerfort in dieser Wildnis stehenbleiben, sitzenbleiben, mich hinlegen und durch die Zweige nach oben schauen. Ab und zu tue ich das. Der Fluss hat mich. Schade, dass ich ihn morgen schon wieder verlassen werde. Eine Donaufahrt für die Zukunft anvisieren, das steht nun auf meiner Liste.

Allerdings: Der Donauradweg ist voll. In meine Richtung geht es noch. Genau genommen bin ich von keinem einzigen Packtaschenradelnden überholt worden noch habe ich selbst welche überholt, das heißt, ich habe schlicht keine getroffen. Entgegen kommen sie mir dagegen im Minutentakt. Das stört mich überhaupt nicht, allerdings würde ich ungern auch in diese volle Richtung fahren. Wie anstrengend das ist, weil man nie sein eigenes Tempo finden kann, wenn man ständig mit Überholen oder Überholtwerden beschäftigt ist, dabei kann ich meine eigene Fahrruhe einfach nicht finden.
Jedenfalls: ich finde es voll. Wenn ich dann noch höre, am Abend von der Zeltplatzwirtin nämlich, dass es jetzt schon abgeflaut sei, dass hier seit dem Wochenende nichts mehr los sei, im Vergleich zu den Wochen vorher, als die anderen Bundesländer noch Ferien hatten, dann wird mir doch ein wenig unheimlich mit diesem Weg. Vielleicht bei künftigen Reisen doch lieber auf unscheinbare Nebenwege ausweichen.
So wie ich es heute ein Stück weit tue, aus Lust und Laune. Auf unbelebten Nebenstraßen durch einsame Dörfer, voll mit kleinen Kirchlein, die genauso aussehen, wie man sich kleine Kirchlein in Bayern vorstellt. Das sind die Wege, auf denen man das Leben beobachten kann. Die ausgebauten Radstrecken führen an diesem oft vorbei. Also im Sinne: sie fähren daran eben nicht vorbei.
Ebenso ist es auch mit Einkaufsmöglichkeiten. Vielleicht soll man sich von den Schönheiten der Natur nähren. Oder aber einkehren, die Anzahl der Biergärten am Wegesrand ist quasitschechisch. Und doch. Mein Essen ist alle, ich greife das „Notbrot“ an, meine Essenstasche scheppert vor Leere, ich suche und frage letztlich in Bad Abbach. Oben auf dem Berg seien die Supermärkte, mehr gäbe es hier nicht. Die kleinen Läden haben alle zugemacht. Das sieht man dem Ort an, leerstehende Tristesse. – Oben also dann. Vor dem Markt sitzen noch andere erschöpfte Radler, alle wohl in der gleichen Situation wie ich. Ich kaufe gleich mal größere Mengen ein, der Hunger ist ein schlechter Einkaufsberater. Der Lowrider und das Vorderrad überleben es trotzdem:)

Die beiden größeren Städte auf dem Weg durchfahre ich nur kurz. In Straubing trinke ich auf dem Markt einen Kaffee, esse etwas vom Bäcker, weil meine Frühstückstasche nur noch ein trockenes Hörnchen hergegeben hatte – die Einkaufssituation war am Vortag schon nicht besser. In Regensburg hole ich die bestellte Radkarte ab, schiebe ein wenig durch die Stadt, in ein paar Erinnerungen findend, und fahre dann gleich weiter.
Städte taugen nicht für Radtouren. Beziehungsweise meine Radtouren taugen nicht für Städte. Ich bräuchte viel mehr Zeit, um eine Stadt wirklich zu besuchen, das will ich aber hier gar nicht. Die kleinen Ortschaften mit ihrer Atmosphäre öffnen sich mir viel mehr, ich finde mehr Zugang.
In Städten kann ich in der Kürze der Zeit höchstens Erinnerungen wachrufen, oder aber – bei mir unbekannten Städten – eine kurze Weile durch die Straßen spazieren und mich in ein Straßencafé setzen, um die Atmosphäre aufzunehmen. Aus dem Bauch heraus weiß ich dann meist, ob ich mit dieser Stadt warm werden kann oder nicht. Im ersteren Fall weiß ich, dass ich wiederkommen möchte, irgendwann, aber dann vermutlich nicht mit dem Rad. Im zweiten Fall kann ich mich ja getäuscht haben und trotzdem irgendwann wiederkommen.

