Danke an ein reiches Jahr

Meine Ferien gehen ebenso wie die Raunächte dem Ende zu, und damit die stille Zeit, in der ich im gerade noch vergehenden Jahr umherstreife, mich in Gedanken und Bildern zurückversetze, durch Kalender und Tagebücher blättere und das Jahr kaleidoskopartig noch einmal zu mir zurückkehren lasse.
Unglaublich, welch Fülle und Überfülle sich vor mir ausbreitet. Ich staune.

Wie dankbar ich bin, dass ich mein prallvolles Leben – bei aller zeitlichen Enge – als unendlich weit wahrnehme. Danke, dass ich gesund bleiben durfte. Danke für meine Dankbarkeit.

Danke für meine inneren Schritte dieses Jahres, es waren nicht wenige, sie waren nicht klein …
… in mancher Hinsicht ist Gelassenheit und Versonnenheit, eine Sanftheit gar eingezogen …
… zu einigen meiner Bedürfnisse vermochte ich besser hinzuspüren, begann, mich ihrer anzunehmen …
… kleine mutige Schritte ging ich beim Ziehen meiner eigenen Grenzen …
… und der „gute Ort“ in mir, mein innerer Tempel, oder wie auch immer ich dieses Zentrum des ureigenen Friedens benenne, war mir zuweilen gut spürbar und präsent.

Danke für all die Momente, Orte und Dinge, die mir dabei geholfen zu haben, weiter zu mir zu finden …
… die kleine neue Feuerschale im Garten …
… die Wege rund um unser Dorf …
… Stifte und Papier (und Tastatur natürlich:)) …
… Bücher, Kerzen, Kamera, all das …
… zuweilen das Nichts, mit dem es sich wunderbar beieinander sitzen lässt …
… und – natürlich – mein Cello.

Ja, danke in ganz besonders tiefer Weise für mein Cello, welches sich mir in diesem Jahr geschenkt hat …
… für die Musik, die es täglich zu mir bringt und durch die ich mich und das Singen in mir auf intensivste Weise erlebe …
… für die wunderbare Lehrerin, die mich dabei sanft an die Hand nimmt …
… für all die Spiegel, all die Lebenslehren, die ich täglich durch dieses Instrument aufgezeigt bekomme …
… für die Geduld, die gefordert ist, und für die große Chance, meine eigene Musik lieben zu lernen.

Danke für überhaupt jede Musik, die mein Leben bereichert …
… für das Musizieren der Kinder – wie sehr es zu meinem Alltag gehört, spüre ich, seitdem der Sohn nicht mehr vor unseren Ohren, sondern in der Ferne übt – wie still unser Haus geworden ist …
… apropos Ferne: für seine dortige Lehrerin, die zu ihm passt wie der hiesige – was für ein Glück …
… für die Celloschritte der Tochter, die in ihren verschiedenen Ensembles immer schöner und inniger spielt …
… und besonders für die Freundschaften, die beide Kinder durch ihr gemeinsames Musikerleben mit Gleichaltrigen gewinnen.

Danke für mein Leben mit den Kindern, immer und immer wieder …
… für ihr Reifen und Wachsen vor meinen Augen, in diesem Jahr ja besonders sichtbar, als der Sohn zu seinem Italienjahr aufbrach und dort nun seine eigenen Wege sucht, in den Händen und Herzen einer wundervollen Familie gelandet …
… dafür, dass unser Band dennoch hält und trägt, auch ohne tägliche Alltagsnähe …
… für all die Erfahrungen, die auch für mich mit diesem Loslöseprozess, mit unserem Abschied von der Kindheit verbunden sind …
… für alles, was die Kinder in mein Leben hineintragen: ihre Offenheit, ihr unverstelltes Sein, ihre Empathie, ihre Kreativität, ihr Leuchten, und dazu ihre wachsende Selbstständigkeit – das alles ist alltägliches Geschenk …
… für unser Zusammenleben mit der Gasttochter, für all die bereichernden spannenden neuen Aspekte unseres Familienalltags.

Danke für Begegnungen mit Menschen, für meine Familie, für unsere Freundinnen und Freunde …
… für neue Menschen, mit denen ich in diesem Jahr Nähe gefunden habe …
… für lange Tage und Abende voller Nahrung hier an unserem Tisch oder an den Tischen befreundeter Familien …
… für kleine und große funkelnde Alltagskontakte, im Dorf, im Schulumfeld, in den Kreisen der Kinder …
… und für die eine oder andere schwierige Kommunikationssituation auch, in der ich eine Übechance hatte, das, was nicht zu mir gehört, bei der oder dem anderen zu belassen.

Danke für meine Schule, meinen Arbeitsort mit der so offenen Atmosphäre, dass ich es manchmal selbst kaum glauben kann …
… für all die Klassen, die mir immer wieder ans Herz wachsen, und für die täglichen Apfelbäumchen-Situationen, die dieser Beruf schenkt (und dafür, dass ich mir dessen bewusst bin, bei aller Bedrängnis, der man im Schulsystem alltäglich ausgesetzt ist) …
… für meine Schulleitung und mein Kollegium, in dem es warm und geborgen ist (und sich trotzdem nicht nach Kuschelkurs anfühlt), in dem zuweilen Ideen, Visionen und Träume reifen – und konkretisiert werden …
… für meinen Abschied vom zweiten Dienstort, inklusive innerem Frieden mit dieser Entscheidung.

Danke für mein Unterwegssein …
… für unsere große Tochterradreise nach Berlin, für meine Pfingstrunde, für all die kleineren Radwege …
… für eine riesige New-York-Reise und nicht ganz so riesige Italien- und Deutschland-Urlaube …
… für die Wege rund um mein Dorf, zu meinem Baum und um ihn herum und weiter hinauf …
… und für ruhige Ferientage hier im Haus.

Und danke für die Alltagszeiten …
… für die Versöhnlichkeit, die ich gegenüber meinen Alltagsbergen gewonnen habe, für eine sanfte Ruhe und eine Tempoverringerung in allem Viel-bleibt-viel …
… für ein wenig Umlenken des Fokus vom To-do- auf ein Done-Gefühl, welches zuweilen gelingt – und dass ich es so oft thematisiere, auch hier im Blog ja, dies ist vielleicht mein Weg, damit umzugehen, mich damit zu arrangieren, jedes Jahr ein Stückchen mehr?

Danke – nicht zuletzt – für all das, was in diesem Jahr fehlt und fehlte …
… für die Freundin, an deren Grab wir in diesem Frühjahr standen – für die Erinnerung an alles, was wir teilten …
… für Menschen, zu denen mir in diesem Jahr einen Faden zu knüpfen (wieder) nicht gelang – für die Aufgaben, die sich mir damit beim Weitergehen stellen …
… für das, was ich versäumte, was ich bereue, was ich schlicht vergaß zu tun – eine lange Liste bleibt für den weiteren Weg.

Eine Liste, ein Weg voller Aufgaben, die nur zum Teil mein aktives Zutun benötigen. Alles andere fordert zum Bereitsein auf, so wie ich schon die letzten Jahre schrieb:

Die wesentlichen Dinge kannst du nicht machen, sondern nur empfangen. Aber du kannst dich empfänglich machen!
(aus Martin Schleske: Der Klang)

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