Wirklichkeit, wird sie in Wörter gegossen, kommt als eine verwandelte auf mich zu.
Schaffen Wörter nicht auch neue Wirklichkeit?
Wort und Welt miteinander verwoben – ist ein Netz, ein tragendes – ist eine Decke, eine wärmende – ist eine Haut, eine umhüllende.

Und dann ist da noch das tiefste Wort – das Schweigen.
Das Schweigen in allen Dingen finden …

Ich beginne zu lesen, ich beginne zu schreiben – es wirkt, es wird wirklich.
Mein Leben beginnt wieder von mir zu handeln. Und still zu werden …

(Immer noch in Berlin. Nun aber bald am Meer. Ganz bald. Ganz wirklich.)

Wohin?

Ans Meer – zu den vielen Steinen,
die vom Wasser umspült werden, die ihre Gestalt wandeln, abgeschliffen werden, zerbersten, von der Kraft des Fließens geglättet werden, immer wieder, immer weiter,
die in Form gegossen und formlos gleichermaßen sind.
Ich werde lesen aus diesen Steinen, werde mich selbst wie in einem Spiegel sehen, werde zuhören, was sie mir erzählen.

(Notiert in einem kurzen Zeitfenster auf der Zwischenstation Berlin.)

Abschiede

Der Sohn, der lebt ihn wohl am sichtbarsten:
Seit Wochen, ja Monaten fast, zählte er die Grundschultage. Hatte immer im Kopf, wie viele noch verblieben. Er war mein Ferienticker :)
Als die Materialliste der neuen Schule ankam, ließ er keinen Tag vergehen, da hatte er schon alles zurechtgekauft und -gelegt, den gepackten neuen Schulrucksack neben den Frühstückstisch gestellt. Mit dem Kommentar, er bräuchte jetzt keine Sommerferien, es könne direkt weitergehen, so sehr freue er sich. (Nee danke, dachte ich, dieser Wunsch möge bitte unerfüllt bleiben. Und der Rucksack wurde vom Esstisch auch nochmal zurück ins Zimmer gestellt, für die verbleibenden zwei Monate.)
Nun aber, beim Aufräumen der alten Schulsachen, war ihm plötzlich nach Aufheben, nicht nach Wegwerfen. Für jedes Fach eine Ablage, er wolle das noch durchschauen, er wolle sich damit noch ein wenig an die Grundschulzeit erinnern. Wehmütig klang das. So wie seine Bemerkungen, oft ganz unvermittelt, dass er nun nie mehr alle zusammen sehen werde. Dass es in seiner Klasse doch eigentlich ganz schön war. Und dass nun alle auseinandergehen …

Die Tochter, die macht die Ambivalenz ihres bevorstehenden Abschieds eher im Innern aus. Trägt zwar Ranzen und Schultüte immer wieder Probe, quer durchs Haus (und kein Gast darf das Haus verlassen, ohne beides bewundert zu haben :)). Aber ansonsten ist sie zurückhaltender in ihrer Vorfreude. Wird still und nachdenklich, wenn wir zusammen ihre Kindergartenmappe anschauen – dreieinhalb Jahre Erinnerungen, die mir so nah, soooo nah alle erscheinen. Erzählt immer wieder, dass sie bald nochmal in den Kindergarten gehen wird (ja, nach der Sommerpause dürfen auch die Schulanfänger wiederkommen, bis zum Tag vor der Einschulung). Und denkt wohl sehr viel daran, wie sehr sie ihre Erzieherinnen vermissen wird. Mir steigt selbst das Wasser in die Augen bei diesem Gedanken …

Und ich? – Bei mir steht natürlich kein solcher Abschied, keine Zäsur vor der Tür. Dabei bräuchte ich dringend eine. Oder wenigstens einen spürbaren Abschied vom vergangenen Jahr mit allem, was es von mir gefordert hat. Es war, oberflächlich gesehen, ein „viel geschafft“-Jahr. Es war, von innen besehen, eine Zeit, in der ich mich weiter von mir selbst entfernt habe als ich ertragen möchte. Meine Tage waren oft nicht mehr meine, meine Räume nicht mehr von mir besetzt, meine Stimme klang nicht mehr nach mir.
Es braucht einen Wechsel, einen Abschied vom Gewesenen.
Ob es einen solchen geben kann? Wie kann ich ihn finden?
Wie kann ich mich finden?
Ob ich wieder mit meinem Puls zusammenfließen kann?

Morgen geht es auf eine Reise im Äußeren.
Ich nehme viele Sehnsüchte mit. Oder besser: Die Sehnsucht nach Sehnsüchten …

(PS. Ein herzlicher Dank übrigens an meinen Nachbarn, der mir im Moment durch die Doppelhauswand hindurch mal eben sein WLAN zur Verfügung stellt. Unser Te.le.kom-DSL hat sich seit letzter Woche nämlich in die Sommerpause begeben. Bestimmt, damit ich mich – statt in die virtuelle Ferne zu schweifen – mehr auf mich selbst besinne. Aber danke, liebe Te.le.kom, das brauchst Du mir nicht abzunehmen, das ist eigentlich ganz allein meine Aufgabe …)

Alljahresende

Wie jedes Jahr. Irgendwann ist der Moment da. Wenn die Noteneingabecomputer gesperrt werden und alles in der Kiste zu sein hat. Wenn die roten Stifte also an allen Tischen gleichzeitig in den Taschen verstaut werden. Befreites Aufatmen rundum im Lehrerzimmer, und dann ein kleines Vakuum, kurzfristig. Nach dem Marathon der letzten Wochen – ja, er dauerte mal wieder bis 15 Minuten vor Eingabeschluss, wie immer, ich kann nicht anders – ist es leer, dumpf, matt, zunächst. Nichts mit mir anzufangen, erstmal Dämmerpause.

