Die Menschen hinter den Events

Es ist ja doch viel. Natürlich ist es das, das war ja klar. Aber dass wir so intensiv durch diese Stadt treiben, so kreuz und quer, mit so vielen täglichen Stationen, und dass die Füße dabei kaum müde werden, nichtmal die der Kinder, dass wir von morgens bis abends ständig Lust haben, noch diese und jene Ecke zu entdecken und dass am Abend auch beim dritten Museum noch Ja gesagt wird, das hätte ich nun doch nicht gedacht.

Dafür geht es abends zu Hause – so nennen wir Joannas Haus:) – dann nur noch schnell essen und ins Bett, keine Zeile findet mehr in irgendein Tagebuch oder die Tastatur. Dito morgens. Beharrlich wacht mein Körper irgendwann zwischen vier und fünf hiesiger Zeit auf, ebenso beharrlich versuche ich mich mit einem selbstsuggestiven „Schlaf!“ wieder in einen Ruhezustand zu versetzen. (Es gelingt zunehmend besser. Bis wir in 6 Tagen zurückfliegen, werde ich die innere Umstellung geschafft haben;-))

Jedenfalls: Es ist ein Taumel. Jeder von uns springt an seinen Wunschstationen sehr glücklich im Kreis, während er bei anderen Programmpunkten nur hinterhertrottet, so ist das, wenn vier Menschen mit individuellen Vorstellungen Tage gemeinsam planen.
Und ich tue mich schwer mit dem Erzählen, täglich geht das schon gar nicht. Doch dann habe ich Sorge zu vergessen.
Nun ja: Da sind mittlerweile an die 1000 Fotos auf der Kamera, die wollen hinterher erzählend begleitet werden. Vieles wird sich im langsamen Nacherinnerungsflow wieder einstellen.

Doch das Kleine, das Zarte, das Feine am Wegesrand, welches da auch ist, immer wieder, täglich, was vor allem in den kurzkürzesten Menschenbegegnungen steckt, das soll in kurzen Wortpinselskizzen festgehalten werden. Es sind ja doch fragile Momente, diese winzigkleinen. Und der Kopf manchmal zu löchrig.

***

Wie die indischen Händler morgens auf der Straße zur U-Bahn vor ihren Geschäften sitzen. Sie sitzen da einfach und warten auf den Tag. Oder auf Kundschaft, so genau erschließt sich uns das indische Stadtviertel noch nicht. Jedenfalls sitzen sie da. Mit Turban und in hingebungsvoller Ruhe. Da kann die Straße lärmen wie sie will. Wenn wir vorbeilaufen, schauen sie. Ob sie zu jedem aufschauen? Die Tochter bekommt immer ein Lächeln. (Überhaupt bekommt sie in der Stadt an jeder Ecke ein Lächeln. Inzwischen zählt sie sie:)) Fast möchte man meinen, die indischen Händler erkennen uns schon, die Blicke wirken wie Grüße …

Die Frau an der Metrostation, die mit den Kindern in ein kurzes lächelndes Gespräch kommt, während wir uns mit dem Ticketkauf abmühen. Die den Bruder beauftragt, auf die kleine Schwester aufzupassen, man wisse schließlich nie. Und die zur Schwester sagt, sie solle dicht bei den Großen bleiben. Sie wird wissen, warum sie das sagt …

Die schwerbewaffneten Milizionäre, die vor dem Trump-Tower stehen müssen und von allen Seiten offen fotografiert werden. Überhaupt wird nirgends sonst (außer an den Familientischen) soviel über Trump gelacht, gelästert und geschimpft wie dort, es werden Karrikaturen verkauft, es gibt Protestplakate. Und diese Milizionäre eben. Von allen Seiten werden sie offen angeschaut, fast angefasst wie Puppen, es wird ihnen ins Gesicht fotografiert, sie werden wie Unpersönlichkeiten behandelt. Natürlich, sie sind nicht zufällig in diesem Beruf, vielleicht aber eben auch nicht freiwillig. Was mag in ihnen vorgehen, während sie dort zu stehen haben …

