Notizen aus einer ersten Schulwoche

Montag

Erste Schultage sind immer wie Wirbelstürme, wie Vulkanausbrüche. Nur in positiv. Eine ununterbrochene Kette an freudigen Umarmungen im Lehrerzimmer, ein sich sofort wieder auftürmender Berg an To-do’s, ein einziges Wirbeln, Organisieren, Besprechen, Kopieren, und zwischen all dem erste Unterrichtsstunden. Alle strahlen, selbst in den Klassen flattert gute Laune über die Tische, so ist das an einem ersten Schultag.

Und dann kommt der Abend, mit ihm unsere neuen 5er. 24 davon werden „meine“ sein. In der ersten halben Stunde lässt sich erkennen, was für ein Gesicht eine Klasse hat (oder haben wird). Heute wird dies schon sichtbar, als sie noch in der großen Halle auf den Bänken sitzen. Wie sie gebannt zuhören, zuschauen, wippend mitsingen. Wie sie dann mit strahlenden Augen und ausgestreckten Armen auf uns zukommen. „Dass wir eine coole Klasse werden“, schreibt ein Junge auf seinen Wunschzettel, der kurz darauf mit einem von vielen Luftballons gen Himmel steigt. „Könnte klappen“, denke ich, als ich es lese. Jedenfalls lachen wir in unserer ersten Stunde schon gemeinsam, ein sehr gutes Zeichen. Wir planen für’s Landheim ein Fußballturnier, und für später eine Klassenfahrradtour. Aber zunächst werden wir zusammen eine intensive erste Schulwoche haben. „Bis morgen, ich freu mich auf Euch!“

Dienstag

Ich hatte ganz vergessen, wie intensiv das ist, einen Vormittag lang mit so vielen jungen Menschen in dichtem Kontakt zu sein. Wieviel an Hin-und-Her, an Worten, Augenblicken, Lächeln und Emotionen es da gibt.

Die Kleinen, wie sie am Morgen flitzebogen-gespannt in ihren ersten Schultag kommen, um alles alles alles gierig aufzusaugen. Die 6er, sich nach den Ferien plötzlich wie alte Hasen anfühlend, die ganz selbstverständlich ihre Wiederholungsaufgaben bearbeiten und auch, als ich zwischendurch immer wieder wegmuss zu den Kleinen, selbstständig weitermachen, als bräuchten sie mich gar nicht. Meine neuen Mathe-7er, wie sie in einer Mischung aus kindlicher Entdeckerfreude und pubertär-beäugendem Abwarten durch unsere erste gemeinsame, sondierende Stunde gehen und mir sogleich beibringen, dass ich, da wir unsere Stunden jeweils am Ende des Schulvormittags haben, mir durchaus manches werde einfallen lassen müssen, damit die müden Köpfe sich auch um 12.45 noch auf Mathematik einlassen können. Och, ich hab da immer viele viele Ideen, und ich freu mich drauf.

Alles ist im Guten im Moment, eher beschenkend als zehrend, denke ich. Und doch spüre ich am Spätnachmittag, als ich – nach Besprechung und Konferenz – endlich nach Hause komme, dass ich meinen Kraftvorrat für heute offenbar verbraucht habe. Da geht kein Stillsitzen, kein vertieftes Celloüben, kein Kontakt mit Worten oder Gesten mehr. Ich sitze zu Hause und starre in die Luft.

Hierfür werde ich Wege finden müssen. Für das Leben mit der täglichen Erschöpfung. Denn Schule ist zwar beglückend. Aber vereinbar mit all den Bereichen, in denen ich auch sonst noch intensiv lebe, ist sie nicht. Jedenfalls nicht, wenn sie in so gedrängter Form daherkommt wie heute.

Mittwoch

Offenbar unterrichte ich dieses Schuljahr nur Lieblingsklassen – heute lerne ich die letzte kennen. Wieviel Wachheit und Neugierde da vor mir sitzt, es ist unglaublich. Schon wieder ist alles voller Vorfreude, auf beiden Seiten. Und wenn ich schon einen solch begeisterten Jahrgang vor mir habe, wäre es an der Zeit, endlich einige meiner jahrelang benutzten Zugänge und Materialien umzuarbeiten, mit neuen Ideen zu verweben, mir schießen sie nur so in den Kopf in diesen ersten Stunden. Ich hämmere sie schnell in die Tastatur, damit sie sich nicht wieder aus dem Staub machen.

