Mit dem Ohr am eigenen Puls

Leilas Meinung nach waren die meisten Leute an den Wendepunkten ihres Daseins viel zu ungeduldig.
(Elif Shafak: Unerhörte Stimmen)

Aha. Ein Spiegel.
Ich stehe an einem solchen Wendepunkt. Seit Wochen, seit Monaten. (Ehrlicherweise: Seit Jahren. Aber da wusste ich noch nichts davon.)
Und ja: Ich bin ungeduldig. Sehr.
Schaue auf meine Trauer, als gehörte sie nicht hierher. Anstatt sie mir innerlich zu bekräftigen. Bildet sie doch den Boden des Übergangs.
Breche in jeden Morgen mit der Hoffnung auf, er möge in einen leichten hellen Tag münden. Und finde mich allzuoft abends in Schwere wieder, mal mehr, mal weniger tränenreich. Anstatt meine Tage zu öffnen für das, was beweint werden will.
Versuche mit aller Energie einen neuen Alltag zu erschaffen, jetzt, hier und sofort. Wo doch der alte noch Raum fordert zum Nachschwingen. Und das Neue erst Stein auf Stein und Atemzug um Atemzug geschöpft werden will.

So sitze ich also hier, um mich herum Bruchstücke des Alten, und im Kopf ein paar Federstriche, einstweilige Baupläne des Neuen.
Ich sitze. Wie gelähmt oft. Unfähig auch nur einen weiteren Schritt zu tun, über das Nötigste hinaus. Etwas essen zum Sattsein, für die Kinder da sein, Schule machen, die nötigsten Kommunikationsstränge bedienen. Ende der Kraft.

Ungeduldig puckern Reste meines energiegeladenen Strebens. – Pack weiter aus! Schraub was an! Bau was zusammen! Gestalte was! Melde Dich bei X und Y! – Mein forderndes altes Ich. Das, welches monatelang, ja immer schon, alles in die Hand genommen hatte, mit Bravour. (Was ist das überhaupt?) Es hat Unmengen an schier Unbewältigbarem bezwungen, früher. Dieses Ich nagt, klopft, pocht. Es kennt ja nichts anderes als zu treiben, immer voran.
Und nun ist es ausgebremst. Von zähem Bodenleim. Alle Schritte setzen sich nur langsam. Schleichend und tastend bewege ich mich durch die Wohnung. Zuweilen öffne ich eine Kiste, packe drei, vier Dinge aus, dann reicht es wieder. Beim Einkauf irrt mein Blick über die Gemüsestiegen im Laden, was will ich, ich weiß es nicht, nach ewiger Zeit habe ich irgendetwas im Korb, meist zuviel, oder zu wenig. Am Schulschreibtisch bin ich langsam, zu langsam, um die nachwachsende Schlange von Aufgaben abzuarbeiten, der Stapel beginnt schon wieder mich zu erdrücken, in Schulwoche vier. Oder fünf. Schneller kann ich nicht.

Und wenn ich dann erschöpft von all dem sitze, dann ist da zwar Ruhe in mir. Aber eine kurzzeitige, stets der Gefahr des Wegwehens ausgesetzte. Wenn ich weine, dann nur kurz, selbst meine Traurigkeit fühlt sich getrieben. Wenn ich stricke, dann zwei Reihen, irgendwann halten die Nadeln an, ohne dass ich es merke. Wenn ich lese, dann eine halbe Seite, jeden Abend dieselbe, denn ich höre mir beim Lesen sowieso nicht zu. Wenn ich schreibe, dann zwei Zeilen. (Dieser Text hier brauchte zum Entstehen drei Wochen.) Wenn ich Cello spiele, dann irren meine Gedanken sonstwo umher, nur nicht in der Musik.

Und nun?
Suche ich. Suche nach Ruhe. Nach Geduld. Nach der Stimme meines Pulses. Suche nach einem neuen Daseinsteppich. Gewebt aus Ruhefasern, noch unsichtbaren.
Kleinste Fäden finde ich ja, immerhin. Gemüse schneiden – Schnitt Schnitt Schnitt, ganz gleichmäßig, rhythmisch, bis zum Ende der Zucchini. Treppe wischen (Kehrwochenpflicht, das Schwäbische ist nicht weit, und ich bin eine artige neue Hausbewohnerin) – gleichmäßiges Hin-und-Her, monoton wie ein Pendel, Stufe für Stufe. Mein Radweg zur Schule – Feld, Sträucher, Wald, ein täglicher Weg, einer Meditation gleich.

Sind so kleine elementare Dinge. Das Fundament für anderes, für alles.
Ich gedulde mich.

14 Kommentare

  1. Eine schwere Zeit hast Du. Das tut mir so leid. Du bist so eine tatkräftige Frau, aber manchmal hilft das halt nicht, leider. Man muss aushalten, es einfach nur aushalten.
    Es wird vorbei gehen, die Last wird weniger mit der Zeit. Der Schmerz auch.

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      1. Liebe Frau Rebis,
        ich kann mich nur Soso anschließen, es waren auch meine Gedanken beim Lesen, Gedanken, die ich schon öfters zu dir hin hatte. Mensch MUSS nicht immer nur tun und funktionieren, sie/er darf auch einmal all die Tränen in Ruhe weinen, sich lauschen, um behutsam die neuen Wege Schritt für Schritt zu gehen, statt sich krampfhaft aufrecht zu halten und immer nur weiterzumachen.
        Ich sende dir eine Umarmung von Herz zu Herz,
        Ulli

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      2. Wenn auch spät hier geantwortet, so doch endlich: Danke <3
        — Ein erster Schritt ist gegangen, ein erstes Telefonat geführt: Ich habe jetzt vielleicht eine Ärztin. (Hatte ich nie.) Und baue mir mit ihr zusammen ein Hilfsgerüst, so ist mein Plan.
        Ermutigt mich ruhig weiter dazu – manchmal brauche ich das:)

        Gefällt 2 Personen

  2. was gilt ist immer nur das Hier und Jetzt

    und das was war
    und das was wird
    ist das was uns so hetzt!

    Das Hier und Jetzt
    braucht Achtsamkeit

    nicht
    jederzeit

    doch jetzt und hier

    und dieses Quäntchen Achtsamkeit

    und dafür die Gelegenheit

    die wünsch ich dir
    die wünsch ich mir

    und manchmal
    tauschte ich auch gerne mal mit dir
    *Lächel
    manchmal, ja nur manchmal 💛

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  3. Danke für diesen Text, der Worte findet, die mir bis jetzt noch fehlten. Das richtige zu wünschen fällt schwer, da vieles vergeblich erscheint. Deswegen nur: Ein Licht, in der Ferne und in Dir!

    Gefällt 1 Person

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