zugemutet

Nun auch hier: ein Hauch von Reif auf den Blättern, kaum sichtbar zwar, aber von deutlichen Minusgraden umgeben. Es riecht nach Kälte, nach Winter. Und als ich morgens auf die Terrasse trete, fallen neben mir die Blätter. Ich bin irritiert.
Warum?

Erst allmählich wird mir das Ungewohnte bewusst:
Sie fallen nicht sanft und schwebend, sondern schnell – von der Schwere des Reifs zu Boden gezogen – geradlinig, zügig.
Sie fallen nicht leise und raschelnd, sondern mit einem hartgefrorenen Geräusch – jedes Landen von einem Klick begleitet – unaufhörliches Blätterfallklicken.

Seltsame Vermengung von Bildern, Geräuschen, Stimmungen, die so nicht zusammengehören, die nicht recht zusammenpassen wollen, die wir jedenfalls sonst nie zusammen erleben. In eine Welt der Gegensätzlichkeiten zieht uns dieser Herbstwinter hinaus, vermischt Widersprüchliches, bringt Kontraste einander nahe, führt sich als Bruch, als Einbruch in Gewohntes auf.

So wie das Leben. So wie die Seiten des Lebens jedenfalls, die wir allzuoft und allzugern glätten wollten, dass sie seichter, sanfter, behutsamer mit uns wären. Nein, all das ist dieser Herbstwinter nicht. Er kommt unverstellt, kommt als er selbst, denkt nicht daran uns zu schonen. Wie das Leben eben.
Vielleicht würde ich an Tagen, an denen ich mich stark wähnte, danke sagen. Danke für diese Zumutung. — An einem Tag wie diesem bin ich ganz still. Lausche zaghaft, verzagt fast. Die Natur lehrt uns – ja, doch – oft tut sie das. Nur mag ich manche Lektionen nicht so gern hören …

Erschreckt

Als er aus dem Landheim zurückkam – aus jenem, bei dessen Abreise ich schon ein wenig geschluckt hatte, weil die Kinder uns begleitende Mütter nicht mal mehr mit einem Winken bedachten, wie wir da überflüssigerweise und „peinlich“ herumstanden – als er also nach drei Tagen zurückkam, konnte ich gar nicht so schnell schauen, wie er sich aus der kurzen Umarmung – ja, doch, er kam angeflogen, wie immer, wie es ihn wohl auch drängte – wieder löste. Mich regelrecht wegstieß. Das mit dem Umarmen, das möge er nun nicht mehr. Erzählen sei in Ordnung, ich dürfe auch was fragen, aber nicht mehr umarmen. Er sei jetzt in der Pubertät, und da sei das eben so.
So sehr wie ich über diesen ernsthaft ausgestoßenen Satz schmunzeln könnte, spräche ihn ein fremdes Kind zu einer fremden Mutter, so sehr bekomme ich einen Schreck. Einen richtigen, tiefen. Ich sitze vor ihm – ungläubig, verloren, tief getroffen. Bin doch eine alte Nichtloslasserin. Möchte mein Kind, mein immer noch kleines, so sehr an mich drücken. So wie es immer war – bis letzte Woche doch war es so. Er war so verkuschelt, er brauchte Kuscheln vor dem Einschlafen, zum Aufwachen, zum Erzählen von der Schule, und einfach so zwischendurch. Und nun? Ist er mit einem Schlag weg davon? — Ich kann es immer noch nicht glauben. Mir tut es weh, und ich erschrecke über diesen Schmerz. Denn mein Kopf, der ist voll von Freude, ein großes, ein immer selbstständiger werdendes Kind begleiten zu dürfen, der ist fasziniert von all den Schritten, die er gerade in jüngster Zeit geht, über seine Wege ins „Jugendlichwerden“ (so nennt er selbst es :)). Und meiner Herzensfreundin, die jeden Tag mit ihrem drei Jahre älteren Sohn genießt, der glaube ich gern, welch besondere Zeit auch die jetzt anbrechende sein mag. — Aber tief in mir, in meinem ebenso verkuschelten Kleinkindmamaherzen, da tut es gewaltig weh. Ich weiß, dass ich diesen Schmerz ihm gegenüber nicht zeigen sollte, dass ich schon gar nicht ein „Recht“ auf irgendeine Form der Nähe habe, aber mir treibt es die Tränen in die Augen. Ich fühle mich so unfähig. Er wächst so viel schneller als ich …
Und dann – nun sind ja schon ein paar Tage vergangen seither – bemerke ich, dass da nicht nur Schmerz ist. Etwas hat sich geändert. Zunächst: so ganz hundertprozentig, so ganz abrupt ist er doch nicht weg aus den Umarmungen. Immer wieder mal kommt er, holt sich eine Berührung. Ich passe sorgfältig auf, dass ich ihm keine aufdränge, doch er holt sich den Körperkontakt wirklich selbst. Kurz nur, seltener als früher, und manchmal wirkt er dabei wie erschreckt über sich selbst, kann nicht einordnen, dass er dies doch noch braucht, obwohl er eigentlich nicht mehr wollte :)  Und jedes Mal durchfährt es mich freudig und wehmütig – wer weiß wie lange noch? – und mit einer neuen Achtsamkeit. Ich spüre in unsere nahen Begegnungen anders hinein, tastender, horchender, mit größerer Bereitschaft neue Klänge wahrzunehmen, das Altvertraute loszulassen. Ja, da sind neue Töne – und was für welche! Ich muss nur aufwachen, muss mich mit allen Fasern auf meinen großen Sohn einlassen … was wird sich mir alles offenbaren???

(Und nun wage ich kaum, dies zu veröffentlichen. Schaue voller Bewunderung zu all Euch Großkindmüttern da draußen – wie Ihr diesen Schritt geschafft habt, zu dem ich mich noch so unfähig fühle. — Mut macht, dass alle Mütter dieser Welt ihn gehen. Und ihn zu gehen schaffen. — Mut macht auch, dass ich in der Schule mit den Älteren viel lieber, vielleicht auch viel besser arbeite als mit den Kleinen, dass also das Alter, welches ich bei meinen Schülern am meisten liebe, bei meinen Kindern erst noch bevorsteht, noch lange nicht erreicht ist …)

Soeben …

… bei uns im Garten. Die Schneebilder, andernorts zu sehen, kann ich kaum glauben. Ebenso wenig wie die Temperaturen, die das Thermometer neben mir anzeigt. Meine Haut sagt anderes. Vielleicht lässt sie sich vom Auge über ihre Wahrnehmung hinwegtäuschen? Vielleicht bin ich ein so augendominierter Mensch, dass ich auch nicht spüren kann, was der Sohn jetzt gerade erstaunt durchs Haus ruft: „Draußen riecht’s nach Winter …“

Arbeitsweg

Bin gestern sehr früh eingeschlafen, so erschöpft, noch bevor ich erzählen konnte: Ja, ich habe es getan, wieder mal! Mit dem Fahrrad zur Arbeit nämlich, zu meiner Dienstagsarbeit. So sieht es unterwegs aus …

Das war auf dem Rückweg, in der warmen Mittagszeit.