Eine gut frequentierte Radstrecke also. Umso erstaunlicher, dass es hier Menschen gibt, die zwar Tag für Tag, Jahr für Jahr tausende Radfahrende vorbeizischen sehen, sich aber immer noch für das Woher und Wohin und das Drumherum interessieren. Heute werde ich einige Male angesprochen. Wie kann das noch interessant sein, was wir Vorbeiziehenden zuhauf mit uns führen? Und doch, ich staune. Und ich bekomme Tipps, Empfehlungen für meine Weiterreise. Und eigene Geschichten erzählt. Die Frau, die mit ihren Kindern ähnlich radreist wie ich, die hat mich einfach auf dem Parkplatz angesprochen. Der Mann, der mir die Burg zeigt, da müsse ich hinauf (nächstes Mal, bestimmt), und dann erzählt, dass er im Leben nur eine einzige Radreise gemacht hat, als junger Mann. Zum Nordkapp und zurück. Mit einer 3-Gang-Nabenschaltung, die man damals noch selbst auseinandernehmen und pflegen konnte, die gute alte Technik. Das Paar im Café, das mit mir über Bayern und Baden-Württemberg spricht, über das Verwandte und das Trennende, über die Grenzen, die wir haben und die wir machen, all das. So viele kurze Gespräche. Ich scheine heute wohl offen dafür gewesen zu sein.

Ja, doch, ich bin offen. Wieder geöffnet für das Michfortbewegen. Vielleicht ist es das Morgenlicht, das mich erst um die Zeltecke, später auf dem morgendämmernden Flussdeich hineinzieht in eine verzauberte Neugierde, wie die Dinge jetzt und später und hinter der nächsten Windung wohl aussehen werden. Ich schaue wieder hin, besänftigt nach dem gestrigen Tag, in eine Selbstverständlichkeit hineinfindend, wie sie mir viele der vergangenen Reisetage geschenkt worden ist..
Dabei nehme ich im Innern schon Abschied, es ist ja nicht mehr weit bis nach Hause. Als ich etwa durch den kleinen Ort Bach an der Donau fahre, da beginnt in mir Bach zu singen, und mir scheint, ich will nun doch lieber am Samstag heimkehren, weil ich dann am Sonntag noch Zeit für das Klavier hätte. Überhaupt freue ich mich auf den Moment, da ich der Route vom ersten Reisetag begegnen werde. Da es sich nach den tschechischen Bergetappen auf brettlebener Strecke wie mit einem E-Bike fährt, so ganz von allein, bin ich schnell. Schnell genug, um die nördlichere Route zu fahren, über Altmühl und Jagst. So werde ich die letzten 100 Kilometer im Dejavu-Zustand sein. Gut, zum Abschiednehmen.

Passau – Waltendorf (#3wegsam31)

Was mir dieser Tag sagen wollte? Ich weiß es noch nicht. Ich weiß nur, dass man nie genug an (Reise)Gelassenheit haben kann. Und dass ich heute jedenfalls ungewohnt wenig davon hatte. So wenig, dass ich den Tag im Grunde im Zustand des Kampfes zugebracht habe. Gegen den Wind, gegen den Regen, gegen die klebrig-matschigen Wege, gegen die Autos, gegen die Uhr – im Zusammenhang mit den nicht am Wegrand liegenden Zeltplätzen. Und gegen mein besseres Wissen. Dass ich immer irgendwo ankomme. Dass ich jederzeit einfach aufhören kann. Dass ich immer wieder trocknen werde. Dass sich ein Bett finden wird. Und doch.