Bleiben noch zwei Wochen.
Eine Schulung, selbst zu halten, eine Fortbildung, nur als Teilnehmerin zu besuchen, eine Tagung dazu. Vier Gesprächsprotokolle zu schreiben. Ein Beratungsbesuch an einer anderen Schule. Mehrere Gespräche mit Schülern noch zu führen. Zwei Tage Notenkonferenzen. Zwei-vier-sechs-acht Stunden Unterricht (upps, so wenig noch?) Drei verabredete Elterngespräche, gut vorzubereiten (Gespräche zu diesem Zeitpunkt im Schuljahr sind die ernsthaftesten …) Zeugnisse schreiben, und die kleinen Kärtchen zu den Buchpreisen. Wandertag. Klassenleitertag. Und einen Kuchen muss ich meinen lieben Kleinen auch noch backen – sie fragten heute schon :)  Schuljahresendzeremonien, das Übliche, das Schmerzliche – meine Referendarin will und will ich nicht gehen lassen, ich stampfe hier ziemlich mit dem Fuß, das hilft aber leider nichts :((, und dann noch Schulleiter- und andere Verabschiedungsfeierlichkeiten. Physiksammlung aufräumen und putzen, wie immer, und meine häuslichen Arbeitstischberge, die wollte ich – Premiere wäre das – auch mal schon vor Ferienbeginn aufgeräumt haben. Das frisst sonst immer eine ganze Sommerferienwoche, und ich fühle mich unendlich genervt davon. Dieses Jahr also der Vorsatz: in zwei Wochen, wenn die Ferien beginnen, ist das fertig.

Fertig? Fertig!
(Kreuzen Sie auf einer Skala von 1 bis 10 an. Wie dringend brauchen Sie Ferien? — Ich nehme die 15.)

Und doch nicht blind dafür, dass wie für mich eingestreut sich Glücksmomente quer durch den Tag zogen:
Deputats-Sechser fürs nächste Jahr – genau so wie ich es gewünscht hatte!
Aushang der neuen Klassenleiterteams. Ich konnte den Blick nicht an der Reihe der neuen 5er-Lehrer vorbeilenken. Ja, es wird ihn gut treffen, den Sohn im nächsten Jahr.
(Ähm, er hat aus verschiedenen Gründen ganz unbedingt auf meine Schule gewollt. Lange und oft habe ich mit ihm den Pferdefuß – Mutter an der gleichen Schule – erörtert. Er will es trotzdem. Nun werde ich vieles lernen müssen im Umgang mit der Situation. Mich zurückziehen, bei all der Nähe. Heute war ich jedenfalls schonmal schlecht darin und zu neugierig und weiß nun mehr als ich als Mutter wissen sollte. — Trotzdem freue ich mich schon zu wissen, wie gut es ihn treffen wird :))
Abschied von einer lieben 7. Physikklasse, mit ganz berührenden Einzelgesprächen, mit ehrlichen Rückmeldungen der Schüler, mit einer respektvollen Atmosphäre, wie man sie sich schöner kaum wünschen kann (jedenfalls: als „Gräuelfach“-Physik- und Nichtklassenlehrerin :)).
Schulhoffest der Sohnesklasse – auch hier ein lachendes und ein weinendes Auge, diese Kinder zusammen zu sehen. Wie die im Laufe der vier Jahre zusammengefunden haben, über viele Hürden hinweg, wie gut sie alle zusammen spielten. Und nun zu wissen, dass ihnen noch ganze 8 Schultage bleiben als Klasse, dann werden sie sich zerstreuen auf die verschiedenen Schulen …
Und nicht zuletzt: Ein Nichtschreibtischabend, mit einem Nichtschreibtischwochenende vor mir – ich habe schon ganz vergessen, wie das geht :))
Deswegen sitze ich doch noch ein bisschen an der Kiste, stottere kaleidoskopartig diese Wörtchen hier zusammen, werde aber gleich gen Schlummermatte aufbrechen …

Echowelt

Es ist ja nicht einfach nur der Körper. Bei mir jedenfalls nicht. So war es schon immer. Mit dem Fahrrad über Berg und Tal, einmal an die Grenzen der physischen Kraft und zurück – das ist Befreiung aus dem Kokon der Bewegungslosigkeit. Der physischen, und – ich ahne es im Moment – der seelischen. Wie gut, dass meine kleine Seele sich auf einen solchen Taktgeber einlässt :)

Und wie so oft waren es die Kinder, die’s anstießen, diesmal der Sohn. Sein Mittagswunsch – endlich mal mit dem Fahrrad zur Musikschule fahren. Und da wir in einem arg hügeligen Land wohnen und meine Kräfte nicht weniger eingerostet als mein Fahrrad sind, finde ich auf diesen paar Kilometern ins nächste Städtchen schon mehr als genug von dem, was ich brauche. Mehr als genug Aufwachen aus langem Schlaf, mehr als genug Echo in buntesten Tonarten …

Sommerfrüchte

Ich pflücke mir vom Baum des Sommers ein paar seelenheilende Momente.

Mit den Kindern per Fahrrad zur Schule fahren, morgens durch den Nebel, durch zarten Sonnenschleier. Die Felder mit ihren Wegen gehören uns  …

Mit der Tochter an einem trübwarmen Nachmittag ins Schwimmbad gehen (endlich hatte sie mich überredet) und erfreut feststellen, dass außer uns kaum jemand dieses Wetter für schwimmbadgeeignet hält. Allein mit ihr im riesigen Kinderbecken, es fühlt sich an wie ein Traum, Aug in Auge im Wasser treiben, lachen, spritzen. Und ab und zu dann doch ein Sonnenglitzern hinter Berg und Wolken hervor …

In meinem nachtbeleuchteten Zimmer einen armen zitternden Schmetterling finden, ihn in den Händen mit nach draußen nehmen, in die Dunkelheit. Drinnen das Licht löschen, und nur noch ihm nachschauen, wie er befreit entschwindet. In der feuchten Sommerdunkelheit stehen, tief einatmen, tief ausatmen, einatmen, ausatmen …

Solche Früchte trägt der Sommer. Ich brauchte nur vom Boden aufzustehen, mich ein klein wenig aufzurichten und mich aus der satten Fülle beschenken zu lassen.
Danke.

