Unsichtbarkeiten

„Du hattest ein Geheimnis. Du trugst einen Makel in dir, den es vor der Welt zu verbergen galt, und weil dir schon bei der bloßen Vorstellung, entdeckt zu werden, sterbenselend zumute wurde, warst du gezwungen, dir nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht dein wahres Gesicht war. Später an diesem Vormittag, als George dir gestand, dass auch er früher mit genau diesem Geheimnis gelebt hatte, kam dir der Gedanke, dass wohl die meisten Leute ihre Geheimnisse hatten, vielleicht alle Leute, ein ganzes Universum von Leuten, die, ihr Herz von einem Dornenkranz aus Schuld und Schande umwunden, auf Erden wandelten, sie alle gezwungen, sich nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht ihr wahres Gesicht war. Was sagte das über die Welt? Dass jeder dort mehr oder weniger im Verborgenen lebte, und weil wir alle anders waren als das, was wir zu sein schienen, war es so gut wie unmöglich, von irgendjemandem zu wissen, wer er war.“

(Paul Auster: Bericht aus dem Inneren)

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3 Kommentare

  1. Liebe Frau Rebis, ich weiß gerade eben nicht so ganz genau, ob ich diesen gut geschriebenen Text unterschreiben kann, machte ich doch gerade noch einmal die Erfahrung, dass nichts sichtbarer ist, als das, was Eine versucht krampfhaft zu verbergen
    (die Eine bin nicht ich…)
    liebe Grüße
    Ulli

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  2. Ich hab mich jetzt durch deine Texte der letzten zwei Wochen gelesen, ohne zu kommentieren, aber nickend, seufzend, schmunzelnd, mitfühlend – und nun, hier, zu Austers Text, doch noch ein paar Worte. Danke fürs Zitieren vor allem. Dieser Gedanke ist mir auch schon gekommen. Vielleicht fühle ich mich darum mit all jenen Menschen, die den Mut haben, wahrer zu sein als die andern, wohler als mit den andern?

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