Morgens ist es stockfinster, ich kann das schwarze Wasser hinter den schwarzen Bäumen nur erahnen. Eine unglaubliche Stimmung. Und ein sehr erlösendes Schwarz. Denn bevor ich auf den Fluss treffe, liegen 10 km Bundesstraße hinter mir. Gegen halb sieben morgens über die abgeschiedenen Felder traue ich mich nicht. Deswegen der Radweg dicht an der Straße, auf der mich jedes entgegenkommende Auto dermaßen blendet, dass ich mein eigenes Fahrradlicht und den Weg vor mir kaum noch sehe, immer nur hoffen kann, dass mein Reifen stets die Mitte zwischen Böschung rechts und Fahrbahn links beibehält. Deswegen: erlösendes Schwarz des Flusses. Von hier ab ist alles gut. — Wie unterschiedlich die gleiche Farbe wirken kann …

Und noch ein Sehenserlebnis. Weil ich mit dem Fahrrad mal eben schnell in die Stadt hinein fahren konnte, ließ ich endlich meine Brille richten bzw. austauschen – seit Wochen spricht der Optiker auf meinen AB, ich solle vorbeikommen. Spontanentschlossen tat ich’s gestern. Hatte aber keine Ersatzbrille dabei und musste die Wartestunde „blind“ verbringen. Naja, nicht blind. Aber so verschwommen, dass ich niemanden und nichts außer Konturen erkenne. Vielleicht habe ich also Menschen verprellt, die mich freundlich anlächelten und ich hab’s nicht bemerkt, vielleicht hab ich Bekannte übersehen, hab sonstige Ungeschicklichkeiten begangen. Hilflos, war mein Gefühl.
Bis ich mich setzte, auf den Innenhof meiner Studentenjahre, verschwommene Wolken von Farben und Licht schauend, in vertrauter Umgebung, und alles war gut. Aber doch ungewohnt. Und Neugier war in mir … so dass ich meine Kamera beauftragte, für mich zu entdecken, was sich in den Farbwolken verbirgt. — Sehr faszinierend: da waren Konturen, da war Erahntes und Nichterahntes, Vertrautes und Überraschendes …

Nein, da ist nichts „Besonderes“ auf den Fotos. Mich faszinierte lediglich, dass ich von all dem nichts – NICHTS – gesehen hatte. Manches habe ich in all den Jahren mit Brille auf der Nase nie wahrgenommen.
Insofern … ist es also doch etwas „Besonderes“?
Wie oft mag uns das mit unserem „normalen“ Sehen auch so gehen – wir sehen, und sehen doch wieder nicht …

Herbstwetterfahrtgedanken

Mein Fotoapparat sollte im Auto liegen, bei diesen Farben, jetzt, hier, für all diese Bilder – das denke ich schon seit Tagen, da ich wieder regelmäßig durch die Landschaft fahre, durch meine Studentenstadt, an meinem Fluss entlang, über die Hügel, morgens, abends, mittags – sehe allerorten fotografierende Menschen, vom Rad gestiegene, schaue neidvoll, rechne immer wieder durch, ob nicht auch ich – nein, knapp 100 km Tagestour sind einfach zu viel für das langsamere Vehikel – und bin noch ganz betäubt von dem Licht, das mich soeben nach Hause begleitet hat. War auch schon im Auto betäubt, so sehr, dass ich das an der Tankstelle gekaufte Feierabend-Eis auf dem Beifahrersitz liegenließ. Bis zu Hause. Da schwimmt es nun …

Den angekündigten Temperatursturz mag ich nicht glauben, und kann es nicht, und sehe ihn nicht vor mir, da er in dieser goldgefärbten Luft nicht greifbar wird (und will es nicht, jedenfalls solange der Sohn im Landschulheim ist, für Winterwetter nicht eingekleidet, so wie seine Klassenfreunde wohl auch nicht, diese großgewordenen, die sich heute morgen aber sowas von nicht verabschiedet haben von uns Müttergrüppchen, die wir beginnen peinlich zu werden :) – nunja, wer so schnell lospubertiert, würde wohl auch mit einem Temperatursturz fertigwerden, versuche ich meine Muttersorgen loszulassen).

Und doch, wer weiß wie schnell – alles geht derzeit schnell. Vieles unerwartet. Sechs Blaulichtwagen bin ich heute begegnet – sechsmal eilige Fahrt ins Werweißwohin, sechsmal eine ungeahnte Lebenswende, und kurz vor meinem Dorf noch das Kreuz, das seit einigen Wochen auf unsere Landstraße schaut – einige Kilometer nur von dem Kreuz entfernt, das seit sechseinhalb Jahren daran erinnert, dass nicht jedes Kind neben seiner Mutter großwerden darf, und nicht jeder Vater seine Tochter am Ende eines Schultages wieder in die Arme schließen darf. Tagtäglich fahre ich an diesen Kreuzen vorbei.

Die Tochter liegt oben im Bett, ungewöhnlich um die Zeit, der Schulstart fordert seinen Tribut – in vier Tagen sind Ferien. Alle drei sehnen wir sie herbei. Alle drei brauchen wir mehr Schlaf, mehr Ruhe, brauchen uns, brauchen das sich in Ferientagen so herrlich ausbreitende Nichtstun.

Und über all dem schwebt seit Tagen eine Wolke dumpfen Misshagens – oder schwebt sie in mir? – des Misshagens über meine Wege, meine Aufgaben, meinen bevorstehenden Rollenwechsel – vom Arzt zum Richter (wie es in der Pädagogik oft genannt wird).
Wer bin ich, dass ich in fremde Lebenswege eingreifen darf? — Und werde es doch bald tun müssen. Mit Zahlen, die ich in Formulare eintrage. Und die darüber entscheiden, ob der- oder diejenige … oder ob eben nicht. — Wer bin ich? — Aus dieser Aufgabe möchte ich meinen Kopf wie aus einer Schlinge ziehen. Am liebsten mich drücken. — Und bin darum sehr dankbar, heute als willkommene Ärztin, sozusagen, empfangen worden zu sein. Dort wo ich heute war, beratend, helfend, gemeinsamwegsuchend.