Schon von Passau komme ich nicht weg. Das hat gute Gründe, ich schwätze lange mit einem Berliner Radler, der die Donau bis zum Schwarzen Meer, jedenfalls bis November radeln will. In der Stadt suche ich eine Radkarte, die ich zu Hause vergessen habe, bekomme sie in der Buchhandlung nicht, aber dafür – sehr nett – rufen sie für mich in Regensburg an und organisieren, dass ich mir sie morgen dort abholen kann. Die Stadt, überhaupt, ich war ja noch nie hier, die will ich nicht ohne Hindurchspazieren links liegen lassen. Im faszinierenden Gewitterlicht liegen die Türme vor mir, und das Dreiflüsse-Eck. Alles aber verdeckt von einer Flotte an Flusskreuzfahrtschiffen, ich erschrecke über diese Ansammlung, was machen die alle hier, so gleichzeitig, und wo sind die zugehörigen Menschen, hoffentlich trifft man die nicht alle in den Gassen.

Jedenfalls bin ich lange nicht auf dem Weg. Als ich es dann bin, windet es, und wie. Genau mir entgegen. Beim Überqueren der Sperrstufe kurz vor Passau bläst es mich fast von der Brücke. Mir kommen spontane Erinnerungen ans Eidersperrwerk, das liegt an der Nordsee. Mich als (mittlerweile) Süddeutsche erschrecken diese Windstärken. Kurz darauf kommt Regen hinzu, ebenso heftig. Ich flüchte in eine Bushaltestelle, sitze neben einer Spinne und schätze, dass der Winkel des vorbeifliegenden Regens etwa 30° beträgt. Zur Senkrechten, immerhin, nicht zur Waagerechten.
Gegenwind und mich anpeitschender Regen werden zum Thema des Tages. Letzterer ist immerhin von Wolkenlöchern unterbrochen, von Kurzzeitsonne gar, das ewige Spiel Regenjacke-an-Regenjacke-aus, später ergänzt durch das Gleiche mit der Regenhose.
Die Wege werden regelmäßig gut durchfeuchtet. Die Sand-Schotter-Wege, viele Kilometer lang. Ein Untergrund, als würde ich in Leim fahren. So einer meiner wiederkehrenden Träume, ich laufe und laufe und komme doch nicht vom Fleck, hier wird dieser Traum zur Wirklichkeit. Und wo der Weg nicht klebt, da ist er – Deichmaterial soll ja grundsätzlich nicht wasseraufsaugend sein, das verstehe ich – pfützendurchzogen. Tiefe Pfützen, Matschepfützen, in denen Ausrutschen droht, in denen man nur die Wahl hat, rechts oder links vom Deich hinabzuschlittern, oder aber doch mitten hindurch: meine Hosen sprechen Bände über die Anzahl der durchstobenen Pfützen.

Wenn ich all das jetzt schreibe und selbst lese, denke ich, wie harmlos, wie wenig es eigentlich war, was mich da in meinen Groll geworfen hat. Gab es doch immer wieder eine Brücke zum Unterstellen, hatte ich doch Regensachen und jede Option, mich in ein warmes Café zu setzen – tat ich auch zwischendurch -, hätte ich doch viel eher schon mein Zelt aufschlagen können. Und trotzdem war ich nicht gut in mir und bei mir.
Jeden erneut einsetzenden Regen begleitete ich mit innerem und äußerem Och-nö, und als mich irgendwo ein aggressives Auto ausbremste, entlud sich mein Groll in ein lautes Schimpfen, so kenne ich mich nicht.

