auf der Wippe bin ich

Wie einst als Kind. Ich sitze auf diesem alten knarrenden Holzbalken, der Geschichten zu erzählen weiß von zahllosen Kinderflügen, vom Träumen, Lachen, Schweben, Juchzen, und dazu von Unbehagen, Bangesein, Angst, es ist ja immer beides. Vor mir die abgegriffenen Metallbügel, an welchen die Haltsuche so vieler Hände spür- und tastbar wird. Unter mir die tapferen Gummireifen, an denen eine jede Wucht abprallt, immer im quietschenden Rhythmus des Hinab-Hinauf-Hinab’s.

Von je her ist es mir vertraut, das Gefühl eines Lufttanzes, der in Bangigkeit verhalten bleibt, so lange er atmet. Über die Stange hinaus nach vorn, über den Sitz nach hinten oder aber zur Seite geschleudert zu werden, dass diese Wege als mögliche vorstellbar werden, allein dies lässt meine Hände und Schenkel in Ängstlichkeit sich anspannen, das stete Auf und Ab findet nie in ein freies Fluggefühl.

Weil er, ist man oben, direkt bevorsteht, der sichere Weg hinab. Eine manifeste Bangigkeit, sogleich mit den Füßen unter den Balken zu geraten. Die Erwartung des schmerzenden Aufpralls, hier unten, wo der größte Überschwang abrupt stoppt, die Bewegung irritiert innehält, ob diesem Ende auch ja ein Anfang innewohnt? Sicher war ich nie, Zutrauen in die eigenen Beine und ihre Kraft fehlte, wozu sie nicht alles nicht in der Lage sein könnten, welchen Aufgaben sie nicht gewachsen waren, eine lange Erfahrungsliste aus erlebten Kraftlosigkeiten, Unfähigkeiten, Michkleinfühlens. Für neuen Schwung war ich so manches Mal zu schwach.

Die Wippe aber wippt. Weiter. Und weiter.

Und der Abschnitt über den Weg hinauf – er kommt ja doch – wird an einem neuen Morgen zu schreiben sein.

(Erstmals seit Jahrzehnten saß ich während der gerade vergangenen Reise wieder auf einer Kinderwippe. Im Ungleichgewicht war sie. Natürlich, möchte ich schreiben, war es doch schon früher allzu oft asymmetrisch. Oder: Immer noch, möchte ich erstaunt fragen. Habe ich denn immer noch nicht gelernt, was auf die andere Seite meiner Wippe gehört, damit ihr Rhythmus ein singender, tanzender wird, der sich in den Kreis von allem fügt?)

9 Kommentare

    1. Upps, liebe Ulli, wirklich? Er fand sich nach einer unvermittelten Worteruption – was war und bin ich dankbar dafür, nach so langer Kargzeit – plötzlich im Tagebuch. Und nun mag ich ihn, den kleinen Text, überhaupt nicht bewertet (sehen), Hauptsache er ist!
      Über Dein Mitschwingen bin ich natürlich trotzdem freudig dankbar! (Als ich ihn abtippte, dachte ich auch an Dich. An all das Wippenschwingen, das Wellenwippende dieser Deiner Zeiten und der Zeiten überhaupt.)
      Ob wohl schon der neue Morgen kommt – jetzt, da Wortfünkchen am Erwachen sind?
      Herzensgrüße zu Dir
      von Frau Rebis

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    1. Schön, dass wieder Wörter aus mir herausfinden. Es beginnt gerade … und dies ist so erleichternd, es war so karg, und ich fast am Ersticken.
      Schreiben ist mir – zuweilen – Nichtstun. Eben wenn ich es nicht tue, sondern es einfach erscheint. Eine wunderbare Seinsweise …
      Warme Morgengrüße zu Dir
      Frau Rebis

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  1. liebe Frau Rebis, gerade lese ich diesen Text… und bin sehr angetan.
    und ich bin froh, dass du Worte findest, dass die Worte dich finden, denn das halte ich für sehr sehr wichtig. Auch ich werde mir diesen Text bestimmt noch einmal oder zweimal oder … durchlesen.
    ich denke an Wippen, an Schaukeln, an Aufs und Abs, an Waagen, die auch hin und her schaukeln beim abwägen… Beim bemessen?, beim wiegen, wiegen und Wagen… und ich denke an die Monade, das Zeichen für Ying und Yang… ☯️
    und dieses Zeichen… es wäre wieder eine ganz andere Geschichte und doch die selbe*lächel

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