WmDedgT 07/17

Heute ist Abischerz, fällt mir als erstes ein, als der Wecker klingelt. Sofort senkt sich meine Laune, diesen Tag bräuchte ich nicht. Seit Jahren nichts Neues, die Schule ist verbarrikadiert, es wird auf dem Schulhof herumgejagt, mit irgendwas geworfen, und mittags gibt’s ein Fußballturnier Schüler gegen Lehrer. Mehr Idee war oft nicht. Na mal schauen.

Noch ist etwas Zeit. Ich schreibe am Post zu meinen Urlaubsbildern, die Stimmung der damaligen Radreisetage schwebt im Raum, sie ist gar nicht so unpassend zur gegenwärtigen, es läuft nicht leicht und rund derzeit, innerlich nicht, äußerlich nicht. So sitze ich inmitten von Morgensonne und erwachenden Vögeln und schreibe von grauen Glocken.
Um sechs wollen wie immer die Kinder geweckt werden, danach steige ich vom Schreiben aufs Lesen um, und irgendwann ist Aufstehen-Duschen-Broteschmieren, die übliche Morgenprozedur, dann wie immer unser leicht hektischer Aufbruch. Weil ich nicht möchte, dass mein Auto oder mein Fahrrad in Schulnähe geteert und gefedert wird – da gab es schon so manches – lasse ich mich heute von einem Fremdauto mitnehmen und vor der Schule absetzen.

Aha, mit Stroh wird dieses Jahr geworfen. (Später am Tag werden sich etliche Kinder abholen lassen müssen, weil sie nassgespritzt und von oben bis unten strohbekrümelt verständlicherweise keine weiteren Stunden in der Schule aushalten können.) Ansonsten wirkt es harmlos, ich gehe schonmal durch den Hintereingang ins Schulhaus hinein. Bevor die Schülerschaft die unteren Barrikaden überwunden hat, sollten wir oben das unfallträchtig gestapelte Mobiliar geräumt haben.
Tische, Stühle – und leider auch privatere Gegenstände – des gesamten Schulhauses sind im zweiten Stock aufgetürmt, stellenweise bis unter die Decke. Um einen Anfang zu finden – alles ist ineinander verkeilt -, müssen wir erstmal eine Weile auf und zwischen Tisch- und Stühletürmen herumklettern sowie einen Zugang von hinten über die Feuerleiter schaffen, das Aufgabenfeld unseres Berufes ist halt vielfältig:)
Mit uns klettert unser Chef persönlich, mit seinen zwei Metern Körpergröße kann er eh viel besser als ich und die meisten die Klopapier“verzierungen“ an den Decken und die weiter oben verhakten Gegenstände entfernen. Wir werkeln also gemeinsam in luftiger Höhe und machen uns dann an das Entkeilen des Mobiliars, immer von außen nach innen, eine Art 3D-Tetris rückwärts.
Irgendwann stoßen die ersten älteren Schüler dazu, die den Treppenparcours überwunden haben, die dürfen gleich mitmachen, und von da ab geht es schnell. Als die wilden 5. und 6. Klassen nach oben kommen, gibt es schon keine Klettermöglichkeiten mehr, puh, Unfälle braucht ja kein Mensch.
Während das Strohwurffest auf dem Hof in Auflösung begriffen ist und die Kleinen nach und nach eintrudeln, bespreche ich noch schnell mit der Kollegin von gegenüber das Drängende, welches ich beim gestrigen Spätabendtelefonat erfahren habe. Wie es dem H. geht, wie wir ihm helfen könnten. Und an welchen Stellen uns die Hände gebunden sind. Es tut so weh sich in das Kind hineinzuversetzen …

Jedenfalls: gegen 9 Uhr sind sämtliche Gegenstände wieder in die Klassen geräumt, meine kleinen 5er sitzen verschwitzt und aufgeregt vor mir – es war ja ihr erster Abischerz – und sind dann enttäuscht, als ich noch ein wenig Unterricht mache. Vielleicht bin ich unlocker, aber nach dieser Räumaktion tut es mir einfach gut, dass alle geordnet – und gesund! – vor mir sitzen, keiner mehr wirft und tobt, und alle mit nem Stift in der Hand an ihren ganzen Zahlen herumrechnen.

Auch mein Kurs scheint über die Tatsache, dass ich einfach das Thema an die Tafel schreibe und offenbar eine ganz normale Unterrichtsstunde beginnt, enttäuscht zu sein. Aber das sind sie schon seit Wochen.  Klar, alle sind schuljahresenderschöpft. Aber wir können schließlich nicht vier Wochen lang „Film schauen“.
Also Geometrie, wir berechnen diverse Abstände, ich habe ihnen für heute ein bunt gemischtes Übungsprogramm zusammengestellt, das kann man jederzeit unterbrechen. Wer weiß, ob nicht zwischendurch noch lustige Einlagen der Abiturienten kommen. Es erscheint aber nix und niemand, keine Quiz- oder Schokoladenablenkung kommt des Wegs, naja, die sind wohl alle beschäftigt, das Stroh auf dem Schulhof aufzuräumen:)

Nach der Stunde verabschiedet sich der finnische Gastschüler – ach mönsch, das tut ja immer ein wenig weh. (Jetzt in einem Jahr etwa wird sich der Sohn in seiner italienischen Schule verabschieden …)
In der Pause steht eine Besprechung mit den Sportkollegen an, die letzten beiden Schultage sind dieses Jahr Sporttage, wir 5er-Lehrer dürfen an diesen Tagen unsere Kleinen begleiten und werden eingewiesen. Gar nicht schlecht, diese letzten Tage mal nicht selbst organisieren zu müssen, das sähe im Fall von Projekttagen nämlich ganz anders aus. Dafür dreht die Sportfachschaft schon jetzt am Rad, verständlicherweise.

