lebensverwaltend

Viel Zeit meines Lebens geht dafür drauf, dass ich das Leben nicht lebe, sondern verwalte. Diese Papier-, Telefon-, Rechnungs- und Organisationsdinge, von denen mein – und vermutlich unser aller – Alltag so voll ist, erlebe und empfinde ich mit als das Anstrengendste und Nervendste auf meinen To-do-Listen. Zu gern würde ich seinen Umfang verringern, allein ich weiß nicht wie. Denn es fiel und fällt mir schwer, meine Stimmung wenigstens im mittleren Bereich zu halten, wenn ich mich über längere Zeit mit diesen Dingen abgeben muss. So sehr ich mir auch sage, dass ich mich davon nicht beherrschen und trüben und vereinnahmen lassen will …

Darum schaue ich mir mal auf die Finger, was ich da alles so verwalte. Heute häufte es sich, weil ein Tag ohne Termine in Schule und anderem Dienstort und ohne familiäre Auswärtsaufgaben prädestiniert dafür ist, von den angestauten Verwaltungsbergen abzutragen, was geht. Das war heute …

… eine große Aufräumaktion der Papierablage, in der sich seit Mitte letzten Jahres fünf Höhenzentimeter Papier angestaut hatten, wo allein das Abheften in Leitzordner als Tagesaufgabe gereicht hätte; doch …
… meine dienstlichen Papiere enthielten unter anderem zwei Rentenbescheide mit Auflistungen all meiner Lebensarbeitszeiten, in denen sich Fehler befanden, so dass ich per Widerspruchsbogen reagieren musste …
… die Beihilfe- und Krankenversicherungsabrechnung wollte durchgesehen werden, weil da nicht alles Geld zurückgekommen war, es stimmte aber letztlich doch, und ich tütete nur noch den letzten Beihilfebescheid in den Umschlag an die Krankenversicherung …
… dabei fiel mir ein, dass ich lange keine Rechnungen bezahlt hatte, der Stapel der Arztrechnungen war schon wieder groß, eine ganze Überweisungsserie, doch für einen neuen Beihilfeantrag fehlte mir am Abend dann die Zeit …
… die Papiermengen wegen unseres Wasserrohrbruchs sind unermesslich, ich sortierte und tackerte und heftete ab, jetzt ist es endlich weg …
… die Unterlagen zu meinem Auffahrunfall im Dezember enthielten noch ein Fragezeichen und damit einen Anrufgrund bei der Versicherung, warum da jetzt so und so entschieden wurde …
… die Papierestapel der Kinder werden mit den Jahren auch nicht kleiner, all diese Zeugnisse, Erinnerungen, Organisationspapiere für ihre 1001 Aktivitäten, Anmeldungen, Abrechnungen, ich sortierte und heftete und tackerte, auch am Nachmittag noch mit dem Sohn zusammen, weil er allein seine Matheseminarpapiere u.ä. noch nicht gebändigt bekommt …
… dringend war ein Anruf bei der Austauschorganisation des Sohnes fällig, wegen seines neuen Personalausweises und wegen eines verpflichtenden Vorbereitungsseminars, und als Folge davon ein Brief an den Jugend-musiziert-Landeswettbewerb mit Bitte um Vermeidung einer Terminkollision …
… weil die Tochter das Cello wechselt, musste die Musikinstrumentenversicherung benachrichtigt werden, in diesem Zuge fragte ich gleich wegen einer Versicherung für mein Leihcello an, was einen Anruf beim Geigenbauer zur Folge hatte …
… wegen veränderter Stundenpläne musste ein Familienzahnarzttermin umgelegt werden …
… mit den anderen Streichquartetteltern lief den ganzen Tag ein Mailwechsel zum Terminfinden des gemeinsamen Essengehens …
… auf der Schulliste standen zwei Anrufe in Fremdschulen, um organisatorische Details für anstehende Unterrichtsprüfungen abzuklären – und weil Schulleiter erstmal so gar nicht zu erreichen sind, wurden aus den zwei Anrufen sieben …
… mit meinen Referendaren läuft ein Terminfindungsmailing, was nicht so einfach zu einem konstruktiven Abschluss zu bringen ist …
… für meine ganz eigene Unterrichtsverwaltung ergänzte ich alle Noten- und Verwaltungstabellen um Spalten für das zweite Halbjahr, um veränderte Excelformeln und um die notwendigen Umstrukturierungen …
… ebenfalls als verwaltend sehe ich meine heutige Unterrichtsvorbereitung an, denn ich übertrug nur alte Vorbereitungsbausteine in meine seit drei Jahren digital geführte Vorbereitung, scannte Aufschriebe ein und übertrug Tafelbildfotos in die Dokumente …
… rein organisatorischer Natur waren auch alle Schulmailkontakte des Tages: Elternsprechtagsvereinbarungen, Fachbereichsabsprachen, Wettbewerbsauswertung, Protokollerstellung …

