Baumwandelweg #12

Durch ein Jahr hindurch begleitete ich ein Motiv, einen Baum, seine Veränderungen und seine Konstanz mit der Kamera.  Dies war ein Beitrag zu Zeilenendes Projekt „12 Monate“. Dieser Baum und unsere Begegnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte, welche in diesem Jahr weitergeschrieben worden ist.

 

Großer Baum, kleiner Baum, nebeneinander. In kahlem Winterkleid, auf rötlichscheinendem Feld.

 

Erst mit diesem zwölften Bild fühlt es sich rund an. Aufgenommen vor mehr als einem Monat, fast noch Ende Januar war es also, so wie auch alle anderen Bilder jeweils zum Monatsende entstanden. Eingestellt erst heute, ein Jahr etwa nach dem ersten Bild. Womit sich ein Kreis schließt.
Ein Kreis, den zu gehen ich mir selbst aufgetragen hatte, ein selbsterschaffenes Ritual: zu jedem Monatsende meinen Baum hier abzubilden, immer mit gleichem Fokus, auf dass Veränderungen und die Konstanz in den Veränderungen sichtbar würden.

Hier nun – schaut selbst:

 

 

Nun, und jetzt?
Höre ich auf.

Es fiel mir – zugegeben – schwer und schwerer, mich meiner selbstverordneten Regel zu fügen. Die anfängliche Euphorie, dass dieses Ritual mich regelmäßig auf einen Weg bringt, der mir etwas zu schenken weiß, ist verflogen. Statt dessen wuchs in mir das Bedürfnis, mich aus dem Ritual herauszuwinden, seine Starre abzuschütteln.
Zwar, das nehme ich durchaus wahr, hatte ich viele gute Stunden mit meinem Baum, meinem Weg, hat sich mir Monat für Monat etwas eröffnet, bin ich tatsächlich jeweils ein Stück auf mich zu gegangen, so wie es meine persönliche Geschichte dieses Weges ja von vornherein nahelegte. Und doch war es ein Gerüst, ein starres, zwingendes, unbiegsames, einengendes Gerüst.
Ohnehin bewegt sich mein Alltag in viel zu vielen Käfigen, fehlt es ihm in vielerlei Hinsicht an Freiheitsgraden. Wenn ich mir dann noch selbst zusätzliche Starre verordne …

Was für ein Spiegel! De facto beträgt der Fußweg zum Baum kaum zehn Minuten, sind die Bilder schnell gemacht und noch schneller bearbeitet, es gab ja keine Motivsuche, keine Bearbeitungsentscheidungen zu fällen, zeitlich gesehen also war mein Baumweg selbst in engste Zeitraster zu integrieren. Noch dazu zieht es mich im Grunde immer nach draußen. Und doch blockierte ich mehr und mehr.

Ein Anlass mich einzulassen auf Fragen wie:
Wo setze ich mir selbst Beschränkungen, die mir nicht gut tun?
Wo lebe ich starre, einschnürende Regeln, obwohl ich sie aufweichen oder gar von mir nehmen könnte?
Wieso empfinde ich so manche Alltagsbeziehungen als Korsett, obwohl ich tief innen weiß, dass ich allein durch gedankliches Umstülpen wieder Freiheitsgrade gewinne?
Welche Imperative lebe ich, obwohl niemand außer mir selbst sie ausspricht?
Wohin wird es mich führen, wenn ich von Geländern ablasse und frei zu tanzen beginne?

Punkt.
Und Fragezeichen.

 

Alle meine Baumwandelwege finden sich oben unter Blog/Zwölf Monate.
Andere Beiträge von Zeilenendes 12-Monats-Projekt kann man hier finden.

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7 Kommentare

    1. Das stimmt, Sicherheit spielt eine Rolle. Aber auch, mir in der Überfülle an Möglichkeiten selbst eine Leitlinie an die Hand zu geben, welche ich wähle – für Tage, an denen die Kraft zum Wählen nicht reicht, kann es ein nützliches Geländer sein. Wenn es dann nicht wieder zu sehr beschränkt …

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  1. Liebe Frau Rebis, ich freue mich über die Bilder und werde nachdenklich über die selbstgebauten Käfige und dass dieses Projekt dazu wurde. Ich kann dir gut folgen, es bleibt eine gewisse Traurigkeit darüber, dass das, was eigentlich Erkenntnis und Freude schenkt auch zu einem Käfig geworden ist.
    Herzliche Grüße, Ulli

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    1. Liebe Ulli,
      in mir selbst löst es auch Traurigkeit aus. Wenn ich mich aber selbst richtig in diesem Prozess beobachtet habe, dann war es nicht der Weg, das Hinausgehen an sich, was mich eingeengt hat, sondern der festgelegte Zeitpunkt – im Monat, im Tag (denn nachts ist es ja dunkel, und morgens blendete die Sonne in dieses Bild:)) – ich „musste“ immer raus, wenn mir gerade nicht danach war oder wenn gerade ein besonders strammes Wochenende bevorstand.
      Daher gilt es für mich, andere Formen zu finden, mir das Meine in die engen Tage einzubauen. Eine gewisse Ritualhaftigkeit hilft ja auch, sich auch mal vom To-do-Berg abzuwenden – eben ein Mittelweg ist gesucht. Mit dem Cello habe ich ja etwa auch entschieden, jeden Tag zu üben, ohne dass ich es einer Beliebigkeit überlasse. Also quasi als feste Regel. Allerdings überlasse ich Zeitpunkt und Intensität dem Tag selbst. Mit diesem kleinen Maß an Freiheit funktioniert es für mich – und so übe ich weiter. Auch das Rausgehen: das schaffe ich schon:)
      Sei lieb gegrüßt
      Frau Rebis

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