WmDedgT 02/2017

Sonntag ist der Tag ohne Wecker, das weiß mittlerweile sogar ich. Es wird kurz nach acht, als sich mir die Augen öffnen, es ist schon hell draußen, ein fast vergessenes Gefühl beim Aufwachen.

Meine Lesestunde. Weil ich derzeit in drei Büchern gleichzeitig lese und es mich auch heute in alle zieht, gerät diese ein wenig länger. Gut so. Um’s Unterwegssein geht es in meiner Lektüre, und um’s Abschiednehmen. Beides gar nicht so verschieden.

Kurz nach zehn wird das Tochterkind wach und hungrig, wir frühstücken. Sie hat sich schon in T-Shirt und Röckchen geworfen, hört im Kopf unablässig eigene Musik und tanzt dabei vor sich hin. Das geht auch am Frühstückstisch, sitzend. Als ich es ihr nachtue und ebenfalls mit rhythmischen Arm- und Körperbewegungen anfange, bin ich natürlich peinlich:(
Ansonsten geht es beim Frühstücksgespräch noch darum, dass Newton kein freundlicher Mensch war, weil er die Untersuchung mit dem Apfel erst nur vorgetäuscht habe (hä? echt jetzt?), ob Laser was mit dem Tunneleffekt zu tun haben, und wann wir nachher losmüssen. Und dass man vor dem Hochrennen ins Zimmer immer zweimal mit je zwei Händen Dinge in die Küche zu tragen habe. Das wird von Kindern ja gern täglich mehrmals vergessen.

Vor dem Mittagstermin reicht es mir für eine weitere Stunde Sofasitzzeit. Bücher und Schreibhefte und so.
Dann duschen und anziehen, wir müssen bald weg, doch vorher noch meine Celloübezeit. Heute bin ich fahrig und unzufrieden. Das wird auch nicht besser, als ich mein derzeitiges Übestück aufnehme und mich beim Anhören das nackte akustische Grausen überkommt. So unsauber, so kratzig, so ungleichmäßig, so wenig Musik. Es soll heute nicht sein.

Lieber schreibe ich noch an Kollegen, ich brauche für morgen dringend ein paar Zuarbeiten, hoffentlich schauen sie noch in ihre Mails, ist ja schließlich Sonntag, ein eingeschalteter Computer entweiht diesen Tag, irgendwie.

Und dann müssen wir weg, Preisträgerkonzert in der Musikschule. Die Kinder stellen fest, dass die, die da spielen, immer jünger werden. Aha, das alte-Leute-Syndrom erfasst jetzt auch schon 10- und 15jährige:) Die Tochter ist tatsächlich schon fast ans Ende des Programms gerutscht – es geht nach Alter. Und der Sohn spielt hier gar nicht mehr, weil er mittlerweile die Musikschule gewechselt hat. Ansonsten wäre er der Allerälteste gewesen. Mensch, die Zeit vergeht. Der Sohn also sitzt entspannt in der Gegend herum, genießt, dass er nicht auf die Bühne muss, die kleine Schwester ärgert sich über ihre Fehler – beim Einspielen hätte noch alles geklappt, und was jetzt alle denken … Anschließend gibt es Saft und Sekt und Häppchen, da ist auch für die Tochter alles wieder gut. Und für unsere leeren Ohne-Mittagessen-Mägen sowieso.

Zu Hause ist kurze Kaffeebesinnungszeit, dann sitze ich am Schulschreibtisch. Weil das Wochenende lang und gut war, lässt es sich zäh an. Der Kopf war in einer anderen Welt und findet nur schwer zurück.
Währenddessen lassen die Kinder sich in die Orchesterprobe fahren und kehren nach kürzester Zeit zurück. Natürlich waren sie in Wirklichkeit zwei Stunden dort. Waaas, schon acht?

Wir essen, sie verraten mir, wann und wo morgen der Treffpunkt ist, beide fahren mit dem Schulorchester zu Probentagen. Die Sachen sind im Prinzip gepackt. Im Prinzip. Bis auf … – Nein, für Wäschewaschen ist es jetzt zu spät! Doch, das hatte ich heute Mittag schon gesagt! – … Mütter sind gemein. Aber echt mal, es findet sich doch wohl noch genug Klamottiges im Schrank.
Als das und auch die Verteilung der Zahnpastatuben auf Tochter- und Sohngepäck ausdiskutiert sind, müssen nur noch Cello- und Notenständer in den Koffer gequetscht – Von draußen passte das aber?!?!?! -, Impfausweis und Krankenkassenkarte des Sohns ausfindig gemacht – unter dem unausgepackten Gepäckhaufen seiner Januarreise, ein Hoch auf Mutterinstinkte! – und die Sache mit den Noten geklärt werden.

Aaaahhhh, die Noten. Fällt beiden jetzt ein. Musizieren braucht nämlich Noten. Meinen Chaoskindern verlangt diese Tatsache alles ab.
Und so sieht man um kurz vor zehn die Tochter mit der geliehenen Notenmappe der Pultnachbarin vor meinem Kopierer sitzen und Blatt um Blatt hindurchschieben. Ihre eigenen Kopien scheinen sich im Laufe des Schuljahres weitgehend verflüchtigt zu haben.
Der Sohn hingegen startet eine Großraumsuche nach dem Heft mit den englischen Liedern. Ich schwöre, ich habe das im Leben nicht gesehen. Deswegen kann es auch nicht im Zuge meiner Weihnachtswohnzimmeraufräumaktion verloren gegangen sein. These steht gegen These. Wir diskutieren bei dieser Gelegenheit gleich den grundsätzlichen Sinn und Unsinn von Aufräumen, Ordnung, Ablagesystemen und ähnlichen Müttererfindungen. Während wir zu zweit auf dem Boden sitzen und einen Kubikmeter Notensammlung Blatt um Blatt wenden. Das Heftlein bleibt verschwunden, damit wird der Orchesterchef jetzt leben müssen.

Es ist halb elf, als die Brut im Bett ist. Irgendwie schön, so ein Feierabend, wenn die Kinder schlafen gehen. Nur noch die Schultasche packen, die sich sperrende Datensicherung überlisten, die eigentlich noch geschrieben werden wollenden Postkarten auf morgen verschieben … und ein wenig seufzen. Weil ich nun endlich zu mir finde, weil die kommende Woche dichtestgepackt sein wird, weil mir die Kinder in den drei Tagen fehlen werden, und weil mich eine leise Wehmut durchzieht. Das Leben ist so bunt, so voll, so prallelebendig, und – in einem Parallelstrang – so voller Melancholie und sanfter Traurigkeit. Alles auf einmal. 

 

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

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