Alltag

Schulsplitter

Wenn es morgens schneefallglatt und kalt zum Brrr-sagen ist und das Auto erst unter seiner weißen Mütze hervorgesucht werden muss, dann ist der Dreiviertelachtschulbeginn noch früher als er eh schon ist.

Zwei Stunden Klassenarbeitsaufsicht sehen nur im Vorfeld wie ein riesiges Zeitfenster aus, in dem die übriggebliebenen Dinge der vergangenen Wochen abgearbeitet werden können. Sitzt man drin, vergehen natürlich nur fünf Minuten. Man schafft quasi nichts weg. Erstaunlich, dass die Schüler in der Zeit trotzdem 300 Blätter vollkritzeln.

Meine Kaffeepads sind aus. Ein echter Notfall. Beeindruckend, wie viele KollegInnen mir umgehend ihre Vorratsdose entgegenstrecken. Und gleich noch fragen, ob ich von ihrem Mittagessen abwill. Mir eilt die Sage hinterher, dass ich meines immer vergesse.

Plötzlich kommt die eigene Tochter ins Sekretariat geschlichen. Ihr Auge tue so weh. Man sieht aber nichts, ich schicke sie zurück in den Unterricht. Rabenmutter, ich.

Sollen Schüler sich selbst einschätzen, gibt es die einen. Die sich überaus kritisch bis zur Selbstverleugnung sehen. Und die anderen. Die gar nicht bemerken, was es eigentlich alles gibt, was man von sich zeigen könnte. Am Ende würden sich alle eine 2 oder eine 3 geben. Oder eine 2-3. Alle. Die einen wie die anderen. Und ich? Fragen sie mich. (Die Sache mit dem Spreu und dem Weizen und wer bin ich eigentlich, dass ich das sortieren soll.)

Wenn das Unterrichten nicht wäre. Heute so. Bloß nicht mich von meiner Planung abbringen, fuchtele ich den Schülern entgegen, innerlich. Meine Flexibilität scheint sich heute Morgen nochmals hingelegt zu haben. Vermutlich ist sie dann wieder eingeschlummert und gar nicht mit in die Schule gekommen. Ich weiß doch auch nicht.

Die Biologiekollegin müht sich den Versuch aus dem Lehrbuch nachzuvollziehen. Sie fragt reihum alle Naturwissenschaftler. Wir kommen kollektiv zu der Meinung, dass das so Quatsch ist und im Leben nicht funktioniert, dass kein Schüler der Welt dadurch auch nur ein Milligramm Verständnis erlangen kann und dass die Lehrbuchverlage sich manchmal ruhig ein bisschen mehr Mühe geben dürften.

All die Dinge hier kommen mir heute vor wie Nichtigkeiten. Ich versuche die Substanz des Tages zu finden. Sie ist weit weg. Oder so unscheinbar, wie die hauchdünne Schicht Schnee auf dem Schulhof. Und doch ist da etwas … der Zauber des gewöhnlichen kleinen Tages.

 12 von 12 im Januar

Das Ende der Weihnachtsferienzeit ist auch das Ende meines Kerzentellers, der mich durch die letzten Wochen begleitet hat. Er leuchtet seiner letzten Stunde entgegen, morgens mit nur noch 4/6, abends mit 2/6 Lichtern, und am nächsten Morgen wird er die Dunkelheit erreicht haben.

12-von-12-im-januar-1

 

Noch nicht ganz am Ende ist dieses packende Buch, ich lese und lese, und vergesse darüber fast die Kinder zu wecken.

12-von-12-im-januar-2

 

Als sie aus dem Haus sind, ist zunächst Tagebuchzeit. Ein Ritual an meinen schulfreien Vormittagen: morgens, wenn die Seele noch wach aus der Nacht, noch unberührt vom Tag und seinen Anforderungen sich selbst in Klarheit gegenübertritt, da schreibt es sich aus mir heraus. Heute ins Cellotagebuch, seit der Stunde am Montag war viel geschehen. Und – wie fast jeden Tag – in mein „Notizbuch der verlorenen Zeit“, in welches ich mittlerweile nicht nur Zeiten, sondern jegliche Verlorenheiten fließen lasse. Beide Büchlein sind mir im Moment wichtige Lebenslehrer.

12-von-12-im-januar-3

 

Irgendwann beginne ich zu arbeiten. Heute ist Telefontag, ich hasse das, sieben Termine mit Menschen an sieben verschiedenen Schulen sind zu vereinbaren. Natürlich ist kaum jemand auf Anhieb zu erreichen – klar, normalerweise steht man ja im Unterricht:) – ich brauche mehrere Anläufe und manchmal eine zweite Runde zum Verlegen des eben schon Vereinbarten. Denn die zugehörigen Stundenpläne stehen sich gegenseitig und alle zusammen meinem eigenen Unterricht im Weg. Große Terminrochade also.
Nach gefühlt zwanzig Stunden habe ich alles im Kalender, mit nur drei Ausfallstunden bei mir selbst. Das ist Rekord! Und Rekord ist auch, dass ich’s trotz meiner Telefonphobie durchgezogen habe. Nichts auf morgen, nichts auf nächste Woche verschoben, einfach fertig gemacht. Boah.

12-von-12-im-januar-4

 

Klar, jetzt muss Besänftigung her. Da kommt im Moment nur eine in Frage.

12-von-12-im-januar-5

 

Weiter mit Unterrichtsvorbereitung. Tee dazu, alles ist gut.

12-von-12-im-januar-6

 

Kurz bevor die Kinder kommen, wage ich einen Schritt nach draußen. Eine Minirunde im Garten, mehr nicht. Durchatmen als Nachmittagsauftakt.

12-von-12-im-januar-7

 

Das große Kind braucht ganz dringend – natürlich sind wir nicht so organisiert, dass wir die in den langen Ferien besorgt hätten:( – eine BahnCard. Morgen geht er nämlich auf Alleinfahrt in den Norden, zu einem Wochenendseminar, auf das er seit Monaten hinhibbelt.

12-von-12-im-januar-8

 

Während ich also noch beim Sachenpacken assistiere, will die Schwester mit mir für ihre Mathearbeit lernen. Mir scheint, Abgefragtwerden und zusammen lernen hat die Rolle des früheren Vorlesens übernommen. Eigentlich sind beide Kinder schulisch absolut selbstständig und bekommen es auch ohne uns hin. Holen sich aber gern Ich-will-noch-mit-Dir-lernen-Geborgenheit, bei der dann wahlweise gekuschelt, gewitzelt, doch noch was gelernt oder eben gemeinsam das neue bunte Lehrbuch angeschaut wird.

12-von-12-im-januar-9

 

Für ein bisschen mehr Buntheit im Tag beschließen wir am Abend, die Weihnachtssachen wegzuräumen. Ohnehin werden am Samstag die Bäume abgeholt, wir schmücken alles ab und räumen es zusammen mit Lichterstadt & Co wieder in die Kisten.

12-von-12-im-januar-10

 

Fast hätte ich es vergessen: in der Ecke steht noch ein Päckchen vom Postboten heute morgen. Denn nein, in der mittelgroßen Stadt hier um die Ecke gibt es keine schwarzen Hemden für schmalgewachsene junge Männer wie den meinen. Wir haben es vergeblich in einer Rieseneinkaufsstraße voller Läden versucht. In solchen Situationen ist man dann doch froh, dass das Internet voll von Dingen besonderen Bedarfs ist. Hier ist also die Rettung für die Jugend-musiziert- und sonstigen Konzerte der nächsten Zeit. Bis zum Weihnachtskonzert musste er sein 164er-Hemd tragen, das lief seit dem Sommerwachstumsschub unter der Kategorie bauchfrei und sah nur auf den ersten Blick witzig aus. Jedenfalls: es gibt nun Hemden in schwarz und weiß, Wettbewerb und Konzerte können kommen. (Und wehe, ein Orchesterchef möchte nun in hellblau oder rot spielen!)

12-von-12-im-januar-11

 

Zu guter Letzt verschwinden die Kinder im Bett, und ich habe Lust auf Nadel und Faden, das ist fast so meditativ wie Cellospielen. Nach einer Tochtermütze und einem T-Shirt bekommen endlich auch Emma und Nucki die längst fälligen Nadelreparaturen ab. Zwei Gefährten meiner Kindheit, sie schauen also nicht zufällig schon ein wenig altersschwach aus. Nun aber sind sie wieder heil an Panzer und Kopf, nur ein zweites Auge fehlt dem Nucki noch. Wir werden mal Ausschau halten …

12-von-12-im-januar-12

 

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jeden Monat bei Draußen nur Kännchen.

WmDedgT 01/2017

Es ist kurz vor neun, als ich erwache. Erstaunlich, bleibt doch in den Ferien üblicherweise mein Alltagsrhythmus mit frühem Aufwachen bestehen, fast unverändert. Seit über 15 Jahren immerhin. – In diesen Ferien ist es anders. Abends zieht mich nichts ins Bett, und morgens nichts ins Erwachen. Ich staune, was sich wohl verändert haben mag?

Die Kinder sind zum Glück auch noch im Traumland (oder wie man das in der Pubertät nennt), und ich kann in Ruhe lesen. Ein neues Buch habe ich gestern begonnen, das x-te dieser Ferien. Dieses jetzt ist extrem dicht, ich lese ergriffen, schreibe halbe Seiten ab, schreibe ohnehin zwischendurch immer wieder Sätze und Absätze in meine verschiedenen Tagebücher (ja, mehrere!), und so vergehen die Vormittagsstunden. Kaffee und Kerzen sind natürlich auf dem Sofa mit dabei.

Als es im Haus unruhiger wird, kann ich mich in meine Gedanken nicht mehr so gut vertiefen, also wechsele ich zum Computer hinüber. Die letzten Sommerreisebilder befinden sich in einer Großsortierungs- und -beschriftungsaktion, dazu mussten also erst die Weihnachtsferien kommen. Während ich mich gedanklich der Sommertour hinterhererinnere, ertönt immer mehr Jungmenschenrascheln im Haus, sie scheinen den Weg aus den Betten zu finden, allmählich, die Uhr zeigt zwölf.

Während die Tochter dann Hunger zum Umfallen hat, klagt der Sohn, dass er so früh noch nichts essen könne, natürlich besteht keine Einigkeit über die Platzierung der Mahlzeiten im Tagesablauf, ist ja klar. Frühstück jedenfalls nennen wir es jetzt nicht mehr, es gibt gleich was Warmes – ein Mittagsessen zur Tageseröffnung also.

Es ist nach eins, gleich kommt unsere helfende Saubermachfee, und hier liegt und steht in allen Räumen alles rum …  das bringt uns erstmals an diesem Tag in ein gewisses Tempo. Im Tochterzimmer wirbeln wir schnell zu zweit, damit Boden, Tischfläche und Bett wieder sichtbar werden. Insbesondere letzteres scheint Tochters Wohn- und Speiseort der vergangenen zwei Ferienwochen gewesen zu sein, es gibt nichts, was es in diesem Bett im Moment nicht gibt. Vielleicht bin ich ja eine pingelige Mutter, aber in der Speisedeko auf dem Laken mag ich mein Kind nicht länger schlafen lassen, ich überzeuge sie vom Bettwäschewaschen, jetzt sofort. Wir ziehen also ab und schleppen alles – die Wäschekörbe der letzten zwei Wochen auch gleich – in den Keller. Also nun doch eine Wäsche während der Raunächte …

Schnell noch die Küche aufräumen, die Garderobe umsortieren, und von all dem Zoix, das sich immer von allein im Flur abstellt, kann dies und das gerade in die Garage. Und wenn wir schon dabei sind: die Stiefel, mit denen wir im Dezember unseren Weihnachtsbaum aus dem Wald geschleppt haben, sind immer noch nicht von den Erdbrocken befreit, ich mache mich daran und fühle mich beim Freikratzen der Sohlen wie früher in der Schule im Kunstunterricht, Linolschnitttechnik.