Stürmisch

 (geschrieben gestern Abend)

Da war dieses Feuer vor ein paar Tagen. Ein Feuer im Außen, und ein Gefühl ganz tief in mir – von Wärme, Glut, Nahrung, Licht.
Und nun sind wieder Tage, denen davor gleich. Verweht ist der Feuertag wie sein Rauch, erloschen wie seine Glut. Ein Tag wie ein Fünkchen – wegaufzeigend, richtungweisend, und doch so kurz, so kurzlebig, so kurzgelebt.
Traurig ist es in mir. Verlorenheit und Einsamkeit lassen stille Tränen fließen. Zerrissen fühlt es sich an, auf allen Ebenen:
Der Raum, den ich mir selbst gebe, der fehlt den äußeren Dringlichkeiten. Und umgekehrt.
Der Raum, den ich meinen Kindern gebe, der fehlt denen, mit denen ich arbeite. Und umgekehrt.
Der Raum, den ich dem zu schreibenden Wort gebe, der fehlt dem geschriebenen. Und umgekehrt.

Die Antwort auf dieses Dilemma scheint so klar wie die Unmöglichkeit, in sie hineinzuleben. Da bleibt kein Raum für mich. Da bleibt kein Raum für Wesentliches. Da zerreißt es mich … wieder und wieder … Warum mir dies bei den Feuerbildern kam? Weil es anders war, für ein paar Stunden. Weil ich mich finden durfte, im meditierenden Blick in die Flammen, im Duft des Rauchs, in der wärmegeschwängerten Luft, im nährenden Stockbrot.

Und nun?
Wie wund alles in mir ist, wie sehnsüchtig, wie verletzt … Ich stehe in Schweigsamkeit vor mir selbst, ich spüre Verlieren und Abwenden, ich schaue sehenden Auges zu, wie mir entgleitet, was ich zu gern festhalten würde.
Doch ich flüchte in andere Erklärungen, sogar vor mir selbst. Es bietet sich an, in diesen Tagen das Schuljahresende für verantwortlich zu erklären für jede Art von Erschöpfung. Oder den totalen Computercrash, der mich vor ein paar Tagen ereilte, ein paar lange Stunden in Sorge versetzte, bis der Profi wenigstens eine Rumpffunktionalität wieder herstellen konnte (ob alle meine Daten … und wie ich denn arbeiten solle …), und mich nun vor der mühevollen Aufgabe stehen lässt, umgehend ein neues Gerät zu kaufen, weil ich tagtäglich abhängig bin von dieser Kiste. Beruflich, meine ich. Schon wieder flüchte ich, wenn ich davon erzähle – DAS ist nicht das wirkliche Nagen in mir. Das geschieht nur vordergründig …

Wenigstens tut es gut, diese wenigen Worte niederzuschreiben. So wie es gut tat, stundenlang ins Feuer zu blicken, vor ein paar Tagen. So wie es gut tut, jetzt im Augenblick inmitten eines dröhnenden Gewittersturms zu sitzen. Nur der Balkon über mir schützt mich vor der direkten Wucht der Sturzbäche, der Himmelsfluten. Von der Seite her aber drängen sie sich herein, zusammen mit dem Toben des Gewitters. Mitten in mich hinein. Oder tobt es aus mir heraus? Ich lasse es toben. (Und vertraue, dass das Netbook auf meinem Schoß nicht auch noch einen Wasserschaden bekommt. Die Ratio flüstert mir zu, vernünftig zu sein. Nicht noch dieses Gerät verlieren. Doch die Ratio ist nicht alles. Lang nicht alles …)

Gestern, früh am Morgen

Das ist kein Ort, keine Zeit, keine Situation, um in die Ruhe zu finden. Natürlich läuft den ganzen Tag Programm. Natürlich sitze ich abends mit den Kollegen zusammen. Natürlich wird es spät. Natürlich drücke ich den Wecker um 5 Uhr wieder aus.
Um halb sechs ringe ich immer noch mit mir und meinem Weiterschlafbedürfnis. Um sechs schaffe ich es endlich.
Ein Tal, ein Waldweg, eine Wiese, ein Anstieg, eine Lichtung, fast Alm zu nennen, ein Bergbach, Kühe mit Kuhglocken, Ziegen, Vögel, Insektenschwirren, so früh am Morgen schon. Eine Kapelle, ein Brunnen, eine Bank. Ich setze mich.
Allein, im Morgenlichtflimmern, unter mir das Tal mit seinen Nebelschwaden, Wasserrauschen, die Kühle des Blätterdachs, und fast kann man es Bergluft nennen, was ich einsauge. Das Herz beruhigt sich, die Stimmen in mir verstummen. …
So wenig braucht es. So wenig ist manchmal genug.

(In zwei Stunden ist wieder Tagungsprogramm. Vor mir liegt noch der Rückweg, die Dusche, das Packen, das Frühstück. Schnell also. Aber ich nehme sie mit, die andere Welt, in die ich soeben kurz eintauchen durfte.
Übrigens: Es fühlt sich ungewohnt an, keinen Fotoapparat dabei zu haben. Es war eine bewusste Entscheidung, ihn nicht ins Tagungsgepäck zu nehmen. Wenn ich überhaupt Zeit für die Bergwege haben sollte, hatte ich gedacht, probiere ich mal aus, wie es sich dort ohne Fotoapparat anfühlt. — Seltsam, spüre ich jetzt. Ein kaum zu unterdrückendes Bedürfnis alles festzuhalten. Wissend, dass „alles“ sich nicht im Bildlichen erschöpft, dass man ohnehin nichts festhalten kann – suche ich trotzdem die ganze Zeit nach dem Fotoapparat. Ich suche sozusagen in mir, wenn ich ihn schon nicht um den Hals hängen habe. Umgehend stellt mein Zensor mir Fragen über Fragen. Vom Festhalten und Loslassen …)

Morgenwege

Eine halbe Stunde Meditation ist absolut notwendig, ausser, wenn man sehr beschäftigt ist, dann braucht man eine ganze Stunde.