Nun, und jetzt? Jetzt sitze ich da, im immer noch von außen beregneten Zelt, von lärmendem Windtosen begleitet, das von keiner meiner Wetterapps angezeigt wird, und sinne nach. Warum es mich heute tagsüber so aus der Fassung geworfen hat. Warum in mir nicht überwiegen konnte, was von außen sonst noch auf mich zukam.
Das Licht vor allem, immer wieder das Licht. Solches Wechselwetter, das bietet ja die faszinierendsten Lichtspiele. Beleuchteter Vordergrund vor dunkler Himmelskulisse. Dunkel-hellgraue Himmelsgemälde, durch die ab und zu ein Sonnenstreif fällt. Blaues Licht aus einzelnen Himmelslöchern. So vieles.
Der behäbige Fluss mit seinen Uferstillleben von so verschiedenem Charakter. Die vom Wasser ausgestrahlte Ruhe, wenn der Weg nicht gerade von einer Straße überdröhnt wird.
Mein Ankommen. Bei dem ich immerhin gelassen genug bin, zwei sehr unkuschelige Zeltplätze am Wegesrand liegen zu lassen, weil ich eben, was die Schlafstätten angeht, inzwischen von stillen Orten verwöhnt und daher wählerisch bin. So dass ich in einem einsamen Dorf lande, in dem man neben einem Gasthof zelten darf. Ich bin die einzige, die heute auf diese Idee gekommen ist, und die Wirtsleute sind gleichmal nicht da. Montag Ruhetag. Trotzdem baue ich auf, die Regenlücke ist günstig, und ich möchte noch vor dem Dunkelwerden kochen, Tee und Nudeln, Wasser habe ich genug. (Grog wär jetzt nicht schlecht. Nachdem ich die Idee von noch zu erfindendem Instantbier und Instantwein gleich wieder verworfen habe.) Irgendwann kommt auch der Sohn des Wirtes, hoch leben Mobiltelefone, und bringt mir den Schlüssel zum Duschraum. Alles gut also. Der Raum könnte zur Not als Unterschlupf für ein nächtliches Gewitter dienen, so riesig ist er. Warm noch dazu, ich lasse gleich mein Handtuch darinnen, zum Trocknen.

Nun also, am Abend ist alles gut. Und was mir der Tag sonst noch gebracht hat, ganz tief im Innern, daran gilt es weiterzuarbeiten.

Volary – Passau (#3wegsam30)

Der dreißigste Tag, den ich auf dem Fahrrad verbringe. Das ist viel. Das ist mehr, als ich jemals im Leben hatte, mehr als ich mir vorstellen konnte. Auch mehr, als ich gebraucht hätte? Was heißt schon brauchen, natürlich. Aber ich spüre eine Müdigkeit. Es ist viel, jeden Tag Neues zu erleben. Neue Orte, neue Straßen, neues Wetter, neue Berge, neue Pflanzen, neue Holzstapel am Wegesrand, neue Formen der Stille, neue Begegnungen mit mir selbst. In diesem Nur-Radfahren-und-Treten liegt eine Intensität, das hätte ich vorher nicht geglaubt.
Fast, oder nein: wohl nicht nur fast, oder doch fast? – jedenfalls: ich sehne mich nach der Routine des bevorstehenden Schuljahresanfangs. Zwar werde ich – mal wieder – 120 neue Schülerinnen und Schüler bekommen, zwar wird es in neuen Teams und neuen Konstellationen wieder anders sein als jedes Mal bisher, aber doch. Routine. Alltag. Ohne diese Fülle an immer wieder Neuem.

