Stille

Stille ist, wenn etwas sein darf, wie es ist. Wenn es sein eigenes Lied singt, seine eigene Harmonie, seine eigene Klangfarbe. Stille misst sich nicht in Dezibel, nicht in von außen vernehmbaren Tönen, nicht in der Anzahl gesprochener Worte gar. Nein, Stille ist der aus einer Mitte ertönende Frieden, ein innewohnendes Gleichgewicht, eine sich verströmende Ruhe.

Vermutlich kann jemand anderes kaum nachempfinden, ob ich in einer Situation, einem Menschen, einer Begegnung Stille empfinde. Oder ob ich eben Lärm höre.

Lärm ist, wenn der natürliche Gesang der Dinge übertönt wird. Dies kann ganz lautlos geschehen, allein durch Blicke, Kopfschütteln und Gesten. Oder durch beurteilendes, verwerfendes, kleinmachendes Geschrei, welches – möglicherweise – auch wieder nur für meine Ohren laut erscheint. Im Lärm ist Zerbrechen, ist Sich-Verlieren, ist Aus-der-Welt-Fallen.

Und ich selbst?
Ich sehne mich nach Stille. Nach einem Sein, in welchem ich nicht von mir weggezogen werde. In welchem ich die sein darf, die ich bin. In welcher ich nicht verworfen, sondern wahrgenommen werde. Gesprächsvoll kann meine Sehnsuchtsstille sein, oder in Musik gekleidet, ja sie kann sich sogar in einer lauten Fabrikhalle finden. Wenn ich nur mein Ich und ganz in meiner Mitte sein darf.
(Natürlich: Der lauten Fabrikhalle ziehe ich den leisen Radweg vor, der belebten Asphaltpiste den einsamen Waldpfad. Und doch ist das zentrale Moment: Darf ich bei mir bleiben?)

(PS. Mir schwebten diese Gedanken schon lange in den Sinnen herum. Angeregt sie in Worte zu fassen wurde ich durch Kai und seine Lektüre über die Stille. Und durch mein Suchen dieser Tage natürlich.)

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6 Kommentare

  1. Interessante Gedanken; ein Ansatz, der mich nachdenken lässt. Der Begriff des „Flow“ kommt mir in den Sinn, wenn alles Handeln fließt und die Umwelt ausgeblendet ist.

    Und so wird ein so einfaches Wort plötzlich sehr komplex – jenseits seiner Duden- und Wörterbuchwirklichkeit.

    Danke!

    Gefällt 4 Personen

    1. Jenseits jeglicher fremder oder anderer Wirklichkeiten sind viele Dinge – wenn wir sehr ehrlich mit uns werden. Und vermutlich wandeln sich auch die eigenen Wirklichkeiten von Zeit zu Zeit. Diese meine hier ist eine heutige, sozusagen, ist aus meiner gegenwärtigen Situation geboren.
      Danke für Deine Gedanken – und Dir noch eine gute Restzeit in der Inselstille, alles Liebe
      Frau Rebis

      Gefällt 1 Person

    1. Liebe Ulli,
      wenn Du Dich freust dies zu lesen, freut das wiederum mich:)
      Und was Du mit dem Relativieren meinst – einen Teil kann ich mir vorstellen, einen anderen nicht – das frage ich Dich einfach demnächst.
      Nun sende ich Dir ein wenig von der Helligkeit dieses Tages und grüße Dich von Herzen
      Frau Rebis

      Gefällt 2 Personen

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