Spiegelbild

Das Inventar deiner Narben, insbesondere der in deinem Gesicht, die du jeden Morgen, wenn du dich rasierst oder dir die Haare kämmst, im Badezimmerspiegel sehen kannst. Du denkst selten daran, aber wenn du es tust, begreifst du, es sind Zeichen des Lebens, die verschiedenen in dein Gesicht geschnittenen zerklüfteten Linien sind Buchstaben aus dem geheimen Alphabet, das die Geschichte dessen erzählt, der du bist, denn jede einzelne Narbe ist die Spur einer verheilten Wunde, und jede einzelne Wunde war das Ergebnis einer unerwarteten Kollision mit der Welt – soll heißen, eines Unfalls, also einer Sache, die nicht hätte zu passieren brauchen, denn ein Unfall ist per definitionem etwas, das nicht zu passieren braucht. Zufälle im Gegensatz zu Notwendigkeiten, und heute früh beim Blick in den Spiegel die Erkenntnis, dass alles Leben zufällig ist, ausgenommen die einzige Notwendigkeit, dass es früher oder später zu Ende gehen wird.

(Paul Auster: Winterjournal)

Ist das wirklich so zufällig, welche Wunden uns treffen, welche Narben uns bleiben? Ich meine eher im seelischen Bereich …

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14 Kommentare

  1. Das „Winterjournal“ ist ein Buch, welches ich auch sehr gern gelesen habe. Spannende Frage, was welcher Unfall mit uns macht. Ich glaube schon, dass – gerade im seelischen Bereich – jede und jeder anders reagiert. Das höre ich von meinen KollegInnen in der Jugendhilfe sehr oft. Resilienz heißt das „Zauberwort“, welches es mittlerweile in die Psychologie- und Ratgeber-Bücherregale der großen Buchhandlungen geschafft hat.
    Aber Auster ist nun kein Psychologe… wenngleich ein toller Autor.

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    1. Lieber Kai,
      gerade erst befinde ich mich am Anfang des Buches, ich bin gespannt, wie es mich noch gefangen nehmen wird.
      Dass seelische (und auch andere) Wunden von verschiedenen Menschen so unterschiedlich ins weitere Leben eingeflochten werden, ist immer wieder erstaunlich. Ich finde es tatsächlich eine – für mich – sehr wesentliche Frage, wieviel Wahl ich habe. Wie ich damit umgehe, wie ich damit weiterlebe. Aber auch – bei manch seelischen Verletzungen – ob und wie ich mich vorher dafür verletzlich gemacht habe, was ja auch wieder einen Freiheitsgrad bedeutet.
      Einen sonnig-schattigen Tag wünsche ich Dir,
      Frau Rebis

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    1. Liebe SoSo,
      mir fällt keine begrifflich sofort zu fassende Alternative ein, aber dass die Dinge, wie sie mir geschehen, rein zufällig sein sollten, fühlt sich für mich als Sichtweise sehr unbehaglich, wenn nicht gar düster an.
      So etwas wie Schuld kommt mir dabei aber überhaupt nicht in den Blick. Eher in die Richtung, dass ich – wenigstens im Nachhinein – Zusammenhänge finden möchte. Jedenfalls suche ich danach.
      Und genau ausdrücken kann ich es auch nicht :(
      Hab einen nicht zu heißen Tag und sei gut unterwegs, einen Herzensgruß zu Dir
      Frau Rebis

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  2. Es ändert nichts, ob es nun Zufall ist oder Vorsehung.
    Es ist nur leichter, einen Zufall anzunehmen. Man hadert dann nicht.
    Wenn man eine Vorsehung annimmt, wird man immer Hiob sein, auf den Gott sei Auge richtet und ihn rund um die Uhr prüft.

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    1. Einen – wie auch immer gestalteten – Gott, zumal in Hiobs-Manier, hatte ich überhaupt nicht im Sinn.
      Meine Suche geht nach etwas anderem, Namenlose(re)m …
      Zufälle anzunehmen finde ich für mich nämlich recht schwer. Wenngleich ich mit Dir gehe, dass sie einem strafenden Wesen in jedem Fall vorzuziehen sind.
      Herzlichen Gruß
      Frau Rebis

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  3. Ich glaube ja nicht an Zufall, ich glaube an Ordnung und Unordnung, letzteres wird auch gerne Chaos genannt, beides durchdringt sich gegenseitig, zieht sich an, stößt sich ab- was mir passiert hat immer auch etwas mit mir und meiner Haltung dem jeweiligen Moment gegenüber zu tun, bin ich wach, bin ich bei mir und der Situation oder schwebe ich in Wolkenkuckucksheim herum? Es geht mir dabei auch nicht um Schuld oder Karma, sondern um das, was ich anziehe und was nicht…
    Ob das jetzt verständlich war?
    ich grüße dich herzlich, liebe Frau Rebis
    Ulli

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    1. Und WIE das verständlich war, liebe Ulli. Es trifft hier mitten hinein. Ich danke Dir sehr für diese Worte, die ich selbst nicht fand. Es ist ein Teil dessen, was da in mir schwebt.
      Einen Herzensgruß aus dieser spätnächtlichen Stunde in Deinen neuen Tag hinein
      Frau Rebis

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