wettbewertet

Der Sohn nimmt im siebten Jahr am Wettbewerb teil, die Tochter im fünften. Die Vorbereitung gehört zu ihrem Herbst und Winter dazu wie Advent und Weihnachten, nicht wegzudenken, nie in Frage gestellt. (Als wir je nachfragten, ob sie nächstes Jahr wieder mitmachen wollten: „Hä?“ Sie verstanden die Frage nicht.) Die Wände der Kinderzimmer hängen voller Goldmedaillen, wir reisten viermal weiter in die nächste Runde zum Landeswettbewerb, zweimal gar zum Bundeswettbewerb. Unsere Kinder sind sozusagen Jugend-musiziert-Profis.

Und wir als Eltern auch. Klar, man trägt das mit, anders geht es gar nicht. Zeit, Motivation, Mutzusprache, Übeunterstützung, Fahrdienste, all das. „Profi“ bin ich auch im mentalen Sinne geworden: Verglichen mit den Anfangsjahren, bin ich mittlerweile kaum noch aufgeregt vor den Vorspielen. Anfangs war es schrecklich. Nur gut, dass man eine Stunde vor dem Wertungsspiel die Kinder ganz in Lehrerhand geben kann, diese ziehen sich dann mit ihren Schützlingen zurück und kümmern sich um Mentales und Spielerisches, um Beruhigung und Stärkung gleichermaßen. Für mich wäre diese Rolle bis heute nichts, jedes Mal bin ich froh, wenn die Kinder hinter den Türen des Einspielraums verschwunden sind und ich sie erst auf der Bühne wiedersehen muss. Es bleibt dann nur noch, ihnen alle Daumen zu drücken, dass ihnen gelingt, was sie geprobt haben, so dass sie die Bühne zufrieden verlassen können. 

Doch darüber wollte ich gar nicht erzählen. Sondern über die Fragen, die aufkommen, wenn man sich – bzw. die Kinder sich – einem solchen Wettbewerb stellen.
Beim allerersten Mal haben wir uns die Anmeldung gemeinsam mit der Klavierlehrerin sehr gründlich überlegt. Ob der (damals 9jährige) Sohn das verkraften würde, ob der Druck ihm nicht Schaden zufüge, ob er die Ausdauer des langen Übens aufbringen würde – über Monate spielt man ja die gleichen Stücke -, ob all das dem Kind und seiner Musik wirklich gut tun würde.
Wir entschieden damals dafür, und bisher war alles gut. Nicht nur, weil die Punktzahlen immer anständige waren. Oft waren sie sogar zu gut. Beide Kinder befanden sich öfters in der Situation, dass sie ihre hohen Werte staunend und ungläubig in Empfang nahmen, dass sie ihren eigenen Fähigkeiten kritischer gegenüberstanden als die Jury. Beide haben sich auf diese Weise immer wieder wahrgenommen gefühlt, haben herzliche und wertschätzende Worte von den Jurys bekommen, sind von wirklich sehr warmherzigen Juroren angelächelt worden.
Und weit wichtiger noch: Beide Kinder haben auf den Wettbewerben anderen Kindern zugehört, haben Impulse und Ideen für ihre weitere Arbeit mitgenommen, waren hinterher immer höchst motiviert weiterzumachen, Neues zu lernen oder das Programm für die nächste Runde zu vervollkommnen.
Beide Kinder haben im Wettbewerb bisher nur gewonnen.

