WmDedgT 01/2017

Es ist kurz vor neun, als ich erwache. Erstaunlich, bleibt doch in den Ferien üblicherweise mein Alltagsrhythmus mit frühem Aufwachen bestehen, fast unverändert. Seit über 15 Jahren immerhin. – In diesen Ferien ist es anders. Abends zieht mich nichts ins Bett, und morgens nichts ins Erwachen. Ich staune, was sich wohl verändert haben mag?

Die Kinder sind zum Glück auch noch im Traumland (oder wie man das in der Pubertät nennt), und ich kann in Ruhe lesen. Ein neues Buch habe ich gestern begonnen, das x-te dieser Ferien. Dieses jetzt ist extrem dicht, ich lese ergriffen, schreibe halbe Seiten ab, schreibe ohnehin zwischendurch immer wieder Sätze und Absätze in meine verschiedenen Tagebücher (ja, mehrere!), und so vergehen die Vormittagsstunden. Kaffee und Kerzen sind natürlich auf dem Sofa mit dabei.

Als es im Haus unruhiger wird, kann ich mich in meine Gedanken nicht mehr so gut vertiefen, also wechsele ich zum Computer hinüber. Die letzten Sommerreisebilder befinden sich in einer Großsortierungs- und -beschriftungsaktion, dazu mussten also erst die Weihnachtsferien kommen. Während ich mich gedanklich der Sommertour hinterhererinnere, ertönt immer mehr Jungmenschenrascheln im Haus, sie scheinen den Weg aus den Betten zu finden, allmählich, die Uhr zeigt zwölf.

Während die Tochter dann Hunger zum Umfallen hat, klagt der Sohn, dass er so früh noch nichts essen könne, natürlich besteht keine Einigkeit über die Platzierung der Mahlzeiten im Tagesablauf, ist ja klar. Frühstück jedenfalls nennen wir es jetzt nicht mehr, es gibt gleich was Warmes – ein Mittagsessen zur Tageseröffnung also.

Es ist nach eins, gleich kommt unsere helfende Saubermachfee, und hier liegt und steht in allen Räumen alles rum …  das bringt uns erstmals an diesem Tag in ein gewisses Tempo. Im Tochterzimmer wirbeln wir schnell zu zweit, damit Boden, Tischfläche und Bett wieder sichtbar werden. Insbesondere letzteres scheint Tochters Wohn- und Speiseort der vergangenen zwei Ferienwochen gewesen zu sein, es gibt nichts, was es in diesem Bett im Moment nicht gibt. Vielleicht bin ich ja eine pingelige Mutter, aber in der Speisedeko auf dem Laken mag ich mein Kind nicht länger schlafen lassen, ich überzeuge sie vom Bettwäschewaschen, jetzt sofort. Wir ziehen also ab und schleppen alles – die Wäschekörbe der letzten zwei Wochen auch gleich – in den Keller. Also nun doch eine Wäsche während der Raunächte …

Schnell noch die Küche aufräumen, die Garderobe umsortieren, und von all dem Zoix, das sich immer von allein im Flur abstellt, kann dies und das gerade in die Garage. Und wenn wir schon dabei sind: die Stiefel, mit denen wir im Dezember unseren Weihnachtsbaum aus dem Wald geschleppt haben, sind immer noch nicht von den Erdbrocken befreit, ich mache mich daran und fühle mich beim Freikratzen der Sohlen wie früher in der Schule im Kunstunterricht, Linolschnitttechnik.

Während ich so meditativ an den Furchen herumpfriemele, ertönen laute Schreckensschreie aus dem Tochterzimmer. Es stellt sich heraus: All das Gekramse kam sich gegenseitig in die Quere, irgendwer hat Kisten und Kuscheltiere vom Boden direkt auf die frisch kreierten Acrylfarbbilder auf dem Schreibtisch gestellt. In ihrem Schreck stellt die Tochter eine acrylverbuntete Kiste gleich noch auf den Schreibtischstuhl und kommt mir mit der bäuchlings blaugrünen Robbe entgegengelaufen – oh je. Das ist nämlich meine Robbe :(  Und überhaupt schreite ich mal lieber ein, damit sich die farbenfrohe Verzierung nicht noch auf Teppich, Wänden, Türen und dem Cello wiederfindet. Alles in die Badewanne gestellt, die Tochter getröstet, dass die Bilder jetzt eine ganz eigene Note haben und immer noch toll aussehen, dass sie sie zum weiteren Trocknen dann doch lieber in den Keller bringt, das Schrubben der Robbe begonnen. Naja, Acryl ist Acryl. Sie wird von nun an einen bläulich-grünen Bauch haben, Spuren des Lebens eben. Immerhin lebt sie schon 26 Jahre bei mir, da darf sie ruhig vom Zusammenleben mit uns gezeichnet sein:)

