#bergundtal-1 – Anlauftage

Sie startete und endete an der eigenen Haustüre, führte in einer großen Schleife durch Flusstäler und über Höhenzüge hinweg, durch einige warme Begegnungen hindurch und vor allem letztlich in innere Ruhe hinein – meine Pfingstradreise. Erzählt habe ich von unterwegs diesmal nichts. Aber einige Bilder mitgebracht.

Anders als sonst verläuft der Radreisestart diesmal. Alles andere als leicht. Gefangen im Erschöpfungs- und Traurigkeitskreis. Das Packen ist mühselig, Vorfreude will nicht aufflammen.
Fast unvermittelt ist der Starttag da, ich sitze auf dem Rad. Wir – ein Teil der Familie fährt den ersten Tag mit – treideln gemächlich über die fastnochheimischen Felder und begehen den Abschied in einem Biergarten, bevor ich die anderen zum Bahnhof bringe.

 

 

Dann bin ich allein … und habe noch ein paar Kilometer bis zum Zeltplatz.
Stumpf fahre ich durch die Flusslandschaft, alles scheint grau und trüb. Der Neckar, dem ich nun ein paar Tage folgen werde, bedeckt sich mit Nieselregen, die Bilder finden keine Kontur.

 

 

Nach einer ersten Zeltplatznacht in Neckarsulm und einem Aufbruch im Regen öffnet das Land rings um den Neckar seine weiten Arme, doch ich bleibe blind.

 

 

 

Mein Trittrhythmus gibt mechanisch einen Takt vor, in dem ich nicht mitschwinge, Landschaften und Flussansichten ziehen nur am äußeren Auge vorbei …

 

 

 

… und ich weiß überhaupt nicht mehr und noch nicht, wie sich ein Ankommen im Unterwegssein diesmal anfühlen könnte.

 

 

Es ist ja immer eine Verquickung von Innen und Außen, denke ich, als ich – schweißgebadet zu einer Aussichtsstelle namens Jahrhunderthöhe hochgestrampelt – von einem mastenverstellten Blick enttäuscht werde. Weil ich nicht empfänglich sein kann, bietet sich der Wegrand auch nur nüchtern dar, vielleicht.
Dabei könnte ich Labendes und Buntheit gut gebrauchen. Eine „Kunstkaserne“ in Ludwigsburg zeigt mir wenigstens äußere Farben.

 

 

An Campingplätzen herrscht in weitem Umkreis um Stuttgart Ebbe, es gibt lediglich Bad Cannstatt. Karg, nüchtern, ungemütlich, laut.
(Nur die Begegnung mit zwei Fernradlern auf der Rückereise von einem anderen Kontinent und ein weiteres offenes morgendliches Frühstücksgespräch entschädigen.)

Der nächste Neckartag stellt zunächst Industriegelände und Graubauten an und auf den Weg …

 

 

 

… bevor es hinter Plochingen allmählich grüner und ruhiger wird.

 

 

 

Doch, ja, ich spüre kleine Momente, in denen mich Stilles und Lebendiges berührt, da blinzelt ein Licht durch den Nebel.

 

 

 

Nur beschäftigt mich – wir telefonieren mehrmals täglich – dass es dem Kind zu Hause nicht gut geht. Ich suche schon Bahnverbindungen heraus und gebe mir noch eine Nacht zum Entscheiden.

 

 

 

Immerhin möchte ich das Tagesziel Tübingen noch erreichen, wo ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert (wie alt das klingt!) für ein Semester studiert habe. Seither war ich nicht mehr dort.

 

 

 

Ich rolle unter Regenwolken, die sich ab und zu entladen, durch feuchtsaftiggrüne Wiesen, bis ich auf dem Tübinger Marktplatz stehe.

 

 

 

Hier saß ich an meinem ersten Tag, es war der 1. April 1991, nach der nächtlichen Zugfahrt aus Berlin auf den Stufen des Brunnens und weinte. Ich konnte mir nicht vorstellen, in einer solch fremden Welt zu leben, und fühlte mich unendlich einsam. — Dass ich dann quasi für immer in dieser Ecke des nunmehr größeren Landes bleiben sollte, das ahnte ich an jenem Umzugstag nicht.
Heute weine ich aus anderen Gründen …

 

 

Und doch zieht es mich später am Tag, das Zelt ist – auf dem bislang teuersten Campingplatz meiner Radelreisekarriere aufgebaut – an die Vergangenheitsorte. Es fühlt sich wohlig an, mein Tübingensemester war trotz der tränenreichen Ankunft dann wohl doch noch ein gutes gewesen.
Mein Wohnheim finde ich nach einigem Umherirren, die Mensa in der Wilhelmstraße auf Anhieb. Es sieht noch aus wie damals. Jünger sind wir alle nicht geworden:)

 

 

 

Später esse ich in der Kneipe, in welcher ich das erste Hefeweizen meines Lebens getrunken habe. (Warum nur habe ich davon kein Foto? Ich war wohl in Gedanken zu sehr bei der Entscheidung, ob ich abreise oder nicht.)

Der nächste Tag mit seinem Morgentelefonat lässt mich zunächst wieder aufs Rad steigen, letztlich fahren Züge von allen Orten. Ich rolle das Neckartal aufwärts. Es bleibt gewittrig, ich stelle mich öfter unter, bin immer noch nicht bei mir, und doch spüre ich Veränderung.

