Geslau – Krautheim (#3wegsam35)

Was soll ich sagen, mir ist, als ob sich alles am heutigen Tag zu einem fulminanten Finale verabredet hätte …

Ich erwache mit dem Blick in die aufgehende Sonne, durch Schilf hindurch, und werde bald von der Wärme aus dem Zelt getrieben. Und das im September. So manch Juli hatte nicht diese Kraft. Erstmals seit Tagen packe ich ein trockenes Zelt ein, Sonne und Wind vermögen das schon am frühen Morgen.
Kurz vor der Abfahrt spreche ich mit einem Radlerpaar, von Trier sind sie nach Venedig unterwegs, und bekomme Tipps für den Weg nach Rothenburg. Über die stillen Dörfer seien sie gefahren, da sage ich nicht nein.

Dort dann, dort auf der ansteigenden Straße ist es wirklich still, und flimmernd schon fast in der Morgenwärme. Es geht hinauf zur Wasserscheide. Und wieder ist kein Hinweisschild angebracht, ein solches, wie ich es von Autobahnen kenne, das hätte ich gern auch auf Radwegen. Woher soll ich sonst wissen, ob ich schon drüber bin? Woher vor allem aber soll ein heranfliegender Wassertropfen wissen, ob er auf diese oder jene Seite fallen soll, ob er also ins Schwarze Meer oder in die Nordsee wandern wird? Im Ernst: ein winziger, zufälliger Windhauch, und dem Tröpfchen wird plötzlich ein gänzlich anderes Leben zuteil als ohne den Hauch. Ist das in unserem Leben nicht auch zuweilen so?
Auf der Wasserscheide also. Ich schwitze beim Hochfahren. Noch mehr aber schwitzen die, welche von der Rothenburger Seite kommen, von dort ist es tatsächlich ein langer steiler Anstieg. Drei Frauen treffe ich oben schweißgebadet, ich überbringe die frohe Botschaft, dass sie es nun gleich geschafft haben. Außerdem erwähne ich die hinweisschildlose Wasserscheide, und siehe da, sie wissen gar nicht, was das ist, ich erkläre, und sie bedanken sich:)

Hinabsausen nach Rothenburg. Immer noch bin ich in der Gegend der rasenden, heulenden, quietschenden Fahrweise, es nervt, echt. Ich werde ein paarmal heftig geschnitten, und wenn man hinter mir zum Überholen wartet, dann erfolgt dieses schließlich mit aufjaulendem Motor. Warum ist das hier so?
Es mag auch an der Enge der Stadt liegen. Der Verkehrsfluss ist nicht gerade günstig geregelt, da muss man sehen, wo man bleibt, vielleicht deswegen. Ich flüchte in die Fußgängerzone, die ist ebenfalls überlaufen, voll und voller, man spricht japanisch und amerikanisch, man posiert und selfiet, och nee, eine solche Stadt ist nicht zum Verweilen gut. Eine Bäckerei, einen normalen Lebensmittelladen suche ich vergebens, die Übertouristisierung stößt mich ab, ich mag weg. Noch schnell einen Blick in die Kirche mit ihrer Atmosphäre, ihrer Kühle werfen. Davor sitzt eine Mutter mit Sohn und Jakobsmuschel. Sie passen erst auf mein Rad auf, und dann reden wir lange. Es finden sich auch in solchen Orten Juwele …

Hinaus aus Rothenburg, hinab zur Tauber, die ich kaum sehe, deren Tal ich diesmal keinen Meter entlangfahre – obwohl mich kurz Anstrengungsprokrastination verlockt: noch ein paar Kilometer tauberabwärts, und dann erst auf die Anhöhe? – ich steige dann doch gleich auf. Etliche Höhenmeter, ich weiß nicht wie viele. Es ist die Höhe, die wir am zweiten Reisetag überwinden mussten, um von der Jagst zur Tauber zu kommen. Von der anderen Seite her ist es nicht weniger hoch. Und steil. Ich schiebe, ich keuche, es ist heiß. Und doch, ich bin irgendwann oben.
Was für ein Land! Was für eine Entdeckung! Ich wusste das nicht, dieses Hohenloher Hochland (oder wie es „richtig“ heißt), das ist eine Traumlandschaft. Verschlafen und verträumt, sanft wellig, immer die Weite in Sicht, Felder und einzelne Bäume, Baumreihen, es wirkt südlich, einige Dörfer sind eingesprengselt. Und kein Mensch dort oben. Doch, eine Handvoll Radelnde. Aber eben: wenige. Hier verlaufen einige überregionale Wege entlang. Der Paneuropäischer Radweg, der Burgenradweg, ein Hohenloher Radweg. Merken zum später ausgiebig befahren, denke ich so.
Und treibe dahin. Es geht auf und ab, ich komme durch Dörfer, dort würde ich gern länger verweilen. Der Geschichte der geschnitzten Fensterrahmen lauschen, die Historie, das Geschehene aus dem Seienden herauslesen, den Altersspuren der Gemäuer beim Weiteraltern zuschauen. Ich bin fasziniert über diese Landschaftsneuentdeckung. Und gar nicht so weit von mir zuhause. Ich ahnte ja nicht.