Das überrascht mich, schien mir doch bisher, ich könne nicht sattwerden von diesem hier. Anscheinend kann ich doch. Nicht vom Leben im Zelt, nicht vom einfach-bescheidenen Essen, nicht vom täglichen An- und Abreisen mit all dem Packen, das ist mittlerweile ebenfalls schon eine heimatgebende Routine geworden. Satt bin ich von Eindrücken am Wegesrand. Vielleicht wäre es anders in weitläufigeren Landschaften wie Sibirien, der Sahara oder auch Nordschweden, wo man nur alle 50 bis 500 Kilometer auf eine Ortschaft trifft, wo sich nicht in jedem Tal der Charakter von Dörfern und Menschen ändert, wo nicht eine Landschaft der anderen die Klinke in die Hand gibt, so dass keine zwei Tage auch nur Ähnliches bereithalten. Vielleicht.
Meine bisherigen Reisewelten jedenfalls – das heimische Hügelland, die fränkischen Flüsse, das Thüringische südlich und nördlich des Rennsteigs, die allmähliche Flachlandigkeit Sachsen-Anhalts, der Fläming, die Verdichtung auf Berlin zu, die Großstadt selbst, die Seen um sie herum, der Spreewald, die Braunkohlewiederaufforstungswälder, die Hügelwelt vor Dresden, die Elbe, erst das deutsche Ende, dann die tschechische, die Moldau mit Pragtrubel und späteren Schluchtenwegen, die böhmische Bergabgeschiedenheit, die Seenlandschaft um Trebon, Tschechisch-Kanada genannt, der Anstieg in den Böhmerwald mit dem breiten Lipno-See, der von der Natur her unmerkliche Übergang in den Bayerischen Wald mit seinen plötzlich so anderen Dörfern und Menschen, und nun also die Donau, hier ab Passau aufwärts – die haben mich gesättigt.
Ich merke das beim Fahren: ich schaue weniger hin. Will und kann gar nicht mehr jeden Lufthauch, jede Pflanze, jede Farbe, jede Ahnung wahrnehmen. Es fliegt an mir vorbei, denke ich erstmals.

Der Morgen mit meinem inneren Abschied vom stillsten aller stillen Zeltplätze zunächst, dann vom Land und seinen sonntagfeiernden Menschen, eine letzte (und fast die einzige) Einkehr an der Grenze, für einen „Abschiedskaffee“, der in meinem Fall (mangels Malinovka) aus Kofola und Palatschinken besteht.
Da bin ich schon in mich gekehrt. An den Nachbartischen spricht man deutsch, ich schalte ab. Keinen Kilometer entfernt ist der Fußgänger-Grenzübergang, unspektakulär, eine winzige Brücke mit ein paar Schildern, dahinter stehen reihenweise deutsche Autos. Tagesausflügler, auch in die Gastronomie, das hätte ich mir denken können. Dort wo gefragt wird „zahlen Sie in Kronen oder Euro“, dort sollte man nicht einkehren, Anfängerfehler. Aber ich bin in mir versunken, es stört mich nicht weiter. Meine übrigen Kronen haben ja nun ihren Sinn: zum Wiederkommen.

Von jetzt ab heißt es Bayerischer Wald. Die tschechische Eisenbahnlinie endet abrupt, niemand hat sie nach dem Fall der trennenden Grenze wieder zusammengesetzt. Die Linie von Waldkirchen hoch nach Haidmühle existiert nicht mehr. Oder doch – Glück für mich heute – als Radweg. Auf der alten Bahntrasse, das bedeutet für nicht so bergbegeisterte Radfahrerinnen wie mich: konstant flache Steigung, später konstant flaches Gefälle. Keine Zwischenhügel, wie die Landschaft sie en masse aufweist. Die Trasse ist als Schlucht in den Fels geschlagen, als Brücke über Täler geführt, windet sich in Bögen durch die Landschaft und kann, wenn erstmal die Wasserscheide bei Frauenberg (? es war mal wieder kein Schild da) geschafft ist, hinabgerollt werden. Ehrlich: etwas 20 Kilometer hinabrollen, wo kann man das sonst? Und während dieses Rollens eben, da spüre ich, wie ich immer weniger nach rechts und links schaue, wie ich in mich gekehrt bleibe, wie das Außen nicht mehr zu mir dringt. An einem ersten Reisetag hätte ich hier eindrucksgeflutet an jeder Ecke angehalten, mich gesetzt, die Blicke und den Wind und die Weite und die Stille eingeatmet.