Während ich so meditativ an den Furchen herumpfriemele, ertönen laute Schreckensschreie aus dem Tochterzimmer. Es stellt sich heraus: All das Gekramse kam sich gegenseitig in die Quere, irgendwer hat Kisten und Kuscheltiere vom Boden direkt auf die frisch kreierten Acrylfarbbilder auf dem Schreibtisch gestellt. In ihrem Schreck stellt die Tochter eine acrylverbuntete Kiste gleich noch auf den Schreibtischstuhl und kommt mir mit der bäuchlings blaugrünen Robbe entgegengelaufen – oh je. Das ist nämlich meine Robbe :(  Und überhaupt schreite ich mal lieber ein, damit sich die farbenfrohe Verzierung nicht noch auf Teppich, Wänden, Türen und dem Cello wiederfindet. Alles in die Badewanne gestellt, die Tochter getröstet, dass die Bilder jetzt eine ganz eigene Note haben und immer noch toll aussehen, dass sie sie zum weiteren Trocknen dann doch lieber in den Keller bringt, das Schrubben der Robbe begonnen. Naja, Acryl ist Acryl. Sie wird von nun an einen bläulich-grünen Bauch haben, Spuren des Lebens eben. Immerhin lebt sie schon 26 Jahre bei mir, da darf sie ruhig vom Zusammenleben mit uns gezeichnet sein:)

Auf den Schreck einen Tee, und überhaupt überlasse ich das weitere Saubermachen den helfenden Händen und ziehe mich in ein paar weniger gefährliche organisatorische Tätigkeiten zurück. Zahnarzttermin machen, für alle drei. Schreibtischablage mit abzuheftenden Dokumenten vorsortieren – sie quillt über, was auch kein Wunder ist, da ich dies letztmals im Frühjahr gemacht haben muss, am Alter der Papiere leicht abzulesen. Morgen soll das in die Ordner kommen, für heute ist es zu viel. Aber die Krankenversicherung und Beihilfe könnte ich noch beginnen. Oder doch nicht, ich steige in meiner Sortierung nicht durch, da hat sich auch zu viel angesammelt, ich vermisse die letzte Versicherungsabrechnung, es wird kompliziert, ich mache das morgen in Ruhe. Aber drei Überweisungen schnell noch erledigen, ich frage mich, wo die Mahnungen bleiben – oder ob ich selbst die schon verbummele? Batterien in den Wanduhren wechseln – die haben sich doch alle verabredet, dass sie seit Tagen je individuell spinnen? Wäsche in den Trockner, Bibliotheksverlängerung und drei kurze Mails.

Die Tochter ist mittlerweile zur Probe in der Musikschule, der Sohn füllt das Haus mit Prokofjew-Sonaten, und ich überlege kurz, ob ich jetzt ein bisschen Schule …? Nein, doch lieber weiter mit den Fotos. Ja, doch, die Fotos sortiere ich noch fertig. Hach und seufz, so viele Erinnerungen kommen. Mein Reisesommer war einmalig und unglaublich.

Nebendran liegen nur immer anpochender die Schreibtischstapel, ich bemerke erstmals in den Ferien aufsteigende Unruhe. So vieles ist liegengeblieben, eben weil wir uns die Zeiten so gemächlich gestaltet haben. Und nun droht es mich innerlich zu irritieren. Ich will das aber nicht. Nicht jetzt jedenfalls. Und tue das, was auf jeden Fall hilft: Ich greife zum Cello. Ein Wundermittel, alle Unruhe verschwindet, Ton um Ton um Ton.

Kurz vor acht ist die Tochter wieder da, wir essen. Beziehen anschließend noch ihr Bett, hängen bei der Gelegenheit gleich ein Plakat auf, welches schon Wochen darauf wartet, schauen nach der Robbe – immer noch blaugrün:( – und nehmen uns dann einen der letzten Bibliotheksfilme vor: Der Himmel über Berlin. Ist aber doch nichts für die Kinder, sie ziehen sich bald zurück, so dass auch ich ausschalte, ich kann ihn ja später allein zu Ende schauen. Anderntags.

Denn jetzt setze ich mich mit einem Tee aufs Sofa, lese ein wenig in Blogs herum, schreibe (das jetzt hier:)) und werde anschließend noch lesen.

Bis die Augen zufallen …

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

im Dezember

schloss sich der Kreis dieses ereignisreichen Jahres mit stillen Tagen „zwischen den Jahren“, in denen wir wie immer kaum etwas taten außer – zumeist im Schlafanzug – vor uns hin zu leben, in den Bücherbergen aus der Bibliothek zu versinken, wieder zu uns zu finden und in innere und äußere Ruhe zu kommen;
dabei verabschiedete sich das Jahr mit einer hauchzarten Schicht Schnee am Altjahrstag, Beglückung für Kinderhände und Erwachsenenaugen gleichermaßen
*
hatten wie immer in der Adventszeit Musikproben und -vorspiele das terminliche Zepter fest in der Hand: es waren – für beide Kinder zusammen – insgesamt 27 zusätzliche Proben und Vorspiele, das muss man erstmal in einem Monat unterbringen
*
bewunderte ich die Kinder einmal mehr dafür, wie sie das aus- und durchhalten, dabei immer wieder voller Begeisterung musizieren und fast nebenher den Klassenarbeitsregen in der Schule absolvieren
*
kam es daher einem Wunder gleich, dass wir dennoch Samstage für den Weihnachtsbaumwaldbesuch und unser traditionelles Plätzchenbacken mit der Plätzchenbackfreundin fanden – so spät zwar, dass wir nicht mehr schafften sie zu verzieren, aber der Wille zählt:)
*
bot die Schule nicht nur für die Kinder, sondern auch für uns Lehrer nochmal alles auf, was zu einer ordentlichen Ferienreife nötig ist, so dass wir uns nach der letzten Stunde am 21. Dezember guten Gewissens einem stundenlangen Kollegiumsglühweintrinken hingeben durften
*
konnte ich auf einem Stufentreffen des Abijahrgangs 2011 viele ehemalige Schüler wiedertreffen und auf teilweise erstaunliche Biographien blicken, soviel Unerwartetes geschah in so kurzer Zeit!
*
waren einer der Höhepunkte wohl die zwei Celli, die hier Einzug hielten, und mit ihnen eine neue Passion: nach ersten Tönen auf dem 3/4-Instrument der Tochter war ich fasziniert und erstaunt, dass ich mir das Gefühl auf diesem Instrument immer genau so vorgestellt und erträumt hatte, unausweichlich also der Schritt, mir ein eigenes, ganzes Instrument zu leihen, ersten Unterricht zu nehmen und nun schon viele viele quietschend-kratzende Übungsstunden hinter mir zu haben, mit immer mehr Faszination, immer mehr Verliebtheit in diese Töne und dieses Gefühl, hach:)

Weihnachtsferienbeginn

Es ist der am längsten ersehnte schulfreie Tag des Jahres. Mehr als vor jeder anderen freien Zeit, mehr noch als vor den Sommerferien dürstet man darauf hin. Beim Abschiedsglühwein in der Schule unterhalten wir uns, es geht allen so. Weil die Wochen seit den Herbstferien pausenlos dahinströmen, weil es mehr Schuljahresaufgaben gibt als zu jeder anderen Zeit im Jahr, weil die Sonne kaum scheint, all das wird es sein, warum wir diesen ersten Ferientag in so erschöpftem Zustand erreichen.

Und dann ist er da. Das schulische Terminhamsterrad hört mit einem Mal auf zu drehen, das muss erstmal bewältigt werden. Der Körper lässt sich plötzlich kaum noch in Schwung halten, die Seele sowieso nicht, all die Ferienvorfreude ertrinkt in mattdunkler Traurigkeit, die Stunden wollen durchwatet werden, eine nach der anderen.
Sich aufs Fahrrad setzen wie zu Beginn der Sommerferien, wegfahren, aus dem Alltag entschwinden, jetzt sofort – das wär’s. Wenn auch das Fahrrad natürlich eher symbolisch zu verstehen ist, bei diesen Außentemperaturen. Eine Lese-Musik-Schreibreise ins Innere, zum Beispiel.

Doch nein, unmöglich. Da ist weiterhin fordernder Alltag, ein unschulischer, ein von den letzten Schulwochen mitverursachter. Fünf Trommeln Wäsche warten, die Schränke der Kinder sind leer. Der Haushalt liegt brach. Und wer jetzt entgegnen möchte, dies sei doch nicht wichtig: Bitte einmal den Blick durch unsere völlig verramschten Zimmer schweifen lassen , sogar die Kinder stellen schon fest, dass wir ja keine Ecke zum ruhigen Sitzen und Spielen mehr haben. Und dann noch ein paarmal an all die klebrigen Türklinken fassen … Der Haushalt also braucht ein paar energische Eingriffe. Die Tochter hat eine Probe in der Stadt und muss hingefahren werden. Immerhin liegt direkt daneben die Stadtbücherei und versorgt uns mit Ferienbüchern und -filmen. Pässe und Personalausweise müssen wir beantragen, es eilt – im Rathaus ist man fast erschrocken über so späte Kundschaft. Ein paar Schulnotizen und Mails sind fertigzumachen, bevor ich in der zweiten Ferienhälfte nicht annähernd mehr weiß, worum es ging und geht. Schultasche und Schulschreibtisch wollen aufgeräumt werden, oder nein: ich will, dass sie in den aufgeräumten Zustand übergehen. Nicht nur wegen eventueller Brotdosen, die bis zum Ferienende sonst Beine bekommen werden, sondern auch, weil der Tisch für meine Weihnachtsferienpuzzletradition gebraucht wird.
Es ist dicht. Viel, das.

Zwischen all dem sacke ich immer wieder zusammen. Versuche mich zu erinnern, worauf ich mich die Wochen zuvor fast wie irre gefreut habe. Aufs Spielen mit den Kindern – ach ja, zwei neue Spiele werden unterm Baum liegen. Und mir fällt ein, dass ich dieses Jahr nicht nur keinerlei Post geschafft habe, sondern dass noch keines der kleinen Dinge in den Hinterkatakomben des Schranks (Kinder: bitte weglesen:)) bisher eingepackt ist, hoffentlich haben wir noch Papier, hoffentlich vergesse ich das nachher nicht;-) Also: aufs Spielen freue ich mich. Aufs Alleinsein und Wenigreden auch – und die Kinder ebenso. (Die sind übrigens schon in ihre Lesewelten abgetaucht, wie das am ersten Ferientag sein muss:)) Aufs Wiederhellerwerden, das man sich ja wenigstens vorstellen kann, wenn schon der Blick aus dem Fenster nichts davon zeigt. Aufs Puzzlen, aufs Legobauen, aufs Lesen, aufs Schreiben, auf Tage im Schlafanzug, ohne Blick auf die Uhr und ohne jede Strukturierung durch irgendwelche Mahlzeitenpläne. Verhungert sind wir dabei noch nie. Eher gesättigt in unserem Ruhehunger.
Und auf meine Musik freue ich mich. Zum Klavier ist ein Cello eingezogen. Es begeistert, fasziniert und belebt mich mehr als je erträumt und erhofft. Wenn auch ein Berg an Ungeduld zu zügeln ist. Wäre es doch am sinnvollsten, im Moment nur leere Saiten zu streichen – in zwei Unterrichtsstunden habe ich erspüren dürfen, wie sich der Körper dabei anfühlen kann, bin in meditative Bewegungen hineingekommen. Dennoch ist da das unbändige Bestreben, schon die linke Hand mitzubenutzen, Töne und Melodien zu formen. So quietschig und unsauber die noch klingen, ich habe mit der Tochter erste Duette gespielt, und das fühlt sich unglaublich an! Und doch: Das Cello wird mir zum Geduldslehrer werden, ich freue mich drauf.
Auf Bücher freue ich mich, der ungelesene Stapel ist ins Unendliche gewachsen. Auf Fotos freue ich mich, denn die Sommerbilder sind noch nicht mal sortiert, geschweige denn irgendwie bearbeitet und verblogpostet. Auf Spaziergänge freue ich mich. Aufs Schreiben. Auf meditatives Einfach-nur-da-sitzen.

Ich werde sehen, was die Ferien schenken. Ich hoffe, ein wenig Stille. Ein wenig nur.

Die wünsche ich Euch auch. Und Frieden. Den wünschen wir uns wohl alle …

12 von 12 im Dezember

Der Wecker, der im Hauptberuf ein Handy ist, weckt mich und liegt dabei wie jeden Morgen neben meinem Glücksstein, von der Tochter in der ersten Klasse bemalt und geschenkt. Ein Aufwachblick zum Lächeln.

12-von-12-im-dezember-1

 

Der Tag beginnt mit Kaffee, heute ist die Musiktasse frei, die ist – wer hätte das nicht erraten? – eine meiner liebsten.

12-von-12-im-dezember-2

 

Mein Päckchen vom Landeswettbewerb Mathematik muss heute noch zur Post, ich bin spät dran und schreibe die Schülerrückmeldungen auf den allerletzten Drücker. Morgens vor sechs. Wie das in dichten Zeiten eben so ist.

12-von-12-im-dezember-3

 

Schon vor der Schule habe ich den Stapel fertig und bin wieder müde. Die erste Doppelstunde vergeht zäh, aber irgendwie, die Schülerschaft überbietet meine Müdigkeit wohl noch.
Ich stolpere hinaus in eine Hohlstunde, zum Glück. Irgendjemand hat Kuchen in die Küche gestellt, von solchen KollegInnen müsste es viel mehr geben:) Dazu ein Kaffee und Stilleben mit Lehrerzimmergeraffel. Um diese Vormittagszeit ist es hier ganz leer.
(Das ist auch nicht der Blick von meinem Platz, denn dieser ist zu vollgekramt, als dass ich Teller und Tasse dort hätte abstellen können.)