(Franz von Sales)

Daran habe ich mich heute Morgen plötzlich erinnert, und in Gedanken ein „… oder auch zwei …“ angefügt, und bin losgegangen. Meinen Weg, über den Berg, an meinen Bäumen vorbei.

Ein Weg – ein Sturm an Gegensätzlichem …

Sonne
Gewitterhimmel
Felder aller Farben
Windtosen
eine Bank, von niemandem benutzt
die lärmende Geschäftigkeit des Tals in der Ferne
Ackerfurchen
Kühle auf der Haut
meine Bäume, der stehende, und der gefallene
Mohn, so viel Mohn
Regentropfen
ein winziges Stück Weite
windgeschüttelte Gräser …

Und Stillwerden
und Atmen
und Sein
und …

leer

„‚Wie wir heute Tag für Tag durch unseren Beruf in Anspruch genommen werden, besonders in den technischen Berufen, aber keineswegs bloß in ihnen, das ist das Zerstörende. Es droht, den Menschen in uns auszulöschen, das echte Menschtum unmöglich zu machen … wenige Menschen sehen mit klaren Augen, wie sie eigentlich leben. Sie leben nicht, sie werden gelebt, durch den ganzen Tag hindurch von irgendwelcher unbekannten Macht, die über ihnen die Peitsche schwingt.‘ Um nicht gelebt zu werden durch die Ereignisse, braucht es die Widerstandskraft, leer zu werden, um sich die vielen Eindrücke setzen zu lassen. ‚Jeder hat sein Kloster in sich selber zu bauen: aus der Freiheit der Einsamkeit.'“

(Pierre Stutz, Zitate von F. Rittelmeyer)

In den Ferien ist es etwas weniger Arbeit, etwas mehr Selbstbestimmtheit in der Zeiteinteilung, etwas mehr Raum, solche Worte zu finden und einzuatmen, solche Gedanken in mir zu bewegen …

Lebensfluss

Man lässt es aus dem Hahn fließen, spritzt es sich ins Gesicht, gießt es ins Glas. Es fällt vom Himmel auf den Asphalt, von der Dusche auf meine Haut, vom Bergbach auf den Stein. Es trägt und nährt und kühlt und belebt und umgibt mich …

Aber welches Wunder sich in einem jeden Tropfen verbirgt … ich war ahnungslos.
Seht – hier (klick)!
(Und dann unter „Liquid Art“ weiterschauen, Tat’s zum Beispiel, oder Bubbles oder Kronen oder Fountains – Unglaubliches!)

Ob das Wasser des Lebensflusses ebensolche unsichtbaren Wunder birgt?

augenschließend

Es gibt ja meist einen Anlass, einen ersten, oberflächlichen, dass wir einer Sache begegnen. Einem Buch zum Beispiel. Manchmal aber, wenn man dann liest, eingetaucht ist, gelesen hat, dann versteht man plötzlich: Da ist noch ein anderer, tieferer, wahrer Grund, warum man gerade jetzt darauf stößt.

So geschehend im Moment mit mir, bei einem Buch über Blindheit und Sehenlernen.
Wie nichtsehend wir Sehenden oft sind …
Wie sehend wir werden können, wenn wir durch die Augen des Blinden blicken …

Ich muss weiterlesen …
(Und nein, ich kann hier gerade nicht gut erklären, was das mit mir zu tun hat. Aber ich weiß: Ich lese über mich.)

In allen Richtungen

In der Mathematik ist alles immer ganz einfach.
Drei Dimensionen: Ein Oben, ein Unten, dazu ein Rechts, ein Links, ein Vorn, ein Hinten. (Oder meinetwegen: drei Oben, drei Unten.)

Hier im Leben – ganz anders. So viele Dimensionen, in denen ich gerade zwischen oben und unten umherirre … so viele Obens und Untens. Mindestens 5-D, oder 7-D, und noch-so-manch-D…
Viel-D-Leben, jedenfalls.

gegenpolig

Ein so anderes Erleben auf der anderen Seite der Waage.
Die kleine, nun eigentlich überhaupt nicht mehr kleine Tochter fiebert ihrem Tag entgegen wie noch nie. Seit Wochen geht das so: Wie viele Tage noch? Wie oft noch schlafen? Ich bin so aufgeregt … Ich freu mich so … Ich kann es nicht erwarten … Wie viele Tage noch? Wie oft noch schlafen?
Und als im Laufe der letzten Woche die Anzahl der verbleibenden Tage ins Überschaubare, auch für sie Zählbare rutschte, wurden die beiden Fragen ersetzt durch: Noch fünf Tage … Noch vier mal schlafen … Nur noch heute, morgen und übermorgen, und dann … Übermorgen … 
Heute geh ich zum letzten Mal als 5jährige in den Kindergarten! War ihr heutiger Morgenjubelschrei. Zurück kam sie mit einem triumphierenden Nie mehr gehe ich mit 5 in den Kindergarten!
Und zufälligerweise fragte ein netter Mensch auf der Straße sie ausgerechnet heute nach ihrem Alter: 5abermorgenbinich6 :)

Na, hoffentlich können wir mit dem morgigen Geburtstagsprogramm dieser RIESENRIESENVorfreude auch gerecht werden …

Erstes Erkennen

So waren diese gestrigen Worte mir Schleusenöffnung. Hatte lange nicht gewagt darüber zu schreiben. Weil … irgendwie … hm … ich bin ja immer stark. Schwer dieses Bild zu brechen, auch für mich selbst. Und das Außen einzuweihen … unendlich unmöglich manchmal.
Nun tat ich es, und es ist gut. Weil es nun endlich weiterarbeiten darf in mir. Ein Krankheits-Schulfrei-Tag gibt doppelt Raum dafür. (Ein Danke an meine Stimme – hat mir diesen Tag zur rechten Zeit geschenkt!)