Mein Heimkommensgedankenpotpourri …

pflichtgebunden, seufz

Und warum bist Du nicht draußen, fotografieren? – werde ich gefragt. Und frage ich mich selbst.
Weil ich hier gegen die Uhr anarbeite. Weil die wenigen Wochenendstunden einer unendlichen Dringlich-bis-Montag-Liste gegenüberstehen. Darum. Verzicht, Selbstdisziplin, Zähneknirschen. Und eine Träne im Augenwinkel, dass ich dieses Licht, diesen Nebel, diese Farben, diese Morgenstimmung, dieses Tageserwachen nur durch die Fensterscheibe sehen darf, durch die ungeputzte, nur aus dem Augenwinkel heraus, aus dem tränenbenetzten, nur von drinnen, wohin es nicht in seiner vollen Unglaublichkeit dringt.
(Ich sollte mich dringend um Versöhnung mit meiner derzeitigen Lebenssituation bemühen.)

Wut

Kaum auseinanderzuhalten, auf wen sie sich richtet:
Auf andere? Weil wieder und wieder und wieder die Dinge nicht so sind wie sie sollten …
Auf mich selbst? Weil ich unfähig bin einzufordern, was ich brauche, ganz unbedingt brauche …
Ich kann es nicht erkennen.
Und gestehe mir die Wut wohl nicht mal zu. Selbst, als ich sie kaum noch bändigen kann, greift meine wohlerzogene Hand noch schnell nach der Plastikdose – statt des näherstehenden Weinglases -, um diese – statt dieses – in den Ausguss – statt auf den Boden – zu schleudern. Ein abgebrochenes Eckchen – statt einem Fußboden voller Splitter. Und fast geräuschlos – den Lärm des Glases hätten alle gehört, hätten geschaut, gefragt, sich gefragt, vielleicht mich gefragt …
So kontrolliert agiere ich selbst noch, wenn sie mich ergriffen hat.

Aber —
vielleicht sollte ich doch mal Glassplitter sprechen lassen?
Aber – das Gegen-Aber sozusagen —
ob das die Richtigen hören und sehen würden, oder wieder nur die Nichtgemeinten? Und ob sie die Sprache der Splitter verstehen würden?
Doch besser nicht das Glas genommen, wiegele ich ab.
(Ratio kann auch zum Gefängnis werden.)

PS, etliche Stunden später:
Aber eines muss man ihr lassen: die Wut setzt Energien frei. Was für welche! Wenn ich diese auch nur für Alltagsdinge nutzte.

… vom Sehen …

So gern möchte ich das Grau des Nachmittags, das Dunkel des Abends, die heranziehende Nacht mit meinen Augen von heute Morgen anschauen. Möchte in den Schatten, die mich bis zur Taten-, Gedanken-, Wortlosigkeit lähmen, ein Echo finden, einen Nachhall des unglaublichen aufsteigenden Licht, und des Morgennebels, der, wie Atem vom Fluss ausgehaucht, dem anderen Ufer seine scharfen Konturen nahm. Und des Mittagshimmels, der Sonne, der warmgelben Farben des Herbstes.
— Ich möchte solche Bilder gar nicht loslassen. Möchte – habe ich schon meine Kamera nicht dabei gehabt – sie hier wenigstens mit Worten festzurren. —
Und spüre: nein, sie fließen fort, sie sind nicht zu fixieren, sie gehörten dem Moment.
Für das Jetzt — genügen Aufnahmen von Vergangenem nicht — und auch nicht die Hoffnung auf einen neuen Sonnenlichtmorgen am Fluss.
Für das Jetzt — gibt es nur, was ich jetzt sehe, mit meinen jetzigen Augen.
Was heißt hier „nur“? Es ist größte Herausforderung, das Jetztschauen in einem jeden Augenblick zu üben. Und es ist größte Offenbarung – ahne ich leise.
Zarte Fäden dieser Ahnung – und dazwischen breite Bänder voller Sehnsucht nach Bildern wie die heutmorgigen. Wodurch wird mein Lebensstoff zusammengehalten? Von den Fäden? Von den Bändern? Ein Muster, mir nicht erkennbar …

(Kaum kann ich es zulassen, ohne Schlusssatz zu enden, ohne Pointe, ohne Moral. – Und doch: Offenheit als solche stehen lassen – Augenblicke haben schließlich auch keinen Schlusssatz.)

Erlebensstaufließen

Da ist so vieles.
Ein Hauch besonderen Lichts,
der unerwartet warme Blick eines Menschen,
nicht geahnter Schmerz, immer noch,
die in Zugewandtheit hingehaltene Hand eines Menschen – ich weine, weil es jemand so gut mit mir meint,
ein Traum, mich nichtverstehend zurücklassend,
Begegnungen in Ehrlichkeit, wo sonst Fassade vorherrscht,
Tränen, und das Gefühl zu ersticken,
und das Vertrauen, dass es ein Quäntchen Luft gibt, überall,
Fragen, Zweifel, Besorgnis bergeweise,
Staunen, immer wieder, wie die Kinder mich ruhig an ihre kleine Hand nehmen, Wege aufzeigend, Augen öffnend,
die Herbstfarben, der Morgennebel — ein tiefes Aaaah aus mir heraus

all das.

Es staut sich in mir. Es bräuchte Raum, es bräuchte vielleicht Worte es hinauszusagen, vielleicht Musik es hinauszusingen, vielleicht Bilder es hinauszumalen. Manchmal stelle ich mir vor, dass es eines Tages die dünne Haut, meine dünne Haut, einfach zerreißen wird. Besser gesagt: sprengen wird.

Heute Nacht, vorhin, habe ich geträumt: Ich war irgendwo, eine Veranstaltung, ein Seminar, was weiß ich, jedenfalls habe ich anderswo übernachtet. Am letzten Morgen zogen sich die Dinge in die Länge, und zogen sich, und wollten nicht recht vorwärtskommen. Alle anderen packten nach und nach ihr Köfferchen, eilten zum Sitzungsbeginn – pünktlich, fast pünktlich, mit entschuldbarer Verspätungsmenge jedenfalls.
Ich war die letzte. Wie gelähmt. Bis es nicht mehr lohnte sich zu beeilen. Denn all die Morgenschritte standen wie eine Mauer vor mir. Kam ich aus der Dusche, hatte sich ein neues zu Tuendes vor mir aufgebaut. Packte ich Dinge in meinen Koffer, rutschten auf der anderen Seite andere heraus …
Irgendwann das Verstehen: ich werde es nicht schaffen. Und ich muss es nicht schaffen. Ich werde überhaupt nicht mehr hingehen. Als ich gerade dabei war, mir eine Notlüge zurechtzugrübeln, holte mich lautes Herbstwindblätterrauschen in meinen Sonntagmorgen, den realen.
Hm.
Nein, das ist nicht der Fragezeichen-Traum. Diesen verstehe ich sehr gut. Jedenfalls jetzt beim Aufschreiben. — Soeben habe ich meinen Morgenablauf angehalten, den realen. Mal schauen, was passiert, wenn ich dies aus dem Traum in die Wirklichkeit übertrage …