Es folgt ein dritter Konferenznachmittag, wir hängen schon ein wenig auf den Stühlen, es ist viel in dieser ersten Woche. Die Fachschaftsleitung hat sich um Essen, Trinken, Gutes auf den Tischen gekümmert, das hilft. Ab nächstem Mal also – wie ich in diesen Tagen erfahren habe:) – werde ich es sein, die die Dinge auf den Tischen organisiert. Und nicht nur die. Ab bald nämlich „habe ich“ eine Fachschaftsleitung, wie unerwartet. Ich notiere fleißiger als sonst alles mit, um einen ersten Überblick zu gewinnen, Mathe ist ein Riesenfach mit vielen Baustellen. Ausbau unseres Förderkonzepts für die Unterstufe, Optimierung der Kursstufen-Zusatzangebote, Schaffen einer Schüler-helfen-Schüler-Struktur, kollegiale Hospitationen, Vereinheitlichung von Wiederholungsritualen über die Schuljahre hinweg, Umgang mit den Ergebnissen der Diagnosearbeiten, Abgleich all unserer Wettbewerbsaktivitäten, außerschulische Angebote – welche nehmen wir wahr?, Materialbestellungen für’s restliche Geld, Taschenrechnersituation, Fortbildungsplanung, wer erstellt die nächste Abituraufgabe?, und wer das Curriculum für 9/10? Und dann fragt jemand: Wie geht es der kranken Kollegin. Nicht gut, hören wir. – Wie dankbar wir plötzlich werden, hier bei 30 Grad am Spätnachmittag sitzen zu dürfen, gesund. Wenigstens eine Karte, ein Päckchen können wir ihr immer wieder schicken.

Donnerstag

Mein letzter Unterrichtstag der Woche. Schulhausrallye der Kleinen – während sie durch die Flure flitzen, beobachte ich sie, wer geht mit wem wie um – nebenher versuche ich, ihre Namen zu lernen. Drei neue Klassen, 80 neue Namen habe ich dieses Jahr. Und mein Kopf wird ja nicht jünger:) Am Ende der Rallyestunde räumen wir vom Stuhlkreis zur Tischordnung um, die Einführungstage sollen allmählich in einen normalen Schulalltag münden, ich sage noch „Tschüss bis Montag“, denn ab jetzt lernen sie nach und nach ihre anderen LehrerInnen kennen.

Meine letzte Stunde der Woche, es ist immer noch heiß im Schulhaus, und alles was vor den Ferien war haben wir immer noch vergessen, und ob man bei Frau Rebis Hausaufgaben und Sachen vergessen darf, haben wir hiermit gleich mal ausprobiert, und dieser Hä-ich-kann-mich-gar-nicht-erinnern-Blick ist doch zu niedlich. (Das schreibe ich natürlich nur hier: Den 13jährigen sage ich dies lieber nicht ins Gesicht:))

13 Uhr, Feierabend. Klingt gut, oder? – Auf meinem Arbeitszeitzähler haben sich in vier Tagen 43 Stunden angesammelt. Den Rest des Tages hänge ich im wesentlichen zu Hause herum. Ich bin müde, nur müde. Verständlicherweise.

Freitag

Home Office. Das Sofa ist allerdings magnetisch. Selbst Haushaltsarbeit hat heute riesige anziehende Wirkung auf mich. Und als ich mich dann endlich zum Schreibtisch begeben will, verweigert sich der Computer. Na danke, dies ist genau der richtige Zeitpunkt dafür. Also den Lieblingsspezialisten anrufen, der mich dankenswerterweise in seinen Nachmittagsplan einbauen kann, es läuft dann wieder provisorisch, und nächste Woche baut er richtig daran herum.

Meine Schulaktivitäten jedenfalls sind für heute torpediert, ich schleppe also manches mit ins Wochenende, was ich heute fertig haben wollte, menno.

Wochenende

Klassenlisten, Organisationsmails, Jahresplanungen, Absprachen mit den parallel unterrichtenden Kolleginnen, Vorbereitungen für Montag und Dienstag, Vertretungen sehe ich auch noch auf meinem Plan … All das schiebt sich zwischen mein Familienwochenende.

