WmDedgT 05/2017

Der Wecker klingelt kurz nach fünf, ich kann ja nicht weg von meiner Marotte immer viel zu früh aufzustehen. Also: viel zu früh nur vom rationalen Blickpunkt aus. Für mich ist es gerade richtig, es ist meine Zeit für mich allein.
Mit dem Morgenkaffee in der Hand lande ich heute ungeplant an einer Kiste mit alten Kalendern und Adressbüchern, neulich hatte ich die aus dem Regal gezogen. Adressen aus den Neunzigern, wie viele davon mögen noch stimmen? Beim Durchblättern finde ich eine einzige. Welche jetzt aber, genau genommen, auch nicht mehr stimmt. Es ist sie, die letzte Woche starb. – Wieviele der Menschen in diesem Büchlein wohl ebenfalls nicht mehr leben? Zu vielen habe ich den Kontakt verloren, etliche waren nur flüchtige Lebensbegegnungen, bei manchen kann ich mich nicht einmal mehr an den Begegnungskontext erinnern.
Ich blättere noch ein wenig in meinem Kalender von 1991, erstaunlich vieles ersteht in meiner Erinnerung, über manches sollte ich einmal erzählen.

Aber jetzt nicht weiterträumen, es ist sechs Uhr, die Kinder wollen geweckt, das Morgenprogramm in die Gänge gebracht werden, ich mache mich und mein Gepäck fertig, denn – juchhu – heute verreise ich. Und kurz nach sieben sitze ich im Auto, zunächst auf dem Weg zur Schule, natürlich.

Gut ist es heute in der Schule, das spüre ich schon vor dem Klingeln.
Die Fünfer haben sich meine Worte vom Mittwoch offenbar sehr zu Herzen genommen, sie erwarten mich mucksmäuschenstill, werfen sich engagiert in die Stunde, niemand piekst den anderen in Schenkel oder Schulter, es kippt nichtmal eine Wasserflasche um, das will etwas heißen.
Wir addieren und subtrahieren ganze Zahlen, etwas komplett Neues für sie, sie schicken ihre gesamte Anstrengung ins Rennen, und am Ende der Stunde sagt eine: „Wie cool, dass Rückwärtsgehen auch ein Mehr bedeuten kann.“ Sie meint zwar die Zahlengerade und die Männlein, die uns da im Moment die Zahlen transportieren. Aber ich finde, sie hat auch im Großen und Ganzen, so im Lebenskontext recht. Aber das weiß sie noch nicht, sie ist ja erst zehn.

Die Elfer sind heute mehr als sonst, freiwillige Gäste aus einem ausfallenden Nachbarkurs – huch, Fans, oder was? Merke: fünf Menschen mehr machen den Unterricht dreimal so laut. Vielleicht aber ist es einfach nur die Freude der Neuen, dass sie doch nicht auf ihren Matheunterricht verzichten müssen:) Naja, und dann werkeln wir so vor uns hin. Ganz schön viel, was sie in diesem halben Jahr gelernt haben, denke ich beim Umhergehen. Irgendwie ergreifend, wie sie sich, die meisten jedenfalls, hineinknien, in das Fach, das ihnen wohl spätestens jetzt in der Kursstufe am schwersten fällt, bei dem sie trotz aller Anstrengung nur wenig Punktzuwachs schaffen. Und doch tut sich so viel bei ihnen.
Ich mag sie so, in diesem Alter, in dem ein Restschimmer der Pubertät die ersten Züge erwachender Reife beleuchtet und mit einem Strahlen verschönert, welches sich vielleicht in keinem anderen Lebensalter findet. Ich mag das Wechselspiel von Ernsthaftigkeit und Lachsalven, kindliches Stimmeverstellen gleich neben Schülersprecherengagement, das In-die-Ecke-Pfeffern des Heftes und sein sofortiges besonnenes Aufheben. Und ich mag die Ehrlichkeit, die sie mir schenken. Das ist viel. Denn Mathe ist ein Fach, in dem gern alles Unwillkommene auf die Lehrenden projiziert wird.

Hofaufsicht. Es ist sonnig, und ohnehin ist es ein guter Aufsichtsplatz. Gelegenheit, die oder den anzulächeln, eine Frage zu bekommen, eine Sorge zu klären, eine Ermutigung über einen Arm zu streichen. Ein Geschenk, diese ganze junge Menschenschar um mich herum. Irgendwann stromert auch die Tochter vorbei, was sie sonst nie tut. Heute aber sagt sie noch einmal Ciao, mich eindringlich anschauend, aus einem Meter Entfernung. „Ohne kuscheln„, stellt sie fest, klar, auf dem Schulhof geht das gar nicht.

