Alltagsglück #2

Eigentlich sind wir ja noch auf Reisen. Was uns soeben geschah, ist also nicht direkt Alltagsgeschehen.
Andererseits könnte genau solches im Alltag geschehen, hängt es nicht vom Reisesein ab, ist dies nur zufällig ein Unterwegserlebnis.

Wir kommen auf einen Campingplatz. Dies ist immer Lotterie, zuweilen sind die Plätze eng, dicht, voll, man steht mit seinem Minizelt manchmal zwischen großen Wohnwagen und fühlt sich bedrängt. Oft ist es mit den benachbarten Zeltenden schwierig, da einer den anderen als zu nah empfindet oder die gegenseitige Lautstärke nicht zueinander passt. Am glücklichsten bin ich immer, wenn ich weit weg von anderen mein Zelt aufschlagen kann, wenn die Kontakte also spärliche oder gar keine sind. Darum ist dieses heutige Erleben so besonders.

Es beginnt schon in der Rezeption, in die wir hineinstürmen, da ein Gewitter uns jagt und wir gern noch im Trockenen aufbauen würden. Ich sollte heut noch Lotto spielen, sagt der Zeltwart, es ist just ein Wasserblickplatz frei, einer von fünf. A23. Wir sollten schnell aufbauen gehen, anmelden könne man auch bei Regen.
Es fühlt sich ja schon unbehaglich an, so eine Parzelle zwischen Wohnwagen zu bekommen und nicht auf die große Zeltwiese zu gehen. Die Tochter sagt gleich, wir sollten noch andere Radler mit auf die Riesenfläche nehmen. Ja. Es kommt bloß niemand mehr:)
Jedenfalls denke ich noch ein paar Sekunden darüber nach, wie wir jetzt unter Beobachtung zwischen den Wagenburgen sind, und wie sich unser Minizelt wohl ausnehmen wird, in welche Ecke des Areals wir es stellen sollten, damit wir uns behaglich fühlen könne. Und schon geht es los …

Zwei recht kleine Mädchen kommen. Mit einer Vierteltorte und Papptellern. Sie hätten die auch geschenkt bekommen, und nun wollten sie weiterverschenken. Wir hätten doch bestimmt Hunger nach der Fahrt. Ich bin ganz verdutzt. Wir nehmen uns zwei Stück und sind völlig perplex: Torte zum Campingplatzempfang.
Bald darauf kommt eine junge Frau vom Wohnwagen schräg gegenüber. Es würde ja gleich losgewittern. Wir dürften gern unsere Räder bei ihnen unterstellen, sie könnten den Tisch im Vorzelt wegschieben, dann wäre Platz für die Räder. Und für uns auch, sagt sie. Und schaut zum gewitterdrohenden Himmel. Ich bin überwältigt. Dies ist mir auf einem Zeltplatz noch nie passiert.
In der nächsten Minute – wir bauen eilig das Zelt auf – kommt die Nachbarin von links. Ob wir Hilfe bräuchten. Und ob wir zu trinken wollten. Wo wir heute herkämen. Und ihr Dach stünde uns offen. Dort lugt auch schon die kleine Lena hervor. Die nach kurzem Anlächel-Warmup mit der Tochter für den Rest des Tages fest mit dieser verschweißt sein wird.
Ich bin immer noch perplex, wie offen hier alle ihre Hände anbieten, als der Nachbar von rechts einen Hammer bringt. Weil er aus dem Saarland gerade Orkan-Hagel-Horror-Wettergeschichten höre. Und falls dies auch hierherkomme, da sollte ich die Heringe mal besser nicht nur mit dem Fuß eintreten. Er fragt, ob er noch irgendwie helfen könne.
Später kochen wir, die kleine Lena setzt sich fasziniert dazu. Sie isst mit – ihr eigenes Abendessen hatte sie stehenlassen, war mir nicht entgangen:) – und fragt nach dem Essen, ob sie beim Abwaschen helfen dürfe. Ein Kind zum Fasziniertkopfschütteln:)
Kaum haben die Mädchen gespült, kommt ein weiterer Zeltnachbar von schräg gegenüber, ob es uns gut gehe. Ob er mich zum Bier einladen dürfe. (Darf er:)) Wohin unsere Tour weiterginge …

Ich bin wirklich überwältigt. Mittlerweile haben wir alles im Zelt, dieses ist himalajafest vertäut, die kleine Lena hilft eifrig mit, nun auch noch die Räder sturmfest festzuzurren, und alle Menschen ringsum waren und sind für uns da. Was für ein warmes Erleben.