Auf den Schreck einen Tee, und überhaupt überlasse ich das weitere Saubermachen den helfenden Händen und ziehe mich in ein paar weniger gefährliche organisatorische Tätigkeiten zurück. Zahnarzttermin machen, für alle drei. Schreibtischablage mit abzuheftenden Dokumenten vorsortieren – sie quillt über, was auch kein Wunder ist, da ich dies letztmals im Frühjahr gemacht haben muss, am Alter der Papiere leicht abzulesen. Morgen soll das in die Ordner kommen, für heute ist es zu viel. Aber die Krankenversicherung und Beihilfe könnte ich noch beginnen. Oder doch nicht, ich steige in meiner Sortierung nicht durch, da hat sich auch zu viel angesammelt, ich vermisse die letzte Versicherungsabrechnung, es wird kompliziert, ich mache das morgen in Ruhe. Aber drei Überweisungen schnell noch erledigen, ich frage mich, wo die Mahnungen bleiben – oder ob ich selbst die schon verbummele? Batterien in den Wanduhren wechseln – die haben sich doch alle verabredet, dass sie seit Tagen je individuell spinnen? Wäsche in den Trockner, Bibliotheksverlängerung und drei kurze Mails.

Die Tochter ist mittlerweile zur Probe in der Musikschule, der Sohn füllt das Haus mit Prokofjew-Sonaten, und ich überlege kurz, ob ich jetzt ein bisschen Schule …? Nein, doch lieber weiter mit den Fotos. Ja, doch, die Fotos sortiere ich noch fertig. Hach und seufz, so viele Erinnerungen kommen. Mein Reisesommer war einmalig und unglaublich.

Nebendran liegen nur immer anpochender die Schreibtischstapel, ich bemerke erstmals in den Ferien aufsteigende Unruhe. So vieles ist liegengeblieben, eben weil wir uns die Zeiten so gemächlich gestaltet haben. Und nun droht es mich innerlich zu irritieren. Ich will das aber nicht. Nicht jetzt jedenfalls. Und tue das, was auf jeden Fall hilft: Ich greife zum Cello. Ein Wundermittel, alle Unruhe verschwindet, Ton um Ton um Ton.

Kurz vor acht ist die Tochter wieder da, wir essen. Beziehen anschließend noch ihr Bett, hängen bei der Gelegenheit gleich ein Plakat auf, welches schon Wochen darauf wartet, schauen nach der Robbe – immer noch blaugrün:( – und nehmen uns dann einen der letzten Bibliotheksfilme vor: Der Himmel über Berlin. Ist aber doch nichts für die Kinder, sie ziehen sich bald zurück, so dass auch ich ausschalte, ich kann ihn ja später allein zu Ende schauen. Anderntags.

Denn jetzt setze ich mich mit einem Tee aufs Sofa, lese ein wenig in Blogs herum, schreibe (das jetzt hier:)) und werde anschließend noch lesen.

Bis die Augen zufallen …

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

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6 Kommentare

  1. Oft, wenn ich deins so lese, kommt mir ein wunderbar bunter Alltag entgegen, erfüllt von Wäschestapeln, Celloklängen und Kerzenglanz.
    Ich lebe bis heute in manchen Tagen am liebsten im Bett, lese, schreibe, esse und trinke dort, ja, sogar Briefe werden hier geschrieben, Tagebücher sowieso (ich habe auch mehrere und dachte immer, das geht nur mir so- schön, dass es anders ist!), und dann kommt der Moment an denen ich das Bettzeug abziehe und wieder in die Welt gehe, wie jetzt gleich, ich will Winterbilder fangen-
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, mit Kindern wird es bunt – und die Möglichkeiten für Betttage sind nicht mehr so gegeben. Schlafanzugtage aber immerhin schaffen wir, gerade in den Weihnachtsferien. Da ist dann das, was bei Dir das Bett, bei mir das Sofa:)
      In meine Tagebücher schreibe ich sogar mit unterschiedlichen Stiften, weil die Papiersorten so verschieden sind, und weil … ähm … es eben einfach so sein muss:)
      Ich grüße Dich herzlich, von Winterwelt zu Winterwelt.

      Gefällt 1 Person

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