Der brasilianische Gastwirt, dessen Lebenswurzeln mit italienischen, österreichischen und amerikanischen Fäden vermischt sind und doch immer das Brasilianische als Hauptlinie gefühlt haben, der hier in der Stadt aufwuchs und inbrünstiger als jeder „echte“ Brasilianer seine Nationalgerichte anpreist, der vom Lebensgefühl erzählt, der – by the way – der handyspielenden Tochter Buntstifte hinlegt, die Tischdecke ist eh aus Papier, weil wir unsere kreativen Seiten leben müssen, und dann, als sie mehrere Gemälde auf ihre Tischecke gemalt hat, ihr lächelnd ins Gesicht sagt: Jetzt siehst Du auch viel glücklicher aus als am Handy;-) …

Die Politesse, die als eine von vielen die Aufgabe hat, auf den Kreuzungen jene Autos, die mitten in der Mitte stehenblieben, weil sie gegenüber nicht mehr in die Straße hineinpassten, mit einem Knöllchen zu versehen – eine Sisyphosarbeit, in jeder Ampelphase trifft es mehrere Autos. Aber ohne das würden hier sicherlich Stau und Verstopfung total herrschen. Diese Politesse also, die ganz ruhig das Nummernschild notiert, sich sonstige Notizen macht, dann ans Fahrerfenster klopft, höflich, lächelnd, und dem Fahrer sein Knöllchen hineinreicht.
Dieser hatte es bislang nicht bemerkt. Zuckt zusammen, als es klopft, öffnet dann und nimmt das Knöllchen ebenso lächelnd höflich entgegen. Kurze Konversation, dann geht sie wieder. Und er, ein Taxifahrer, schleudert erst in diesem Moment das Papier wutentbrannt auf den Beifahrersitz. Trommelt noch kurz auf’s Lenkrad, bevor er weiterfährt. Vielleicht waren das seine Tageseinnahmen …

Der Fahrstuhlwart auf der Dachterrasse des Rockefellercenters. Oder nee: Fahrstuhlwart ist falsch. Einer von den unzähligen Menschen, die die Menschenschlangen kanalisieren, in die richtigen Richtungen schicken, sie in kleinere Portionen aufteilen, vor den Fahrstühlen bündeln, damit dieser gewaltige Menschenstrom möglichst effizient durchgeschleust wird. (Ich hatte ja keine Vorstellung davon, was Menschenmassen sind. Obwohl ich in meinem Leben schon in Berlin, Moskau, Paris und London war.)
Jedenfalls: Dieser Vor-dem-Fahrstuhl-Menschengruppen-Portionierer, der wartet ja ebenso wie wir auf den Lift. Nur stundenlang. Oder ein Leben lang. Und während wir so stehen, beginnt er mit den Kindern zu kokettieren. Spielt ihnen sich selbst als Marionette vor. Guckt den Kindern in die Augen, strahlt, lockt ein schüchternes Lächeln, später ein Lachen hervor. Und bekommt auch die Begeisterung der Erwachsenen.
Und dann führt uns der Fahrstuhl wieder 67 Etagen nach unten …

Der Busfahrer, dessen Ticketmaschine kaputt ist, der dennoch die französische Familie einfach raussetzen könnte, da mitten auf der 1rst Avenue, sollen die sich doch ihre Tickets an einem der Straßenautomaten kaufen. Der genau das zu ihnen sagt, dann aber eben nicht abfährt. Sondern wartet, bis sie einer nach dem anderen mit den Geistermaschinen klargekommen sind. Und wir im Bus, wir warten mit. Rutschen dann noch ein wenig zusammen, damit die vier Franzosen noch hineinpassen. So ein Busfahrer …