 

 

 

 

Der Himmel reißt hin und wieder auf. Ich finde Ruhe am Wegesrand. Die Wolken lichten sich. In mir wird es lebendig.

 

 

 

 

Mein Zeltplatz in Oberndorf letztlich, auf dem ich an diesem Tag als einzige übernachte, der fühlt sich wohlig an, obwohl ich ein klein wenig ängstlich vor dem nächtlichen Ganzalleinsein bin. Etwas bricht in mir auf. Zum ersten Mal seit Tagen spüre ich ein Ja zu meiner Reise. Ich lächle, während sich über mir Sonne und Gewitterwolken streiten.

 

 

Als es erneut losschüttet, verziehe ich mich unter das Vordach des Kiosks. Dort sitzt schon jemand, ebenfalls vor dem Regen geflüchtet. Eine Frau  zieht zwei Bier aus ihrer Tasche, ob ich eines mit ihr trinken wolle. Wir reden, über dies und das, übers Unterwegssein, die Menschen im Dorf, wonach wir auf der Suche sind, und wissen dabei nicht mal unsere Namen. Schade, dass sie irgendwann nach Hause geht.
Ich beginne zu kochen, schaue in die sich senkende Dunkelheit, in das Spiel des Mondes mit den Wolken, und in diesem Moment komme ich in meiner Reise an.

 

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13 Kommentare

  1. Wenn man deinen Worten und den Beibildern folgt, könnte man meinen, hier im Lande gäbe es keine Schnellstraßen, keine Autobahnen, keine…nur diese feinen Wege, die schönen Gegenden, die mit dir Biertrinkmenschen – gut, dass es am Ende gut wurde!

    Gefällt 1 Person

    1. Das Radfahren ist ja in gewisser Weise ein Sich-weg-beamen aus der Realität. Jedenfalls aus einem Teil der Realität, dem man zu oft die Oberhand überlässt. Und vielleicht ist überhaupt die Frage, was man für sich selbst Realität nennt ….?
      Sei lieb gegrüßt
      von Frau Rebis

      Gefällt 1 Person

  2. Schon eindrücklich, hier zu erleben, wie es weniger auf die äusseren Bilder ankommt als vielmehr darauf, wie wir uns von ihnen berühren lassen, in welchem weiteren Kontext sie stehen, wie wir mit ihnen in Resonanz gehen…. Ich finde auch viele jener Bilder wunderschön, welche du unbeteiligt abgelichtet hast. Ach ja, und wirgendwann werde ich dich noch nah dem Feuermysterium fragen, warum es so neu ist, dass bei dir eines brennt. Aber nicht jetzt, solange noch Korrekturberge um deine Gunst buhlen… Doch weil ich die Vorfreude liebe, freue ich mich jetzt schon auf die Fortsetzung deiner Reisebewegung.
    Windgruss, herzlich

    Gefällt 1 Person

    1. Hier zu Hause, in zeitlicher Entfernung, empfinde ich dies ja ebenso, liebe Frau Wind, hier sehe ich diese Bilder plötzlich in neuer Stimmung.
      Das mit dem Feuer ist schnell erklärt: Wir haben eine Feuerschale gekauft. Vorher hatten wir im Garten schlicht keinen Untergrund, auf dem sich ein Feuer entzünden ließ. Und nun haben wir sogar einen tragbaren. Auch bei Regenwetter kann man also auf der überdachten Terrasse Feuer haben. Schon fast ein Kamin also:)
      Mein Korrekturziel für heute ist geschafft – und wenn es morgen so läuft wie heute, bin ich am Abend fertig. Jedenfalls mit dem Rotstift.
      Herzliche Fast-schon-Abendfeuer-Grüße
      Frau Rebis

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    1. Meinst Du mit „das war ja auch noch“ meine Reise? — Ich wundere mich gerade, warum die lang her sein soll. Ich kam nach Hause, erstellte Klassenarbeiten und korrigierte. Und nix weiter.
      Aber stimmt: Nach der äußeren Zeitrechnung bin ich vor fast 3 Wochen heimgekommen. Das fühlt sich nicht so an. Hab ja noch nicht mal die Fotos komplett durchgeschaut:(
      Für Eure Reise auch alles Liebe!

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  3. So wie du es beschreibst, habe ich mich an manche Glocke über meinem Kopf erinnert, oft, wenn ich aufgebrochen bin und ja, noch immer ist sie unterwegs verschwunden!
    Ich erfreue mich an deinen Bildern und bald schon geht es ja auch wieder los, nicht wahr, liebe Frau Rebis…
    herzliche Morgengrüße
    Ulli

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    1. Ob die Glocke immer unterwegs verschwindet? Ich hatte eine Zeit in meinem Leben, da war das nicht so.
      Umso besser, dass es diesmal gut ging. Beim Bilderschauen wird mir meine Stimmung wieder sehr präsent. Mal sehen, ob ich bald die nächsten Bilder schaffe …
      „Bald“ heißt beim Radreisen übrigens 5 Wochen: Heute in 5 Wochen genau wollen wir wieder aufs Rad steigen.
      Einen lieben Gruß zu Dir
      Frau Rebis

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      1. Das kann ich dir nicht sagen, es gibt ja keine Garantien, manchmal ist die Glocke eher eine sehr schwere, olle Taucherglocke, manchmal eher eine Seifenblase ;)
        5 Wochen, puh ja, die wollen hinter sich gebracht werden! Ich denk an dich
        herzlichst
        Ulli

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