Und was sich öffnet? Einmal mehr – nicht zum ersten Mal – das Erkennen, dass nichts im Außen, alles in mir selbst geschieht. So auch das Weglaufen – nicht das Leben, die Dinge, die Menschen entfernen sich, sondern in mir entgleiten sie. In mir wohnt der wachsende Abstand. In mir ist das Zurückziehen. Nicht: mir wird (an)getan. Sondern: ich tue es mir (an).
Befreiend: nicht passiv, nicht wehrlos, nicht Opfer zu sein. (Obwohl das bequem und verlockend scheint.)
Ernüchternd gleichermaßen: für das Heraustasten, Herausreichen, Heraussteigen aus der Zisterne braucht es Kraft. Meine Kraft. Die ich gerade nicht habe. Auf die ich nur warten kann …

(Ein Regenbogen ist gebrochenes Licht. So habe ich das noch nie gesehen. Wo war ich nur mit meinen Gedanken, wann immer ich im Physikunterricht über Regenbögen sprach? Wie eng habe ich bisher darauf geschaut …)

So manchmal …

… wenn zwischen dem nichtschaffbaren Alltag, der mich wattegedämpft durch eine Art Nichtwirklichkeit spült, und meinem traumlosen tieferschöpften Schlaf, ein Minütchen bleibt, oder zwei,
oder wenn sonntags, feiertags das Hamsterrad ein wenig innehält,
oder wenn wie jetzt ein Infekt, wie man sagt, eine Notbremse also, mich ins Bett und in die Stimmlosigkeit schickt,
dann geschieht, was geschehen muss und soll und endlich darf:
Ich sinke zusammen. Und spüre für einen kurzen Moment schmerzendes Erwachen in mir hämmern …
Soll ich diese Momente „schlecht“ nennen? — Ohne sie fühlte ich mich besser. Oder nur leichter? Aber unwirklicher? — Sind sie Wegweiser? Hinaus aus dem Jetzigen? — Ich glaube, diese Momente sind meine Wahrheit. Und daher: gut, dass sie zu mir kommen.

Das Jetzige: Auf der Oberfläche rede ich, lache, arbeite, kommuniziere, agiere. Wie immer. Aber darunter, irgendwo tief innen, da sitzt ein Stein. Ein Stein namens Einsamkeit und Trauer. Lange wusste ich nichts mehr von ihm. Oder wollte es nicht wissen. Vor kurzem wurde er für einen kurzen Moment an die Oberfläche des Sichtbaren gespült. Wie sehr, wie überaus stark es da aus mir herausbrach, erschreckte mich. Und nicht nur mich.
Als die Kollegen am nächsten Tag fragten, ob es mir wieder besser gehe, wäre die ehrliche Antwort „nein“ gewesen. Ich habe sie hinuntergeschluckt. Und mich dabei noch einsamer gefühlt als am Vortag …

Als ob mir die Menschen, die Dinge, das Leben entgleiten würden. Und ich stehe wie gelähmt daneben. Möchte schreien: Lauft mir nicht davon. Doch ich öffne nicht einmal den Mund. Weil es nicht mein Rufen ist, was sie zurückhalten wird. Sondern nur mein …
Und hier stocke ich. Was an die Stelle dieser drei Pünktchen zu setzen sei? Weiß ich es? Will es nur nicht wissen? Habe nicht den Mut es auszusprechen?

Und jetzt fließen Tränen.
Die sich mit der untergehenden Sonne vor dem Fenster vermischen.
Ob das einen Regenbogen gibt, frage ich mich …

Wellen

Dass ein solch winziges Erlebnis solche Schleusen öffnet …
Und dass ein derart schleusenerschütterter Tag noch so besänftigt enden kann …
Und nun drehen und winden sich in mir: schmerzendes Erwachen, mitgeflossen durch die Schleusen. Und Erstaunen, wie sehr das Ende des Tages mich zu besänftigen vermochte.
Zweierlei Ahnungen. Beide kann ich nicht einordnen.

***

Abendspaziergang. Auf dem altvertrauten, lange nicht beschrittenen Weg.
Es ringen die kalte Luft des Frühlings und die warme des Sommers. Gehauchter Gegensatz. — Können Hauche (Plural von Hauch?) überhaupt ringen? Oder tanzen sie? Färben die Welt wellenförmig? Das eine das andere bedingend? Anders nicht spürbar als im Sein des Gegenseins?

Mit der Haut meines Gesichts lese ich dieses tanzende Ringen, und im Ausschnitt des Pullis, heute erstmals nicht von einem Tuch bedeckt. Mit der Stelle unterhalb des Halses, welche im Hebräischen – so erzählte mir mal einer – sowohl „Atem“ als auch „Seele“ genannt werde. (Und weil dieses Bild so viel zu mir spricht, habe ich es nie „überprüft“, weiß bis heute nicht, ob das tatsächlich so ist in der hebräischen Sprache. Ich will es auch gar nicht wissen … in mir schieben sich seither Atem und Seele übereinander.) Mit der Seele also fühle ich die sich umwebenden, umspielenden Hauche. Welch ein Bild …

Bis ich bei meinen Bäumen bin, den beiden ungleichen. Ich glaube mich verirrt zu haben. Oder mich zu täuschen. Oder auf einem anderen Weg zu gehen. — Da sind nicht mehr zwei. Da steht nur noch der  starke, vereinsamt vom schwachen. Nur einer, nur einer allein. Ich suche, verstehe nicht, taste mit den Augen … und sehe. Wie er liegt, der schwache. Gefallen, kraftlos, verdorrt – wann?