Kurz darauf trübt sich dies noch einmal ein – wie gewonnen so zerronnen, denke ich kurz – als sich vier Angler just vor unserem Zelt niederlassen, unser im Vorzelt gekochtes Essen vollqualmen und zwei Meter vor unserer See-Idylle laut palavern. Bis ich mir ein Herz fasse, sie ruhig anspreche, darum bitte, dass sie nicht gerade in meinem Zelteingang sitzen mögen, die Seen seien doch so groß – und sie schließlich mit ihren Stühlen, Bierflaschen und Rauchfahnen abziehen.

Seither sitze ich am See, atme die Stille ein, bin noch immer am Wundern und Michfragen: Warum gelingt uns Menschen dies nicht immer und allezeit: Füreinander da sein. Aufeinander zu gehen. Zugewandt schauen, was die und der andere braucht.

Entschuldigung, ich bin noch unterwegs. Mein Schreibgefühl hat noch nicht wieder zu mir gefunden. Vielleicht liest es sich daher holprig. Aber ich wollte es unbedingt erzählen: Wie viel Gutes ist uns in wenigen Minuten geschenkt worden. Wie offen sind die Menschen – ALLE Menschen ringsum! – auf uns zugekommen.

Wie gut können wir Menschen es miteinander haben. Wenn wir einander nur anlächeln, uns gegenseitig helfen, füreinander da sind.

Es war heute fast wie in Utopia. Jedenfalls aber: Es war ein Alltagsglück, das ich mitnehmen werde von der Reise. Und das wir weiterteilen sollten. Lasst uns aufeinanderzu gehen …

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11 Kommentare

    1. Genau so, liebe Ulli, geht es mir auch: manchmal möchte man die Menschheit – und sich selbst natürlich mit – rütteln und auf solches zeigen: Schaut, wir können’s doch, wenn wir uns nur ein wenig Mühe geben …
      Hab einen Tag voller Lebensleichtigkeit, liebsten Gruß
      Frau Rebis

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    1. Letztlich sind ja alle hier um zu suchen: Erholung, Ruhe, Lebensfreude … jedeR auf ein wenig andere Weise halt. Vielleicht passt es besser zusammen als wir – in unseren Minizelten – immer denken:)
      Jedenfalls: Solch ein Erleben beglückt und trägt.
      Liebgruß zu Dir mitten aus dem Sonnenaufgang überm See
      Frau Rebis

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    1. Es war, auch was Begegnungen angeht, eine wirklich gute Reise. Man muss manchmal wirklich selbst in die Gelassenheit finden, um einander wahrzunehmen. Wie oft in unserem Alltagstrott hetzen wir wohl aneinander vorbei …
      Herzlichsten Gruß zu Dir!

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  1. Ankunft also, schon. Ich wünsche dir, was du brauchst, um den Zauber dieser Tage hinein zu nehmen in den Alltag. Schön, dein Gezwitscher hier auch mitverfolgen zu können, ohne selber zu zwitschern.
    Und herzliche Gratulation!!!!

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    1. Die zwei Wochen sind sooo schnell vergangen, ich wundere mich selbst. Nun aber fühlt es sich gut an, die Kraft ist wieder aufgefüllt für die verbleibenden 5 Wochen. (Wenn es nur nicht all die Zeit so heiß bleibt …)
      Gute letzte Tage/Wochen Euch, sei herzlichst gegrüßt
      Frau Rebis

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