WmDedgT 11/2016

Der Wecker klingelt kurz nach sechs. Obwohl ich sicher auch ohne aufgewacht wäre, heute dürfen wir nicht verschlafen, der Sohn hat später ein Seminar, zu dem ich ihn bringen muss. Vorher, bevor ich ihn wecke, möchte ich meine Morgenruhestunde. Heute lesend, viel lesend, ich lasse mich gerade durch mehrere Bücher gleichzeitig treiben.
Kurz nach sieben schüttele ich ihn aus dem Bett, er muss vor der Abfahrt noch packen. (Nur Menschen, die das Chaos nicht bewältigen, tun dies schon am Abend.)
Frühstück und letzte Dinge in den Ruchsack werfen, morgenmuffliger Frühstückstalk, die Tochter darf hier bleiben und schläft weiter. In Anbetracht der möglicherweise WLAN-freien Zeit, die vor ihm liegt, zappt er noch schnell das Internet leer, ich quengele, wir kommen fast zu spät. (Dass es ja eigentlich sein Termin ist, muss ich auch noch lernen.)
Hinaus in die Regenwelt, brrr, unvorstellbar, dass wir vor vier Tagen noch durch goldene Herbstwälder wanderten, schnell ins Auto und weg.

Seminarorte liegen gern in abgeschiedenen Gegenden, da bot sich wohl unsere Ecke an. Jedenfalls: Eine so kurze Anfahrt hatten wir selten. Halb zehn sind wir da, andere Jugendliche und ihre Eltern auch. Bevor wir wieder fahren, gibt es einen Vortrag für uns, sehr informativ, spannend erzählt – und ich hatte mich schon wegen des dort abzusitzenden Vormittags gegrämt. War ja gar nicht schlimm:) Im Gegenteil, alles steht sehr plastisch vor uns. Morgen werden wir erfahren, wie es dem Sohn dort erging, und was sich letztlich ergibt. (Ich weiß noch nicht mal, welches Ergebnis mir lieber wäre.)

Mittags sind wir wieder zu Hause, die Tochter ist inzwischen aufgestanden, hat alle Hausaufgaben für die nächste Woche gemacht, für die Mathearbeit gelernt, das halbe Zimmer aufgeräumt und 37 (von etwa 50) Kuscheltieren als weggebenswert aussortiert. Beim Mittagessen plaudert sie vor sich hin, dass es eigentlich ganz cool ist ohne Fernseher zu leben, und dass sie erst, seit sie mit dem Handy nicht mehr ins Internet kommt, merkt, wie langweilig das doch dort ist, und wieviel Zeit sie jetzt hat, und dass sie eigentlich ganz gern Mathe lernt. Aber auch den Roman möchte sie mit ihrer Freundin bald weiterschreiben. Von der E. könne man richtig schreiben lernen.
Huch? Man lässt das Kind ein paar Stunden allein und bekommt es um Jahre gereift zurück? Was ist hier los?

Mittagsruhezeit muss heute leider ausfallen, der Schulschreibtisch ist noch zu voll. Bis vier Uhr rödele ich vom Berg weg, was geht. Physik für die nächsten Wochen, Experimente und Schülervorträge planen. Mailen mit Kolleginnen wegen diesem und jenem, zwei Schülerinnen brauchen Vortragscoaching, ein paar Mails gehen hin und her, einer meiner Fünfer schreibt wegen des Wettbewerbs, die Elftklässlerin und eine Mutter auch. Die Steuergruppendokumente schaffe ich nicht zu lesen, aber lege sie wenigstens mal ordentlich als Datei ab. Die junge Kollegin fragt an ob, die Coklassenlehrerin wann, der Kollege sagt zu dass. Ganz schön was los an unseren Schulschreibtischen am Samstagmittag, denke ich so.

Um vier machen wir uns Kaffee und – nein, kreisch: wer hat das denn gekauft? – Stollengebäck. Ich kann das noch nicht essen. Na gut, doch, ein winziges Stück. Kaffee pur ist für unter der Woche.
Danach, es wird draußen dunkel, darf der Schreibtisch ruhen, ich möchte noch ein wenig aufräumen. Wobei „aufräumen“ zu einfach gesagt ist. Eine Hausentschlackung, initiiert von der Tochter und mir. Aufräumen ist nur ein Aspekt dabei. Viele Antriebe spielen mit hinein, vor allem wohl die Erfahrung meines spartanischen Lebens des Sommers, dass hier Zoix – materielles, terminliches, virtuelles, digitales – en masse blockiert, was frei im Raum sich bewegen möchte. Seit zwei Wochen also haben Tochter und ich uns das zum Thema gemacht: Entschlacken. Sie hat ihren Teil für heute schon erledigt, ich suche mir noch meine Ecke. Der Keller wird es, dort ist dankbarer Boden für raumöffnende Tätigkeit. Ich schaffe, bis der Magen in der Kniekehle hängt, gut tut das. Sichtbare Leere. Fühlbare Erschöpfung.