PS (einige Stunden später):
Abrupt von den Rufen des Alltags aus meinem Morgenträumen gerissen, habe ich mich den Aufgaben hingegeben. Zwangsläufig, wider Willen, könnte ich sagen. Und doch: es war anders. Ein Fließen, angestoßen durch meine wenigen Wortsucheminuten am Morgen. Worte und Unsagbares, still gespürt, nur ich für mich, beim Tischdecken, beim Wäschesortieren, beim Hausaufgabenbegleiten, bei den tausend Handgriffen, die zwischen meinen Morgenzeilen und diesen hier liegen.
Die Worte sind wieder weg. Das schweigend mir Zugeflossene ist geblieben – als beruhigende Ahnung tief in mir. Worin sie besteht?
Vermöchte ich es genauer zu sagen, würde ich es tun. Sage ich es mit den Worten, die ich im Moment habe, klingt es einfach. So einfach, dass es kaum mehr verständlich sein kann:
Dein Weg liegt vor Dir. Nimm ihn. Nimm ihn so, wie er ist. Und verstehe nicht jede Felswand als Deine Unfähigkeit. Sieh sie als Überforderung, als von Dir nicht verschuldete.
Ja, überhaupt, welche Schuld? Und welche Unfähigkeit?
Schau, was hinter Dir liegt, was noch vor einem Jahr war, und vor zweien. Schau, was sich verändert hat. Hättest Du das je gedacht? Schau Dich im Spiegel an.

Ich danke meinem Traum. Sehr.
Und was ich heute morgen noch vorhatte – Bilder von der Reise zu zeigen, die jetzt vor einer Woche endete, mich in diese Bilder zu versenken, sie wieder vor mich zu holen – das findet nun keinen Raum mehr in der zeitlichen Enge dieses Sonntags. Das macht nichts. Es ist gut so. Ich schaue nun meine Aufgaben an. Und mich in ihnen. Gehe weiter. Mein Weg liegt vor mir. Irgendwo durch die Felswand hindurch. Oder an ihr vorbei. Oder an ihr hinauf, weil ungeahnte Seile sichtbar werden. Oder ich warte ein Weilchen ab, bis mein Weg mich findet.

(Und soeben, ganz zuletzt, habe ich noch die Überschrift des Posts verändert. Habe den 12 Buchstaben des Morgens 7 weitere angefügt.)

Kapazitätsfragen

Klickt man auf diese Seite, scheint es, als wäre ich versunken oder verschlungen – in oder von so manchem. Beides trifft nicht zu. Im Gegenteil. Hinter meiner Schweigekulisse verlaufen ruhig-stimmige Tage, gefüllt mit allem, was der Alltag mit zwei Kindern und zwei halben Stellen eben so abfordert. Als zu Beginn der Schultage die eine Arbeitsstelle noch nicht gestartet hatte, also ich nur halbtags schulisch unterwegs war, dachte ich, das wäre auch genug – mehr als genug. Mittlerweile presse ich die zweite halbe Stelle wieder hinein – und versuche dennoch den guten Anfang weiterzuleben.

Versuche, mein Schlafkonto nicht wieder in die roten Zahlen rutschen zu lassen. Das tut sooo gut – ich träume sogar wieder. (Heute Nacht zum Beispiel, dass ich, mitten im tiefen Wasser schwimmend, mit einer Landkarte (wasserfest!) den Weg zu suchen hatte. Jetzt beim Schreiben klingt’s vielleicht dramatisch? Beim Erleben war es ein heiterer Traum …)

Versuche, die Kinder nicht wieder aus den Augen zu verlieren – selbst wenn sie ihre ersten Schulschritte mehr und mehr selbstständig gehen, wenn sie von Tag zu Tag mehr in ihre neuen Aufgaben hineinwachsen. So abwesend wie im letzten Schuljahr möchte ich nicht wieder sein – nie wieder! Im Moment ist unsere Kommunikation sehr rund – selbst Situationen wie das permanente Vergessen von Jacken in der Schule haben wir kommunikativ im Griff :)

Versuche, die kleinen Oasen im Alltag aufzuspüren, die kleinen Geschenke am Wegesrand.
Mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, auch den weiteren Weg, kilometerlang in der Morgendämmerung am Fluss entlang. Und möglicherweise im Mittagsregen zurück …
So manche Schulstunde, so manche Arbeitsbegegnung wird gerade zur Kraftquelle, da ich mich so intensiv darauf einlassen kann.
Eine Reise zu einer Tagung, ich möchte fast sagen: Einer Reise der Stille – an Orte des Versinkens auf Hin- und Rückweg, auf Wegen abseits von Autobahnen (wie gut, dass ich zu „geizig“ war mir eine Vignette zu kaufen), in der Berührung durch ein Unterrichtskonzept und die es verkörpernden Menschen, und überhaupt in dem nicht erstmaligen Eindruck, dass unsere südlichen Nachbarn ihren Kindern, ihren Schülern um so vieles behutsamer begegnen im Schulischen, dass hier gelebt wird, was ich manchmal kaum noch wage zu träumen …
Ein paar freie Tage vor mir, Brückentage, wie man hier sagt. Mit Sohn und Fahrrädern nach Gießen fahren, ins Mathematikum. (Upps, die Webseite sieht gerade so karg aus – das war doch früher anders?) Er wünscht sich das so. Und falls es regnet in diesen drei Tagen, die wir uns für den Weg gegeben haben, dann sollen wir in einen Zug steigen, wünscht er sich …

Liest sich gut, liest sich stimmig? Ja, es fühlt sich auch so an. Und doch – da ist ein großes ABER. Nämlich: Alles sonstige liegt brach. Wäsche sowieso – die Kinder morgens vor leeren Schubladen. Aufräumedinge türmen sich. Bücherregale, lang schon aufzubauen. Die Telefonanlage einzurichten. Freundeskontakte in der Warteschleife. Computereinrichtung – manches dringend, manches einfach nur, weil dann vieles schneller ginge und dadurch letztlich Zeit zu gewinnen wäre. Arzttermine, verschlampert oder gar nicht erst abgemacht. Der Optiker ruft dauernd an, die Brille wäre fertig – ja doch, ja – nur wann soll ich da hinfahren? Ein Wunder, dass noch keine Zahlungsmahnungen eintrudeln. Und wann, fragt die Tochter, reparieren wir endlich unsere Kuschelschildkröte Emma?
Zu viel, viel zu viel. All das passt nicht mehr in meine Tage.
Ja, ist das alles zu viel? Kinder, Arbeit, Schlaf – und mehr geht nicht?
(Und wie machen das andere Frauen???)