Später wird es doch noch hügelig. Von Waldkirchen einfach zur Donau runterfahren, das mag für die B12-Riesenstraße gelten. Im Prinzip geht es nur abwärts. Nach ein paar Kilometern auf dieser aber fliehe ich entsetzt. Die Autodichte ist größer als in Tschechien, fährt schneller und dichter vorbei, hupt (wie lange hatte ich das nicht!) und schreckt mich. Also doch auf Nebensträßlein längs der großen Trasse. Jeden Hügel, der sich am Wegesrand bietet, nimmt diese Nebenroute mit, manchmal haben sie die doch extra noch aufgeschüttet, oder? Ich habe genug von diesem Auf-und-Ab. Aber es ist absehbar, nach einer letzten steilen Abfahrt stehe ich plötzlich in Passau. Ein kleiner Zeltplatz an der (? dem?) Ilz, das Stadtzentrum sehe ich noch gar nicht, hier bleibe ich. Radfahrercamp, ganz bescheiden, ganz ruhige Menschen, niemand lärmt, alle sitzen vor ihren Zelten und kochen, und es ist viel Platz zum Abseitszelten. Hach.

Ja, es ist viel. Wie werde ich die kommenden Tage erleben? Bis auf die letzten hundert Kilometer sind das alles unbekannte Gegenden für mich. Es wird anders sein als in der ersten Reisephase. Vielleicht ist dies eine weitere Lehre des Reisens: Dass ich für mich sortieren und filtern muss, was ich aufnehme, damit es nicht zu viel wird. Dass ich meine Erlebensdichte selbst steuere, durch Rückzug ins Innere. Dass ich abschalte, wenn es innen überzulaufen droht. All das. Mir scheint, im Alltag kann ich das besser, dort bin ich es gewohnt. Mein Alltag ist ja, wie der vieler Menschen, permanent überflutet und überfordernd. Eigentlich. Darum habe ich lange gelernt, mich auf meine Weise zurückzuziehen, mich nicht der Fülle auszuliefern, wenn diese zur Überfülle wird. Dass mir dies nun auch hier auf Reisen vor Augen geführt wird, das ist unerwartet. Aber gut. Gut zu lernen, welche inneren Schutzräume ich noch so habe. Auch diese kann ich mir ja mit nach Hause bringen, zur „Weiterverwendung“. Ich bin gespannt.

Zlata Koruna – Volary (#3wegsam29)

Ein Tag zum Bersten voll, ich weiß gar nicht, wie das alles hineingepasst hat und wieso sich an einem einzigen Tag so viel Geschehenes ansammeln konnte. Ich weiß nur, dass ich am Abend müde bin, entsprechend und rechtschaffen müde. Und dass ich es genieße, meinen letzten tschechischen Abend auf einem verwilderten, abgelegenen Zeltplatz zu verbringen, auf dem außer Moldaurauschen und ein paar Lagerfeuern nicht viel ist. Doch, das „Bufet“, an dem sich alle sammeln und an dem gesungen wird. Von allen, mit allen. Mit vier Zupfinstrumenten verschiedenster Bauart. So höre und sehe ich es schon aus der Ferne, als ich noch am Zelt sitze und mein Abendessen koche.

Mein letzter Abend in diesem Land. Ich fahre morgen mit zwei weinenden Augen über die Grenze. Und komme wieder, ganz bestimmt.
Mir hat sich dieses Land und seine Menschen von einer sehr wohltuenden Seite gezeigt. Mal abgesehen von Prag und heute noch von Cesky Krumlov, ähnlich touristisch überrannt, habe ich viel Stille und Innerlichkeit erlebt. Ja, wirklich, die Menschen scheinen mir stiller, leiser, bescheidener durchs Leben zu gehen als ich es von unserer Öffentlichkeit gewohnt bin. Das ist nur meine Sicht und der Blick von außen, aber immerhin habe ich ja nun zwei Wochen lang täglich verschiedenste Menschen gesehen, beobachtet, in kleinen Begegnungen erlebt … und mich bei allem sehr sehr wohl gefühlt.
Unabhängig von der fehlenden Sprache begegneten mir von überall her Lächeln, viel Offenheit und eine stille Lebensfreude, deren angenehme zweite Seite ich als eine Art In-sich-Gekehrtheit, eine Versunkenheit wahrgenommen habe. Und als eine tiefe Liebe zur Natur. Ja, doch, in diesem Land mit seinen Menschen, seinen Wäldern und seinen Wegen fühlte ich mich geborgen. Wie gesagt: ich werde wieder herkommen, unbedingt.