So. Fazit: Alles was ich heute tat, war organisierender und verwaltender Natur. Ich habe kein einziges inhaltliches Gespräch geführt, weder mit den eigenen Kindern noch mit oder über Schüler, ich habe keine inhaltlichen Konzepte für meinen Unterricht kreiert, ich habe nichts geschaffen, ja ich habe noch nicht mal korrigiert – dieser Blogtext ist noch die kreativste Leistung des Tages.
Und doch war mein Tag mehr als voll. Es war viel. Und das ist keine einmalige Aktion, das ist Alltag. Es wird viel bleiben. Denn wegzulassen ist davon kaum etwas. Weder möchte ich die Aktivitäten der Kinder eindämmen – und diese sind hier in unserem Fall seit Jahren mit sehr viel Organisationsaufwand verbunden. Noch scheint mir bei meinem eigenen Papierkram viel Überflüssiges dabeizusein. Und die schulischen Dinge gehören nunmal einfach zum Job.
Dazu kommt, dass ich mich mit dem Telefonieren immer schwerer tue. Vor ein paar Jahren fand ich in meiner Telefonphobie einen leichten Lichtblick, da wurde es mir leichter. Derzeit ist es wieder arg. Jedes Greifen zum Hörer gleicht einem mentalen Dauerlauf, manchmal mit Sprintfinale, mit erhöhtem Puls, Haspeln, Stottern, in die falsche Rolle fallen, all das. Ich brauche entsprechend lange, um den Hörer aufzugreifen, sogar bei privaten Telefonaten geht es mir so, umso mehr mit fremden Menschen und organisatorischen Anliegen. Ein „nicht erreichbar, rufen Sie doch später nochmal an“ baut einen neuen Berg vor mir auf, mit jedem Versuch wird es mir schwerer. Wenn es irgendwie geht, schreibe ich stattdessen Mails, was dann natürlich wieder länger dauert. (Und doch habe ich heute 13 – in Worten: drei!zehn! – Telefonate geschafft. Ein Marathon.)
Also: es ist nicht einfach.

Und wie gehe ich nun damit um?
Rein äußerlich: ich habe immer noch nicht herausgefunden, ob ich all das Zeugs lieber in kleinen täglichen Rationen dosiere oder besser so wie heute große Mengen auf einmal angehe, um mich dann eine Zeitlang frei(er) davon zu fühlen.
Der Kern der Frage liegt aber wohl woanders. Wie ändere ich meine innere Einstellung dazu? Wie finde ich in eine positive(re) Beziehung zu dem, was mich in trübe Stimmung zieht, was ich nicht akzeptieren will als Teil des Ganzen, zu dem, was ich zuallererst immer als nervig, anstrengend und überflüssig empfinde? Bin ich doch Realistin genug um zu wissen, dass man heutzutage mit all diesem leben muss. Also bleibt von Love-it-leave-it-or-change-it bei näherer Betrachtung ja nur Love-it übrig. Kürzlich las ich Texte darüber, einen welch großen Einfluss unsere Gedanken auf unsere Gefühle haben. An Gedanken lässt sich eher stellschraubig drehen als an Gefühlen.
Hier bei diesem Verwaltungszeugs, das wäre doch ein geeignetes Übefeld für diese so viel weitreichendere Lebensaufgabe:
Wie verändere ich meine Einstellung zu den Dingen?

 

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12 Kommentare

  1. Eine positive Einstellung zum Zwang will mir einfach nicht gelingen.

    Ja, das ist eine Form des Eskapismus, eine, die ich dann auch noch „falsch“ zu rechtfertigen versuche.

    Vor Deinen Leistungen bleibt mir meist nur den Hut zu ziehen …

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    1. Wo ist die Grenze zwischen „Lebensnotwendigkeit“ und „Zwang“? Kinderversorgung, Wohnungsdinge, Kleidungspflichten, Nahrungsbeschaffung, schon das Öffnen der Kühlschranktür könnte man als Zwang bezeichnen. Wenn man wollte. — In mir gibt es dieses Wort nicht. Oder kaum. Nicht für so etwas Kleines, das doch einfach dazugehört …
      (Die meisten Menschen tun’s wie das tägliche Abspülen und Zähneputzen, ohne darüber groß zu bloggen;-))

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  2. Wahnsinn … Das ist auch immer wieder mein Thema – und war es gerade auch in den letzten Tagen. Ich habe mich dann aufgerafft und räumte die Dinge auf. Warf weg, bezahlte Rechnungen … UND ENTSCHIED: das hat jetzt ein Ende. Ab heute tue ich Notwendiges gleich, sofort und schiebe nix mehr auf die lange Bank. Bin gespannt, wie lange das währt.
    Und auch ich denke, es geht nur (NUR?) um die eigene, innere Einstellung, dieses Unliebsame schnell abzuarbeiten, damit es energetisch nicht noch länger fingertrommelnd auf mich wartet und mich daran erinnert, was noch alles zu tun ist.