Voller Worte war ich an so manchen Tagen. Hätte gern geschrieben. Voller Fotos ist meine Kamera, noch nicht mal auf den Computer überspielt. Ich wage kaum anzukündigen, dass ich hier noch einiges erzählen und zeigen möchte. Eigentlich habe ich es vor …

Schulkindmutter

(Ich bin’s ja schon lange, schon vier Jahre. Aber selten habe ich es so intensiv wahrgenommen wie in diesen Tagen.)

Wochenlange Vorfreude beim Sohn. Ein gepackter Schulrucksack, seit Wochen in seinem Zimmer deponiert. Schlaflosigkeit in der letzten Woche – vor lauter Aufregung. (Hoffentlich führt das Schlafdefizit bald dazu, dass er abends wieder zu „normalen“ Zeiten in die Ruhe hineinfindet.)
Zappeliges Umherhüpfen, als es am Montag Abend in die große Halle ging, zur feierlichen Aufnahme der neuen Fünftklässler, zur Verkündung der Klassen, der Klassenlehrer, zur ersten (abendlichen) Schulstunde. Hätte mich nicht meine Erwachsenenvernunft gebremst, wäre ich wohl ebenso zappelig umhergehüpft. Ja, auch ich: aufgeregt. Und ein paar Tränchen, eine von diesen Gerade-war-er-doch-noch-in-meinem-Bauch-Situationen.

Fast ebenso aufregend: Wie er morgens mit seinen Freunden in großem Fahrradpulk aufbricht, ins Nachbardorf. Viel zu früh seien sie gewesen, als erste an den Fahrradständern. Gut so, sage ich, habt Ihr noch freie Plätze bekommen. – Sie sehen das offenbar genauso, denn sie fahren den Rest der Woche zur gleichen Uhrzeit ab. Freiwilliges Zufrühkommen :)
Rückkehr mit schwerbepacktem Rucksack: 6 Bücher, 3 dicke Arbeitshefte, bei Hitze damit den Berg hochgeradelt. Mit dem Stöhnen gleich sein erstes Erzählen: Da wäre ein Junge in der Klasse, der hätte all die Bücher nur ins Schließfach getan, weil seine Mutter die dann mit dem Auto abholen würde. – Das macht man doch am Gymnasium nicht mehr! Sagt der Sohn. Ich schmunzele :)

Abend für Abend packt er Ranzen wie noch nie. Sorgfältig, geordnet, sortiert, wohlorganisiert. (Ist das mein Sohn???) Ebenfalls wie noch nie: Er erzählt von der Schule. (In der Grundschule gab es wohl nie etwas Erzählenswertes :)) Ich erfahre so manches, über Mitschüler, über Lehrer, über ihn selbst vor allem.
Ohnehin erfahre ich ja so manches: Für meine Kollegen ist es noch ganz ungewohnt, ein Kollegenkind zu unterrichten – er ist seit langen Jahren der erste. Noch  bekomme ich begeisterte Ich-hatte-heute-Deinen-Sohn-Ausrufe. Und ein paar Beobachtungen: Er ist ja ganz … Dabei auch schon Attribute, die mich fragen ließen: Bist Du sicher, dass Du von meinem Kind redest?
(Tja, im Moment liegt sein schulisches Erleben damit recht gläsern vor mir. Wohl normal in der Anfangssituatiuon. Aber hoffentlich nicht für immer. Das muss ich mit meinen Kollegen zusammen unbedingt lernen, dass er dort in der Schule auch eine Privatsphäre hat, dass nicht immer ich mit im Raum schwebe. Wie gut daher, dass ich momentan nur zwei Tage die Woche in der Schule bin, dass wir uns auf den Fluren wohl eher nicht treffen werden.)

Und dann die Tochter. Morgen ist ihr großer Tag. Gestern Abend habe ich sie gepackt:

(Nein, nicht ganz passte es – obwohl das Krepp-Papier „in freier Wildbahn“ plustert und sich die Menge daher gut „stopfen“ ließ. Drei große Päckchen mussten dennnoch draußen bleiben. — Jedenfalls: Nach dem Auspacken wird sich die größte Beunruhigung der Tochter, dass wir von der Materialliste doch noch gar nicht alles haben, in Luft auflösen :)  Und mir fällt gerade ein: Es ist kein einziges Stück Süßes drin. Irgendwie vergessen. Ob die Tochter das erwarten wird? – Soviel also zur Frage, die neulich aufkam, ob es eher Schultüte oder eher Zuckertüte heißt. Hier also: Schultüte. Fast pur …)

Auch sie also ungeduldigst-vorfreudig seit Wochen, seit Monaten.
Ich dagegen – hm – weniger: Der Erstklasselternabend am Mittwoch – ja, ganz gut, um die neue Lehrerin kennenzulernen. Glück gehabt, denke ich, und höre ich von anderen Eltern. Aber was sie erzählt hat, über all die Abläufe in den ersten Wochen, das war mir wie ein alter Hut, das hat mich nicht erregt, da gibt es bei mir keine Fragen, da ist nur ein Hatten-wir-ja-alles-schon. (Ungerecht, dass man sich dem Kind und seinem neuen Lebensabschnitt daher weniger widmet? Oder ist es umgekehrt eher besser, wenn der Schritt unspektakulärer gesehen wird? – Es ist ja immer so bei zweiten – und dritten und vierten … – Kindern, im Vergleich zum ersten …)

Jedenfalls: Hier viel Neuland in der Familie. Gut fühlt es sich an. Gut fließt es. Wir sind – bei allen Veränderungen in den äußeren Abläufen – im Innern sehr ruhig, sehr ruhend. Tragen noch die Gleichmäßigkeit des Radwanderns in uns (mensch, jetzt vor einer Woche saßen wir noch in den Satteln – unglaublich, wie viel inzwischen geschehen ist!), leben die „Neujahrsvorsätze“ bisher erfolgreich. Ich zum Beispiel: mehr schlafen, vor Mitternacht ins Bett, in der Schule regelmäßig was essen und in jeder (jeder!) Pause trinken, nachmittags und spätabends dienstliche Mails abstellen – das ist mein Neuland. Ein Neuland der kleinen Schritte. Oder eigentlich: der ganz dringenden Schritte zum Gesundbleiben.