Heute nun mein letzter hiesiger Reisetag, in einem Feuerwerk an Natur, wie man es sich eindrücklicher kaum vorstellen kann.
Ein früher Start am Morgen bringt mich schon in der mildwarmen Morgensonne am Kloster vorbei auf erste Hügel, von denen aus ich das Moldautal erahne und die fernen Berge mit einem leichten Schauder wahrnehme: heute arbeite ich mich hoch, morgen hinüber, und übermorgen bleibt mir wohl immer noch ein Rest davon. Aber wenn ich von der bevorstehenden Anstrengung absehe, liegt vor meinem Auge eine Traumlandschaft.
Vor die ersten wirklichen Anhöhen schiebt sich Cesky Krumlov, eine touristische Hochburg, ich bleibe unten am Fluss, staune, wie viele Touristenbusse schon morgens vor zehn Uhr hier ausgeschüttet wurden und flüchte ganz schnell vor den regenschirmhebenden Stadtführungen.
Weg aus dem Rummel in stille bergige Welten. Hinaufschrauben ins stille Bergland mit Weitblick nach rechts und links, mit einem kleinen Voralpengefühl und der Unheimlichkeit, dass ich hier oben ganz allein bin. (Die Vernunft – was, wenn mir hier etwas passiert? – muss ich ausschalten. Dann geht es mir gut in der Einsamkeit.)
Irgendwann bin ich oben auf der Kuppe, der Blick auf die andere Seite wird frei. Da unten, ganz klein noch, liegt der Lipno-Stausee. Lipno, Zauberwort aus vergangenen Kindheitsurlauben. Ein riesiger See, von oben als winziger weißer Spiegel zu sehen. Zu dem darf ich hinabrauschen.
Am See. Wie ein Meer fast. Na gut, die Bergketten gegenüber sind zu gut sichtbar für ein Meer, trotzdem. Boote, Strände, Wind. Ob ich nicht hier zelten sollte, frage ich mich, es ist schon Nachmittag. Der genauere Blick auf die Zeltplätze lässt mich dagegen entscheiden. Zu voll, zu viel Trubel, zu viele Menschen. Wie überall an Orten mit viel Zauber. Weiter nördlich in der Abgeschiedenheit gibt es weitere Zeltorte.
Am See entlang, immer nordwärts also. Bald wird er schmaler, nur noch eine Schilflandschaft, als hätte man ihm das Wasser abgelassen. Bald ist er wieder zum Flüsschen geworden. Im schrägen Nachmittagslicht rolle ich auf Hügeln längs des Ufers, die Landschaft könnte in Bayern sein. Ist sie ja auch fast. Luftlinie zur Grenze sind es kaum zehn Kilometer.
Dazwischen liegt der Böhmische Nationalpark, für ein paar Kilometer rolle ich durch seine Wälder am Fuß der Berge, ein Ort zum Auftanken.
Und dann bin ich da. Abgelegen, verwildert, verwunschen fast, so kommt mir der kleine Platz am Moldaubach entgegen. Ein Geschenk zum letzten Abend.