Leicht fühlt es sich an, als ich ein Stückchen seines morschen Stamms zwischen die Finger nehme. Als ich mit den Fingern die Fasern entlangfahre. Wellen nachziehe, Spuren ertaste.
Ein paar kleine Stückchen stecke ich ein. Mögen sie bei mir wohnen, diese Spuren des Nichtseins. Mögen sie mich aufwecken.

Der Gefallene zieht mich an. Doch vor dem Schritt hinüber, ganz nah an den ruhenden Stamm heran, mich auf ihn zu setzen, scheue ich. Stehe unschlüssig in der Dunkelheit. Inmitten von Brennnesseln liegt er da. Und ich wage es nicht. Fliehe vor dem Schmerz, der mich im Schritt erwarten würde. Ziehe mich hinter meine Haut wie hinter Watte zurück. Und sehe im Tal Züge fahren. Wer flieht dort? Und vor was?

Mir im Rücken steht der starke. An dessen Stamm lasse ich mich  nieder. Flüstere ihm zu, ob er schon wisse, dass sein schwacher Bruder … Natürlich weiß er. Möglicherweise schon lange. Wie lange? So lange war ich nicht hier …
Es tut gut, am Stamm zu sitzen. Zu lauschen, zu schauen. Warm zu werden. Der Tanz der Hauche auf der Seele für den Moment nicht spürbar. Für eine lange Weile. Bis vom Mond zum Geäst eine Spinnwebe hinübergewachsen ist – so lange sitze ich.

Dann erst wieder: Fuß vor Fuß, weiter auf dem Weg. Es geht sich von allein. Der vereinsamte Baum bald hinter einem und vor dem nächsten Hügel verschwunden, mein Mondschatten mir den Weg weisend, mein Schrittknirschen mir das jeweils Nächste aufzeigend. Erinnerungen fluten mich. Auch solche aus der Zukunft. Gedankliche Rückwärtsschritte, während die Meter unter mir davonrollen.

Hinter geschlossenen Schleusentoren sind Tränen gut spürbar. Was tragen sie in sich? Fast fühlt es sich warm an. — Und allezeit das Tanzen der Hauche auf und in, mitten in meiner Seele. Nicht wissend, ob noch Frühling, ob schon Sommer ist. In der Ferne ein erntender Mähdrescher, in meiner Tasche morschtote Holzstückchen mit ihrer Saat. Woraus ihr Same bestehen mag?

***

Es fließt so schnell. Der heutige Fastsommertag schreckt mich auf. Die Bilder vom vergangenen Dienstag – da war Frühling, eindeutig Frühling – sind bald schon gestrige. Heute brauche ich sie, meine Augen zurückzuholen in die Zeit des ruhigen Aufbrechens. Für heute ist mir dies Anker …

Ferienende


Und wie ich mich fühle? Ferienreif. Bedrückt. Bedrängt.
Dringliches ist liegengeblieben, Wichtiges kam nicht zum Zuge.

Oder doch? Ich hole die Fotos von der Kamera, mir selbst vor Augen zu führen. Doch, da gibt es Ferienbilder. Ich muss sie im Außen anschauen, um sie innen wieder zu fühlen …

Und doch … Als der Sohn gestern Abend weinend sagte, er wolle noch länger Ferien haben, da weinte ich fast mit. Leider haben wir das Kästchen im Kalender nicht gefunden, in dem man mit einem Häkchen wünschen kann: „Ja, ich hätte gern noch eine Ferienwoche mehr.

nicht heil

Osterferien stellt man sich anders vor. Von wünschen ganz zu schweigen. Jedenfalls nicht mit Pendelverkehr zwischen Krankenhaus und Zuhause. Nicht mit Notarzt und Not-OP …

Was das mit mir macht? Ich bin ganz ruhig geworden. Denke über „vorstellen“ und „wünschen“ nach. Dass beides immer weniger Platz in meinem Leben findet. Dass ich wieder mal eine Chance bekomme, das Annehmen zu üben – das kleine Annehmen, in Stellvertretung – oder Vorbereitung? – des großen. Die bis gestern noch wichtigen Dinge rücken sich zurecht, wohin sie gehören: auf die Nebenbühne. Ins Zentrum gerückt ist die — hm — Stille? — Mir fehlen die Worte, das zu benennen, was ich in den letzten Tagen erfahren durfte.
(Und dass ich erstmals im Leben meine Abiturkorrekturen unpingelig, unpedantisch, unperfektionistisch, unakribisch und pragmatisch zügig durchziehe, immer häppchenweise zwischen zwei Klinikfahrten – das macht mich stolz und froh zugleich: Könnte ich mir diese Arbeitsweise bewahren, für „unspektakuläre“ Zeiten, was hätte ich Wesentliches gelernt für meine Arbeit :))