12-von-12-im-dezember-4

 

Aber damit es nicht droht zu gemütlich zu werden, hat man mir in den zweiten Teil der Bereitschaft eine echte Stunde gelegt. Eine echte, das heißt nicht einfach nur Aufsicht mit vorbereiteten Aufgaben. Ein Notfall, eine plötzliche Langzeiterkrankung, diese Zusatzstunde wird wohl zur Serie werden. Ob ich spontan eine Einführung in die Einheit Geschwindigkeit machen könnte, fragt der Cochef. Klar, ich stampfe sie aus dem Boden. Und gern doch, Achtklässler lieben es schließlich, wenn die Vertretungslehrerin plötzlich so richtig was von ihnen will und Physik macht;-) Wir nörgeln uns also gegenseitig an und gemeinsam durch die Stunde, irgendwann haben sie Diagramme und Rechnungen im Heft und hoffentlich auch was im Kopf, und es ist rum.

12-von-12-im-dezember-5

 

Nahtlos hetze ich – mit Miniboxenstopp an der Kaffeetasse – in den dritten Block, zu den kleinen Fünfern, die sind mir vertraut, hier ist Heimspiel. Es fließt, so muss das sein.
Trotzdem gut, als es zur Mittagspause klingelt. Sie räumen auf, fegen, verschwinden. Himmlische Ruhe kehrt ein, jetzt einfach nur hier sitzenbleiben … Tue ich auch. Das Lehrerzimmer ist in der Mittagspause taubenschlagartig laut, es ist mir heute zu viel.

12-von-12-im-dezember-6

 

Ein vierter Block, nochmals Physik, alle sind ferienreif. Auch ich bin unkonzentriert und verstehe meine Erklärungen selbst kaum;-)
Fünfzehn Uhr, vorbei, Feierabend. Nicht ganz, aber jedenfalls wird’s jetzt ruhiger. Während die Schüler fegen und allmählich verschwinden, bleiben die Restarbeiten. Versuche abbauen, Notizen zum Tag, Listen und Klassenbücher ausfüllen, das eigene noch kontrollieren. Schöne Farben übrigens, unsere Klassenbücher. Auch nach ein paar Jahren Gewöhnung tun die dem Auge noch gut.

12-von-12-im-dezember-7

 

Der Blick aus dem Physiksaal nach draußen dagegen ist eher trist. Warum auch nicht, denke ich mir, ich hab ja eh keine Zeit zum Rausgehen. Ist doch tröstlich, dass es eh nicht lohnen würde:)

12-von-12-im-dezember-8

 

Schnell schnell weiter, zur Post das Päckchen abgeben. Dann bin ich mit den Kindern verabredet, wir brauchen alle Passfotos.
Und zack, als ob der Tag was gegen mich im Schilde führen würde, schließt mich mein Auto aus. Wie auch immer die Elektronik das hinbekommen hat: Das Auto sperrt sich selbst ab, während der Schlüssel im Zündschloss steckt und ich draußen stehe. Darf ja eigentlich nicht sein. Ein Mysterium.
Und ja, wir sind gerade im Nachbardorf, nicht etwa vor der eigenen Haustür, hinter der der Zweitschlüssel liegt. Ich muss mich erst mühsam nach Hause und wieder zum Auto zurück fahren lassen, um mit dem Ersatzschlüssel das Auto per Schloss zu öffnen. (Dazu haben Autotüren noch ein Schloss. Die Elektronik reagiert ja nicht mehr, weil drinnen ein Schlüssel steckt. Dubios.) Jedenfalls: Welch tragende Rolle hat dieses kleine Teil heute gehabt!

12-von-12-im-dezember-9

 

Irgendwann spätnachmittags sind wir endlich zu Hause. Der Magen hängt in den Kniekehlen. Immerhin leuchtet zum aufgewärmten Mittagessen ein Adventslicht.

12-von-12-im-dezember-10

 

Der Blick in den Terminplaner für die nächsten Tage ernüchtert. Nein, ich kann nicht mehr. Die Tage werden alle ähnlich wie dieser. Die letzte Vorferienwoche ist kaum zu schaffen. Genaugenommen: eine Woche und zwei Tage. Mir kullern kurz die Tränen vor Erschöpfung. Dann rappele ich mich wieder auf, hilft ja nix.

12-von-12-im-dezember-11

 

Und schaffe an Schreibtisch und Computer noch ein bisschen was weg, Dinge, die sich nicht vermeiden und verschieben lassen.
Bis ich mich irgendwann meiner neuesten meditativen Tätigkeit hingebe. Es ist wunderbar. Es ist seit Tagen soooo unglaublich schön.
Am Mittwoch wird meine erste Cellostunde sein. Kurz nachdem ich mein ausgewachsenes Leihcello abgeholt haben werde. (Denn dieses hier ist ja noch ein wenig jugendlich und gehört eigentlich der Tochter.)

12-von-12-im-dezember-12

 

Mehr 12 von 12 gibt es wie jede Woche bei Draußen nur Kännchen.

WmDedgT 12/2016

Der Wecker klingelt, statt meiner Morgenlesestunde döse ich noch eine Weile im Bett und wecke gegen sechs die Kinder. Beide blättern vor dem Aufstehen intensiv in irgendwelchen Klassenarbeitsvorbereitungen – ich hab früher auch immer morgens vor der Schule gelernt:) – und kommen erst kurz vor knapp zum Frühstück runter, das bei uns eh keiner ernsthaft zu sich nimmt. Im Moment aber ist das unsere Adventskalenderzeit, beide haben täglich je ein Sprichwort darin, der Sohn auf italienisch, die Tochter auf englisch. (Schimpft mich Lehrermutter – sie finden es anhaltend gut:) und wir kommen oft ins Gespräch darüber. Nicht nur über Grammatik und Wortschatz …)

Kurz nach sieben, Abfahrt. Mein Auto, das zu enteisende, wird derzeit gern genutzt, um mit in die Schule zu fahren, so sind sie immer die ersten im Foyer und finden es zu früh, wie mir die Autofahrt hindurch erläutert wird. Aber bitte, es gäbe ja Fahrrad oder Bus;-)
Heute ist mal keine Schlange am Kopierer (die Kollegen schwächeln?), so bleibt Zeit für einen Lehrerzimmerkaffee. Mit dem Adventskalender bin ich auch dran, ein MilkyWay ziehe ich heraus, alles bestens also vor dem Start.

Die Montagmorgenphysiksiebte gibt sich müde, wie immer. Dass es zudem direkt um 7.45 losgeht, überrascht sie wie jede Woche aufs Neue, wir versuchen das Beste aus dem Fach und der Tageszeit zu machen. Ein bisschen Experimentieren hilft gegen’s Weiterschlafen, und ein wenig Umherlaufen im Raum während des Arbeitens.

Bereitschaftsstunden könnten so schön frei sein. Heute nicht, leider. Ich finde mich in einer fremden Gruppe wieder, von der ich nicht einen einzigen Namen kenne, und soll Fragen zu Bodeninsekten beantworten. Man lernt immer noch dazu.
Nach Ablösung durch eine Musikkollegin – ob die mehr über Bodeninsekten weiß? – werkele ich ein halbes Stündchen am Kopierer, schneide, klebe, loche, tackere, so Sachen halt. Aber immer, wenn ich parallel dazu mit den Kolleginnen ein Schwätzchen halten will, vertackere oder verloche ich mich. Diese Abläufe scheinen komplexer zu sein als man gemeinhin denkt.

Dritter Block, die kleinen Fünfer, die inzwischen durchaus „gezähmt“ und heute besonders still sind. Die Angst vor meinem Test hat ihre Nasenspitzen weiß gefärbt, hej, das wollte ich doch nicht. Allerdings will ich etwas anderes, nämlich dass Ihr endlich auswendig wisst, dass ein Kilometer 1000 Meter und ein Meter aber nur 100 Zentimeter hat, während eine Stunde in Sekunden umgerechnet … naja, das habe ich ja nur in die Zusatzaufgabe gepackt. Ich ahne, dass es nicht ganz leicht wird, durch’s (Schul)Leben zu gehen, wenn man sich dem Auswendiglernen dieser paar Basisfakten hartnäckig verweigert und sie sich auch nach sieben Übungsstunden nicht eingeprägt hat. Das sage ich nicht laut, fühle mich aber im Moment stark gefordert in dieser Gruppe, wo andererseits Kinder sitzen, die sich über Nanometer, Moleküle, biochemische Vorgänge in Nervenbahnen und Mikroprozessoren unterhalten. Spagat ist gar kein Ausdruck.
Und dazu die Elternschaft im Hintergrund, gleichermaßen heterogen. Die Mails, in denen ich als pingelig beschimpft werde, weil ich Wert darauf lege, dass man Quotient mit T, Summand dagegen mit D am Ende schreibt, wie unwichtig das sei, und ob wir in der Schule keine anderen Probleme hätten. Doch, auch, das kommt noch hinzu. Und die Anwaltsvatermails des Tenors, dass die anderen Kinder für das eigene Kind nicht gut genug seien. Langweilig wird es in dem Beruf jedenfalls nie, aber ich bin abgeschweift.

Mittagspause. Nachdem ich den entlaufenen Ordnungsdienst spontan durch einen neuen ersetzt habe, dieser dann aber zum Fegen so lange braucht, dass ich nebenher schon den halben Test korrigiert habe, bleibt mir noch ein klägliches 20-Minuten-Restchen. Die Schlange an der Mikrowelle ist schon abgeklungen, ein letzter Kollege steht mit einem Riesentopf Kürbissuppe davor. Er hätte aber viel vor, witzele ich, gar nicht mit Absicht, echt nicht. Und doch bekomme ich einen Riesenteller von der leckeren Suppe ab. Wow. Umso besser, als ich heute nur Brot mithatte. Dass ich mit vollgeschlagenem Bauch jetzt gleich noch Physik unterrichten soll, naja …

Die Nachmittagsklasse ist nicht munterer als ich, wir ergänzen uns. Bloß gut, dass ich nur die Morgenstunde wiederholen muss, keine neuen gedanklichen Sprünge erforderlich sind. Es geht rum, irgendwie.
Sieben Stunden in jüngeren Klassen sind für mich die Grenze des Schaffbaren. Die Kommunikationsdichte ist so riesig, die Aufmerksamkeitsnotwendigkeit so lückenlos … ich weiß gar nicht, wie das noch ältere KollegInnen schaffen ..
Es geht also rum. Die Klasse stürzt mit dem Klingeln aus dem Zimmer, nur F. bleibt noch lange da, während ich den Experimentiertisch aufräume. Fragt was zur Akustik, zu „Physik im Advent“, zu etwas, das er mal gehört hat. Eigentlich will er wohl etwas anderes. Sein Vater ist vor Kurzem gestorben. Ich habe das die ganze Zeit im Kopf …

Zu Hause, es ist kurz vor vier, steht nichts Dringendes mehr an, zum Glück. Meine Dienstagsveranstaltung fällt morgen aus, ich kann also den Rest des Nachmittags in Ruhe vor mich hinkruschteln. Testkorrektur, Emails zum Kopfschütteln (siehe oben), Klausurplanung für die 11er, Hefte durchsehen und so Zeugs.
Zwischendurch verschwinden die Kinder zu ihren Musikstunden, wollen Hausaufgaben ausgedruckt haben, putzen Stiefel (upps? das wär halt so’ne kleine Regel, antwortet mir die Tochter auf mein Erstaunen), lösen schnell „Mathe im Advent“ und „Physik im Advent“, merken bei der Essensbestellung, dass die Mensakonten fast leergelaufen sind und bringen Jahreszahlen für Geschichte mit Flächenzahlen für Erdkunde durcheinander. Der ganz normale nachmittägliche Wahnsinn mit Schulkindern halt.
Und ich hatte den Nikolaus ganz vergessen. Wenn ich nicht nachts fremde Stiefel im Dorf durchstöbern will, um mich daraus für die eigenen zu bedienen, wird es karg morgen früh. Na gut, so ist das eben. (Am Morgen, der ja nun schon hinter uns liegt, wird sich herausstellen: Auch die klägliche Variante ist in Ordnung;-))

Ein bisschen Zeit für mich passt auch noch in den Tag: Ich streiche auf dem Cello herum. Naja, es klingt noch immer schräg – sind ja aber erst drei Tage, hi hi. Der Plan, ein großes für mich auszuleihen, steht jedenfalls, ich recherchiere Details. Was dann damit wird, werden wir sehen …