Ich verbringe Fahrstunden in wirklicher Begeisterung, könnte ewig hier oben bleiben. Aber die Weiterfahrwelt ist von Flüssen durchfurcht, auf einer Hochebene komme ich nicht heim, also Abfahrt. Um ehrlich zu sein: von der Gegenrichtung her möchte ich diese Steigung nicht bewältigen müssen.
Unten. Die Jagst. Unser Flusstal des ersten Tages. Das ist schon fast wie zu Hause. Ich könnte von hier am Wasser entlang heim kommen. Wobei, dies kann man natürlich immer, sobald man nur an einem fließenden Gewässer wohnt und sich an einem anderen befindet. Notfalls über Gibraltar:) Aber hier könnte ich es tatsächlich, immer an Flüssen entlang. Ich bräuchte nur einen Tag mehr. So aber werde ich morgen wieder abkürzen und über eine Anhöhe fahren.
Im Jagsttal, im Tal des Reisebeginns. Ein paar Kilometer brauche ich noch, dann stehe ich an der Ecke, wo wir vor sechs Wochen – ja, genau, morgen vor sechs! Wochen – abgebogen sind nach Norden, um in Richtung Berlin zu fahren.
Kurz vor fünf schließt sich in Dörzbach der Kreis, ich bin einen vollständigen Ring gefahren und muss nun nur noch die Aufhängung dieses Rings ans Zuhause zurückfahren.
Nun geht das mit den Erinnerungen los. An jeder Ecke: Hier haben wir angehalten. Hier haben wir den Mann gefragt. Hier haben wir fotografiert. Es hat sich alles ins Gedächtnis eingebrannt. (Ob das mit allen Reisetagen so ist?)

Krautheim. Zelten unten am Fluss, oder oben in 80 Höhenmetern auf einem Bauernhof. Klar, was näherliegt. Allein, ich finde den Zeltplatz nicht. Kein Zelt zu sehen, und an der angegebenen Adresse ist Ort, Bushaltestelle, Stall und Häuser. Zurück zur Wiese, dort frage ich einen Liegeradfahrer. Ob er auch den Platz suche. Nein, er sei hier aus der Nähe, wisse aber, dass hier gelegentlich Zelte stünden. Aber wenn das nicht möglich sei, er habe sein Auto in [nichtweitvonhier] stehen und könne mich mitnehmen, irgendwohin bringen. Wie nett, ich bedanke mich, meine aber, dass ich schon noch einen Weg finde. Und tatsächlich. Der Zeltwirt lässt sich im Dorf auftreiben. Alles, alles hier könne ich benutzen. Die gesamte Wiese, unten am Fluss auch, bis dahinten, fast bis zum nächsten Dorf, ich solle mir aussuchen.
Gar nicht so einfach. Ich entscheide letztlich nach dem Ort mit dem lautesten Flussrauschen, mit Wasserzugang. Auch wenn ich es am Abend nicht mehr schaffe zu baden, es wird bald dunkel, ich koche noch gerade bei Tageslicht, bin ich hier wunderbar gelandet. Ganz allein in einer riesigen abendroten, später dunklen Welt.
Ich gebe aber zu, als es dunkler wird, werden mir die Geräusche unheimlich. Ich bin ja wirklich weit weg von allen anderen Menschen, bin ganz allein. Aber. Ein Drangewöhnen wird ja wohl machbar sein. Wenn ich nur auf den Mond schaue, und das tue ich den Abend lang, dann fühle ich mich schon weniger allein und weniger ängstlich. Also.

 

Advertisements

5 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s