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    1. Bin ja auch am Experimentieren, ob sich Gleichtun besser anfühlt. Dann bleibt wieder anderes für länger liegen. … Es ist und bleibt ein Übefeld der Gelassenheit. Ich glaube, warum mich gerade das so stört – und zum Beispiel Hausputz oder nächtliches Aufgewecktwerden (früher) oder Kinderchauffieren und vieles andere nicht annähernd diesen Unbeliebtheitsgrad bei mir erreichten: bei diesen Orga-Dingen langweile ich mich so unglaublich. Also: vielleicht kann ich der Langeweile ja etwas abgewinnen. Oder an den Tätigkeiten etwas finden, was die Langeweile aufhebt?

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  3. Ich muss sagen, obwohl ich das alles im Grunde wirklich wirklich hasse, wurde es im Laufe der Zeit (sicher deutlich kürzer als bei dir, also einschließlich der Gefahr, dass das wieder kommt) eher besser als schlimmer.
    Folgendes hat mir vermutlich geholfen:
    Ich freue mich hinterher über die geschaffte Arbeit. So richtig. Wie beim Sport. Leere Ablagen anstarren… seelig griensen… aaahhhh
    Und die Langeweile, hm, also da muss ich sagen, dass ich sehr gerne langweilige Sachen mit wenig nachdenken mache, weil ich dann einfach nebenher Sachen anhöre oder schaue (Musik, Serien, Podcasts, Zoosendungen…) oder ist es dafür nicht langweilig, sprich nachdenkarm genug? Ich habe außerdem ein bisschen im Hinterkopf, dass das vielleicht deiner Achtsamkeitsphilosophie widersprechen könnte. In dem Fall würde ich wieder dazu raten an die leeren Ablagen zu denken und weniger daran wie sehr sehr, sehr du diese Dinge hasst.
    Grade kommt mir noch die Idee sich vorzustellen man wäre seine eigene Assistentin. Das habe ich mir lange gewünscht. Als Kind habe ich erfolgreich und zufrieden die Treppen gefegt, indem ich mir vorgestellt habe, dass ich Aschenputtel bin.
    Ok, der letzte Vorschlag mag ein wenig zu abgedreht und ein bisschen kindisch sein und vielleicht hast du den Rest auch schon probiert, aber wer weiß wann die eine oder andere Sache eine neue Chance verdient hat :-)

    Ich hoffe du findest das Schöne im Blöden!
    Lisa

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    1. Das finde ich ja genial: sich vorzustellen, die eigene Assistentin zu sein. Ich habe ja beruflich jahrzehntelang für andere Menschen was getan – gerade auch so Behördenzeugs … Und oft kam mir die Idee „Ich hätte auch gerne so jemanden wie mich für mich“ … Ich hab es nur nicht zu Ende gedacht. Also super – versuche ich. Vielleicht lässt sich das Hirn ja überlisten.

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      1. Dann könnte man auch klare Arbeitszeiten vereinbaren: Eine Stunde pro Tag und nicht länger und so. Bloß was, wenn die Assistentin dann auf ihrem Schreibtisch alles stehen und liegen lässt und ich nichts anderes mehr drauf tun kann;-)?
        Aber ja: Hirnüberlistversuche lohnen sich immer mal …

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    2. Deine Ideen und Herangehensweisen lassen mich schmunzeln:) So suchen wir irgendwie alle nach dem Gleichen. Ich glaube, die Aschenputtel&Co-Idee muss sich in mir erst noch setzen, bis ich sie zu meiner machen kann. Aber was ich auf jeden Fall teile: Die Freude über Leergeschafftes, über bereinigte Ablagen.
      Und Langeweile ist ja gerade deswegen da, weil dieses Sortieren und Schreiben mehr Aufmerksamkeit fordert als eine weitere Sache nebenher noch zulässt. Im Grunde muss ich mich fast voll konzentrieren, bei absoluter Öde des Objekts. (Anders als beim Nähen oder Bügeln. – Und da finde ich die Bewegungen an sich dann auch schon wieder zu meditativ, als dass sie öde sein könnten:))
      Es ist jedenfalls sehr tröstlich zu sehen, wie wir alle unsere Wege suchen, es für alle irgendwie schwer ist und ich mich nicht einfach nur „anstelle“:)

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