Unsichtbarkeiten

„Du hattest ein Geheimnis. Du trugst einen Makel in dir, den es vor der Welt zu verbergen galt, und weil dir schon bei der bloßen Vorstellung, entdeckt zu werden, sterbenselend zumute wurde, warst du gezwungen, dir nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht dein wahres Gesicht war. Später an diesem Vormittag, als George dir gestand, dass auch er früher mit genau diesem Geheimnis gelebt hatte, kam dir der Gedanke, dass wohl die meisten Leute ihre Geheimnisse hatten, vielleicht alle Leute, ein ganzes Universum von Leuten, die, ihr Herz von einem Dornenkranz aus Schuld und Schande umwunden, auf Erden wandelten, sie alle gezwungen, sich nichts anmerken zu lassen, der Welt ein Gesicht zu zeigen, das nicht ihr wahres Gesicht war. Was sagte das über die Welt? Dass jeder dort mehr oder weniger im Verborgenen lebte, und weil wir alle anders waren als das, was wir zu sein schienen, war es so gut wie unmöglich, von irgendjemandem zu wissen, wer er war.“

(Paul Auster: Bericht aus dem Inneren)

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8 Kommentare

  1. Liebe Frau Rebis, ich weiß gerade eben nicht so ganz genau, ob ich diesen gut geschriebenen Text unterschreiben kann, machte ich doch gerade noch einmal die Erfahrung, dass nichts sichtbarer ist, als das, was Eine versucht krampfhaft zu verbergen
    (die Eine bin nicht ich…)
    liebe Grüße
    Ulli

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    1. Liebe Ulli,
      wenn man etwas unbedingt verdecken möchte, ist es sicher am schwersten zu bewerkstelligen, das habe ich auch schon so erfahren. Zumeist aber – und das hatte ich beim Lesen vor Augen – sind wir uns ja gar nicht bewusst, was da alles in uns ist. Oder es ist nur halbbewusst. In mir sind Dinge, die ich nie nie nie irgendjemandem erzählen würde, manches nicht mal dem Tagebuch.
      Auch in Alltagsbeziehungen finde ich das „im Verborgenen leben“ und „unmöglich zu wissen, wer jemand ist“ sehr treffend. Wie vieles ich nicht weiß von den Menschen, denen ich täglich gegenüberstehe. In der Schule meine Kollegen etwa sind mir unbekannte Planeten. Selbst die mir näher und nah seienden Menschen: Wie viel bleibt mir für immer und immer verborgen? Das ist eher der normale Zustand. Dieses „Urteile über niemanden, in dessen Schuhen Du nicht ein Leben lang gelaufen bist.“, das ist so wahr. Wir wissen voneinander immer so vieles nicht. Viele Missverständnisse, viele Verletzungen rühren daher, dass wir gerade nicht wissen, was der oder die andere meint, erwartet, wünscht, ersehnt, weil wir das Verborgene des anderen nicht kennen.
      Gerade in letzter Zeit denke ich oft an verborgene innere Welten: wenn ich über Menschen nachsinne, die andere verletzen. Solche, die man „gewaltbereit“ nennt, und solche, die auf subtile Weise im zwischenmenschlichen Kontakt verletzen. — Was das mit Verborgenem zu tun hat? Ich glaube sehr viel. Immer wohl, oder meist, ist da ein inneres „Geheimnis“, das nicht und nie ans Licht durfte. Verletzungen, Schmerz, Wunden, die man nie wagte zu öffnen, aus welchen Gründen auch immer. Unter anderem auch, weil das Sichbedeckthalten, das Verdecken eben eine der üblichen (Nicht)Begegnungsweisen der heutigen Welt ist. Und dann bricht es sich – notgedrungen? jedenfalls: mit einiger Wahrscheinlichkeit – auf ungeheuerliche Weise Bahn in Form von Gewalt auf den verschiedensten Ebenen.
      (Oh, ich hätte doch einen Blogpost um die Worte schreiben können. Als ich den Text beim Lesen fand, fühlte ich mich dazu aber nicht in der Lage …)
      Nun grüße ich Dich herzlichst
      Frau Rebis

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      1. Liebe Frau Rebis, klar gibt es diese verborgenen inneren Welten und auch Geheimnisse, die man nicht preisgeben will. Verborgen bleibt uns ja auch so einiges, was wir im Laufe unseres Leben schürfen dürfen. Aber für mich persönlich gibt es nicht ziemlich weite Grenzen im Kontakt mit Menschen, WENN ich Vertrauen gefasst habe. Nur das dauert seine Zeit, aber dann, gibt es eigentlich kaum noch etwas, was ich nicht (mit-) teilen würde. Das, was bei mir bleibt sind die Dinge, wo die Scham größer ist als der Mut und manchmal auch die Angst vor folgen könnender Ablehnung.
        Wieder so ein großes, weites Feld zu dem ich noch viel, viel mehr sagen könnte, aber lassen wir uns das fürs nächste Feuer ;)
        ich sende dir eine herzliche Ulliumärmelung

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        1. Ja, liebe Ulli, die bei mir eingeschlossenen Dinge sind tatsächlich alle mehr oder weniger mit Scham verbunden, dies ist bei mir ebenso.
          Auf das nächste Feuer freue ich mich schon:)
          Warme Grüße – aus dem Packchaos (ins Packchaos?) –
          Freu Rebis

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  2. Ich hab mich jetzt durch deine Texte der letzten zwei Wochen gelesen, ohne zu kommentieren, aber nickend, seufzend, schmunzelnd, mitfühlend – und nun, hier, zu Austers Text, doch noch ein paar Worte. Danke fürs Zitieren vor allem. Dieser Gedanke ist mir auch schon gekommen. Vielleicht fühle ich mich darum mit all jenen Menschen, die den Mut haben, wahrer zu sein als die andern, wohler als mit den andern?

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    1. Liebe Soso,
      dieses „wahrer sein“ klingt mir ein wenig zu wertend. Denn es ist ja oft gar keine böswillige Entscheidung sich verschlossen zu halten, es lebt sich damit halt normal und leicht. Vielleicht wird es darum nicht in Frage gestellt, ganz arglos, und eben auch ganz harmlos.
      Nur wenige der verborgenenen Innenwelten bleiben wohl absichtlich verdeckt. Oft ist es doch einfach nur (Familien)Tradition, Nichtgewohntheit, Unbeholfenheit. Man muss darunter ja nicht unbedingt leiden.
      Erst wenn es einem zu wenig wirkliche Beziehung ist, dann kann – sollte? – man sich auf den Weg machen. Zu sich selbst, zu einer Öffnung des Eigenen zunächst. Auch ich bin dankbar, im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr zu Menschen gefunden zu haben, mit denen gemeinsam ich das Michöffnen ein wenig mehr als es mir früher möglich war erlernt habe. Ich musste dies erstmal vor mir selbst zulassen. In diesem Sinne war es für mich weniger die „Welt“, die mich da einschränkte, es war vor allem ich selbst.
      Sei herzlichst gegrüßt
      Frau Rebis

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    1. Dieses Buch steht auch unbedingt auf meiner Liste. Weil es aber ein so dickes ist, wird es noch ein Weilchen dauern. Jetzt aber, wenn auch Du davon so begeistert bist, freue ich mich umso mehr auf meine zukünftige Lektüre.
      Liebgruß von Frau Rebis

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