Die Volunteer-Guide in der Carnegie-Hall, die uns über eine Stunde durch Hallen, Emporen, Flure und die Geschichte der Konzerthalle führt. Vom Akzent her ist sie klar russischer Herkunft, mir bestätigt sich das, als sie Tschaikovskijs Namen ausspricht. Wie sie erzählt: voller Seele. Von all diesen großen Musikern, von den sich darum rankenden Geschichten, vom Haus und dessen Fastzerstörung, weil das Geld nicht reichte. Und wie ein beharrlicher Musiker zusammen mit vielen New Yorkern und am Ende mit Hilfe der Stadt den Konzertsaal retten konnte – all das erzählt sie, als wäre es ihre Seele, um deren Rettung es hier ging. Wir hängen ihr gebannt an den Lippen. Danke …
(Übrigens, so fragen wir bei unseren Gastgeberinnen nach, es ist sehr üblich, als Volunteer in Museen zu arbeiten. Viele RentnerInnen tun das, viele begeisterte Kunst- und Musikliebende sind auf diese Weise tätig. Und die Museen können nur dadurch all ihre Angebote für die Menschen aufrecht erhalten.)

Der Taschenkontrolleur in der Public Library. Eine von vielen Kontrollen, die kaum mehr als formalen Charakter haben. Jedenfalls schmuggle ich ein Buch hinaus. Es ist mein eigenes und war schon beim Hineingehen im Rucksack. Aber es wäre nicht bemerkt worden, wäre es nicht meines. Der Taschenkontrolleur also, der mit jedem Besucher einen kurzen Witz macht, liebevoll, der die Taschen blicklos vorbeiwinkt, der den Kindern einen Schulterklopfer mitgibt und jedem, der nur wahrnehmen will, das Strahlen seiner Augen …

Der Mann, der im Washington-Square Schach spielt, so wie viele andere auch. Der aber heftig ärgerlich abwinkt, als er bemerkt, dass er wohl auf die Ecke meines Fotos geraten ist. Ich will ihn beruhigen, führe ich doch nichts böses im Schilde, fühle mich zu unrecht verdächtigt, und doch wird er immer aggressiver. Ich lösche das Foto, und er ist doch gar nicht zu beruhigen. Oh je, guter Mann, ich wollte doch nicht …

Die Frau an der Bushaltestelle, die uns darauf hinweist, dass wir an der falschen Stelle stehen. Und überhaupt die vielen Menschen, die immer wieder von allein zu uns kommen, fragen, wohin wir wollen, die uns den Weg und mehr erklären …

Die Menschen am Boden. Die von den Vorbeiströmenden einen winzigen Teil erbetteln. Es gibt sehr viele. Die Schere ist hier sichtbar größer. Vor allem die Tochter fragt mich immer wieder. Ich weiß doch auch keine Antworten. All diese bitterarmen Menschen …

***

Und über all dem explodiert in diesen Tagen der Frühling. Es ist wärmer als bei Euch, viel wärmer. Die Bäume, die zu unserer Ankunft noch kahl und mit kaum einer grünschimmernden Knospe geschmückt waren, die färben sich stündlich ins Blütenbunt und strahlen plötzlich so viel Hellgrün aus. Hach.

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4 Kommentare

  1. Oh, es hat Bäume. Zum Glück. Ich sah euch mitten im Stadtgrau herumlaufen und -fahren. Und nun das: Bäume. Dann kann diese Stadt so schlimm nicht sein. Zumal ich von all dem Lächeln hier lesen darf. Das tut gut.
    Ich bin zwar nur von Lesen erschöpft und könnte euer Tempo und diese Fülle unmöglich mithalten.
    Schön ist es darum, als Mäuschen, als Leserin, dabei sein zu können.
    Habt es weiter so fein!

    Gefällt 1 Person

    1. Nun ist die Zeit bald wieder um, und ich bedauere das, es wird mir fehlen. Auch wenn unser Tempo in der Tat erschöpfend ist. Lebte man hier, könnte man es ja langsamer angehen;-)
      Es ist wirklich eine Stadt voller Lächeln und naher Menschen, ich schaue ihnen so gerne beim Leben zu. Und „grau“ ist kein Attribut, was ich hierher tun würde. Es ist sehr bunt, viel Frühlingshaftes ist auf dem Weg, und überall eben dieses offene Lächeln.
      Das hätte ich wahrlich vorher nie gedacht …
      Sei liebst gegrüßt!

      Gefällt 1 Person

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