Pubertierende Kinder gehen ja gern erst gegen zehn ins Bett, so auch heute. Trotz fortgeschrittenen Alters und Stunde darf bzw. soll ich noch über Köpfe und Schultern streichen, gerade so halte ich die Augen bis dahin offen. Bleibt, zu den eiskalten Stiefeln zu wanken und mein Nikolauswerk zu tun – beinahe hätte ich es jetzt wirklich noch vergessen:))
Eine Seite im Buch, dann bin ich eingeschlafen. Immerhin habe ich vorher wohl das Licht ausgemacht …

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

im November

boten Himmel und Wetter alles dar, was sich auf ihrer Farbenpalette fand: vom goldenen ersten Tag, den wir für eine Herbstlaubwanderung nutzten, über nebliggraukalte „echte“ Novemberstimmung, bis hin zu den wieder blauhimmeligen frostweißen letzten Monatstagen
*
standen bei beiden Kindern aufregende Neuigkeiten an:
für die Tochter fanden wir ein spektakulär gut klingendes 3/4-Cello und eine neue Cellolehrerin, mit der es sofort stimmte – auf beides muss sie jetzt zwar noch ein halbes Jahr warten, aber die Vorfreude und so…;
derweil sind die Jugend-Musiziert-Anmeldungen abgeschickt und das Üben am Klavier und in den Streicherensembles in vollem Gange – an Proben und Vorspielen bestand diesen Monat also kein Mangel;
viel wichtiger aber: der Sohn bekam nach einem Bewerberseminar eine Zusage für ein Schuljahr in Italien, jubelte laut, hatte mit uns zusammen eine dicke Bewerbungs- und Unterlagenmappe auszufüllen, muss nun in der Schule so manches regeln und bereitet sich innerlich darauf vor, hier – zunächst – auszuziehen (ja, das Mutterherz, das bis zuletzt ein wenig egoistisch auf eine Absage spekuliert hatte, weinte natürlich los, als die Zusage kam, hat sich aber mittlerweile in echte Mitfreude begeben und hofft einfach nur, den Moment des Abschieds am Flughafen im September dann irgendwie zu überstehen);
vielleicht ist es kein Zufall, dass wir uns gerade in diesen aufregenden Zeiten erstmals seit Jahren wieder eine Magen-Darm-Grippe ins Haus holten? (andererseits können wir uns ja glücklich schätzen, dass es ein solch banaler Infekt in die Monatserinnerungen schafft, weil er Seltenheitswert hat:))
*
hatte ich nach den Ferientagen natürlich auch ein pralles Leben in der Schule, mit einem Pädagogischen Tag, viel Steuergruppenarbeit, der Organisation einiger Mathe- und Physikwettbewerbe und einem dreitägigen Schullandheim mit unseren lebendigen 5ern, das sich als unerwartet unkompliziert und berührend-erfreulich erwies;
nahm ich allmählich innerlich Abschied von meiner zweiten Dienststelle, weil meine Tätigkeit dort auslaufen wird, wie ich nun endlich offiziell regelte
*
versuchten wir in unserem Haushalt ein wenig zu entschlacken – die Tochter ihre Kinderspiele, denen sie entwachsen ist, sowie eine Million Kleinstgeraffelteile, wie sie sich in einem Mädchenzimmer nunmal so ansammeln, und ich in den diversen Bereichen des Hauses, in denen sich die Kann-man-nochmal-gebrauchen-Dinge ballen; wir begannen damit, täglich je 10 Dinge auszusortieren, das wurde aber nach drei Wochen zu schwierig, daher müssen wir alltagskompatiblere Wege finden, oder aber den nächsten Entschlackungsschub einfach erst in den nächsten Ferien stattfinden lassen, mal schauen – der Prozess fühlt sich jedenfalls grundsätzlich sehr gut und erleichternd an
*
reiste ich ein wenig mehr als sonst herum: ein Wochenende zu liebsten Freunden, und eines zu einem Jubiläumsschultreffen und damit in meine Vergangenheit – beides war innerlich sehr wärmend (wenn es auch schwer ist, mitten im Alltagsbetrieb übers Wochenende wegzufahren, weil der Arbeitsstapel danach fast nicht mehr aufzuholen ist);
planten wir eine große Reise für die Osterferien;
verlockte mich das neue Tochtercello, welches einem „ausgewachsenen“ schon sehr nahe kommt, es auch einmal zu probieren – und so streiche ich seit Tagen mit wachsender Faszination darauf herum, bin also infiziert und erwäge ernsthaft … naja, mal schauen, was der nächste Monatsrückblick darüber zu berichten weiß …;
bastelte ich erstmals eigene Adventskalender für die Kinder (macht ja sogar Spaß:)): da müssen sie also erst aus dem Haus gehen, damit ich das mal schaffe

WmDedgT 11/2016

Der Wecker klingelt kurz nach sechs. Obwohl ich sicher auch ohne aufgewacht wäre, heute dürfen wir nicht verschlafen, der Sohn hat später ein Seminar, zu dem ich ihn bringen muss. Vorher, bevor ich ihn wecke, möchte ich meine Morgenruhestunde. Heute lesend, viel lesend, ich lasse mich gerade durch mehrere Bücher gleichzeitig treiben.
Kurz nach sieben schüttele ich ihn aus dem Bett, er muss vor der Abfahrt noch packen. (Nur Menschen, die das Chaos nicht bewältigen, tun dies schon am Abend.)
Frühstück und letzte Dinge in den Ruchsack werfen, morgenmuffliger Frühstückstalk, die Tochter darf hier bleiben und schläft weiter. In Anbetracht der möglicherweise WLAN-freien Zeit, die vor ihm liegt, zappt er noch schnell das Internet leer, ich quengele, wir kommen fast zu spät. (Dass es ja eigentlich sein Termin ist, muss ich auch noch lernen.)
Hinaus in die Regenwelt, brrr, unvorstellbar, dass wir vor vier Tagen noch durch goldene Herbstwälder wanderten, schnell ins Auto und weg.

Seminarorte liegen gern in abgeschiedenen Gegenden, da bot sich wohl unsere Ecke an. Jedenfalls: Eine so kurze Anfahrt hatten wir selten. Halb zehn sind wir da, andere Jugendliche und ihre Eltern auch. Bevor wir wieder fahren, gibt es einen Vortrag für uns, sehr informativ, spannend erzählt – und ich hatte mich schon wegen des dort abzusitzenden Vormittags gegrämt. War ja gar nicht schlimm:) Im Gegenteil, alles steht sehr plastisch vor uns. Morgen werden wir erfahren, wie es dem Sohn dort erging, und was sich letztlich ergibt. (Ich weiß noch nicht mal, welches Ergebnis mir lieber wäre.)

Mittags sind wir wieder zu Hause, die Tochter ist inzwischen aufgestanden, hat alle Hausaufgaben für die nächste Woche gemacht, für die Mathearbeit gelernt, das halbe Zimmer aufgeräumt und 37 (von etwa 50) Kuscheltieren als weggebenswert aussortiert. Beim Mittagessen plaudert sie vor sich hin, dass es eigentlich ganz cool ist ohne Fernseher zu leben, und dass sie erst, seit sie mit dem Handy nicht mehr ins Internet kommt, merkt, wie langweilig das doch dort ist, und wieviel Zeit sie jetzt hat, und dass sie eigentlich ganz gern Mathe lernt. Aber auch den Roman möchte sie mit ihrer Freundin bald weiterschreiben. Von der E. könne man richtig schreiben lernen.
Huch? Man lässt das Kind ein paar Stunden allein und bekommt es um Jahre gereift zurück? Was ist hier los?

Mittagsruhezeit muss heute leider ausfallen, der Schulschreibtisch ist noch zu voll. Bis vier Uhr rödele ich vom Berg weg, was geht. Physik für die nächsten Wochen, Experimente und Schülervorträge planen. Mailen mit Kolleginnen wegen diesem und jenem, zwei Schülerinnen brauchen Vortragscoaching, ein paar Mails gehen hin und her, einer meiner Fünfer schreibt wegen des Wettbewerbs, die Elftklässlerin und eine Mutter auch. Die Steuergruppendokumente schaffe ich nicht zu lesen, aber lege sie wenigstens mal ordentlich als Datei ab. Die junge Kollegin fragt an ob, die Coklassenlehrerin wann, der Kollege sagt zu dass. Ganz schön was los an unseren Schulschreibtischen am Samstagmittag, denke ich so.

Um vier machen wir uns Kaffee und – nein, kreisch: wer hat das denn gekauft? – Stollengebäck. Ich kann das noch nicht essen. Na gut, doch, ein winziges Stück. Kaffee pur ist für unter der Woche.
Danach, es wird draußen dunkel, darf der Schreibtisch ruhen, ich möchte noch ein wenig aufräumen. Wobei „aufräumen“ zu einfach gesagt ist. Eine Hausentschlackung, initiiert von der Tochter und mir. Aufräumen ist nur ein Aspekt dabei. Viele Antriebe spielen mit hinein, vor allem wohl die Erfahrung meines spartanischen Lebens des Sommers, dass hier Zoix – materielles, terminliches, virtuelles, digitales – en masse blockiert, was frei im Raum sich bewegen möchte. Seit zwei Wochen also haben Tochter und ich uns das zum Thema gemacht: Entschlacken. Sie hat ihren Teil für heute schon erledigt, ich suche mir noch meine Ecke. Der Keller wird es, dort ist dankbarer Boden für raumöffnende Tätigkeit. Ich schaffe, bis der Magen in der Kniekehle hängt, gut tut das. Sichtbare Leere. Fühlbare Erschöpfung.

Ein gedeckter Abendessenstisch, es ist acht, wie gut, dass wir nicht auf die Uhr schauen müssen, weil morgen Schule ist. Die Tochter ist in Gesprächslaune. Sie würde ja dafür sein, dass alle Menschen gleich würdig leben dürfen. Sagt sie so vor sich hin, während sie Käse auf ihr Brot legt. Oh ja, ich auch. Und dann erzählt sie, was sie über Südafrika gelesen hat, und über den Trump, und was sie gut und was bescheuert findet. Ich kann ihr nur zustimmen.

Schlafenszeit für sie, ein paar Abendruhestunden für mich. Gerade überlege ich noch, ob ich eher nähen möchte (also: reparieren, so mit Nadel und Faden, ein T-Shirt, eine Tasche, eine Mütze warten) oder endlich die Radreisebilder sortieren, oder einfach nur lesen? Als die Freundin anruft, die längste, beste. Der Abend wird Gespräch, und was für eines.

Ein guter Tag, an dem ich nicht in Minuten, nur in ganzen Stunden, und auch nur so ungefähr über meine Zeitverbringdinge Bescheid weiß. Es hat keine Uhr im Hintergrund getickt, und der Erlebensraum war reich. Was will ich mehr.

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

im Oktober

war es warm und fast noch sommerlich, so wie in den letzten Jahren öfter um diese Zeit
*
kam das Schulleben so richtig in Fahrt, so wie immer in diesem ersten Schuljahresabschnitt;
sind die neuen Klassen fürs Erste kennengelernt (inklusive aller Beglückungen und Schwierigkeiten, die solch ein Bezehungsaufbau mit sich bringt);
haben uns vor allem die neuen Kleinen anhaltend auf Trab gehalten, da liegt noch viel Arbeit vor uns, auch mit den Eltern, welche sich mehr als wir sorgend und fast schon panikmachend zeigen;
sind wir mit dem ganzen Kollegium zu einem fruchtbaren Pädagogischen Wochenende gefahren, was mir mal wieder gezeigt hat, wie dankbar ich mich an dieser Schule fühlen darf;
haben wir in der Steuergruppe getagt – u.a. wegen dieses Wochenendes -, in Konferenzen gesessen und sehr viele kleine Teamtreffen sitzend, stehend oder mailend absolviert
*
habe ich ausnahmsweise mal auf der Mutterseite Elternabende besucht;
gab es nur wenige besondere Ereignisse im Leben der Kinder, aber dafür sehr viele Gespräche – über Schul- und Lebensdinge, über Freunde und Freundinnen, über Dinge, von denen Eltern „einfach keine Ahnung“ haben – hach, es ist so toll, große Kinder zu haben;
ja, das wurde mir mal wieder bewusst, wie groß sie geworden sind, rein körperlich schon: beim allfälligen Klamotten- und Schuhkauf nämlich, beim Sohn wird das immer komplizierter (zu groß für Kinder-, zu schmal für Männergrößen …)
*
bin ich mit der Tochter am warmen langen Feiertagswochenende auf kleiner Radtour nach Strasbourg gewesen, sogar im Zelt, mit allen Freuden, die das Reisen in drei kurzen Tagen mit sich bringen kann;
habe ich versucht, in einen mit mir selbst verträglichen Alltagsrhythmus zu finden, was sich mehr und mehr als schwierig herausstellt – es sind wohl einfach zu viele Aufgaben, zu viel regelmäßig Anstehendes, als dass es gut machbar bleibt: hier steht Veränderung an, im Äußeren und im Innern;
habe ich daher mehr als sonst auf die Herbstferien hingehibbelt, einfach nur um dringende Dinge von allen möglichen Stapeln abzuarbeiten, ohne permanent die Uhr im Nacken zu spüren;
sind wir einen lang schon vor uns her geschobenen Möbelkauf angegangen: die Kinder durften von ihren Minikinderschreibtischstühlen auf richtig große aufsteigen, und ich habe mir ein Bett ausgesucht und bestellt, nachdem das derzeitige nicht nur klappert und wackelt, sondern mich mehr und mehr durch widerborstig aus der Matratze herauspiekende Federn zu wecken versucht (nicht witzig, das:));
bin ich schließlich – im Moment, wo ich dies schreibe – in der Mitte der Ferien und wohl dem Punkt größter Ruhe angekommen

Sonntagsbilder

Sonntage beginnen an Samstagabenden. Mit dem vergewissernden Blick auf den Wecker nämlich, ob dieser auch ja nicht morgen früh losklingeln wird.