Ich bin erschöpft. Ein großer Teil der Strecke ist sehr anstrengend. Immer der Zwiespalt, ob ich lieber die abgelegenen Radwege fahre, unter der Gefahr, dass sie so schottrig daherkommen, dass ich aufwärts wie abwärts schieben muss, dafür aber – den Mehrhöhenmetern gedankt – mich mitten ins Herz der Natur werfen, oder ob ich Teilstücke zur Abwechslung auf der lauten Autostraße zurücklege. Dazwischen pendele ich.
Es ist heiß, meine Beine lassen mich zunehmend die schon bewältigten Höhenmeter spüren. Manche Stellen sind so steil, dass ich schiebe.

Mittags treffe ich drei deutsche Radler, die ebenfalls lange in Tschechien herumgefahren sind und morgen nach Hause wollen. Bei einem Kaffee am See reden wir über das, was wir erlebt haben. Über das, was uns jeweils entgangen ist, fürs nächste Mal:)
Dass sie von hier aus nach Passau runterfahren, sagen sie. Meine Pläne waren eigentlich andere, ich wollte etwas weiter westlich erst auf die Donau treffen. Aber das heutige Hoch-und-Runter-Gekurve lässt mir die Idee, möglichst schnell zum großen Fluss zu kommen, verlockend erscheinen.
Abends dann im Camp, bei einem Gespräch mit Hiesigen, lasse ich mich endgültig darauf ein. Nicht über die Straße, sondern über Waldwege zu einem südlicheren Grenzübergang, von dort auf einer ehemaligen Bahntrasse, ausgebaut als Radweg, nach Südwesten, und dann irgendwie nach Passau runterschlängeln. So werde ich es machen.

Apropos abends im Camp: Nach dem Kochen setze ich mich dazu. Es ist voll unter dem kleinen Dach des „Bufets“, des einzigen Gebäudes hier. Erstaunlich, wie viele Lieder gesungen werden, bei denen alle – alle! – mitsingen, mit Text von mehreren Strophen.
Ich werde angesprochen, von mehreren. Von einigen, die sehr gut deutsch können auch. Wir reden über das hier, das miteinander Singen, über meine Eindrücke vom Land, über ihre Wege in unserem Land, ja, sowieso, über die täglichen Kontakte durch die nahe Grenze.
Dazu fließt viel Bier und Schnaps. Ja, so sagen sie: so sind wir Tschechen, wir freuen uns beim Singen und mit Bier am Leben. In jungen Jahren sei es hier – in der Gegend? im ganzen Land? – üblich, in Pfadfinderlager zu fahren, das gehöre dazu. Deswegen kennen sie alle 300-400 Lieder, auswendig, das sei einfach Teil ihrer Kultur. Ich bin ein bisschen neidisch:)  Und diese musizierenden Männer verbringen immer in den ersten Septembertagen eine Woche hier auf dem Platz, deswegen kämen dann schon die Menschen aus den nahen Dörfern, weil sie um diese Abende wüssten. Einer, ein Lehrer, mit dem ich mich gerade noch unterhalten hab, holt seine Gitarre aus dem Auto, spielt einfach mit. Später sieht es aus, als wirft er weitere 300-400 Lieder in die Runde, und wieder kennen alle die.
Ich bin beschämt, denn ich leugne nicht ab, auch Gitarre zu spielen, aber einfach so ein Lied anzustimmen, etwas Englisches, was sie vielleicht auch kennen, da muss ich passen. Ich kann das einfach nicht. Sie glauben es mir nicht, vermute ich. Aber leider kann ich es wirklich nicht.
Mir bleibt, glücklich in der Runde dabeizusitzen, bis weit nach Mitternacht. Von den reihum ausgegebenen Schnäpsen nehme ich immer nur kleine, halbe. Sonst würde mein Kopf das nicht überleben …
Bestimmt bekräftigt dies ihr Bild von den freudlosen Deutschen. Oder nicht? Habe nur ich dieses Bild? Bei unserem Gespräch über die Sicht auf das je andere Land sagte der eine, man sei ja immer mit dem eigenen Volk etwas zu streng, wenn man es bewertet. Diesen Satz will ich mir mal mitnehmen, wenn ich nun über die Grenze ins eigene Land fahre.