Die Kinder?
Der Sohn ist besorgt und sehnsüchtig. Schenkt seine Liebe in der Hülle einer täglichen Mitbring-Gabe voller Originalität und Selbst. Heute – er wächst über sich hinaus – hat er erstmals in seinem Leben ganz ohne meine Hilfe gebacken. Kekse, in Bilderform zurechtgeschnitten, verziert, beschriftet. Der größte bekam nur die Aufschrift „Papa“. Ein Ausrufezeichen war unsichtbar dahinter gesetzt.
Verlassen wir die Klinik, ist er traurig, kaum zu trösten. Nur die Loriot-Kassette vermag ihm ein Lächeln zu entlocken. Und sofort grübelt er los, was er morgen schenken könnte …
Die Tochter verpackt ihre Ängste in tausend Fragen. Saugt alle Eindrücke der Klinik auf und teilt mir mit, was sie beobachtet. Dort: ein Mann liegt in einem Bett, wird von einem Arzt geschoben. Und dort: lauter Ärzte kommen die Treppe runter. Und dort: ein Kind, hat sich den Arm gebrochen. Und dort: der Mann hat ganz viel Rot an der Wange, hat sich verletzt. Dort: die Frau hat ein verbundenes Auge.
Sie will alles wissen: Warum trägt die Frau ein Tuch vor dem Mund? Wie wird eine Narkose gemacht? Warum sitzt der Mann im Rollstuhl? Wozu sind die Knöpfe hier am Bett? Was ist in der Flasche? Warum haben die in der OP grüne Sachen an? Wenn ich mal ins Krankenhaus muss, gebt Ihr mich dann in die Kinderklinik oder hierher? Warum sind die Kinder in der Kinderklinik? Und wenn der Papa sterben muss?
Ich weiß keine Antworten. Außer auf die marginalen Fragen, wozu die Knöpfe am Bett sind und was in der Flasche ist. Nicht mal das Wie der Narkose, nicht mal die Grünkleidung kann ich erklären. Geschweige denn ihre wirklichen Fragen. Ich öffne meine Augen und realisiere mit ihr, in welcher heilen, unangetasteten Welt wir bisher gelebt haben. Sie kennt das Unheile nicht, sie hat Versehrtheit noch nicht erlebt. Nun steht sie davor, in einer Mischung aus Neugier, Schrecken, Faszination und Angst. Sie schenkt mir mit ihren Fragen ihre Kinderaugen. Ich kann gar nicht anders, als jede Augenblicksbegegnung auf den Klinikfluren mit einer Frage zu durchleben – nach der Geschichte, dem Schicksal, der Kraftquelle meines Gegenübers. So viele Gespräche würde ich hier gern führen, so viele Lebenswelten gern betreten …

Und dann ist da noch etwas. Das wichtigste Geschenk dieser Tage vielleicht. Da ist Dankbarkeit in mir. Große Dankbarkeit.
Nicht nur – aber auch – weil sich hier unsere Geschichte relativiert, sehr relativiert. Die Schicksale, denen man auf den Fluren begegnet … wie unwichtig, wie leicht ist dagegen das Unsere. Natürlich lässt sich Schmerz nicht gegeneinander aufwiegen, nicht mit einer objektiven Vergleichslatte messen, und doch: Ich danke dafür, dass das Unsere so leicht ist.
Und noch für etwas bin ich dankbar: Wir sind in einer Uni-Klinik, einer sehr guten, mit speziellem Ruf. Der Operateur gilt als besonderer Spezialist auf diesem Gebiet. Das haben wir erst hier erfahren – denn wir sind zufällig hier gelandet, da wir vor den Toren der Kleinstadt dieser Klinik wohnen und es deswegen der nächste, für uns zuständige Notfalldienst war. Deswegen dürfen wir in diesen erfahrenen, kompetenten Händen sein. Mehr kann man nicht wünschen in einer solchen Situation.
Und ein drittes: Heute, als wir zu ihm gingen, nach der OP, in den Nochschlummer der Narkose hineintrafen, da war uns allen ein wenig mulmig. Mir ja auch. Dabei hatte ich die Kinder im Auto versucht vorzubereiten: dass der Papa „anders“ sein würde als sonst. Aber das liege an dem Schlafmittel. Und so. Ich wollte die Kinder schützen, und fühlte mich selbst hilflos und verloren dabei. Und dann kam dieses kleine Mädchen auf uns zu. Rothaarig, mit weit geöffneten Augen, mit so vertrautem Blick – da wusste ich, dass alles gut würde … (Ob ich das Mädchen kannte? Nein. Oder doch – aus einem vorigen Leben vermutlich. Es gibt solches Wiedererkennen. Das heute kam zur rechten Zeit …)

PS.
Nein, beunruhigt Euch nicht. Nichts Lebensbedrohliches, nichts wirklich Lebenswesensveränderndes. Aber das ist nur meine Sicht. Ich stecke nicht drin, stehe nur daneben.
Einschneidend ist es allemal, da es Beeinträchtigungen hinterlassen wird. Wie groß die sein werden? Wir alle müssen Geduld haben, dies zu erfahren.
Für die nächsten Wochen zunächst: Den Berufs-Familien-Alltag organisatorisch zu bewältigen, wird Herausforderung genug sein. Erstaunlicherweise fühle ich im Angesicht dieser Herausforderung etwas in mir wachsen. Ein Licht, eine Gewissheit, einen Kraftquell.
Das Leben macht mich mal wieder sehr demütig …

Von gestern und vorgestern

Wie immer – alle sind zum Umfallen erschöpft. Es ist der letzte Schultag, der erste Ferienabend.
Wie noch nicht immer – es gibt eine Handvoll junger Kolleginnen, die den Gedanken leben, zum gemeinsamen Arbeiten gehöre auch gemeinsames Feiern.
Also: ein Fest. Wo eigentlich, fragen wir? Im Foyer vor dem Lehrerzimmer. Klar doch :)
Wir haben hier alles, was wir brauchen. Geografiekartenständer als Beleuchtungshalter, Farbkreisel aus der Physiksammlung (schaffen eine Atmosphäre wie in der Dorfdisko :)), Sitzsäcke aus der Ganztagesbetreuung, große bunte Tücher aus dem Theater-AG-Fundus, die Anlage aus dem Musiksaal, ein riesiges Würstchen-Erwärm-Ding (vom Freundeskreis für Schulfeste angeschafft), die Espressomaschine des Italienisch-Kollegen …
Und wir haben uns.
Es ist wunderbarst, denke ich den ganzen Abend. Ein Glück, in solcher Atmosphäre zu arbeiten.
(Und die Anmeldezahlen von vor drei Tagen machen Hoffnung, dass das auch so bleiben darf :))