Gestern nun ist uns erstmals etwas sehr Nachdenkenswertes geschehen.
Die Tochter hat gleichzeitig mit zwei Ensembles teilgenommen, einem Streicherduo und einem Streichquartett. Zunächst: Beide Ensembles wuchsen im Vorspiel über sich hinaus. Darum möchte ich die eine Bewertung auch nicht schmälern. Nur: dass die andere eine große Stufe tiefer ausfiel, das hinterließ uns alle fragend.
An sich wäre das nicht schlimm – die Jury, das sind auch nur Menschen mit Geschmäckern, Vorlieben, subjektiven Meinungen und Parteilichkeiten.
Nur: welches der beiden Ensembles hoch- und welches tiefbewertet wurde, DAS hinterlässt Fragen, tut fast ein wenig weh.
Das Duo nämlich, musikalisch sehr jung, zögerlich, verzagt fast, spielte sehr brav, wie mit angezogener Handbremse. Sehr sauber auch, aber eben so verhalten, dass die Musik dahinter allerhöchstens zu erahnen war. Aus diesen Tönen muss erst noch Musik gestaltet werden.
Diese beiden nun dürfen weitergehen, dürfen sich im Landeswettbewerb stellen. Das ist natürlich großartig, sie können bis dahin reifen, können ins Miteinander finden, so dass dann Musik mit Seele und Leidenschaft strömen kann. Ich freue mich mit den Mädchen über diese Chance und traue ihnen eine mutige Entwicklung zu.

Die Tochter übrigens, die ein sehr waches Empfinden dafür hat, wie lebendig oder auch unlebendig Musik ist, die schlug bei dieser Punktzahl ihre Hände vors Gesicht, errötete und konnte es nicht glauben. Sie selbst hätte das nie und nimmer erwartet, weil sie das Unfertige gespürt hatte. In diesem Moment sagte sie, so wie auch einige Umstehende: „Na, dann werd‘ ich halt zweimal beim Landeswettbewerb spielen müssen.“
Denn ihr war so klar wie den Zuhörern, dass das Quartett Klassen beselter und reifer gespielt hatte. Die Mädchen üben seit drei Jahren zusammen, das hört man ihrer Musik an. So viel Kommunikation zwischen ihnen, so viel Miteinander, so viel gemeinsames Jubilieren in der Musik, so feurig und begeisternd, sie waren eines der Ensembles, die sich mehr als einmal verbeugen mussten.
Doch die Stücke waren anspruchsvoll gewählt. Zu anspruchsvoll vielleicht. Sehr viele virtuose Passagen, miteinander verzahnt, technisch fordernd, zugegeben.
Die Devise der Lehrerin allerdings hieß: Auf die Musik komme es an. Dem Ganzen Seele einhauchen, sich ganz versenken in die Musik, diese im Miteinander lebendig machen. Dann sei es nicht wichtig, ob mal ein Ton unsauber oder kratzig klinge, das große Ganze mache die Musik aus. Nach diesem Leitsatz spielten die Mädchen.
Es war unglaublich. Der Saal war begeistert, nicht nur wir Eltern. SO hatten wir die vier noch nie gehört.

Doch dann die Wertung. Bämm. Unerwartet. Eine Menge Abzugspunkte. Niemand kann es auch nur ansatzweise nachvollziehen, wofür sie so „abgestraft“ wurden. (Das Wort kommt nicht von mir, ich schnappte es auf, als alle darüber redeten.)
Jeder der anwesenden Musiklehrer konnte eigene Geschichten erzählen, wie einseitig Jurybewertungen ausfallen können, wie diese manchmal den Fokus auf einen bestimmten Aspekt legt. Aber dieses hier war einfach nicht einzuordnen.
Die Unsauberkeiten? Derer gab es im Laufe des Tages viele, das ist klar bei Streicherensembles. Aber keine andere Gruppe wurde auch nur annähernd so niedrig bewertet. Animosität eines Lehrerstils gegen einen anderen? Das vielleicht. Oder eine persönliche „alte Rechnung“? Aber so arg?