Nun: Klavier üben, und mit der Tochter Cello. Heute beginnt der Unterricht. Wir sind uns mit Sohn und Tochter einig: wir haben alles verlernt. So muss das sein nach den Ferien :)

PS

Wenn man elf ist, dann ist man groß, stark, ausdauernd und durchhaltefähig genug, um eine kleine Fahrradreise zu unternehmen. Morgen früh werden wir uns vom Baden-Württemberg-Ticket ganz an den südlichen Rand unseres Landes bringen lassen und von dort – Konstanz – eine Woche lang immer rheinabwärts radeln, durch drei Länder. Nur wir beide, nur mein Sohn und ich. (Und 274891 andere Fahrradtouristen.)

Dann wird sich zeigen, ob ich groß, stark, ausdauernd und durchhaltefähig genug sein werde, um mit meinem Sohn mitzuhalten. In der Familie mutmaßt man, ich hätte um Anschluss zu halten mir besser ein Fahrrad mit Elektromotor genommen:)

Ich werde sehen und berichten …

elf

Wenn man elf wird, dann …

… bäckt man sich seinen Geburtstagskuchen allein (gerade mal die Kerzen, habe ich durchgesetzt, wurden von mir gesteckt).

… wird der Friseur angewiesen: Ja nicht zu kurz. – Damit man die Haare noch ordentlich zur Seite werfen kann. So wie man die Haare heutzutage eben wirft.

… ist man glücklich, allein mit dem Fahrrad ins nächste Dorf oder in die Stadt fahren zu dürfen, um etwas zu besorgen. Ja, man wartet förmlich darauf, dass die Eltern beim Einkauf etwas vergessen haben:)

… schmettert man die Mama beim Tischtennis fast schon zu Boden. (Ich geb mir noch ein halbes Jahr …)

… verabredet man sich spontan mit Freunden, immerzu. Tage allein zu Hause sind nahezu unerträglich. Und falls wider Erwarten die Mutter in dem Moment ein Anliegen hat, heißt`s nur: Ich muss jetzt zu M. Und weg ist man.

… nennt man Ferien die schönsten Ferien der Welt, weil man vom Vater Arbeitsaufträge mit Gartenhäcksler und Heißklebepistole bekommt.

… heißt es nur: Ist doch ganz einfach! – wenn die Mama an Handy oder Computer mal wieder etwas nicht hinbekommt. Und tatsächlich: für Elfjährige scheint es einfach zu sein :)

… kann man so vertieft – sooooo vertieft – in ein Buch, ins Basteln, ins Erfinden sein, dass man die restliche Welt (inklusive uns) am liebsten zum Mond schießen würde, weil sie einen ständig abhält vom Wichtigen.

… trägt man Kopf und Herz voller tiefer Fragen an die Welt, versteckt diese aber allzuoft hinter Albernheiten oder Tränen oder Wutausbrüchen.

… sagt man, was man denkt, immer! Vor allem, wenn man etwas ungerecht findet – gegen sich oder gegen andere. Und manchmal sagt man sogar, was man fühlt. Aber nur wenn niemand danach fragt. Auf solche Fragen heißt die Antwort nämlich Nichts. oder Schön. oder Gut.

… hat man ein Lächeln, so mit Grübchen und schräggelegtem Kopf, in das sich die Mama jeden Tag neu verliebt. (Und wer weiß wer noch – irgendwann, oder bald …)

… braucht man das Kuscheln noch so sehr, so sehr. Es darf nur niemand mehr sehen :)

… nimmt man hin und wieder die Mama in den Arm: Wir schaffen das!

Wir schaffen das! – Genau das hatte mir die Hebamme vor 11 Jahren auch gesagt. Als es so verdammt weh tat. — Heraus kamen zwei große Augen. Ein Mensch, ein richtiger fertiger kleiner Mensch – durchfuhr es mich. (Ich hatte dies wohl bis zum Schluss nicht geglaubt :))
Wer bist denn Du? – fragte ich das Menschlein leise, als es warm und gewärmt auf meinem Bauch lag. In diesem Moment wusste ich noch nicht, ob Du ein Mädchen oder ein Junge bist. Dies zu fragen, fiel mir erst später ein.

Mein kleines Du – welch großer, wunderbarer Junge Du geworden bist!
Ich liebe Dich. Seit elf Jahren. Und für immer.

Arme Schüler …

Man muss sich das nur mal vorstellen:
All diese Wiederankommensschritte im Kopf, das Erinnern an Zeiten und Stoffe von vor den Ferien, an Gewesenes und schon Gelerntes, das Neubeleben der gesund-ferienträge gewordenen Gedankenwege, die Aufweckung des eingeschlafenen Antriebs – all das, wofür ich hier nun geschlagene zwei Wochen brauchte, all das sollen die Schüler also dann an jenem Montag in einem Vormittag schaffen. Von Null auf Hochtouren in 6 Unterrichtsstunden. Weil dann nämlich eine hochmotivierte, gutvorbereitete, ambitionierte, hellwache Frau Rebis mit ihren tausend Ideen und Arbeitsblattstapeln auf sie losgehen wird.
Die Armen …

(Ich stöbere gerade in Kopf und schlauen Ordnern nach Ankommensspielen. Den abrupten Einstieg abzudämpfen. – Ähm, wobei: Spiele und Ähnliches können in vorpubertierenden Klassen ganz schnell ganz entsetzlich albern kommen. – Ich werd mir Mühe geben …)

Ostseetage

Wollte ich erzählen von unserer Meeresreise, bräuchte ich Räume, sehr große. Die Weite wieder aufleben zu lassen, mich erneut auszusetzen dem Wind und der Windstille, der lebendigen Melodie des Meeresrauschens ein Echo zu sein …

Zum Erzählen sind meine derzeitigen Tage zu gefüllt. Von äußeren und inneren Bewegungen gefordert, fließen mir die Worte immer noch schwer.