Ein gedeckter Abendessenstisch, es ist acht, wie gut, dass wir nicht auf die Uhr schauen müssen, weil morgen Schule ist. Die Tochter ist in Gesprächslaune. Sie würde ja dafür sein, dass alle Menschen gleich würdig leben dürfen. Sagt sie so vor sich hin, während sie Käse auf ihr Brot legt. Oh ja, ich auch. Und dann erzählt sie, was sie über Südafrika gelesen hat, und über den Trump, und was sie gut und was bescheuert findet. Ich kann ihr nur zustimmen.

Schlafenszeit für sie, ein paar Abendruhestunden für mich. Gerade überlege ich noch, ob ich eher nähen möchte (also: reparieren, so mit Nadel und Faden, ein T-Shirt, eine Tasche, eine Mütze warten) oder endlich die Radreisebilder sortieren, oder einfach nur lesen? Als die Freundin anruft, die längste, beste. Der Abend wird Gespräch, und was für eines.

Ein guter Tag, an dem ich nicht in Minuten, nur in ganzen Stunden, und auch nur so ungefähr über meine Zeitverbringdinge Bescheid weiß. Es hat keine Uhr im Hintergrund getickt, und der Erlebensraum war reich. Was will ich mehr.

Andere Was-machst-Du-eigentlich-den-ganzen-Tag-Beiträge gibt es bei Frau Brüllen.

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10 Kommentare

  1. „Entschlacken“ ist das Zauberwort. Schön, dass ihr so viel geschafft habt. Das täte meiner Wohnung auch mal gut. Kleidung hab ich schon weggegeben, aber vieles anderes wartet noch auf Entsorgung oder Verschenkung. Und dann so ein Telefongespräch als Abschluss … das klingt nach einem gelungenen Tag/Abend.
    Guten Morgen und einen schönen Sonntag.

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    1. Mich beflügelt das Ausräumen gerade sehr. Ich glaube, es ist ein Wechselspiel von Innerem und Äußerem. Und es ist lang schon „dran“.
      Nun ist der Sonntag schon vorbei – ich hoffe, Deiner war schön, auch ein wenig. Für die nächste Zeit alles Gute Euch, viel Kraft!

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  2. Ich weiß schon, warum ich bei dieser Blogparade nicht mitmache. Weil es nur zwei-drei Dinge sind, ich schrübe.
    Mehr tu ich in der Regel nicht. Nun gut, vielleicht fünf, wenn Spülmaschine ausräumen und Wäsche hängen auch zählen.
    Vielleicht hab ich ja schon „entschlackt“? Oder umständehalber weniger Pflichten. Oder ich bin ein fauler Mensch.
    Aber sooo viel wie du ginge bei mir nie und nimmer.
    Jetzt weiß ich aber nicht, ob ich darüber traurig oder eher froh bin.

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    1. Es ist ja kein höher-schneller-weiter, kein Wettstreit des Am-meisten und Am-schnellsten. Ich glaube ja, letztlich sind wir alle gleich und durchleben unsere Stunden.
      Was ich davon aufschreibe, ist gefiltert, so wie bei allen. Was für wen jeweils erschöpfend ist oder nur so wirkt, wer wieviel Kraft in was stecken will oder muss, wer überhaupt wieviel Kraft zur Verfügung hat (was ist das überhaupt?), wer bei all seinen Dingen Hilfe bekommt und wer nicht – wer wollte all das vergleichen?
      Wenn für mich Kellerregal aufräumen unendlich viel leichter ist als biographische Schreibarbeit, und finde sie auch „nur“ im Kopf, im mental-meditativen Vorbereiten statt – wer wollte das bewerten? Und wer tut es?
      Ja, mich interessiert tatsächlich, wie andere Menschen ihre Tage verbringen, um mich hineinzufühlen, mitzuleben. Aber nicht um meines abzugleichen. Froh oder traurig, dass es ist wie es ist? Nein, nichts von beidem. Es ist wie es ist.

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  3. Dein Tochter ist einen Hutzieher wert, wenn nicht gleich drei! Und Entschlackung steht hier auch mal wieder an – im Winter werde ich mich durchwühlen, zumal ich ja auch im Mai umziehen will und ich werde einen Teufel tun und das ganze Zoix mitnehmen!
    Insgesamt aber geht es bei mir doch etwas gemächlicher zu, wobei es immer drauf ankommt, ob ich gerade wieder in einem Kochturnus stecke oder meine Zeit für die freie Einteilung habe …
    liebe Grüsse an dich
    Ulli

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    1. Wir sind seit zehn Jahren nicht umgezogen, und ich fand Aus- und Wegräumen so lange überflüssig wie das riesige Haus groß genug wa:) Nun hat sich so manches angesammelt, und für meine innere Befindlichkeit wird es notwendig, etwas in die Hand zu nehmen. Es war fast meditativ, wie ich gestern an diesem Kellerregal werkelte. Man räumt ja nicht nur im Äußeren auf … ich glaube, dieser Entschlackungsprozess wäre ein lohnendes Thema zum Bloggen. Für mich selbst wenigstens, weil ich so genau hinschaue und so vieles dabei durchlebe, augenöffnend.
      Einen sehr lieben Gruß an Dich!

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