Cello #5 – Verausgabung

Alles ist komplex und miteinander verzahnt. Jede einzelne Bewegung im Cellospiel besteht aus einer Kette ineinandergreifender Abläufe. Nehme ich nur mal den linken Arm: Seine vielen Gelenke – ich zähle 17 – bilden in ihrem Tun ein System symbiotischer Vernetzung, in dem jedwede Aktivität eines einzelnen von ihnen das Mittun aller anderen bedingt und bewirkt. Während am unteren Ende die Finger scheinbar wie von allein an die richtigen Stellen auf dem Griffbrett gelangen, sich in ihren je drei Gelenken beugen und strecken und somit das Ihre zu den entstehenden Tönen beitragen, bewegt sich unweigerlich immer auch das Handgelenk, es dreht sich und kippt und stellt sich in geeigneter Neigung auf. Natürlich ist dabei der Unterarm beteiligt. Und folglich der Ellbogen. Daran hängend der Oberarm. Letztlich die Schulter. Zuweilen sogar das Schulterblatt, der halbe Rücken gar. Was für ein Prozedere: Alle Gelenkstellen eines riesigen Armes fügen das Ihre zusammen, um in den winzigen Fingerkuppen zu münden. Ja, letztlich beginnt jeder gegriffene Ton an der linken Schulter.

Nun, es ist leicht, mit der großen Schulter eine Wirkung auf die winzigen Finger auszuüben. Kraft hat sie genug, Einfluss – durch Muskeln und Sehnen vermittelt – auch. Sie kann den Ellbogen hochhalten oder ihn niederdrücken. Sie kann als Hebel den gesamten Unterarm in Schwung bringen. Sie kann sogar den fernen kleinen Finger stützen, wenn dieser – als schwächster von allen – Muskelkraft von anderen Orten leihen muss. Sie hat also Macht.
Doch: Sie sollte dabei nicht zu sehr agieren. Ich weiß das ja. Angespannte Schultern, hochgezogene gar – wie gut ich das aus verschiedensten Lebenssituationen kenne. Immer ist dies ungut. Die Schulter also sollte an ihrem heimischen Ort ruhen, ganz friedlich und entspannt. Und mit ihr sollte der gesamte linke Arm gelassen bleiben. Durch seine Schwere kann er am aufgesetzten Finger mehr oder weniger hängen, die Gewichtskraft als Helferin nutzend, die Eigenaktivität auf ein Minimum reduzierend.
Genau das aber – geringe Aktivität, Passivität gar – halten meine Muskeln offenbar schwer aus. Sobald ich nicht meine volle Konzentration darauf richte, ihnen Gelassenheit zu verordnen, geraten sie ins übereifrige Wirken. Sie halten Arm und Ellbogen hoch, oder sie ziehen diese nieder. In der ausgewogenen Mitte dazwischen zu bleiben, gelingt ihnen kaum je. Meine Muskeln arbeiten gern hart und unverdrossen.

Eine lange Weile ging es ja gut. Obwohl sich bei allen Bewegungen mit ihren unzähligen Freiheitsgraden sicherlich immer schon falsche, ungeschickte, sogar schmerzende Haltungen dazwischengeschoben hatten, machte mein Arm das lange großartig.
Bis ich im Sommer begann, gleichzeitig am Vibrato und an der Daumenlage zu üben. Bei beidem bekommen Schulter und Oberarm eine veränderte Rolle, eine andere Position, variierte Bewegungsabläufe.
Und plötzlich wurde es zuviel. Denn es begann zu schmerzen. Anfangs nur ein bisschen. Wenn ich zu lange Daumenlage geübt hatte, dann zog es im Oberarm. Ich übte daraufhin auch nicht mehr allzu lange weiter, immer nur noch ein bisschen. Wenn ich ganze Tonleitern und Stücke als Vibratoübung genutzt hatte, dann lahmte der Arm. Ich hörte schon wenige Minuten, spätestens eine halbe Stunde danach auf. Ein wenig Schmerz kann man ja aushalten.
Währenddessen versuchte ich, meine offenbar ungeschickten Bewegungsabläufe zu korrigieren – durch Anschauen meiner Lehrerin und anderer Cellisten, durch Nachlesen, durch grübelndes Reflektieren. Es stellt sich aber immer wieder heraus: Die Anatomie zweier Menschen stimmt offenbar nur in groben Zügen überein. Die richtigen, die stimmigen Abläufe lassen sich weder denkend durchdringen und erlernen noch von einem anderen Menschen abschauen. Der Arm meiner Lehrerin ist nicht meiner, ich kann ihn nicht kopieren, das Wesentliche ist unsichtbar, es ist so kompliziert wie im Gesangsunterricht.