Schnitt

Fast Acht, als ich erwache. Sehr spät für meine Verhältnisse. Die Kaffeemaschine war nicht eingeschaltet. Ich brühe Kaffee per Hand und lege mich wieder hin. Der Körper hat beim Infekt der Kinder zugegriffen. Um mich in eine Langsamkeit zu bringen? Ich schlafe wieder ein, noch bevor die Tasse halbleer ist.

Schnitt

Die Tochter weckt mich. Schade, Hals, Kopf und Nase verhielten sich während des Schlafes ganz unauffällig. Jetzt ziepen sie wieder. Die Tochter hört dies meiner Stimme an und singt mir Heile heile Segen. Und erzählt, dass bei diesem Lied das Kranksein weggeht, weil es der mitnimmt, der es singt. Upps, meint sie kurz. Dann gleich: Das mache aber nichts, sie könne sich selbst heilen.

Schnitt

Die Tochter weckt mich ein zweites Mal. Mit einem Teller Rührei in der Hand. Oh, wie lieb. Ich komme hoch zum Frühstück, sage ich. Ist ja schließlich Sonntag. Ohnehin muss ich in die Küche, mir einen Tee kochen. Mit dem tappse ich wieder ins Bett, nach dem Rührei natürlich erst.

Schnitt

Das Ebook fällt mir immer auf die Brust, weil ich mitten im Satz einschlafe. Es ist wohl nicht mal ein Tag zum Lesen.

Schnitt

Der Sohn übt Klavier, ich höre es von unten. Beim Bach wird er jedes Mal schleichend schneller, sagt ihm das sein Lehrer denn nicht? Von mir nimmt er’s ja nicht. Und vor allem bei den hohen Tönen hört man, was lange kein Klavierstimmer mehr im Haus war.

Schnitt

Darf man nach dem Ibu auch noch Aspirin nehmen? Oder soll man diesen Kopf und alles einfach aushalten?

Schnitt

Die Tochter telefoniert. Eine Freundin komme später zu ihr. Mist, dann kann ich ja schlecht in meinem Schlafgewandaufzug durchs Haus schleichen.

Schnitt

Draußen scheint die Sonne. Terrassenwetter, noch ganz septembrig, wenn man’s am nahezu unverfärbten Grün misst. Wäre da nicht der Matschekopf, wäre ich ebenso draußen wie die Nachbarn. Nur nicht so laut, nein, so laut wäre ich nicht.

Schnitt

Jetzt doch Aspirin. Die linke Kopfhälfte platzt gleich. Naja, bliebe noch die rechte, denke ich mit dem Rest meines Denkvermögens.

Schnitt

Ich glaube, dass ich gar nichts denke, als ich das nächste Mal aufwache. Darum ist es mir wohl langweilig, und ich schlafe alsbald wieder ein.

Schnitt

Ich höre die Mädchen durchs Haus toben. Wie spät ist es eigentlich? Spätnachmittag? Doch anziehen und mal hochgehen? Nur noch kurz bisschen schlafen.

Schnitt

Die Freundin ist wohl wieder weg. Die Kinder kommen abwechselnd zu mir und berichten, dass sie gerade die und die Hausaufgabe fertig haben. Machen die das extra? So tun als ob, weil ich ohnehin nicht schauen komme, oder was ist mit denen los?
Und ich müsste auch langsam anfangen. Ist noch lange nicht alles fertig für morgen. Aufraffen, Bett verlassen, mich in meiner Schultasche orientieren, mühselig.
(Sagt jetzt bitte nichts. Ich hatte auch kurz erwogen, morgen zu Hause zu bleiben. Es dann aber wieder verworfen. Weil es gerade einfach nicht geht. Klar, es müsste auch gehen im Falle von. „Im Falle von“ ist aber gerade nicht. Also.)

Schnitt

Fertig, mit allem. Jetzt nur nicht auf dem Sofa einschlafen. Fast wäre es passiert. Morgen einen vom Sofaschlaf verspannten Nacken zu haben, fehlte gerade noch …

12 von 12 im Oktober

(Mal wieder ein 12 von 12 . Mal wieder später als alle anderen:))

 

12-von-12-im-oktober-1

Noch ganz in einem unangenehmen Traum befangen, schweife ich mit den Augen durch’s Zimmer, auf der Suche nach Halt. Eine Schale gibt diesen, einer meiner Schalen, die mir, unabhängig von ihrem realen Inhalt – Sand, Steine, Natur, Räucherstäbe – je nach Bedürfnis verschiedenste Wunschdinge enthalten. Einfach nur für mich in meiner Vorstellung. Heute möchte ich in ihrem Inneren bitte Geborgenheit finden. Oder Wahrgenommenwerden. Oder beides. Ja, beides.

 

12-von-12-im-oktober-2

Die frühe Morgenstunde liest sich schnell weg. Der Roman, in den ich gestern Abend zufällig und flüchtend vor meinen eigenen Tränen geraten bin, der mit mir nichts zu tun hat, den lasse ich heute liegen. Statt dessen sind da die „Lebensalter“, deren scheinbar antiquierte Sprache und Gedankenwelt für mich soviel Universelles enthält, in dem ich mich wiederfinde, oder besser noch, das mich auf neue Spuren schickt. Die Abschnitte über die Krisen zwischen den verschiedenen Lebensaltern, die sind es besonders. Heute, und häufiger schon.

 

12-von-12-im-oktober-3

Ich schreibe ein paar Worte, etwas, was herausdrängt. Zwar würde ich jetzt lieber auf Papier schreiben, aber die Uhr sitzt im Nacken, die Kinder müssen geweckt, die Morgenroutine begonnen werden. Tippen, digitales Schreiben als Kompromiss. Nicht so befreiend wie händisches, aber eben doch: Schreiben.

 

12-von-12-im-oktober-4

Der Schultag wird unglaublich voll, zwischen sechs Unterrichtsstunden drängeln sich unerwartet viele Kurzgespräche, wieder massive Schwierigkeiten mit unserer 5. Klasse, schnell zur Schulleitung, mal eben die weitere Strategie beraten. Und dann ist da noch der nicht deutsch sprechende Gastschüler, die physikvortragenden Jungs, die Klagen der Mädchen über die anderen Mädchen, die an einem Vortrag Interessierten, die sich vor der Klausur Ängstigenden, all das. Keine Sekunde, um ein Bild aufzunehmen. Dabei steht die Kamera neben mir. Erschreckend, in solcher Deutlichkeit vor Augen geführt zu bekommen: Ein Schulvormittag bedeutet 6,5 Stunden Dauerstrom, ohne eine Minute des Nachlassens, ohne einen Moment des Beimirseins. Das kann man doch so nicht schaffen?!
Jedenfalls: Dieses Kaffeebild entstammt dem Nachmittag, als ich mich auf dem Sofa langlege und kurz wegträume. Der Kaffee wird derweil kalt, macht nichts, er tut trotzdem gut.

 

12-von-12-im-oktober-5

Weil zu Vieles am Schreibtisch ansteht, ist für einen Spazierweg keine Zeit. Ein paar Minuten im Garten nehme ich mir dennoch, um Herbstfarben, um die Muster des Älterwerdens zu betrachten.

 

12-von-12-im-oktober-6

Und die kleinen Wunder des Aufblühens.

 

12-von-12-im-oktober-7

Und die Kraft, die noch immer im Grün liegt. Da wäre viel Gelegenheit, ins Metaphorische abzugleiten …

 

12-von-12-im-oktober-8

Doch wie gesagt, der Schulschreibtisch. Ich bin heute langsam, arbeite nur mühsam manches weg. Als mein Tempo dem einer Schnecke immer näher kommt, werfe ich zusammen, es reicht. Feierabend, es ist spät genug.

 

12-von-12-im-oktober-9

Der Gang zum Briefkasten, jetzt erst, bringt große Freude: Eine Postkarte, eine echte Postkarte – wow!

 

12-von-12-im-oktober-10

Dazu schenkt die Tochter mir ein Sandbild. Sie spürt wohl, dass ich Farben gerade dringend brauche.

 

12-von-12-im-oktober-11

Letzte Tagestätigkeit: den Kaffee für morgen vorbereiten, die Zeitschaltuhr stellen. ich weiß, das Aroma verdunstet oder so ähnlich, aber es ist egal. Es ist gut so für mich:)

 

12-von-12-im-oktober-12

Und eine letzte Leserunde auf dem Sofa. Um nicht schon wieder das gleiche Buch zu fotografieren:), schwenke ich zum Sofa und zur Decke, unter der meine Beine liegen. So genau habe ich die noch nie betrachtet. Und vor allem habe ich noch nie bemerkt, was für einen Berg meine Füße dort unten bilden:)

Ein guter Tag. Trotz allem.

Mehr 12-von-12’s gibt es hier zu sehen.

 

im September

ein Monat zwischen einer großen und einer kleinen Radreise: die ersten 11 Tage gehören zum langen Sommer-#3wegsam, der Nachmittag des letzten Septembertages zu einer Kurzradtour mit der Tochter nach Strasbourg;
ein guter Monat also, der sich zwischen solchen Pfeilern aufspannen darf, und der zudem fast sommrig daherkommt, mit Hitze, dass es hinter den Glasfenstern der Schule schon zu viel ist, und mit Sonne, die wärmt und erhellt und freut und all das
*
dazwischen ein Schuljahresstart, der mich in einiger Hinsicht selbst überrascht;
wie ich etwa mein langsames Reisetempo in den abrupten Hamsterradstart übernehme und erstmals seit … Berufsbeginn? … mich nicht gehetzt fühle, keine Kopfschmerzen in der ersten Schulwoche habe;
dass ich es an vielen Tagen schaffe, meine Vorbereitungen am Nachmittag fertigzustellen, oder wenigstens abends nicht länger als bis zehn am Schreibtisch zu sitzen, einfach dadurch, dass ich Arbeit für den nächsten Tag liegen lasse;
weil ich mehr als früher ein Schritt-für-Schritt schaffe, weniger parallel bearbeite, insgesamt ruhiger vor mich hin werkele
*
dabei ist es viel in diesem Schulstartmonat, wie immer:
das Kennenlernen von 120 neuen Gesichtern (und die Erkenntnis, dass mir Namenlernen jedes Jahr schwerer fällt);
ein rasanter Start mit unserer neuen 5. Klasse, die sich als unerwartet verhaltensoriginell erweist, wie man es freundlich formulieren könnte, die uns – auch nach mehreren Wochen noch – vor große Rätsel und etliche Probleme stellt;
ein holpriger Start mit dem neuen Mathekurs, der zum Monatsende aber schon die Aussicht auf glattere Wege öffnet;
erste Elterngespräche und Klassenkonferenzen;
Fachkonferenzen und Gesamtkonferenz, eine Tagung, etliche kollegiale Kooperationstreffen – für einen Monat mehr als genug
*
gleichzeitig starten die Kinder ihr neues Schuljahr, als Sechstklässlerin und als Neuntklässler: ihre Freuden- und Unmutsäußerungen über die Lehrerzuteilung, über die ersten Schultage, über neue Rituale, über Empörendes auch, sind häufiger als sonst Thema am Abendessenstisch;
Musikunterricht und Sport beginnen wieder, alles wie gehabt;
für den nunmehr 15jährigen konkretisieren sich unsere Überlegungen, ob er das nächste Schuljahr im Ausland verbringt, allerdings ist bisher noch offen, ob das, was er wünscht, überhaupt funktionieren kann;
die gerade noch so kleine Tochter beginnt mit Farbe auf Nägeln und im Gesicht zu experimentieren – huch, sie werden so schnell groß:)
*
zum Monatsende spüre ich erste Erschöpfung, die natürlich schwer willkommen zu heißen ist, aber wohl eine wichtige Botschaft mit sich bringt: merke ich doch, dass ich in dem eingeschlagenen langsameren Tempo, das mir angemessen ist und gut tut, einfach nicht alle Dinge bewältigen kann, die mein Alltag so vor mir ausbreitet;
schwierig mir dies einzugestehen, da ich es ja jahrelang dennoch bewerkstelligte – und doch sollte ich wohl ernstnehmen, was mir im erschöpften Grauschleier der letzten Monatstage entgegenkommt:
so wie in den letzten Jahren kann und will und werde ich nicht weiteragieren;
nur: das Gefüge meiner Alltagsdinge ist durch so viele Hebel, Stangen, Zahnräder und Riemen miteinander verknüpft, dass es eine sehr langfristige Aufgabe wird herauszufinden, an welchen Stellen zu schrauben sein wird, damit nicht alles auseinanderfällt und sich dennoch ändert, was mir im Moment die Luft nimmt

Wochenbogen

Wie eine Rakete startete die erste Woche – Anlauf genommen, gezündet, beschleunigt, abgehoben, an Fahrt aufgenommen, in die Schuljahresumlaufbahn aufgestiegen – rasant und kaum aushaltbar, wie erste Schulwochen halt immer starten. Völlig unerheblich, ob ich in den letzten Ferientagen schon am Schreibtisch gesessen hatte oder ob ich übergangslos aus dem Feriensein kam, die erste Woche ist eine Rakete.