Um 11.15 ist für mich heute Schluss, da die Bereitschaftsstunde ungefüllt geblieben ist, puh. Ich darf also gehen, während auf dem Sportplatz das Finale des Abischerzes ansetzt, ich habe keine Lust. (Später werden mir die Kinder davon erzählen. Bis auf ein Miniquiz gab es wieder nur Fußball.) Der Zug bringt mich nach Hause.

Dort – es ist halb eins – bin ich erst einmal müde, mein Grundzustand dieser Tage. Ich schaffe es beim besten Willen nicht, mich sofort an die Korrekturen zu setzen. Aus „ein bisschen dösen“ werden zwei Stunden, zwischendurch kommen die Kinder heim, wir essen, ich döse weiter, müdemüdemüde, ich „funktioniere“ gerade nicht mehr gut. Und meine Augen brennen.

Gegen drei schalte ich dann doch den Computer ein, ein paar dringende Dienstmails, ein Antrag ist zu schreiben, eine Bestätigung abzuschicken, zwischendurch braucht der Sohn Hilfe von mir, weil wir seine Klarinette für den Italienflug anmelden müssen, dann erzählt die Tochter, dass sie in der Musical-AG die Wunschrolle bekommen hat und sie mit der Benefix-AG Eisessen waren. Das wär’s jetzt: es ist so warm. Wir haben aber kein Eis im Haus:(
Mir ist also warm, und die Augen brennen immer doller.
Der Korrekturstapel grinst mich an, ich setze mich an den Terrassentisch, dort ist es zu warm, drinnen aber eigentlich auch. Es wird ein zähes Heft um Heft um Heft, heute sind die Aufgaben 4 und 5 dran, wenn ich morgen diszipliniert die 6, 7, 8 mache, könnte ich morgen Abend fertig sein, jedenfalls mit dem größten Rotstiftberg, und am Freitag zurückgeben. Dann wäre das Wochenende schon korrekturfrei, sinniere ich, während Häkchen um Häkchen (und leider auch Nichthäkchen um Nichthäkchen) meinen Stift verlässt.

Aber was ist das mit meinen Augen??? Am Abend – es ist so schnell acht Uhr geworden – bin ich bei einer stündlichen Augentropfenfrequenz angekommen, das hatte ich selten. Es brennt, sieht aber nicht rot aus. Während wir Abendbrot essen, sitze ich mit geschlossenen Augen da, nicht witzig. Morgen Vormittag hätte ich Zeit für einen Augenarztbesuch, mal sehen …

Für heute ist mir alles vergangen. Mit den Kindern zusammen räumen wir schnell das Essen weg und die Küche auf. Ich schmiere mir Salbe in beide Augen, nun kann ich nur noch verschwommen sehen, aber es tut für den Moment wenigstens nicht weh.
Nur Celloüben – mein tägliches Elexier – schenke ich mir noch, heute mit weitgehend geschlossenen Augen. Die meisten Übungen kann ich auswendig, merke ich bei der Gelegenheit, und in den Körper und die Töne hineinzuspüren gelingt sogar besser.

Ich bleibe dennoch nicht lange dabei, mir ist nicht danach. Noch vor zehn liege ich im Bett – wann gab es das zuletzt? – versuche durch die Salbe auf mein Buch zu blinzeln, gebe es aber auf und schlafe dann wohl schnell ein.

Konsequent – mein Körper nimmt kein zusätzliches Schlafgeschenk an:) – werde ich gegen halb vier wieder aufwachen.
Die Augen brennen immer noch.

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Erzählungen gibt es bei Frau Brüllen.

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9 Kommentare

    1. Ist ja nur ein Tag im Jahr:) Und weißt Du, wie ich da direkt neben meinem Chef unter der Schulhausdecke turnte und werkelte, wie wir zusammen mit den Kollegen unter den Tischen durchkrochen, das hatte auch etwas Witziges, eine spezielle Nähe, die man da so im Kollegium spürt:)

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  1. Bitte gehe sofort zum Arzt, damit ist nicht zu spaßen und ich wünsche dir, dass es nicht das ist, was es sein könnte- gute Besserung und strake Nerven wünsche ich dir- ach menno!
    ich grüße dich lieb
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    1. Nun ist es schon wieder besser, liebe Ulli, ich habe das oft in den letzten Jahren, nur selten so doll wie diesmal. Die Augen sind offenbar eine meiner „Sollbruchstellen“ geworden, meine Anzeiger des Zuviel. Wenn es ne richtige Entzündung wäre, hätte der Schmerz nochmals andere Dimensionen, diese Erfahrung musste ich auch schon machen:(
      Also augenmäßig ist Beruhigung eingetreten. Dafür ist jetzt Kopfschmerzwochenende (voller Termine auch noch).
      Naja, darum nehme ich die starke-Nerven-Wünsche dankbar an.
      Liebste Grüße zu Dir von
      Frau Rebis

      Gefällt 1 Person

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