Und weil ich keine Lösung für mein Problem fand, übte ich immer weiter. Ich übte durch die Anspannung und das Unbehagen hindurch. Er wird schon verschwinden, der Schmerz, dachte ich all die Monate, mein Körper wird es schon richten. Ich muss nur hartnäckig und ausdauernd und fordernd und eben auch ein bisschen hart zu mir sein. Dann wird das schon.
Seit Monaten also spricht mein Arm zu mir, doch ich höre ihm nicht zu.
Es schmerzt. So weit, so schlecht.

Seit einigen Tagen steht mir klar vor Augen: Es wird eben nicht. Kein einziges Mal verlasse ich den Cellostuhl ohne Unbehagen, inzwischen schmerzt der Arm mal mehr mal weniger auch zwischendurch, der Fingerzeig des Körpers ist offensichtlich.
So trug ich es gestern zu meiner Lehrerin. Aha, sagte sie. Und dann kam aus ihr genau dieser Satz mit dem Fingerzeig. Ich hätte sie dazu ja eigentlich nicht gebraucht. Und: „Nun muss ich Dich doch mal bremsen.“ Wenn ich es schon selbst nicht kann, ergänzte ich stumm für mich.
Und dann sprachen wir über meinen Raubbau an mir selbst. Üben in den Schmerz hinein. Immer weitermachen, wenn es eigentlich nicht mehr geht. Mir keine Pausen gönnen. Voraneilen, wenn Innehalten angezeigt ist. Mit Willen erreichen wollen, wofür der Boden noch nicht bereitet ist.
Ein Spiegel. Mein Cellospiel ist mir mal wieder ehrlichster Spiegel.

Und jetzt?
Setz ihn ab, den Arm, immer wieder. Lass ihn hängen. Er braucht die Pausen zwischendurch. (Machte ich doch noch nie …)
Lass die Schulter unten. Die Schulter hat keinen aktiven Part. Leg Dir ein Kissen darauf, damit Du das nicht vergisst. (Die Schulter war doch so schön praktisch, um Druck nach unten weiterzugeben …)
Lass jede Bewegung aus einer natürlichen Lockerheit erwachsen, lass den Ellbogen immer wieder fallen und hängen, so dass er in keinem Moment fixiert bleibt. (Aber so habe ich zu wenig Kontrolle über alles …)
Wenn es schmerzt, variiere die Haltung. Meist reicht es, Ellbogen, Handgelenk oder Fingerwinkel um einen Millimeter zu verändern. Spür jedes Mal hin, bei jedem einzelnen Ton, bei jedem einzelnen Griff. Und richte die Armhaltung in jedem einzelnen Moment immer wieder neu aus. (Aber dann muss ich ja langsam spielen, kann keine schnellen Läufe mehr üben …)
Versteife Dich nicht, auf keine Haltung, auf keinen Ablauf, auf keine fixierte Bewegung. Bleib immer in Gelassenheit, erfinde jede Bewegung neu. (Aber meine Routinen, mein Gewohntes, die sind mir so sehr Gerüst …)
Übe in den nächsten Wochen nur ein Stück. Wir nehmen den Bach, der liegt gut für die linke Hand. (Aber der Duport, und der Romberg, und der Vivaldi, und der Squire …)
Übe auch nicht mehr so viele Etüden. Nur die Lagenwechsel, nichts anderes, immer nur diese Sprünge. Der linke Arm muss bei jedem Lagenwechsel locker hinunterfallen, genau das braucht er jetzt. Lass die anderen Stellen weg. Und nein, keine neue Etüde. (Aber ich hab doch immer jede Woche eine neue Etüde gemacht …)
Nimm diese Tonleiter, keine neue, und gehe ganz langsam und bewusst in die höheren Lagen. Immer wenn der Arm nicht mehr spannungsfrei liegt, brich die Bewegung ab und suche sie neu zu erfinden. (Aber dann ist es doch keine Tonleiter …)
Übe um Gottes Willen keine Daumenlage im Moment. (Aber … wo bleibt dann die Herausforderung …)

