Krautheim – Zuhause (#3wegsam36)

Am Abend und am nächsten Morgen vom gerade noch gewesenen Unterwegssein erzählen, das ist schon Übergangsschreibe, das fühlt sich schon anders an. Statt im Zelt sitze ich beim Tippen auf einem Stuhl, statt der baldigen Weiterfahrt habe ich beim Erinnern den Schulstart vor Augen, statt eines auf Fortsetzung hinzielenden Textendes sollte es nun … ach Quatsch, gar nichts sollte es. Das ist ja mal die erste Reiselehre: Die Solls dieser Welt sollen nicht mehr so viel Macht über mich haben. Hihi, „sollen“, schreibe ich. Besser vielleicht: „sollten“ oder „mögen“. Einer der Wünsche, die ich von der Reise mitbringe. Derlei Dinge gibt es etliche. Doch zunächst erzähle ich den letzten Radtag, den letzten Tag des physischen Unterwegsseins.

Es fühlt sich richtig an, heute anzukommen. Ich bin satt vom Reisen, ohne übersättigt zu sein. Ich bringe genug Dinge mit für ein Jahr. Ich fühle mich rundum ruhig genug, um ab übermorgen wieder Schul- und Workingmum-Alltag zu leben.
Bei aufgehender Sonne sitze ich im Zelt und betrachte liebevoll das bunt durcheinandergewürfelte Chaos der Dinge um mich herum. Dies war nun wochenlang meine Heimat, ich mag diesen Anblick im speziellen Zeltlicht und fotografiere ihn zum Abschied. Beim Packen – schon nicht mehr ganz so geordnet, außer dem Essen muss ich kaum noch etwas finden – habe ich keine Eile, denn ich kann abends getrost in die Dunkelheit hineinfahren, und ich kenne den Weg. Ein letztes Mal das Zelt abbauen. Nein, nicht ganz, am Abend oder in den nächsten Tagen wird es noch im Garten eine Heimstatt finden. Und ich werde noch in ihm schlafen, bevor der Winter kommt …

Los geht es, auf die bekannten Wege. Dass ich doch nicht jede Ecke und jede Kurve wiedererkenne, beruhigt mich selbst ein wenig, es war mir schon unheimlich, wie sich das alles eingebrannt hat. Was mich aber heute ständig überflutet, ist das gute Gefühl vom ersten Tag, wie wir mit dem Sohn so schnell in ein so vertrautes Reise“verhältnis“ kamen, wie beschenkt ich mich von den ersten Stunden an fühlte, dass das – Pubertät hin oder her – so möglich ist.
Am Biergarten des ersten Abends, in Kloster Schöntal, halte ich an, möchte einen Kaffee trinken. Es ist noch vor 11, noch nicht geöffnet, man verkauft mir mürrisch trotzdem einen. Na gut, auch unfreundlicher Kaffee kann schmecken.
Auch einer Eispause in Möckmühl, wie damals rettend bei über 30 Grad, kann ich nicht widerstehen. Erst die Essenspause in Bad Wimpfen lasse ich aus bzw. verlege sie, man muss ja nicht alles wiederholen:)

Vor Bad Wimpfen aber liegen viele Kilometer sommerheißer Fahrt. Unglaublich, dieser September. Von äußeren Dingen der Strecke kann ich nicht viel erzählen, der Tag passiert vorwiegend in meinem Kopf.
Antizipiertes Ankommen. Gedanken über das Mitbringenswerte. Warum mir zum Beispiel die kommende Woche und vor allem der volle Mittwoch in den Sinn schießen, inklusive einem winzigen Vorab-Sorgegefühl, wo ich doch hier auf Reisen niemals – NIE! – mir auch nur den Hauch eines Gedankens gemacht habe, ob und wie und wann ich in vier Tagen einkaufen, essen und schlafen werde.
Die innere Das-kann-man-nicht-vergleichen-Stimme bekommt von mir ein Doch. Ein sehr zuversichtliches Doch. Da geht was, da lässt sich doch mental etwas einrichten. Heute ist noch nicht kommende Woche, heute ist noch nicht der volle Mittwoch, das ist das Wichtigste. Tritt für Tritt für Tritt lautete die Ereigniskette der Reise. Die Dinge des Alltags lassen sich vielleicht auch auf eine Kette fädeln, so dass sie Schritt für Schritt für Schritt geschehen dürfen?
Nächste Übung: Die Schulbrote für Montag fallen mir ein, und in dem Zusammenhang der vermutlich leere Kühlschrank zu Hause. Vor drei Wochen, als hier alle abfuhren, hat ja sicher niemand vorsorgend schon daran gedacht. Die Übung ist leicht, als ich gegen vier Uhr dran denke, weiß ich sofort, dass ich bis sieben Uhr Zeit habe, um unterwegs einzukaufen. Und dass wenn nicht, es auch Sonntagslösungen geben wird.
Gedankensplitter zu Schulfragen. Was da alles in der Mailbox stehen müsste. Mein Bauch weiß sofort, dass ich das jetzt noch nicht möchte, dass ich all das auch nicht mit dem Ankommen vermischen möchte, also überredet er den Kopf, die Schulmailfächer, also den Computer überhaupt, erst am Sonntag Abend zu öffnen. Der Tag davor wird dem Ankommen gewidmet sein. Bloß gut, merke ich da, dass ich doch nicht erst am Sonntag heimkehre. Mir würde dieser sanfte Übergang fehlen.