An ihrem Ende, das Schuljahr hat da oben also zu kreisen begonnen, ist es höchste Zeit für ein erstes Innehalten. Freitagabend, sieben Uhr, ich verlasse die Schule, puh.
Wochenende. Das soll in diesem Jahr heißen: 40 Stunden am Stück ohne Erwerbsarbeit. So mein Vorsatz. Und zwar: Jede Woche. Je.de!
Dazu an den Abenden nicht länger am Schreibtisch als bis zehn. Bis auf den allerersten Abend gelang das schonmal. Ich sollte das dauerhaft schaffen. Weil.
(Über Konsequenz oder Inkonsequenz bei diesen beiden Selbstschutzregeln werde ich berichten. Ich kenne mich ja. Aber. Aber meine nicht mehr ganz jungen Lebensjahre weisen mich an, die Regenerationspausen zu verlängern. Es ist nötig. Es wird mit jedem Jahr nötiger werden. Wenn ich die noch vorgesehenen 20 Jahre durchhalten will.)
Also: Schreibtisch maximal bis zehn Uhr abends. Ein Wochenende von mindestens 40 Stunden. Hiermit laut verkündet. So schaut Ihr ein bisschen mit drauf, gelle …

Samstag also. In den Garten, das erdet. Das bietet Raum für Gedankenkreisen. Denn dass sich der Kopf wie die äußeren Tätigkeiten zum Wochenende von der Schule wegbewegt, diese mentale Fähigkeit fehlt mir (noch). Das Drehen im Kopf wird häufiger in die 40 Wochenendstunden hineinragen, das kann ich im Moment kaum ändern. Zumal wenn der Bogen der Ereignisse so weitgespannt, so emotional aufwühlend war wie in dieser ersten Woche.
Und so stehe ich am Samstag im Grün, wir schneiden und ziehen und mähen und werkeln an unserem sommerwilden Gärtchen soweit herum, dass wir in den kommenden noch warmen Wochen inmitten der zugewucherten Pflanzenwelt ein Plätzchen für uns finden werden. Privilegiert durch wärmeres Klima als an vielen anderen Orten, wird es noch viel Gelegenheit zum Draußensitzen, -spielen, -schlafen geben.
Und während meine Hand das Verdorrte entfernt sowie Bäume und Büsche stutzt, manches schon vor der Zeit, einfach weil die unteren Pflanzen durch das Blätterdach kaum mehr Licht und Wasser bekommen, da dreht sich die vergangene Woche in meinem Kopf.

Das Üppige, was der lange Sommer hat wachsen lassen, das was mich hier erstaunt und erfreut, ist es nicht das, was in meiner neuen kleinen Klasse auch sichtbar wird? Wie unerwartet beides ist, die Füllepracht unseres Gartens, und die Unbändigkeit der 30 kleinen Fünftklässler.
Nur, ich nehme es je anders wahr, werte es unterschiedlich. Das hier im Garten außer Form Geratene beglückt mich, während es mich bei den Schülern irritiert. Bei den 10-15 jedenfalls, die uns mit ihren sehr eigenen, unerwartet heftigen Lebensäußerungen von Stunde Eins an in Atem halten.
Solch eine Klasse hatte ich noch nie, gab es an unserer Schule selten. Wir sind ja bisher eher die Schulart für die „Braven“. Sicherlich werden wir uns auf lange Sicht umgewöhnen müssen, werden es bald verinnerlicht haben, dass auch bei uns die elementarste Regelerziehung – wir tragen Konflkte nicht körperlich aus, wir verhalten uns so, dass niemand gefährdet wird, wir respektieren das Anderssein des Anderen – vor allem Deutsch- und Mathematikunterricht erfolgen muss. Es ist im Moment noch ungewohnt.
Nun, arbeitet es weiter in mir, Ihr seid wild, Ihr Jungs, Eure Gruppe, die sich schon in festgefahrenen Beziehungsmustern zu befinden scheint, die Ihr von allein nicht mehr lösen könnt. Wir werden Euch zunächst eng an die Hand nehmen müssen, damit niemandem von Euch oder von den anderen etwas geschieht. Wir – alle Eure Lehrkräfte und Ihr – werden das gemeinsam hinbekommen, das weiß ich. Und „hinbekommen“ wird nicht heißen, dass wir Euch Euer lebendiges Wesen nehmen wollen. Nur Regelzäune zum Schutz von uns allen, die sind wohl dringend nötig.
Und dann, wenn wir diesen Schritt Null geschafft haben werden, dann fängt die Arbeit ja erst richtig an. Dann wollen wir, dass Ihr eine Klasse werdet. Dass Ihr lernt, Euch als eine Gruppe zu fühlen, die gemeinsam die Zeit in der Schule durchlebt, in der alle wahrgenommen werden, ihren Platz finden, in der jede und jeder mit jeder und jedem zusammenarbeiten kann. Und in der jede und jeder auf seine Weise wachsen und blühen darf.
Hoffentlich für viele Jahre, hämmert es in mir. Denn …

Denn noch etwas kreist in meinen Gedanken, während ich in den Beeten stehe, die abgestorbenen Pflanzen sehe, die ersten Herbstblätter am Boden, mich umschaue in der Symbolik des Lebenskreislaufs.
All das Keimen, das jüngst erst begonnen hat, ist über den Sommer in Wachstum und Blühen übergegangen, manches zeigt sich noch in voller Blüte, vieles aber ist nun zu Herbstbeginn am Zusammenfallen, am Verdorren, am Absterben. So ist die Natur. Manches lebt nur ein Jahr lang, manche Blumen, andere kleine Pflanzen auch. Manches lebt lange, scheinbar ewig. Die Bäume, sie werden und werden nicht älter, haben eine unendlich lange Zeit vor sich. So unterschiedlich.
So ist es auch bei uns Menschen, ich weine im Innern. Manche dürfen hundert Jahre alt werden. Andere sollen nach kürzester Zeit schon wieder gehen. Kleine M., wir haben es gestern erst erfahren, Deine Eltern wollten, dass wir als Schule Bescheid wissen. Am Montag werde ich Deine große Schwester erstmals in einer Physikstunde unterrichten. Vielleicht ist sie auch nicht da, weil sie sich lieber Zeit nimmt für den Abschied von Dir. Das wäre richtiger.
Und nein, es tröstet auch nicht, dass die kurzlebenden Blumen eine viel farbigere Pracht entwickeln als die uralten knorrigen Bäume, das tröstet überhaupt nicht. Bei uns Menschen sollte niemand nach einem so kurzen Blumenleben schon wieder gehen müssen. Und doch, so heißt es, wirst Du es wohl bald tun …
Schreien und weinen möchte man.
Ich wende mich wieder den vertrocknenden Blumen zu. Lausche, was sie zu erzählen haben. Ob nicht doch ein tröstender Klang mitschwingt …

Reiseweise

Nun bin ich zu Hause, in den Alltag hineingestolpert, schneller und heftiger, als es mir am Sonntag vorstellbar war. Während ich morgens im Garten saß, ruhig, schweigend, nichtstuend, nach meiner ersten Freiluftnacht zu Hause, noch bevor die Kinder heimkamen, noch ohne dieses To-do-Korsett im Kopf, innerlich noch ganz reiseruhend, da hatte sich der Alltag, obwohl er unmittelbar vor der Tür stand, in eine unendliche Ferne verschoben. Nicht als Realität, die ja doch in wenigen Stunden beginnen würde, sondern als innerer Zustand.
Alltag ist innerer Zustand. Reisen ist innerer Zustand. Gehetztsein ist innerer Zustand. Ruhe ist innerer Zustand. Eine Polarisierung, die sich in mir selbst bildet, nicht durch das äußere Geschehen. Wie klar mir das war, als ich auf der Sonnenterrasse saß, damals. Damals vor fünf Tagen

Und nun ist es soweit: Es ist Alltag. Im Äußeren, das lässt sich nicht abstreiten. Knall auf Fall ging das. So ist Schuljahresanfang ja immer, und diesmal ist es noch ein wenig heftiger. So dass – unter anderem – vor diesem ruhigen Vormittag jetzt am Donnerstag noch kein einziges Minütchen blieb, um mich zu besinnen, wer und wo und wie ich bin.
Und doch.
Doch, spüre ich, hat mich mein Sonntagmorgengefühl nicht getäuscht. Es ist anders als sonst zu Schuljahresbeginn, es ist anders als vor den Ferien, es ist tatsächlich etwas im Innern verblieben von meinem Unterwegssein. Ich lebe weiter in einer Reiseweise, oder sagt man: auf Reiseweise?
Äußeres Indiz ist für mich ganz klar: ich habe keine Kopfschmerzen. Kopfschmerz ist mein übliches Symptom der ersten Schulwoche. Der Kopfschmerz gehörte dazu wie der neue Stundenplan. Von der ungestümen Beschleunigung, der fordernden Aufgabenvielzahl und -vielfalt, der plötzlichen Begegnungsdichte bekam ich im Laufe der ersten Woche immer immer Kopfweh. Diesmal kommt noch die Hitze dazu, wir werden gut gargekocht hinter unseren Glasfenstern auf der Südseite, diesmal kommt eine schwierige Klassenkonstellation mit unerwarteten Anforderungen hinzu. Und dennoch: mein Kopf fühlt sich ruhig und sanft an.
Und: ich habe keine Herzrasensmomente. Auch dieses geschah mir immer. Wenn die andrängenden Haufen zu dicht wurden, wenn ich meinte, mein Tempo erhöhen und gleichzeitig an allen Fäden knüpfen zu müssen, so dass letztlich keiner mehr in Ruhe verarbeitet wurde, dann immer gab es diese Klopfzeichen aus der Brust. Diesmal nicht. An keinem einzigen Tag, in keiner einzigen Situation.
Selbst in der hochkomplexen Klassensituation, in die wir geworfen wurden, schaffe ich es im Moment noch, den Kopf oben zu behalten, meine Kollegin aufzumuntern, Ideen zu entwickeln, die Dinge mit Zuversicht in die Hand zu nehmen und dabei zu lächeln. Sogar das. Obwohl es eine wirklich herausfordernde, arbeitsintensive und traurigstimmende Konstellation ist.

Warum mag das so sein? Ist eine Reise, wenn sie nur doppelt so lang währt, gleich zehnmal so nachhaltig? Oder sind das die Reiseveränderungen all der Reisen, all der Jahre, die plötzlich gesammelt zum Tragen kommen? Oder wird es nur kurzfristig so sein? (Das hoffe ich natürlich nicht.)
Ich lebe ja schon noch ein wenig reisend. Schlafe seither draußen, nicht im Zelt, sondern unter freiem Himmel. So kann ich nachts weiterhin freie Reiseluft einatmen.
Habe meine Radtaschen noch nicht vollständig ausgepackt, nehme immer wieder ein Päckchen in die Hand, verräume all das Gegenständliche erst Schritt für Schritt.
Auf dem Boden liegen die Radkarten ausgebreitet, ein Netz aus gelben Linien – die abgefahrenen Routen – bildend. Die Kamera liegt auf dem Tisch, die Fotos auf ihrer Speicherkarte bereithaltend, noch gänzlich unbetrachtet. Das Zelt räkelt sich, schon längst trocken, im Garten. Das Rad ist und bleibt ungeputzt, gibt der Schulbluse ein wenig Staub von der Altmühl und der Bürotasche eine Spur Donauschlamm ab, und wenn es heimwärts bergauf leicht knirscht, ist das der märkische Sand im Getriebe. Da ist noch so viel offenes Reiseende.