Uiuiui. Schmerz, Langsamkeit, Erschöpfung und Grenzen anzuerkennen – was für ein Lebensthema.
Und das Cello mal wieder – was für ein Lebenslehrer. Im Verbund mit meiner großartigen Lehrerin.

Danke.

.

Weitere Texte über mein Cello findet man über das Menü oben auf der Seite: Hier.

10 Kommentare

    1. Solche Erkenntnisse suchen sich offenbar immer ein geeignetes Instrument – muss ja gar kein musikalisches sein – auf dem sie uns über den Weg laufen.
      Und ja: ertappt, das trifft es. Mein Musizieren war mir schon immer ein Lehrer, auch der Gesangsunterricht damals, aber selten hat es etwas so umfassendes getroffen …

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  1. „Üben in den Schmerz hinein. Immer weitermachen, wenn es eigentlich nicht mehr geht. Mir keine Pausen gönnen. Voraneilen, wenn Innehalten angezeigt ist. Mit Willen erreichen wollen, wofür der Boden noch nicht bereitet ist.
    Ein Spiegel. Mein Cellospiel ist mir mal wieder ehrlichster Spiegel.“
    Ehrgeiz ist ja gut und schön, liebste Frau Rebis, aber nicht, wenn er ungesund wird, wie du ja nun auch leider wieder sehr schmerzhaft erfahren musstest. Ich seufze bei großem Mitgefühl. Schmerz ist IMMER ein Zeichen von Grenzüberschreitung, da hlft auch kein Gedanke, von ein bisschen Schmerz darf schon sein und sicherlich vergeht er gleich, nein, das tut er eben nicht, er breitet sich dann aus oder vertieft sich. Na klar, kenne ich all das auch, sonst könnte ich ja nix dazu schreiben ;)
    Herzensgrüße an dich,
    Ulli :bear:

    Gefällt 2 Personen

    1. Dieses Erleben schickt mich auf die Suche nach meinen Antreibern, was für einen Spiegel hält es mir unter meine Nase:)
      Denn nein, Ehrgeiz trifft es nicht. (Jedenfalls für mich ist dieser immer mit einer Wirkung im Außen verbunden, etwas, das man „erreichen“ will. Das ist es hier aber nicht. Außer mir selbst hört mir fast niemand zu, und das wird und soll wohl auch so bleiben:))
      Es ist irgendwie eine Suche, eine Sucht fast, nach mehr, nach immer tieferer Musik, wie ein Rausch(mittel) ist mir diese Musik, in die ich mich versenken will. Und weil es dazu halt eine Grundpalette an Fähigkeiten braucht, wollte ich diese möglichst schnell haben.
      Vielleicht hinkt der Vergleich, aber: So als wenn Dein Collagenwerkzeugkasten zunächst nur 1-2 Tools hat (statt der Dutzenden, die es eigentlich gibt). Du weißt aber um alles, was es gibt, weil fremde Collagen vielfältig gestaltet sind, siehst Deine eigenen daher schon ebenso vielfältig vor Deinem inneren Auge, aber hast die Tools eben noch nicht. Für jedes einzelne brauchst Du 100 Arbeits(Übe)Stunden, dann wird es „freigeschaltet“. Und es drängt Dich so sehr, dass Deine Bilder zu dem werden, was sie im Inneren schon so längst sind … so etwa.
      Ja, ich bin bei der Gratwanderung mit dem Schmerz auf eine ungute Seite geraten. Denn ein wenig Schmerz ist immer da, ist normal. Allein schon der in den Fingerkuppen, während die Hornhaut noch erst wächst. Und bei wirklich anstrengenden Bewegungen, wie im Sport, wenn die Muskeln noch erst wachsen. Bisher hatte ich an mehreren Stellen solche Anfangsschmerzen, andere Cello-Lernende auch, weiß ich. Dass es aber nicht nach wenigen Tagen/Wochen abebbt und leichter wird, habe ich zu lange ignoriert … ja ja, ich übe. Seit dem Erkennen bin ich mit meinem Arm und meinem Umgang damit reicht zufrieden, ich habe etwas verstanden;-)
      Was die Übertragung in andere Lebensbereiche angeht, dauert es wohl etwas …
      Herzensgrüße an Dich zurück,
      Frau Rebis
      (die Dein Bär-Emoji herzliebst findet und selbst gern ein Enten-Emoji hätte:))

