Als Gefäß

Binnen weniger Tage, Stunden fast, begegne ich ihnen allen, was für ein Zufall.
Sie, deren Schwester starb, kaum zwei Wochen ist es her.
Sie, die selbst den Krebs in sich trug. Und trägt, wer weiß.
Er, der, fast als Kind noch, seinen Vater verlor, über lange Zeit schon, endgültig aber erst vor wenigen Monaten.
Sie, deren Tochter ging, noch keine zwei Monate ist es her.

Vier Begegnungen an nur zwei Tagen. Vier intensive Gespräche. Gespräche, in denen ich vor allem zuhöre. Ich frage auch ein wenig, aber eigentlich höre ich zu. Dem Klang, dem Gesang des Fließens.

Ein Fließen, gebettet in die weite Mulde der Trauer.
Ein Fließen von Lebensfreude, von sonnebeschienenem Lebenwollen, Weiterlebenwollen, von purem Glück am kleinen Moment, von Innigkeit in unverstelltem Aufeinanderzu.
Ein Fließen von Mut und Kraft, sich dem zu stellen, dem allen. Der Forderung, einander eher loszulassen als man es je wünschte und ahnte. Der Dichtigkeit einer viel zu schnell hinauströpfelnden Lebendigkeit. Der unvermittelten Augenöffnung über das, was wir sind, was uns ausmacht, und was auch nicht. Dem Wandel im Sein, in jeder Faser des Seins, wenn man sich der Sprache des nahen Todes nur nicht versperrt. Der Aufgabe – und dann: dem Geschenk – das kleine Zarte als Großes zu spüren, und das bisher übermächtige Unwesentliche abzustreifen. Der unfassbaren Endgültigkeit. Dem ebenso unfassbaren Licht, in das plötzlich alles getaucht ist. Der Ehrlichkeit in allen Begegnungen, die nun folgen, Ehrlichkeit, die schmerzt, Ehrlichkeit, die guttut. Dem Abschied. Dem Neubeginn.

Was für ein Strom, der da fließt.
An seiner Oberfläche glitzert es. Sonnenfünkchen spiegeln sich und tanzen, geführt und gestreichelt vom Wind, dem behutsamen. Über allem ein Himmel. Dieser gute Himmel in seiner Weite.

Dankbar bin ich für diese Gespräche, für die Worte, die mit mir geteilt wurden, und für ihre stumme Fortsetzung in mir. Gern bin ich Zuhörerin. Was ich höre, trage ich mit. Was ich höre, trägt mich mit. Es durchflutet, es schenkt Geborgenheit im Leben. Es strahlt auf mein Sein, ich fühle mich beschenkt. Wie in ein Gefäß lasse ich alles fließen, was Ihr erzählt, was der Tod spricht. Es ist Gelegenheit, sich einer Verwandlung anzubieten. Jede und jeder für sich. Wir zusammen.

Und doch, bei allem Tröstlichen und Lichten … diese Gespräche, diese Häufung in den vergangenen Stunden, die muss ich erst einmal veratmen, die muss ich deponieren. Noch weiß ich nicht wohin. Diese wenigen Worte hier sind nur ein zögerlicher, unbeholfener Anfang.

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6 Kommentare

  1. Unbeholfen kommen mir vor allem meine Worte vor … in der Begegnung würde ich es anders nennen, weiß aber nicht wie:) Es gibt – für mich – in solchen Gesprächen nichts zu sagen, zu kommentieren, zu werten, zu urteilen, zu raten. (Außer bei meinem Schüler. Den habe ich ermutigt, die Schuldinge hintenan zu stellen, wenn er dies braucht.)
    Ein Danke und einen Liebgruß in Deine Richtung …

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    1. Oh, Du Liebe, es gibt Ebbe und Flut im Fließen und bei allem. Auch bei Worten, wie ich das kenne. Danke für Dein Danke, so ein reiches Wort braucht doch manchmal kein weiteres neben sich. Ich hoffe, Du findest Ruhe in Dir …
      Hier in meinen blauweißen Morgenhimmel schauend, erinnere mich an den letztwöchigen:) und denke an Dich.
      Hab einen Tag, der Gutes mit sich bringt,
      Frau Rebis

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        1. Wie ich gestern eine Freundin versuchte vom ICE in Frankfurt abzuholen und dieser dann aber nach Offenbach fuhr … die wahre Geschichte des gestrigen Abends. Wurde dann aber noch sehr lustig;-)
          (Stichwort „ICE“ trifft also gerade ganz aktuell …)

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