Vom Schreiben

„… es zeigte sich, daß es unmöglich ist, zumindest für mich, was in diesem Fall zuletzt auf dasselbe hinausläuft, daß es also unmöglich ist, über das Glück zu schreiben, vielleicht ist das Glück zu einfach, als daß man darüber schreiben könnte, schrieb ich, wie ich gerade auf einem meiner damals beschriebenen Zettel lese und von dort auch abschreibe, das glücklich verbrachte Leben ist demnach ein stumm verbrachtes Leben, schrieb ich. Es zeigte sich, daß über das Leben schreiben soviel ist wie das Leben in Frage stellen, sein eigenes Leben aber stellt nur der in Frage, der an eigenen Lebenselementen erstickt oder irgendwie widernatürlich darin verkehrt. Es zeigte sich, daß ich nicht schreibe, um Freude zu finden, sondern daß ich, im Gegenteil, mit meinem Schreiben den Schmerz suche, den größtmöglichen, beinahe schon unerträglichen Schmerz, ja, das ist wahrscheinlich der Grund, denn der Schmerz ist die Wahrheit, auf die Frage jedoch, was Wahrheit ist, schrieb ich, gibt es eine sehr einfache Antwort: Wahrheit ist, was mich verzehrt. Alles das konnte ich natürlich nicht meiner Frau mitteilen. Andererseits wollte ich sie auch nicht belügen. So stießen wir im Laufe unseres Zusammenlebens, unserer Gespräche bald auf gewisse Schwierigkeiten, vornehmlich, wenn von meiner Arbeit, am vornehmlichsten aber, wenn von den erwarteten Ergebnissen meiner Arbeit die Rede war, vom Schreiben als Literatur, von der mir fernliegenden, gleichgültigen und unsagbar uninteressanten Frage des Gefallens oder Nichtgefallens, von der Frage des Sinns meiner Arbeit, von Fragen also, die letztlich meist im Umkreis der erbärmlichen, schmutzigen, höhnischen und beschämenden Frage von Erfolg oder Erfolglosigkeit mündeten …“

(aus Imre Kertesz: Kaddisch für ein nicht geborenes Kind)

4 Kommentare

  1. Liebe Frau Rebis, die Lektorin meines Kinderbuchs begündete die Streichung eines ganzen Kapitels damit, dass es nichts schwierigeres gäbe als über das Glück zu schreiben, ohne die LeserInnen zu langweilen- ich Unwissende, ich, liess somit zu, was ich noch bis heute bedauere, ich stimme ihr auch nicht mehr zu. Freude und Glück wollen genauso einen Platz, wie alle die Fragen, der Schmerz und das Weh!
    Trotzdem habe ich dies sehr gerne gelesen…
    herzliche Montagmittaggrüsse an dich
    Ulli

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    1. Liebe Ulli,
      ich wusste, dass dies nicht Deine Worte sein würden:) Und meine sind es ja auch nicht so ganz.
      Dennoch haben sie mich angestoßen. Vielleicht weil ich lange brauchte, um glückliche Zeiten als (be)schreibenswerte zu erleben. Und überhaupt: sie in ihren ganzen Tiefe zu empfinden, das vermochte ich nicht immer so. Früher, lang ist es her, erschienen mir meine düsteren Phasen als die lebendigsten. Dunkelheit als Voraussetzung, damit sich Wesentliches offenbart, so war das.
      Ich habe mich verändert.
      Doch geblieben ist wohl: In schwierigen Zeiten dürste ich mehr nach Resonanz in den Worten anderer als in glücklichen Tagen. In diesem Sinne bin ich auf Texte über das Glück nicht so „angewiesen“, denn dieses lebt sich aus mir heraus von allein, wenn es bei mir ist. Falls Du verstehst, was ich meine.
      Und doch: Schade, dass Du Dein Buch hast beschneiden lassen. Für Dich selbst ist es aber noch in seiner Ganzheit vollkommen?
      Herzlichgrüße aus dem italienischen Nachessenskoma,
      Frau Rebis

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  2. Boah, mich schaudert. Ich kenn das, genau das. Und wie es scheinbar schier unmöglich ist, glücklich zu schreiben, scheint es ebenso schier unmöglich zu sein, unglücklich zu schnappschießen. Gaukeln mir jedenfalls Fotoalben vor.

    Das Buch interssiert mich. Muss ich mal suchmaschinen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Diese Zeilen sprachen aus einem ähnlichen Grund zu mir, wenigstens in der Vergangenheit war es so, im Moment erlebe ich es ein wenig anders, durchmischter, nicht mehr so kontrastreich mit dem gut-schlecht und dem Können-Nichtkönnen.
      Insgesamt aber war mir der Roman sehr, (zu?) düster, ich musste mich immer mehr überwinden, ihn zu Ende zu lesen. Es scheint gerade nicht die Zeit gewesen zu sein, dass ich vollen Zugang zu ihm fand.
      Sei liebst gegrüßt!

      Gefällt 1 Person

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