Mögen die Bilder sprechen, ein wenig …

Dichtigkeiten

Die Dichte meiner Tage nimmt allmählich wieder zu. Oder nein – dicht waren meine vergangenen Wochen auch. Nicht weniger intensiv lebte ich in meinen Ferientagen, auf andere Weise.
Nun aber verschieben sich die Lebens- und Seinsbereiche, durch die ich mich alltäglich bewege. Nicht mehr unbeschwert in den Tag hinein leben, lesen, träumen, nicht mehr ohne Blick auf die Uhr mit den Kindern kuscheln, backen, basteln, bauen, nicht mehr ausgiebig in Haus und Garten räumen, gestalten, kruschteln. Statt dessen erste Schreibtischstunden, erste Arbeitsaufgaben erledigt, einige weitere angegangen, die restlichen Tage bis zum Schulbeginn ge- und weitgehend verplant. Wie immer bleiben viel zu viele To-do-Dinge für viel zu wenig Zeit.
Mein Hinübergleiten in den Alltagsrhythmus geschieht derweil so langsam und so gelassen, dass ich dabei gut in mich hineintasten kann. Was mich beengt – wodurch es mich beengt – ob ich diesem Engegefühl entgehen kann. Und ich erkenne so manches. So viele Barrieren, die nur ich vor mir selbst aufbaue. So viele Steine, die ich mir selbst in den Weg lege. So viele Ansprüche an mich selbst, so viel Bedürfnis, immer alles gleich fertig zu haben, so viel Sucht nach Perfektion. Und während ich mich einer Aufgabe, einem Bereich, einer meiner Rollen auf solche fast ungesund intensive Weise widme, muss ich zwangsläufig anderes beiseite lassen, Tag für Tag. Nie reicht es für alles. Das vergangene Schuljahr: Ein aufsteigendes Unzufriedenheitsgefühl, zunächst leise grummelnd, später tief in mir rumorend, letztlich mich fast meiner Erdung beraubend. – So war es. —
So aber sollte es nicht wieder werden. Ich würde zu gern die gelassen-knisternd-intensive Dichtheit dieser Anfangstage bewahren, in denen ich jede einzelne meiner Klassen, meiner Unterrichtsaufgaben, meiner sonstigen Tätigkeiten, und auch den Alltag mit nunmehr zwei Schulkindern gespannt und vorfreudig erwarte. Ich würde zu gern jeden Tag weiter so leben wie in den letzten Wochen – die Schritte selbst setzen, und nicht von unbarmherziger Aufgabenfülle durch die Stunden gezerrt werden.
Das Gezerrtwerden aber – das ist in mir, ahne ich. Gestern hat sich mir ein schönes Bild geschenkt. Eine Bücherwand für mein Arbeitszimmer war – endlich – abzuholen. Lang schon bestellt, kommt sie jetzt, wo ich kaum noch Zeit habe, sie aufzubauen, einzuräumen – das ist ein Werk von Tagen, ahne ich. Und wie ich so Brett um Brett (insgesamt 30 schwere Pakete) aus dem Auto räume, erstmal im Flur deponiere, kommt mir dies: Ich muss nicht alles gleich nach unten tragen. Und aufbauen muss ich es in diesen Tagen schon gar nicht. Ich kann einfach, wann immer ich nach unten in mein Arbeitszimmer gehe und gerade die Hände frei habe, eines der Pakete mitnehmen. Peu a peu, tagelang, meinetwegen. Bis irgendwann alles unten sein wird. Und dann beim Aufbauen ebenso. (Nuja, hier hinkt die Idee: ob es statisch funktionieren wird, eine Bücherwand Stück für Stück aufzubauen, wird sich zeigen :)) Beim Einräumen weiterhin – Schritt für Schritt, Fach für Fach.
Ob ich das durchhalte? Ob ich das auf andere Aufgabenberge übertragen kann? Ob ich diese Gelassenheit auch hinüberretten kann, wenn die Regalbretter sozusagen ständig nachwachsen? Und die überschaubar kleine 30 durch eine weit wildere Größenordnung ersetzt wird, wie der Alltag mich bald wieder lehren wird? — Ich werde sehen, ich werde es versuchen, ich werde hoffen. Auf Tage wie diese, auf ein gesundes Sein in der Dichte …

startschwer

Wieder da, beladen, erfüllt, beglückt, besänftigt.

Heute war – nach drei Wäsche-, Küchen-, Aufräum- und Planungstagen – mein Schulstart, der individuelle am Schreibtisch. Naja, er sollte es jedenfalls sein. Heraus kam — nicht viel.

Anfangsträge, noch nicht warmgelaufen, mühselig, auf holperigen Denk- und Erinnerungswegen bin ich unterwegs. Wie jedes Jahr. — Ich sollte es langsam wissen, dass ich so meine Zeit brauche.
Und es sei ja ein Zeichen für gute Erholung, sagt man, wenn anschließend alles im Kopf gelöscht ist. — Aber doch nicht so sehr alles, aber doch nicht so sehr gelöscht, grummelt es in mir.

Ich weiß gar nichts mehr. Wie man ein Schuljahr plant? Wie man ein Thema aufbereitet? Wie man die Dinge am Schreibtisch ordnet? Wie man die Dateiablage systematisch hinbekommt? Wie man eine kurze, knappe Kollegenemail mal eben schnell tippt? Wie man einen Klassenorganisationshefter anlegt? Was meine vielen Notizen aus dem Zeitalter vor den Ferien bedeuten sollen? Was ich mir für die 6er schon überlegt hatte? Und wie ich das neue Physiklehrbuch einbauen wollte? Und meine Überlegungen zum neuen Oberstufenthema? Die Fortbildungsideen, mit Ausrufezeichen versehen – was wollte ich damit doch gleich anfangen? — Reset, Nullpunkt, Gehen Sie auf Los. — Da stehe ich jetzt. Auf Los. Aber wie geht`s von hier weiter?

Für heute habe ich genug Löcher in die Luft gestarrt. Ich gebe es auf. Ich mache jetzt Feierabend. Ohne dass ich zuvor nennenswert gearbeitet hätte. Nur das Ende meiner Arbeitszeit – die ist schon die alte. Die nun gerade sollte ich eigentlich nicht wiederaufnehmen :( 

(Vielleicht sollte ich lieber erstmal Bilder von den Ferien zeigen, und erzählen, warum unser Klassentreffen das Beste von allen Treffen jemals war. War es nämlich. Da dreht sich noch so vieles in meinem Kopf von diesen intensiven drei Tagen. Einschließlich Vorfreude aufs nächste Jahr, am gleichen Ort :))

Morgens

Ganz in der Frühe, um eine Abreise zu begleiten, bin ich aufgestanden. Der Tag ist fast noch Nacht.
Suchend meine Schritte – im Haus, im Gras, in Innenwelten. Tastend jede Bewegung, wie um den jungen Tag nicht zu verletzen. Empfindsam mit jeder meiner Fasern nach dem Erwachen greifend  – allüberall kribbelt es auf der Haut, senken sich zarte Morgengeräusche ins Ohr, fühlt sich das Auge vom behutsamen ersten Licht fast geblendet.
Unglaubliche Wachheit, lang nicht vernommene Stille, lang ersehnter Raum. Für Gefühle, für Erinnerungen, für Gedankenwege. So vieles. So kostbar. So wirklich.
Bereit, Worte zu empfangen, die ich lange nicht zu hören vermochte. Ob sie aus mir selbst kommen, oder aus Geschriebenem, oder aus zu Schreibendem? Das ist unwesentlich. Ob es überhaupt Worte sind, die ich empfange? Nicht eher Schweigen?
Das allumfangende Schweigen. Aufgelöst darin …

Baugeräusche, das grellheiße Sommertageslicht, mein Durst, meine Müdigkeit, mein Abfahrtstermin – all das hat mich wieder herausgezogen, einige Stunden (oder Momente?) später. Ein schmerzhaftes Ziehen – von außen, von innen. Beide Seiten verbunden – eine Brücke, ein Bogen, ein Eines.
Tragend.