Am späteren Nachmittag kommt Bad Wimpfen in Sicht, es liegt ja hoch genug, um über Kilometer sichtbar zu sein. Vorher fließt der Neckar, tief unten natürlich. Schiebearbeit von dort hinauf bei immer noch über 30 Grad. Und noch etwas höher, irgendwo hinter Bad Rappenau stehe ich am höchsten Punkt der Tagesstrecke und weiß, dass ich nun nur noch hinabrollen muss. Von ein paar kleineren Anstiegen, die ein Hügelland eben ausmachen, mal abgesehen.
20 oder 30 Kilometer bis nach Hause, ich rolle schnell, kaufe ein, telefoniere, und sehe dann, dass ich tatsächlich in die Dunkelheit hineinfahren werde.
Nicht gerade angenehm, das Dunkel ängstigt mich. Zum Glück kenne ich die Wege von hier aus. Weil die Radwege aber so verwinkelt und noch dunkler sind (und voll kleiner ständig in die Augen fliegender Insekten), weiche ich öfter auf die Straßen aus als ich es im Hellen tun würde. Die dunklen Wege ziehen sich. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das doch so unheimlich wird …

Ganz genau um neun Uhr stehe ich vor dem Haus, sogar den letzten Berg ohne abzusteigen geschafft:)
Das Haus steht noch und empfängt mich diesmal nicht mit Wasserrohrbruch. Die Taschen und ich trennen uns vom Radl, als ich es in die Garage schiebe, streichle ich es liebevoll und bedanke mich. Du warst großartig!
Die Taschen dürfen noch ein wenig bleiben, als Behältnis meine ich. Auspacken ist erst später dran, vielleicht morgen oder übermorgen, Abschied in Häppchen. Doch, nun bin ich traurig. Gut-traurig, mit einem erfüllten Gefühl.
Ich öffne ein paar Rollläden, finde im Kühlschrank Proseco (großartig!), verwerfe den Plan, im Garten zu zelten, zugunsten einer nicht ganz neuen, aber lange nicht erfahrenen Schlafensweise: Unter freiem Himmel. Ich baue mir ein Bett auf der Terrasse, trinke im Abenddunkel meinen Prosecco und lege mich dann unter die Sterne.
Gut.

Ach ja, und die Zahlen habe ich schön:
Genau 6 Wochen und 36 Stunden war ich unterwegs. Darunter waren 36 Radeltage.
Der letzte Fahrtag fügt sich in den Reigen der schönen Zahlen ein: 99,11. Nur die Gesamtzahl, die hat zwar eine 63 = umgedrehte 36 nach dem Komma, aber vorne, die 2510 ist nichtmal durch 6 teilbar. 10 mehr, und es wäre durch 36 teilbar gewesen. Ich hätte nochmal ums Dorf fahren sollen …
(Sorry. Mit Zahlen spiele ich einfach gern.)

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5 Kommentare

  1. Ein langer Weg war’s. Deine Schreibdisziplin (oder eher -lust?) bewundere ich ja nach wie vor. Wobei ich unser Familienreisebuch seit einigen Jahren auch immer morgens beim bzw. nach dem Frühstück schreibe. Abends bin ich zu müde dafür.
    Danke, dass Du uns auf dem Gepäckträger und der Lenkerstange mitgenommen hast.
    Ob mich meine Junges so lange reisen ließen – ich glaub‘ nicht.
    Gutes Ankommen im Alltag und bewahre Dir den Blick der Reisenden für den Alltag. Denn ist nicht das ganze Leben letztendlich eine Reise, jeder Moment neu und noch nicht gelebt, jede Begegnung voller Potential…?

    Gefällt 1 Person

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