Und dann haben sie Musik besorgt, die jungen Kolleginnen. Quer durch die Jahrzehnte. Das ist irrsinnig, wie es abwechselnd die verschiedenen Altersgruppen auf die Tanzfläche zieht. Seine Jugend hat offenbar niemand vergessen. Man erkennt die Kollegen nicht wieder :)
Naja, mich erkennen sie ja vermutlich auch nicht wieder, die anderen. Bei der Neuen Deutschen Welle erwischt es mich. — Ich war vierzehn, achte Klasse, das Thema Jungs rückte in den Fokus, und der erste Kuss. — So lange her, und plötzlich so nah, bei diesem hier, und diesem, und diesem, und sogar diesem :) , ein Gefühl wie auf der Klassenfahrt, damals …
(Und als ich die heute Abend im Video sah: Jep, das war’s. Was hätte ich gegeben um so eine Weste. Und wie bitter war es, dass meine Haare partout nicht so wachsen wollten wie diese. — Während ich erinnerungsschwelgend in einem nach dem anderen versinke, schaut mich der Sohn nur fragend von der Seite an – „Mama?!“ – Naja, mutet schon seltsam an. Von heute aus sehe ich’s auch. Und die Texte betrachtet man lieber nicht aus der Nähe :))

Plötzlich erfährt man von den Kollegen übrigens auch, wer wie alt ist. Das sieht man manchem sonst nicht an. Und in welchem Alter wer welche Musik gehört hat. Und welche Geschichten damit verbunden sind. Gestern Abend erzählen wir uns so einige Geschichten. Ich auch – eine, die gut als Plot für einen mittelkitschigen Film herhalten könnte. Stellen die Kollegen fest. In dem Moment merke ich’s auch.

Es fühlt sich irgendwie gut an, so mit VierzigPlus. Man hat schon filmreife Geschichten erlebt, und – vielleicht? – noch welche vor sich. Man fühlt sich bei der Musik von vor dreißig Jahren plötzlich wieder ganz jung, aber in mancher Hinsicht auch schon wohltuend jugendsturmgeglättet. Man arbeitet mit solchen zusammen, die fast zwanzig Jahre älter sind, und mit solchen, die fast zwanzig Jahre jünger sind. Man hat das Gefühl, beide Alter sind einem nahe.

So ein Abend war gestern.

***

Und heute fällt mir ein, wie mich der Sohn vor ein paar Tagen ausgequetscht hat. Ob er denn nicht einen MP3-Player bekommen könne, die meisten aus seiner Klasse hätten schon einen. (Na klar, denke ich, sollst auch einen haben. Kommt ja wieder ein Geburtstag.)
Und wo er denn dann die Musik dafür herbekommen solle, fragt er. Was für Musik, frage ich, was hört Ihr denn? Ich habe ja keine Ahnung. Er weiß es auch nicht. Was die anderen halt drauf haben. Er hört manchmal begierlich mit.
Wo man das herbekomme? Wiederum: Ich habe keine Ahnung. Ob man das im I-Net runterzieht – und ist das eigentlich legal? – oder kauft man CDs und überspielt sie sich? Oder ob man es sich aus dem Radio aufnimmt? Oder von anderen abstaubt?

Zeitrückwärtssprung – wir damals:
Montags und freitags von acht bis halb zehn Abends heimlich unter der Bettdecke „Schlager der Woche“ gehört. Und als wir später einen Fernseher hatten, gab`s samstags die Hitparade im ZDF – erinnere ich das richtig? Besonders begehrenswerte Songs (oder Hits, oder wie sagte man damals?) nahmen wir auf einem Familien-Rumpel-Knatter-Kassettenrekorder auf. Ich glaube, quer durch den Raum, ohne Kabel, Rekorder vor’s Radio gestellt, so haben wir das anfangs gemacht. Und immer schon die Kassette (gelb oder rot, von BASF, ich seh sie noch vor mir) am Frühabend präpariert, an die richtige Stelle gespult – ein Alptraum, sie falsch herum eingelegt zu haben …
Dann endlich der erste eigene Kassettenrekorder, zusammengespart und den Rest zur Konfirmation gewünscht, einer aus dem „Westen“. Die ersten Walkmans gab es zu der Zeit theoretisch auch schon, die kosteten bloß so viel wie ein Monatsgehalt des Vaters. Deswegen „theoretisch“. Immerhin kannte ich einen, der einen kannte, der einen hatte …
Erst zu Abizeiten, oder erst im Studium?, dann ein eigener. Auch wieder „von drüben“ geschenkt, wie alle folgenden. (Wie war das eigentlich für meine Freunde ohne Westverwandtschaft? Bin ich ignorant, dass mir diese Frage heute zum ersten Mal kommt?)
Jedenfalls, ihre Haltbarkeit scheint begrenzt gewesen zu sein, denn viele, viele Walkmans nannte ich im folgenden Jahrzehnt mein eigen. Einer liegt noch in einer Uralt-Technik-Kiste im Keller. Bzw. lag da, bis der Sohn ihn jüngst entdeckte. Er fand das alte Teil unglaublich cool, und die dazu aufgestöberten Loriot-Kassetten sowieso. Seither trifft man ihn nur noch mit Kopfhörern an. Und seinen Freunden hat er das schwarze Wunderwerk auch schon gezeigt :)

Wie das heute gehen mag mit der Musik, wo man die herbekommt? Das soll er mal schön selbst herausfinden, bei seinen Freunden, bei den Älteren aus seinem Orchester – mögen die ihn instruieren. Aber jedenfalls: seinen MP3-Player soll er demnächst haben.
Nicht nur, aber auch deswegen: damit er in dreißig Jahren in ebensolche Erinnerungswellen eintauchen darf wie ich gestern.

Und wenn der Sohn demnächst mit sonderbaren Kleider- und Frisurenwünschen daherkommt, werde ich mich an gestern erinnern, und an meine Zeiten, die sich gestern noch wie gestern anfühlten, und versuchen verständnisvoll zu bleiben …