Meine Bereitschaftsstunde ist, wenn nichts ansteht, meist Redestunde. Mit der Coklassenlehrerin über den einen Vorfall. Mit dem Abteilungsleiter über den nächsten Wettbewerb. Mit der Parallelkollegin über die Klausur. Mit der Physikreferendarin über ihre Prüfungen. Mit dem Schulleiter über eine spezielle Klassensituation. Was so alles dran ist. Und Versuche gilt es aufzubauen, für Montag, Kopien vorbereiten, all das.

Plötzlich ist es spät, gleich Zugabfahrtszeit, denn ich verreise ja:), ich stopfe die restlichen Vorbereitungsdinge ins Gepäck, bringe einen Teil der Schulsachen zum Auto, hole den großen Rucksack, und zack, sitze ich im Zug.

Bahnhofsatmosphäre beim ersten Umsteigen. Bahnhofsatmosphäre beim zweiten Umsteigen, ich liebe Bahnfahren. Auf dem Riesenbahnhof bleibt mir ein wenig Zeit, also gibt es etwas Mittagessenähnliches und einen Kaffee im Sitzen, bevor ich in den ICE steige.
Heute bin ich über den Schatten meines Sicherheitsbedürfnisses gesprungen und fahre ohne Platzkarte. Obwohl Freitag ist. Obwohl ich im Zug arbeiten, lesen und schreiben will. Und siehe da: Es klappt. Ich habe einen Sitzplatz. Ich lebe noch. Wow.
Alles ist gut. Bis auf ein paar streitende Mitreisende: tun Sie Ihren Rucksack da weg! – ich lass den da jetzt stehen! – da vorne steht doch, dass es verboten ist! – was geht Sie das an! – wir können auch den Zugbegleiter holen! Wie in der Schule, denke ich. Schlimmer als in der Schule. Ich weiß nicht, ob ich es witzig oder traurig finden soll und bin einfach froh, als es zu Ende ist, ohne dass es zu einer öffentlichen Keilerei gekommen ist.

Ich mag es so, im Zug zu lesen, zu schreiben, Gedanken mit den Bildern vor dem Fenster wandern zu lassen. Doch die Vernunft heißt mich zunächst meinen Montag vorzubereiten. Zwei Stapel Hausaufgaben bleiben durchzusehen, eine Konstruktion vorzubereiten, ein paar Planungsnotizen zu machen, als ich fertig bin, fährt vor dem Fenster schon der sonnige Schwarzwald um Freiburg vorbei. Sehnsüchtige Erinnerungen an Radreisen werden wach, aber ich werde ja bald wieder …

Vorfreude auf die Begegnung, die nun gar nicht mehr lange hin ist. Der Zug hat seine Verspätung aufgeholt, die Mitreisenden bleiben friedlich, vielleicht sind sie auch einfach ausgestiegen, die Welt gleitet vor dem Fenster dahin – das Leben ist schön.
Ein letztes Umsteigen, ein paar volle S-Bahn-Minuten, und dann bin ich da … wie gut!

Erkennen, die Landschaft mit den Augen betasten, in Serpentinensträßlein hinaufwinden, an einem guten Ort ankommen. Reden, Kaffee, Sonnenterrasse, erzählen, der Weitblick, kochen, Wein und Essen, weiterreden, Feuer, das ganze Sein hier, staunen, zwischendurch ruft die Tochter an, Wein jetzt ohne Essen, immer noch reden, draußen leuchtet der Mond, und es ist stiller als still, reden, bis die Augen zufallen, in den Schlafsack kippen.
Aber das war eigentlich schon am nächsten Tag.

Danke.

8 Kommentare

    1. Ups, das lese ich erst jetzt – jetzt wieder im Zug. Ja, meine Alltage sind voll, gefüllt. Das merke ich immer erst richtig, wenn ich meine Texte selbst lese:)
      Der Schwarze Wald war verregnet, und wir haben – mit oder ohne Feuer – eine andere Form der Fülle gelebt. Hach.
      Liebgruß zu Euch.

      Gefällt 2 Personen

    1. Auf jeden Fall stehst und bleibst Du im Adressbuch, liebe Sonja!
      Aber nicht in dem von 1992:) Da hatte ich noch nicht mal Internet, bzw. wusste noch gar nicht, was das ist, glaube ich.
      Einen Sonntagsgruß zu Dir.

      Gefällt 1 Person

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