Feriengeschenke

Vorbei sind sie, die Ferien. Mein Kerzenteller, der mich durch die Zeit begleitet hat, spürt das; soeben ist die zweite von sechs Kerzen erloschen, den restlichen verbleiben noch wenige kurze Stündchen. Schnell ist die Zeit vergangen, die anfangs wie eine ewige, unberührte Decke vor mir gelegen hatte. Wie immer fühlt es sich am Ende zu kurz an. Doch wie viele Geschenke haben die Tage bereitgehalten …

… wie die Kinder sich bei allem Großwerden, bei aller pubertierender Scham doch dem Weihnachtsbaumschmücken nicht entziehen wollen; da werden sie plötzlich wieder zu Kindern. Nur eines hat sich verändert, wie der Sohn bemerkt: „Ich wollte gerade fragen: ‚Mama, kannst Du die Sterne da oben aufhängen?‘, da fiel mir ein, ich bin ja größer als Du.“ :) …

… wie ich am Geschenk meiner wilden fünften Klasse eine Karte voll liebevoll gestalteter blumen- und smilieverzierter Unterschriften finde, keine wie die andere – hej, Kinder, das hat mir die Tränchen ins Auge getrieben (was ich Euch morgen unbedingt gleich als erstes sagen muss) …

… wie wir allmählich in die Ruhezeit „zwischen den Jahren“, in unsere „Schlafanzugtage“ hineingleiten, mit viel Lesen, Puzzlen, gemeinsamem Musizieren, Spielen, Schreiben, Filmschauen, Basteln, vor allem aber: ohne irgendwelche Planungen …

… wie ich es endlich schaffe, meiner Sommerradtour wiederzubegegnen, weil ich erstmals Zeit habe, die Fotos richtig anzuschauen, wie ich dazu die Live-Blogposts wiederlese, mich in jeden einzelnen Tag zurückversetze, ihm Farben gebe und vor mich hinträume …

… wie ich auf einem Abiturjubiläumstreffen eingeladen bin, meine ehemalige Klasse wiedertreffe und wir in gute Gespräche finden – über erstaunliche Lebenswege mit Schleifen und Unerwartetheiten, die sich sehr gesund, eigenständig und selbstbestimmt anfühlen; einiges überrascht auch mich. In manchen Gesprächen darf ich weiterhin beratende Begleiterin sein, in manchen haben sich die Rollen schon umgekehrt – sie sind schließlich inzwischen FastlehrerInnen, FastärztInnen, DoktorandInnen, Ingenieure, Sozialarbeiterinnen, Weltreisende und Weltgereiste, Ehefrauen und -männer und ganz einzeln schon Väter. Erwachsen, wie man so sagt. Und doch hätte ich ihnen eines voraussagen können: „Wir dachten immer, mit 25 sei man erwachsen. Jetzt aber fühlt es sich gar nicht so an …“

… wie am Altjahrstag Schnee fällt und Glückseligkeit in unsere Augen zaubert …

… wie wir zufällig an Silvester den besten Film erwischen, noch nie hatte ich von ihm gehört, hatte ihn nur zufällig in der Bibliothek gegriffen: „Das Konzert“. Und während ich noch mit der Musik im Ohr und Tränen in den Augen dasitze, beginnt zum Abspann ganz andere Musik, mir aus der Kindheit bekannt, die Tochter juchzt auf, und kurz darauf tanzen und springen wir im Zimmer herum …

… wie ich den Sohn um Mitternacht dann sogar umarmen darf (die Tochter ja sowieso) und auch er kurz sehr still wird, weil ja nun das Jahr beginnt, in dem er weit weit weg gehen wird …

… wie mir an den ersten Tagen des neuen Jahres das Gespür für mich selbst zurückkehrt, und die Kraft, und die Schreibstimme, und so vieles, was mich nun auch durch die ersten Arbeitstage am Schreibtisch geführt hat …