Rast

Da war so vieles.

Das Wasser, das steinüberrollende. Welle um Welle.
Wanderungen – viele Wege, noch mehr Wegesränder.
Mit den Elementen sein. Das Meer zeigt so viel, zeigt alles …

Schlafen, lange schlafen, jeden Tag bis heute. So viel wie noch nie in meinem Leben, glaube ich. So viele Wochen 10 Stunden täglich geschlafen – das bin fast nicht mehr ich. Welche Erschöpfung muss da gewesen sein.

Erkennen: ein jeder Tag öffnet sich von innen nach außen. (Ob es auch umgekehrt sein kann? So dass Öffnung von außen in mich eintritt? Für die Tage, an denen ich von innen her keine Kraft zum Öffnen habe?)

Begreifen, worin meine Kinder mir Lehrer sind. Und dabei – oder überhaupt – wieder die Nähe zu ihnen zu spüren. (So viel hatte ich verloren in den Monaten des viel zu harten Arbeitens.)

Begegnungsfülle mit Verwandten, Freunden, Neubekannten.

Feste. (War es das erste Mal, dass ich den Mut hatte, mich aus den Gesprächen, dem Trubel herauszuziehen, wann immer ich nicht mehr konnte? Es wird mir so schnell zu viel, zu laut, zu dicht – und bisher dachte ich immer, dies aushalten zu müssen. Diesmal konnte ich nicht – und tat es nicht.)

Die Kinder wahrnehmen, mit allem. Berührend, wie die Tochter mit der Cousine zusammenfindet. Und wie der Sohn zwei seelenverwandte Kinder kennenlernt, wie er sich in die Begegnung hineingibt, wie er aufblüht – und wie er dann den Abschiedsschmerz lebt. Diesen ausstrahlt, ganz offen, ganz vertrauensvoll, und wie gute Gespräche wir in diesen Tagen darüber haben. (Ich bin berührt, wie intensiv er es durchlebt. Und dass er das Ziehen in der Brust mit mir teilt.)

Momente des Erschreckens, des Schocks, des Aushaltens. Nun, im Nachhinein, klingen mir die Stichworte Rettungshubschrauber, Gipsarm, Krankenhaus, Autounfall nicht mehr furchteinflößend. Sie sind eingebettet in eine große Dankbarkeit. Vor allem für den Schutzengel des Sohnes, den guten …

Gedankenfliegen. Ziellos oft. Gut so.
Neusortieren, Umsortieren, was mir guttut. (Und was nicht.)
Bei mir sein. Spürbar. Lebendig. So ersehnt.

Schweigen. – Ja, das Schweigen ist im Moment meine Sageform. Auch diese Worte hier fließen nur sehr mühsam, und ich werde müde dabei. Mehr habe ich nicht. (Wirklich: wisst, dass ich in einige Richtungen so manches sagen, schreiben möchte, doch es geht nicht im Moment. In meinem Schweigen jedoch habt Ihr alle Raum – und ich sende es mit Herzensgrüßen in alle Richtungen …)

Bilder, unzählige innere … die sind noch ganz verwirbelt. So wie diese Worte hier, so wie die Fotodateien auf der Kamera.
Später werde ich sie auspacken, die sichtbaren Bilder. Später werde ich sie zeigen. Dann sortieren sich vielleicht auch die inneren Bilder.

***

Heute halte ich inne. Bin mit mir allein, ganz allein. Hatte nichts vor, sollte nirgendwohin, wollte nichts tun. Wartete auf das, was sich mir zeigte, dass es nun dran sei. Es war nicht viel, es wurde nicht viel – da war wieder so viel Müdigkeit in mir.
Nun schreibe ich hier doch noch ein paar Worte, obwohl sie nicht fließen wollen.
Rasttag.
Ich raste vom Begegnungs- und Erlebensreichtum der letzten Wochen. Lasse die Mosaiksteinchen sich sortieren. Forme daraus Bausteine, Bilder. Mir im Moment noch nicht sichtbare Bilder …
Meine Müdigkeit, mein Schweigenwollen, meine Bewegungslosigkeit – Ausruhmomente, Sammlung von neuem Atem, vielleicht. Für das, was folgen wird.

Ab morgen: Klassentreffen. Vor einem Vierteljahrhundert haben wir die Schule beendet. Alle 5 Jahre treffen wir uns im großen Kreis. Jedesmal sind neue Kinder dabei. Jedesmal sind wir selbst als neue dort. Jedesmal knüpfen sich neue Fäden.
Es ist immer kräftezehrend, reichtumschenkend, blicköffnend – und manchmal sogar noch ein wenig warmgeborgen. So wie damals in unserer Schulzeit, als wir noch eine Klasse waren. Da waren wir uns ein Zuhause. Wird davon noch etwas spürbar sein, auch dieses Mal? Immerhin leben wir in aller Welt – fast – und auf allerlei Lebensweisen.
An einige Menschen werde ich diesmal ganz besonders viele Fragen haben. Oder eigentlich: an mich selbst. So ist das ja immer, wenn man mit anderen über deren Wege spricht.
Vorfreudig bin ich, erwartungsvoll. Und ein wenig unruhig, wie ich diese Tage in ihrer Dichte verkraften werde.

(Und dass es anschließend nach Hause gehen wird, und dass dort Schuljahresvorbereitungsarbeit bergeweise wartet, das will ich heute noch nicht wissen. Ich verdränge, und es wird mir dabei eng um die Kehle. Weil ich genau weiß, dass ich andere Wege als die der Verdrängung finden muss, um mit all dem Kräftezehrenden im Alltag ein stimmiges Gleichgewicht zu finden. Wege in die Balance zu finden, soweit zu kommen – dafür war der Urlaub nicht lang genug. Wie gesagt – ich bin jetzt gerade erst ausgeschlafen von den Lasten des vergangenen Jahres. Oder noch nicht mal das …)