Bedeutsamer aber ist, dass meine innere Reiseweise bislang nicht versiegt ist.
Die Dinge nach und nach, Tritt für Tritt, wie auf einer Perlenkette aufgefädelt erleben, das zum Beispiel. Ein Teil der Alltagsüberforderung besteht ja gerade in permanenter Gleichzeitigkeit von viel zu Vielem. Während dieser Tage meine Hände bewusster über die Gegenstände streichen, wie als würden sie nach wochenlangen Lenkergriffen das Gegenständliche des restlichen Universums erst wieder ertasten wollen, in bewusster Langsamkeit und mit innehaltenden Pausen versehen, gehe auch ich im Ganzen, mit Kopf und Herz und allem, langsamer, innehaltender und vor allem Schritt für Schritt durch die Dinge. Oft erlebte ich mich anders, oft sprang ich von einem zum anderen, zum einen zurück, zum dritten mal eben auch noch, und dann sowieso, das vierte kann man mit dem Stift schnell bearbeiten, während der Kopf schonmal ins fünfte lugt usw. So bin ich, so war ich oft. Im Moment ist es anders. Das erste darf das erste sein, und das siebzehnte das siebzehnte.
Dazwischen finde ich in Pausen hinein. Gestern im Lehrerzimmer, eine Viertelstunde mein aufgewärmtes Essen am Tisch essen, nicht mit den Kollegen reden, nicht lesen, möglichst wenig grübeln, sondern: essen. Abends, die Arbeitstage sind derzeit elend lang, gegen neun Uhr müde sein, mich mit der Tochter aufs Bett legen, sie in den Schlaf plaudern, und anschließend sofort selbst hinlegen. Wie oft konnte ich mir dies nicht gestatten, im Moment kann ich es. Die Arbeitszeit nach Stunden einteilen, nicht nach Fertigwerden. Also: wenn es zehn Uhr ist, ist Schluss. Und nicht, wenn die Listen fertig sind. Und so weiter und so weiter.
Es sind diese kleinen Momente, die das Ruhebett bilden für den Tagesfluss.

Überhaupt, ich bin bedürfnisspüriger. Eine so eindrückliche Reiselehre war das, wie ich über Wochen intensiv wahrnehmen konnte, wann ich Bewegung wann Ausruhen, wann Essen wann Trinken, wann Lesen wann augenschließendes Träumen, wann ein Gespräch wann Schweigen brauchte.
Ein Teil dieser Spürigkeit ist mir für den Moment geblieben. Sonst würde ich nicht den halben Vormittag schon sitzen und schreiben, einfach weil es mich drängt, sondern würde mich „vernünftig“ meiner Arbeit zuwenden. Sonst würde ich nicht mehr schlafen, mehr trinken, anders essen als sonst. Sonst hätte ich nicht die Klarheit in mir gehabt, die Begegnung abzusagen, die mir sehr am Herzen gelegen hatte und liegt, einfach weil der Raum dieser Woche nicht genügt, um ein Treffen in Ruhe – und nicht übers Knie gebrochen – zu erleben. Sonst würde ich zwischen den vielen Aufgaben dieser Tage nicht immer wieder sitzen, stehen, liegenbleiben, den Blick auf Wolken oder Bäume gerichtet, ohne irgendetwas zu tun.
Kurzum: Sonst wäre ich schon viel weiter in meinem Ankommen im Schuljahr. Inklusive Kopfschmerzen, Herzrasen, erster Ungeduld den Kindern gegenüber und der ach so modernen Floskel „… als hätte ich gar keine Ferien gehabt …“ auf den Lippen.

Vielleicht wird das ja doch noch was mit mir und meiner Reiseweise durchs Leben? Vielleicht werde ich ja doch noch reiseweise?

 

im Juli

(auch diesen Monatsrückblick habe ich, wie schon den Vormonatstext, vergessen einzustellen; weil ich wie gesagt so lange auf Reisen war)

ein Monat, in dem ich viel schrieb, es wurde fast jeden Tag ein Blogtext, um – vor allem für mich selbst – das Schuljahresende mit seiner nicht nur gefühlten Überfülle an Dingen einmal festzuhalten
*
selbst wenn man das alles in einer Liste knapp zusammenfasst, wird es eine stattliche Aufzählung:
das Ende der Berlinstufenfahrt, einer rundum gelungenen Reise, die dennoch eine lang nachhallende Erschöpfung im Schlepptau hatte;
eine Steuergruppentagung in einem pittoresken Tagungsort in der Nähe, von dem wir nur leider vor lauter Tagen nicht viel mitbekamen;
ein Begrüßungsnachmittag für die künftigen 5. Klassen, bei dem Vorfreude aufkommt, bald wieder mit den ganz Kleinen:) zu tun zu haben;
Hausunterricht bei E.;
ein nachgeholtes Fachschaftstreffen mit einem pensionierten Kollegen;
Projekttage, die in ein Schulfest mündeten;
endlose Korrekturstapel, und anschließend natürlich Notenschluss, Nachmittage voller Notenkonferenzen, Zeugnisausdrucke, all das;
das Überstehen der letzten Schultage, mit Abschieden Ausblicken, mit Feedbackrunden und Rätseln, mit Eisessen und Kinobesuch;
der Zeugnistag mit den traditionellen Kollegiumsverabschiedungen, diesmal mit ganz besonders vielen Kolleginnen und ganz besonders vielen Tränen;
und parallel dazu: Aufräumarbeiten am heimischen Schreibtisch, im Lehrerzimmer und in der Physiksammlung, dazu viele viele Vorbereitungen fürs nächste Schuljahr – das alles drängte sich auch noch in die letzten Schulwochen, will ich doch vom ersten bis zum letzten Ferientag wegfahren
*
den Kinder merkte man die Ferienvorfreude auch mehr und mehr an, ihre Erleichterung, wenn die letzten Arbeiten vorbei sind, wenn die Termine allmählich ausdünnen, wenn die Reisevorbereitungen immer mehr Raum einnehmen;
so Terminhäufungen zum Schuljahresende, wie sonst nur im Advent: Klaviervorspiele und Orchesterkonzerte, ein Modulfest, Fußballspiele und Trainingsgruppensommerfeste;
eine Übernachtung bei Freundinnen und ein Kindergeburtstagsbesuch;
ein Kinderkardiologentermin, bei dem glücklicherweise wie vor Jahren schon nur Harmloses im Arztbericht steht;
und am Ende des Monats zwei Zeugnismappen, so dass wir nun quasi einen 9t- und eine 6t-Klässlerin haben:)
*
das Schuljahresende mündet in Radreisevorbereitungen, der Monat endet mit dem Start der großen sechswöchigen Reise …

 

Dazwischen

Zeugnistag. Der Tag dazwischen. Zwischen dem Daraufzuleben, ich schrieb davon in den letzten Wochen, mehr als genug, und dem Sich-Entfernen, Sich-weg-Begeben. Sich von der Alltags-Seinsweise weg begeben, sich auf den Weg begeben. Ein Wortspiel fast.
Der Punkt dazwischen ist an unserer Schule um 11 Uhr. In diesem Moment beginnt die schülerfreie Arbeitsphase des Jahres, wie Kollegen es gestern nannten. In diesem Moment beginnt das Wegbegeben, möchte ich lieber sagen. Ich, für mich.

Der letzte Schulvormittag läuft ab wie immer. Wer mittwochs üblicherweise Unterricht hat, begleitet seine Klasse zunächst in den Gottesdienst. Ich mochte das noch nie. Gestern versuchte ich mit anderen Augen zu schauen. Hinten in der Kirche zu sitzen und auf all diese jungen Menschen zu blicken, durch das Ritual hindurch. Wer sie sind, wer wir sind, wer wir werden mögen, was uns hier zusammenhält. Und wer ich bin, inmitten von ihnen. Ein Geborgenheitsgefühl. Welches – meine ich das jetzt entschuldigend oder erklärend? egal – nichts mit dem christlichen Ritual zu tun hatte. Dieses nehme ich, weil es eben so üblich ist.
Nur, das frage ich mich seit Jahren jedes Mal, wenn ich am Schulgottesdienst teilnehme, warum wird dort Lernen, Schule, Arbeitsalltag immer – immer! – tendenziell als Last dargestellt, vor der man sich behüten lassen muss? Als angstauslösendes Etwas, für das man eine schützende Hand benötigt? Als schwieriger Weg, der Begleitung erfordert? All das mag die Realität widerspiegeln. Und doch fehlen mir Freude, Glück, Neugierde, Lust aufs Lernen, Faszination des Entdeckens, Stolz auf Erreichtes, all das. Man könnte ja beide Seiten aufzeigen, sie verknüpfen. Finde ich.
Meine eigenen Kinder formulieren das ebenso, nach jedem Schulgottesdienst, ohne dass ich die Sprache darauf bringe. Gestern Abend hat sich der Sohn nach fast vier Jahren immer noch empört, wie sie zum Gymnasiumsstart gespannt wie die Flitzbogen in den Reihen saßen, alle neugierig und vorfreudig bis zum Anschlag, und dann ausschließlich von Ängsten die Rede war, welche sie doch sicher hätten. „Keiner von uns hatte, Ängste, Mama, KEINER!“ (Aber vielleicht entwickeln sich welche, wenn nur oft genug darüber geredet wird?)

Ob ich das an der Schule mal ins Gespräch bringe? In ganz ruhigem Ton (den ich nach den Ferien sicher wiedergefunden haben werde), damit ich diesen Aspekt nicht damit vermische, dass ich Schulgottesdienste grundsätzlich in Frage stelle (was hier zu weit führen würde).
Denn ich will das ernstlich wissen. Und würde es gern verändert sehen. Was ist das für ein Bild vom Lernen, vom Sichanstrengen, vom Forschenwollen, vom Neugierigsein, vom Verstehen, vom Menschen letztlich, wenn wir einzig das Belastende an unserem Schulalltag in den Fokus stellen? In den Mittelpunkt der Feste nämlich – Gottesdienste als Feste, mit dieser Interpretation liege ich doch nicht falsch? – in den Mittelpunkt der Feste also, welche ein Schuljahr beginnen und beenden. Ein wenig mehr Feier, Feier des Lebens, Feier unseres Seins, die dürfte ruhig dabei sein.
So wie in den Fürbitten der Sechstklässler gestern. Kinder, die ihr eigenes Erleben – ich kenne die meisten privat, weiß um das konkrete Schwere, welches dahintersteht – als versöhnliche Worte der Hoffnung weitergegeben haben. Das war wundervoll. Das war ganz ernsthaftig und reif, und ganz kindlich echt. Gleichzeitig. Das waren Wahrheiten, die ich auch gern so formulieren können wollte. (Ich habe gleich nachgeschaut, welche Religionslehrerin diese Kinder begleitet hat. Ja, passt:) Danke, dass Du die Kinder zu diesen Worten ermutigt hast.)

Meine Frage richtet sich im Grunde nicht an die Fachschaft Religion. Es ist eine Frage an uns alle, die wir da wirken und sind. Mit welchen Augen schauen wir auf unser Tun, auf unser Sein?
Zum Beispiel: Man kann Zeugnisse so oder so austeilen. Gestern habe ich es seit langem mal wieder mit einem Kollegen gemeinsam getan, dessen Zugang zu den Schülern – auf den ersten Blick jedenfalls – sehr anders ist als meiner. Wir verabschiedeten unsere 10. Klasse nicht nur in die Sommerferien, sondern auch in die Kursstufe, in die Phase einer größeren Selbstständigkeit.
Auch hier wieder: der erhobene Zeigefinger, die sich schon anbahnenden Sorgen im Fokus? Nein, ich konnte nach seinen Worten nicht an mich halten, setzte hinter seine Rede noch eine eigene. Damit auch gesagt wurde, wie großartige Dinge sie schon erreicht haben. Wie sie sich feiern dürfen. Wie zuversichtlich sie sein können. (Mit den Sorgen, die ich bei einigen Schülern durchaus teile, werden wir uns nach den Sommerferien beschäftigen. Heute ist der Tag des Feierns. So.)
In meinen Augen gibt es zu einem Zeugnis, welches man austeilt, nur einen stimmigen Kommentar: „Herzlichen Glückwunsch. Feiere das, was Du geschafft hast.“ (Und was das jeweils ist, kann jede und jeder nur selbst wissen. Und zwar, ohne dabei in die Zeugnisse der Nachbarn zu schielen. Vergleichen ist ja oft die Krux. Auch später, im „echten“ Leben.)
Nun, wir entließen die Schüler also mit zwei Sichten auf das Leben. Auch gut. Sollen sie ruhig sehen, wie unterschiedlich man blicken kann. Sie werden sich ihren eigenen Weg ohnehin selbst suchen.