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  2. Sehr gut beobachtet, sehr schön beschrieben. Ich kenne das vom Klavier. Zu viel, zu schnell, und schon rebellieren Handgelenke, Finger und am Ende Schultern und Rücken. Weniger ist mehr, denn bei aller Begeisterung und allem Fleiß, wir wollen nicht Konzertmusiker werden, sondern Spaß an der Musik haben, oder?

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    1. Vor allem wollte/will ich recht bald das spielen, was mir schon im inneren Ohr klingt … und jetzt gilt es, dabei wach und geduldig zu sein. Mich dem Körper, der schon so Großartiges geleistet hat, mit mehr Aufmerksamkeit widmen … eben: Für die Freude an der Musik!

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    1. Mich mit all diesen Gedanken in meine anderen Lebensbereiche zu begeben, das dauert. Immer wieder schenkt mir das Cello – wie schon die andere Musik früher – so augenöffnende Erkenntnisse …

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  3. Wie schön, dass du das aufschreibst. Davon erzähle ich jede Woche… ein Instrument zu lernen ist eine wunderbare Lebensschule, auf sich hören, Geduld mit sich zu haben, Grenzen zu erkennen, das passende Maß zu finden, das Innen und das Außen zu verbinden… es ist eine Sprache, eine besondere, mit sich selbst, für andere (für den Laien nur, wenn er es möchte). Ich selbst finde es faszinierend und spannend, andere auf diesem Weg zu begleiten und merke, wie schwer es ist, so unterschiedlichen Menschen dabei zu helfen, denn jeder ist anders, hat andere Bedürfnisse, aber Geduld brauchen alle. Nicht zuletzt ich selbst, denn all diese (körperlichen) Probleme kennen Musiker zur Genüge, die oft ein Resultat von „Zuviel-Wollen“ sind. Wohlbefinden ist da eine wahre Gratwanderung und in Zeiten, wo viel ansteht, kommt man leicht ins Schleudern, wenn man nicht in sich hineinhört und Geduld mit sich hat. Ich wünsche dir, dass du bald wieder schmerzfrei spielen kannst!

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    1. Danke für Dein Erzählen, es ist immerhin tröstlich, dass ich nicht die Einzige bin, die sich im Zuviel-Wollen verrennt:)
      Geduld ist das wichtigste Stichwort … in dieser Woche finde ich mich ganz gut darin ein, in der neuverordneten Langsamkeit und Sanftheit. Ich widme mich meinem Arm, und dieser dankt es durch Beruhigung und leichter Besserung … Ich bin gespannt auf den weiteren Weg. Wachgeworden bin ich durch den Schreck allemal, und da meine Lehrerin jetzt ja weiß, dass sie mit drauf achten muss, hoffe ich auf einen guten weiteren Weg.
      Liebste Grüße zu Dir
      Frau Rebis

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