Na gut, so ist es. Die Tochter freut sich für ihr anderes Ensemble, und das soll sie. Im Grunde ist es nicht wichtig. Die Quartettlehrerin lebt es vor: Nie hatte sie auf Punkte geschielt, diese scheinen ihr völlig egal zu sein. Gut so.
Direkt nach dem Auftritt überreichte sie den Kinden gebackende Plätzchenteigmedaillen und selbstgestaltete, individuell geschriebene Urkunden. Unsere Tochter etwa erhält ihre …
– für ein offenes Herz für alle Quartettpartner, für ungebremste Mitteilungsfreude und herzerfrischende Lebendigkeit,
– für die große Ausdauer, selbst bei sehr unbewegten Bass-Stimmen den Partnern optimal zuzuhören und sie mit jedem Millimeter verfügbaren Bogens bestmöglich zu unterstützen,
– für eine einmalige Podiumspräsenz und unmittelbar mitgeteilte Spielfreude auf der Bühne,
– für große Klarheit in den Ansagen der eigenen Bedürfnisse während der Proben,
– für ein ausgeprägtes zeichnerisches Talent beim Notieren der nötigen Stichworte;-)
und
– für einen wunderbaren Humor.

Mich berührt dieser Text unglaublich, dieser liebevolle und wertschätzende Blick auf mein Kind. Von einer solchen Lehrerin wahrgenommen und begleitet zu werden, ist ein Segen. Alles andere ist Nebensache.

Warum mich der gestrige Tag trotzdem so beschäftigt, immer noch? Ich glaube, heute wird mir das allmählich selbst klar. Weil ich nämlich nicht möchte, dass mein Kind das falsche Signal aus den Ergebnissen mitnimmt.
Wenn einige Zeit vergangen sein wird, vielleicht sogar erst, wenn sie mit ihrem Duo den Landeswettbewerb beendet haben wird, möchte ich gern mit ihr darüber sprechen.
Dass ich ihr nämlich wünsche, dass sie – selbst wenn sie vorher wüsste, dass eine Jury wiederum genau diese Bewertung abgeben würde – weiterhin so mit Feuer und Begeisterung und Seele und Kraft und Lebendigkeit musizieren möge wie im Quartett.
Dass die braven, artigen, sauber gesetzten Töne nicht mehr wert sind als die echte Begeisterung. Ganz im Gegenteil. Dass sie sich dies von niemandem einreden lassen möge – nicht in der Musik, nicht im Leben. Dass sie aber vielleicht immer mal im Leben in Situationen gerät, wo sie eine derartige Bewertung erfährt, wo ihre Herzens- und Seelendinge von außen nicht wahrgenommen oder sogar kleingemacht werden. Dass sie dann trotzdem an sich glauben solle. So wie jetzt an ihr Quartett: Dort, so sagt sie, ist es richtig, dort macht es Spaß, dort fühlt sie die Musik, wie sie aus ihr strömt, zusammen mit den anderen. Ganz egal, was eine Jury bewertet, solle sie genauso leben, wie ihr Herz und ihre Seele es ihr zeigen. Aus der Tiefe heraus.
Ja, das alles möchte ich ihr mitgeben, darüber möchte ich später mit ihr sprechen. Und wenn sie das für sich selbst daraus ziehen kann, dann hat das gestrige Erlebnis mehr Gewinn gebracht als jeder andere Wettbewerbstag zuvor. Dann hat sie nämlich gelernt, dass man zu sich selbst stehen darf und soll, und dass der eigene, echte, richtige Weg nie von außen zubemessen werden kann, sondern sich immer nur von innen heraus finden und leben lässt.

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7 Kommentare

  1. Grad wünsch ich mir für alleallealle Menschen eine solche Mama, die so etwas zu einer und einem sagt und in diesem Maße hinter einer und einem steht. Du weißt ja gar nicht, was du deinen Kindern da an Worten und Haltung mitgibst. Danke!
    (Ich ahne übrigens , dass sie das alles bereits weiß, tief innen!)