Nu ja, die erste Woche war schon immer so dicht. Es ist schwer, in diesem Treiben auch nur ein Zipfelchen der Stille, der gerade erst gewesenen, in mir zu finden. Der Kopf ist so voller Wirbeln, beim Einschlafen, beim Aufwachen, beim Cellospielen, selbst jetzt beim Schreiben befinde ich mich in einer Art Parallelspur. Ich werde mich – wie immer – sehr darum bemühen müssen, einen gangbaren Weg durch den Schulalltag zu finden. Damit mir auch außerhalb des Klassenzimmers wache Momente bleiben, damit ich mich zwischen all der Anstrengung immer wieder erden kann.

Mit diesem Satz geht’s jetzt in die zweite Schulwoche …

9 Kommentare

    1. Danke für diese Worte!
      (Ich denke ja immer, dass diese Schulinterna für andere Menschen einfach langweilig sein müssten. So wie ich mit dem Berufsalltag eines Systemadministrators wenig anfangen könnte. Aber vielleicht ist es ja doch anders:))
      Und ja, das Cello erdet. Spätestens wenn abends der Kopf nicht mehr kann …
      Liebe Grüße
      Frau Rebis

      Gefällt 2 Personen

      1. Ich finde Schulinterna sehr interessant und bin der Meinung, dass sie alle Menschen interessieren sollten, denn auf irgendeine Weise haben wir doch alle mal irgendwann damit zu tun, so oder so, egal auf welche Seite …
        Ja, Musik ist etwas großartiges, vor allem AKTIV erzeugt!
        HG vom Lu

        Gefällt 1 Person

        1. Ja, das stimmt, jede und jeder hat letztlich mit Schule zu tun. Und oft denke ich – gerade bei all diesem Lehrergebashe, was so üblich ist – still vor mich hin: Habt Ihr ne Ahnung …. (Mich aufzuregen habe ich aufgehört. Nützt ja niemandem:))
          Liebe Grüße!

          Gefällt 1 Person

  1. Wie gerne ich das jetzt alles gelesen habe, du Liebe, so viel Freude!!! Ich erinnere mich gut an die letzten zwei deiner Schuljahre, so viel Ärger und Kampf und Krampf. Mögen deine 3 neuen Klassen so neugierig und offen bleiben, möget ihr immer wieder viel Spaß mteinander haben und mögen die Kids spielerisch lernen, denn du kannst das vermitteln!
    Der Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe/Stille ist eine hohe Kunst und wenn du so weiter machst, wirst du noch Meisterin darin ;)
    herzliches am Abend zu dir hin,
    Ulli

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    1. Liebe Ulli,
      nee nee, von der Meisterin bin ich weit entfernt, dieser Wechsel fühlt sich immer noch wie unmachbar an. Wobei ich schon wenigstens nicht mehr versuche, Stille-Momente in ein Zeitkorsett zu zwängen – das lassen sie nämlich nicht mit sich machen😉
      Ja, es lässt sich gut an, dieses Schuljahr. Ich freue mich, dass Du Dich mitfreust😘 Vielleicht wird es wirklich ein Jahr zum Erholen vom letzten, ich bräuchte das, es war zu viel. Obgleich ich im Nachhinein denke – und erlebe: unsere ehemalige Klasse kommt auf dem Hof ständig zu uns, wie Entenjunge zu ihren Entenmamas:) – dass gerade diese Kinder uns brauchten, und dass all die schwere Arbeit letztlich nicht vergebens war, im Gegenteil. Nun aber: für mich, für uns (meine Co ja auch) persönlich braucht es nun erstmal ein Jahr des Atemschöpfens.
      Liebste Grüße zu Dir
      Frau Rebis

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  2. Ich wünsche alles Gute weiterhin! Der Anfang klingt vielversprechend – freudige Aufbruchstimmung bei allen, trotz allem. Ich beobachte das Phänomen von diesseits der Mosel aus der Elternperspektive, und wie sagte meine Tochter heute: Bis jetzt alles super! 😅

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    1. Vielen lieben Dank für die Wünsche!
      Ja, Aufbruchstimmung, das trifft den Schuljahresbeginn gut.
      Mein Sohn sagte gestern ganz stolz, bis jetzt habe er alle Hausaufgaben gemacht. Immerhin, schon sieben Tage:)
      Liebe Grüße
      Frau Rebis

      Gefällt 1 Person

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