… wie der Sohn so intensiv, so ergriffen von seiner Musik erzählt, derzeit sind es Prokofjewsonaten, wie er sie gedanklich zerlegt und versteht und seine Faszination teilen möchte – und am liebsten noch mehrere Kubikmeter weiterer Noten bestellen würde …

… wie die Kinder zu ihren Probentagen in der Musikschule gehen und immer freudeerfüllt zurückkehren, obwohl sie teilweise ganze Tage dort verbringen (ein unendliches Danke an ihre Lehrer übrigens, die sie dort mit Hingabe begleiten – und die ja eigentlich auch Ferien gehabt hätten) …

… wie ich – Zufall? – das Teetrinken sozusagen wiederentdecke und damit mein Bei-mir-Sitzen eine neue Dimension des Wohlseins hinzugefügt bekommt …

… wie ich in mehreren Büchern versinke und gar nicht mehr aufhören möchte mit Lesen …

… und immer wieder: wie ich dankbar bin für den Weg zum Cello hin, und jetzt mit ihm zusammen. Es vergeht kein Tag mehr ohne, und morgen ist die nächste Stunde:)

Danke.

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7 Kommentare

    1. Dies enthält sicherlich ein großes Körnchen Wahrheit. Ob es so ähnlich ist wie Brot, das dann, wenn man Hunger gespürt hat, zu etwas außerordentlich Köstlichem wird? Die Wahrnehmung des (scheinbar) Selbstverständlichen verändert sich erst, wenn die Selbstverständlichkeit in Frage steht. Ob das immer so ist?

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        1. Wir erlernen das wohl zuerst als Kind – was natürlich auch ein Segen ist, niemals hungrig gewesen zu sein, niemals (richtiges) Kranksein durchlebt zu haben. Den „Sprung“ in die Reflexion, dass dies ein alltägliches Geschenk ist, der ist – wenn er nicht abrupt durch eine Grenzsituation ausgelöst wird – doch sehr schwer, scheint mir. Sich von allein und freiwillig dem gedanklichen Verlust aussetzen … um sein Nichteintreten fortan – oder wenigstens temporär – als Glück zu erleben …
          (Oh, ich bin müde, nach dem ersten Schultag. Muss achtgeben, nicht in Worthülsen abzugleiten;-))

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          1. ich komme gerne auch erst morgen wieder, da mir gerade auch die Augen fast zufallen, bin seit 5h auf den Beinen und hocke an meinem Alphabet und dem Thema: Kommunikation … Klarheit ist angesagt, die ich gerade nicht mehr habe, weder hier, noch bei mir- aber ich komme gerne morgen wieder!
            schlaf gut-

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      1. Nun ist es doch Mittwochmorgen geworden, liebe Frau Rebis, bis ich wiederkam- nun denn …
        Im Buddhismus und in vielen anderen Philospophien und Techniken wird ja das Leben im Augenblick, sprich im Hier und Jetzt immer wieder angemahnt, weil die Endlichkeit immer im Raum steht- klingt immer so einfach, ist es aber eben nicht, weil wir dafür ständig alle sieben Sinne beisammen haben müssen, Präsenz für das, was gerade eben ist, sowie Offenheit für den Empfang. Wieder etwas, das ich (und andere wohl auch) ihr Leben lang üben dürfen. Ich kann nur sagen, dass es mal besser, mal schlechter geht-
        Interessant daran finde ich aber noch in Bezug auf die Kinder, dass ich ja immer wusste, dass sie einmal aus dem Haus hinausgehen werden und damit in ihr eigenes Leben, manchmal habe ich es auch herbeigesehnt, immer dann, wenn sich meine Erschöpfung breit machte (ich war ja über weite Strecken auch Alleinerziehende), als es dann aber soweit war, setzte noch etwas ganz anderes ein, das ich in dieser Kraft nicht erwartet hatte. Loslösung hatte ich mir einfacher vorgestellt.
        Herzensgrüsse an dich
        Ulli

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