    Gefällt 2 Personen

    1. Ach, ich weiß gar nicht, ob das so besonders ist, ob nicht alle alle Eltern ihren Kindern auf diese Weise Rückhalt geben. Sie sind ja noch so klein, brauchen solche Gespräche, um ihren Weg zu finden …
      Doch auch, ja, das unterschreibe ich sofort: Sie wissen tief innen schon so vieles, sie kommen ja irgendwie schon „fertig“ auf die Welt, mit all ihrem Wesen, ihrem je eigenen Strahlen, ihrer ganz eigenen Lebensmusik.

      Gefällt 1 Person

  2. Habe vor vier Tagen Ähnliches erlebt und meine tiefverwurzelte Abneigung Musikwettbewerben gegenüber mehr als bestätigt bekommen. Was da gesät wird (vor allem in den höheren Altersgruppen) hat zuweilen nicht mehr viel mit der Freude an der Musik zu tun. Wenn eine -dick und mehrfarbig in die Noten eines Geigenquartetts eingezeichnete- Choreographie höher bewertet wird als das wunderbar frech-freudige und trotzdem exakte und saubere Zusammenspiel der Jugendlichen, wenn eine negative Bewertung begründet wird mit „zu wenig barock gespielt“ (was ja wohl eher an der Einstellung und Schule der jeweiligen Lehrer liegt), wenn also letztendlich eigentlich Lehrerstil gegen Lehrerstil steht, hat das mit dem Wesentlichen nichts mehr zu tun. Ich bin selbst klassisch ausgebildete Berufsmusikerin und liebe das gemeinsame Musizieren, aber dieser Zirkus hat mich richtig hinuntergezogen. Vor einigen Jahren hatte ich Ähnliches erlebt, als ein wunderbarer und musikbegeisterter, wirklich außergewöhnlich guter 14jähriger Geiger keine Weiterleitung bekam mit der Begründung „So kann man Bach heute nicht mehr spielen“… Mittlerweile ist er einer der ganz wenigen, die es mühelos ins Studium an einer sehr renommierten Musikhochschule geschafft haben. Also ich halte es da lieber mit Bartok, der einmal gesagt haben soll: „Wettbewerbe sind für Pferde, nicht für Künstler“ Und nein, die negative Bewertung betraf keinen meiner eigenen Schüler, weder damals noch heuer!

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    1. Das klingt ja wirklich wie hier bei uns:)
      (Auch diesem Quartett wurde der fehlende barocke Klang vorgeworfen – ähm: die Kinder sind 10 Jahre alt …)
      Was Du schreibst, sind genau die fraglichen Aspekte. Danke für Deine Sicht und Deine Erfahrungen. Wir würden ja auch unsere Kinder nie drängen, wenn sie es nicht von sich aus wollten. Abhalten werden wir sie nun auch nicht mehr. Aber eben bereit sein, solche Erlebnisse mit ihnen aufzuarbeiten.
      Es ist ja immer die Frage, wie weit man die Kinder überhaupt aus der Wettbewerbswelt fernhalten kann. In der Schule ja sowieso nicht. Und auch in der Musik: Vorspiel für Aufnahme ins Mittelstufenorchester (oder später – selbst als Erwachsene – Vorsingen beim Laienchor), Suche nach neuem Klavierlehrer, der vorspielen lässt (und dabei – nicht nur einmal erlebt – erstmal gründlich zerreißt, was der vorherige bisher mit dem Kind gearbeitet hat, sogar vor den Ohren des Kindes:( ), Bewerbung um Förderstipendium … all das sind irgendwie „Leistungs“situationen in der Musik. Nicht mit einer Punktvergabe, aber eben doch mit deutlicher Wertung. Eine Absage beim Landesjugendorchester kann unendlich weh tun …
      Dinge, vor denen man die Kinder nicht ganz bewahren kann. Darum finde ich es so wichtig, dass man darüber reflektiert, sich positioniert, dies mit dem Kind bearbeiten kann und ihm auch zeigt, wie man selbst darüber denkt. Dann ist dem Kind schon ganz viel geholfen, glaube ich, ganz gleich, ob es dann mitmacht beim Wettbewerb oder nicht …

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