11 Uhr. Schöne Sommerferien Euch! – Schöne Sommerferien, Frau Rebis! (Man freut sich heutzutage ja über junge Menschen, die diesen Gruß erwidern. Nur manchen haben wir es bisher nicht beibringen können. Wir haben ja noch zwei Schuljahre;-))

11 Uhr. Die schülerfreie Phase des Tages beginnt. Eine viel zu große Zahl an Verabschiedungen steht an. Vier Pensionierungen, zwei Schulwechsel, sechs Referendarinnen, die – wie so oft – nicht von uns übernommen werden konnten. So viele hatten wir selten. So lang wie gestern hat es selten gedauert. Bis weit in den Nachmittag hinein sind wir feiernd beisammen. Essen, Trinken, Darbietungen von acht Fachschaften, eine berührender und eindrücklicher als die andere, Worte, Tränen, Umarmungen. So gut wie gestern war es selten. (Wenn ich mal groß bin, möchte ich genauso verabschiedet werden. Kein bisschen weniger liebevoll und wertschätzend, bitte. Dazu muss ich nur noch 20 Jahre an dieser Schule bleiben;-))
Die kabarettreife Persiflage der Gemeinschaftskundler, der persönlich adaptierte Gang durch die Literaturgeschichte der Deutschfachschaft, das individuelle Quiz auf „Englisch für Jedermann“, die Mathe-Physik-und-Sonstiges-Notfallkiste für das bevorstehende schülerfreie Leben, all die erinnernden Worte, die Fotoshow des Schulleiters, in die er seine vier Pensionierungsreden geschickt einflicht und liebe-humorvoll miteinander verknüpft, die Affenbandenstunde der Referendarinnen, das geplant und spontan Hin-und-Her-Gesagte, sehr persönlich oft, all das hat immer nur das Gleiche zum Inhalt. Ein Danke nämlich. Dafür, dass wir zusammenarbeiten und dies als wertvoll erleben durften.
Auch wenn man es manchmal nicht sofort erkennt. Der nun pensionierte Kollege, der ganz warme Grüße an meine Kinder ausrichten lässt (was ich nie gedacht hätte), beginnt mit den Tränen zu kämpfen (was ich nie geahnt hätte) und sagt Worte, die ich nie aus seinem Munde erwartet hätte. So ist das manchmal mit dem Blindsein. Ich möchte noch viel lernen. Mir abschauen, zum Beispiel von unserer Schulleitung, die das Hinschauen vorlebt. Das wertschätzende, danksagende, demütige Aufeinanderschauen. Um es mit W.s Dankesworten zu sagen, von mir in meine Sprache übersetzt: „Ihr schaut, was einem liegt, was einem guttut – und was auch nicht. Ihr sorgt Euch, dass wir unsere Stärken ausleben dürfen und gut mit uns umgehen können in den Dingen, die uns schwerfallen. Ihr bedankt Euch für unsere Arbeit, Ihr vertraut uns, lasst uns Entscheidungsfreiheit und Gestaltungsspielraum, schützt uns so weit es geht vor den problematischen, widersinnigen Seiten des „Systems“, und vor allem aber immer wieder: Ihr vertraut uns.
Danke, Ihr beiden Scheffs. Ich würde gern noch so manches Schuljahr unter Eurer Leitung arbeiten. Vielleicht gilt in Fortsetzung eines in letzter Zeit häufig zitierten Spruchs – „Auf den Lehrer kommt es an“ – auch dieses: Auf die Schulleitung kommt es an. Wenigstens ein bisschen. Oder ziemlich dolle.

So. Schluss.
All das drängte hinaus. Der gestrige Tag war voll. Tief im Innern bewegend.
Und nun wartet der erste Ferientag. Zahlreiche Dinge wollen getan werden. Weil wir uns morgen schon auf den Weg machen. Konkret: auf den Radweg. In etwa 24 Stunden geht es los. Ich muss jetzt ein bisschen zügig sein.

 

Die Freuden des weißen Wahnsinns -1

Während ich dies schreibe, ist ja schon Zeugnistag, denn ich habe meine Tagesnotizen immer frühestens am nächsten Morgen begonnen. Abends war ich zu müde.
Wie lange sich ein Schuljahresende in 21 Alltagsbeschreibungen hinzieht, war mir vorher nicht bewusst. Es waren ja tatsächlich drei volle Wochen außerhalb der sonstigen Schulnormalität. Hätte ich all die Dinge nicht mal aufgeschrieben, hauptsächlich für mich selbst, wäre mir das nicht so bewusst geworden. Hier war der erste gebloggte Tag. Heute (da ich schreibe) ist es geschafft.

Der Vorzeugnistag hat schon von der Ferienahnung getrunken, jedenfalls für uns, da wir mit der Klasse einen simplen Ausflug ins Kino machen. Etwas, wovon Eltern gern sagen, die Lehrer hätten mal wieder keine Ideen. Vielleicht haben sie auch einfach keine Zeit, keine Kraft, und – ja – tatsächlich keine anderen Ideen mehr. Die Maschine im Kopf hat weitgehend aufgehört zu funktionieren …
Vor Wochen schon hatten wir von dem Filmfestival Mathematik-Informatik gehört, dessen Vormittage eigens für Schulklassen angeboten wurden, und – nach Befragung der Klasse – sofort für den vorletzten Tag gebucht. Eine Wahl hatten wir nicht, es gab „Steve Jobs“, über den Film wäre sicher noch zu sprechen gewesen. Wenn nicht das Schuljahr jetzt zu Ende wäre und wir mit der Klasse gar keine Zeit mehr hätten.
Am Bahnhof übrigens – unsere Schule liegt ja auf dem Land, wir haben überallhin eine komplizierte Anfahrt – ist vor dem Film noch Zeit, darum lungern wir auf dem Vorplatz herum, eine wirtlichere Ecke bietet dieser Teil der Stadt nicht. Zusammen mit mehreren ebenfalls ausflügelnden Klassen belagern unsere den Bahnhofskiosk.
Plötzlich ruft die Kioskfrau laut aus ihrem Fenster, die Lehrer sollten mal kommen. Nahajn, Ärger, ist der erste Gedanke der erfahrenen Lehrerin, brauche ich jetzt gar nicht.
Dann aber: Sie wolle uns was ausgeben – Essen, Trinken, was wir wollten. Weil wir den Job hier machen, was ja sicher nicht einfach wäre. Und weil schließlich unsere Schüler so viel hier gekauft hätten, wolle sie uns was schenken. Upps, das ist ja mal unerwartet! Ganz ehrlich: wir freuen uns. Mehr noch über die Worte als über den Kaffee, den ich dann nehme, obwohl ich gar keinen gewollt hatte. Aber das ist unwichtig, ein solches Angebot darf man nicht verprellen, solche Gesten gibt es nicht so häufig.)

Hach, wir sind mittags schon wieder zu Hause und haben es nun also fast geschafft. Der Nachmittag kommt beinahe auf Ferienflügeln daher. Unnötig zu erwähnen, dass ich mich – neben ein bisschen Schulaufräumen und Windows-Updaten – mit Urlaubsvorbereitungen beschäftige. Sorgfältig gestapelt liegt jetzt alles Zoix, was in die Packtaschen soll, auf dem Boden. Alles bis auf die Technikdinge. Also etwa die Hälfte:)
(Psst, ich darf verraten: Der Sohn und ich radeln mit zwei Spiegelreflexkameras, einer ActionCam, einem Netbook, zwei Smartphones, einer BluetoothTastatur, einem OutdoorNavi, einem Ebookreader. Und folglich 457 Ladegeräten, Akkus, Kabeln und Adaptern. Grob geschätzt.)

Die Freuden des weißen Wahnsinns -2

Übermorgen gibt es Zeugnisse. Endlich endlich, das ist das Grundgefühl dieser letzten beiden Tage der „Rumpfwoche“. Zwei Doppelstunden heute für mich, zwei Abschiede. Ich darf es den Klassen sagen, soll nur ein „aller Wahrscheinlichkeit nach“ einfügen. Weil man nie weiß, was über den Sommer noch passieren wird mit dem Deputat.
Mein übliches Abschiedsgeschenk, ein Worträtsel, einer jeden Klasse individuell aus ihren Nachnamen gebastelt, das sowohl mir beim Ausdenken als auch den Beschenkten beim Lösen immer sehr viel Spaß gemacht hat, das habe ich dieses Jahr nicht geschafft. Am Wochenende hatte ich einige müde Startversuche, erste Verschlüsselungen aufgeschrieben, denn mir sind diese individuellen Worträtsel sehr wichtig. Doch letztlich bin nach den letzten Wochen zu erschöpft für eine solche kreative Leistung.
Bleiben Rätsel von der Stange. Solche habe ich genug, auch einige, die immer gut ankommen.
Vor den Rätseln meine übliche Feedbackrunde, nach den Rätseln dann doch noch ein Abschiedsgeschenk: Eis essen gehen. So ist der Plan für die Doppelstunden. Und so laufen sie.

Den 7ern lege ich die Übersicht von vor einem Jahr auf: was sie von sich, was sie von mir in diesem Jahr erwartet hatten. Was gelungen ist, was nicht.
Für mich gibt’s viel „Daumen hoch“. Ganz ehrlich, das freut mich. Wir hatten es ja nicht leicht miteinander am Anfang. Die individuellen Rückmeldungen werde ich in den nächsten Tagen gründlich durchlesen, da steht immer viel Wertvolles, auch zwischen den Zeilen. Für heute aber, während sie rätseln, lasse ich meinen Blick nur über die Blätter schweifen und pflücke mir für den Moment das, was ich gerade brauche und was mir gut tut. Ich sei eine „gute Lehrerin: streng, aber total nett“. Dass ich gut erklären könne. Dass sie endlich was verstanden hätten. Und als Wunsch für künftigen Matheunterricht steht da öfter: dass ich bleiben solle. Hach. Danke. Wenn man schon keine Blumen bekommt in diesem Beruf …

Rätseln, Eisessen, bisschen reden, das ist nicht viel. Und doch bin ich unglaublich müde, als der Vormittag vorbei ist. Es ist wohl alles auf Ferien eingestellt.
Zu Hause türmen sich die Urlaubsstapel, die noch zu bearbeitende-umzustellende-upzugradende-aufzuladende Technik, das nervt mich ein wenig. Die SIM-Karte der Tochter ist plötzlich geschrottet, der Mensacaterer wechselt und es braucht mehrschrittige Ummeldeaktivitäten, alles mal drei genommen, plötzlich ist ein Geschenk für einen Kollegenabschied auszudenken und ein verschwundenes Klassenbuch zu ersetzen. Ein Packtaschenringtausch und damit Gepäckträgerschrauberei wird notwendig, weil der Sohn keinesfalls mit den lila Taschen fahren kann (orrr!), und dass ich bei den Bauarbeiten letzte Woche im Bad frischgewaschene Wäschekörbe in der Ecke vergessen hatte, die jetzt baustaubgepudert sind, das fällt mir auch erst heute auf.
Das Universum sorgt dafür, dass mir nicht langweilig wird;-)

Die Freuden des weißen Wahnsinns -3

Ein Tag ohne Schule. Ich weiß schon nicht mehr, wie das geht. Sagte ich ja gestern schon.

Damit es nicht zu langweilig wird, habe ich mir für heute noch Reste der Steuererklärung übriggelassen. Und das Win10-Ding steht weiterhin an, heute mit Erfolg, ich finde sogar meine Software wieder. Bingo.

Und weil heute der schwülste Tag des Jahres ist, bietet es sich an, körperlich tätig zu werden und meine Regale wieder einzuräumen;-)  Ja, doch, ich lasse mich nicht davon abhalten. Seit zwei Monaten lebe ich im Wasserschadens-Chaoszimmer, vor der Reise soll es gerichtet sein. Gesagt, getan. Und geschwitzt.

Nebenbei läuft bergeweise Wäsche durch die Maschine, werden erste Dinge in die Radtaschen geworfen, ein paar Schrauben an den Rädern festgezuurt, die Auslandsbewerbung des Sohns fertig gemacht und das bronzene Schwimmabzeichen des Töchterchens bestaunt. Die Ferien kommen mit großen Schritten.