Breitenfurt – Geslau (#3wegsam34)

Wie die einzelnen Tage so unterschiedlich sein können, fällt mir als erstes ein, als ich von diesem erzählen möchte. So anders, so grundverschieden zum vorherigen und zu allen der letzten Woche. Wie im Leben, denke ich gleich dazu, wie sich die einzelnen Tage des Alltags ja auch unterscheiden.
Das so andere, was diesen Tag von allen vorhergehenden unterscheidet, ist ein Gefühl des Befreitseins. Ich weiß zunächst gar nicht so recht wovon, spüre nur vom frühen Morgen an ein inneres Fliegen, das abgeschüttelt hat, was in den letzten Tagen für Bodenhaftung gesorgt hat. Nun, das klingt vielleicht zu gewaltig, gemeint ist Fliegen versus Bodenhaftung nur in einer sehr sanften, fast unmerklichen Form.
Die Gedanken an die bisherigen Abschnitte, an die noch vor mir liegende Strecke sind weg. Auch der leichte Selbstvorwurf, dass ich hier durch dieses Altmühltal rase, fast ohne nach rechts und links zu schauen. Das Planenmüssen oder -wollen, ob ich denn bis Samstag zu Hause sein kann, hat sich aufgelöst. Und der Groll über die entgegenkommenden Radler, ich kann sie heute gut ignorieren. Auch die Ohrwürmer, die sich in mir singen, was ja eigentlich gut ist, die aber mit dem Treten automatisch immer zum Marsch geraten, auch die werden stiller, weniger leierkastenhaft. Ganz schön viel los gewesen in meinem Kopf in den letzten Tagen. Heute nun fahre ich ein wenig, als wenn es ein erster Tourtag einer ersten Radtour meines Lebens wäre, einer ziellosen noch dazu, so vielleicht kann ich es am besten zusammenfassen.

Urlaub hin oder her, ich wache um fünf Uhr auf, wie so oft in den letzten Tagen, ich bin rundum ausgeschlafen. So soll es zu Ferienende sein. Ich wache also früh auf, lese und schreibe eine Stunde vor mich hin, fühle mich dann aber aufstehenwollend. Der Zeltplatz ist so leise, dass ich mich mit dem Packen und Anziehen fast als Lärmstifterin fühle. Mir fällt in dieser absoluten Stille auf, wieviel von meinem Zeugs ich in knisternden Plastiktüten verpackt habe. Interessant. Ich gebe mir beste Mühe, trotzdem geräuscharm zu bleiben. Und mache mich für meine Verhältnisse außerordentlich früh auf den Weg, es ist kaum acht.

Hach, wie wundervoll, an diesem nebligen Morgen so früh auf dem Weg zu sein. Er ist morgendunstverhangen, still, leer, ich bin allein, die felsige Talwelt bettet mich in ihren Zauber. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dies eine meiner eindrücklichsten Reisestunden war. Vielleicht schafft diese auch die Ruhe in meinem Kopf. Und vielleicht sollte ich öfter so früh aufbrechen.

Pappenheim, die Stadt zur Redewendung, ich hatte ja keine Ahnung, dass es diese gibt und was es damit auf sich hat. Nun weiß ich ein wenig mehr. Es gelingt mir allerdings nicht, mich auf den Markt zu setzen und meine Pappenheimer zu beobachten, es sind einfach noch keine Leute auf der Straße:)
Kurz danach hört das starke Mäandern des Wegs, bei dem ich nie wusste, ob ich nicht aus Versehen die Richtung umgekehrt habe, auf. Das schmale Tal ist zu Ende, die Altmühl fließt nun unscheinbar in einer weiten Ebene. Welch plötzlicher Wechsel des Bildes um mich.
Mich erfreut der, ich mag Ebenen und ihre Weite. Es sieht zwar nicht aus wie rund um Berlin, aber es ist eine verwandte Landschaftsform, deswegen vielleicht. Es fliegt sich so dahin. Von hier ab, übrigens, scheint der Radweg weniger frequentiert. Vielleicht weil er nicht mehr so spektakulär ist, nicht mehr so einzigartig? Dabei finde ich es großartig, mich auf kleinen Sträßlein durch die Dörfer treiben zu lassen.

Kurz vor dem Altmühlsee kaufe ich ein und setze mich zum Mittagspicknick an den See. Es ist heiß, unglaublich, dieser September. Der See ist trotzdem nicht überfüllt, jedenfalls nicht in meiner Pausenbucht. Mag sein, ich habe inzwischen ein gutes Gespür für einsame Plätze.
Das Tal bleibt flach und weit, kaum kann man es noch als Tal bezeichnen. Eine ganze Weile fahre ich noch. Die Gedanken schweifen immer mal wieder in den vor mir liegenden Schulbeginn, zu den Kindern und ihren Plänen, in meine bevorstehende Ankunft, und zurück in viele Szenen dieser Reise. Locker springen sie hin und her, um dann wieder abrupt abzubrechen, weil eine Naturszene fesselt, ein Blick gefangennimmt. Ich liebe es, Rad zu fahren, sagte ich das schon;-)?
(Einer der Gedanken geht auch in den Kalender. Dass der 3. Oktober auf einen Montag fällt. Dass ich freitags um 11 Uhr Schulschluss habe. Wohin ich von zu Hause aus in dreieinhalb Tagen fahren könnte. Und überhaupt: Ob in unseren späten Herbstferien dieses Jahr wieder so radelgeeignetes Wetter sein wird wie letztes Jahr? Da bin ich noch gar nicht angekommen, und dann macht mein Kopf sowas. Verrückt …)

Abends lande ich in einer zeltplatzarmen Gegend, ich habe keine Wahl, es gibt nur den einen, hier in Geslau. Seit dem Altmühlsee habe ich jedenfalls nichts anderes gefunden. Wieder werden es über hundert Kilometer und nach sechs Uhr, als ich ankomme. Heute hätte ich gern früher aufgehört, naja, ging eben nicht. Ich bin müde, es ist den ganzen Tag heiß gewesen.
In Leutershausen, kurz vor dem Ziel, möchte ich mir ein Eis gönnen, finde aber keines, ich mag auch nicht mehr suchen. Dafür gibt es jede Menge quietschender Reifen, trainiert man hier für eine Rallye oder was, ich erschrecke mehrmals heftig. Selbst Radler überholen im Abstand von 37 Zentimetern, offenbar macht man das hier so.
Unmerklich ist aus der Ebene eine hügelige Welt geworden, die Wasserscheide naht. Hier in Geslau muss sie ganz nah sein, denn es sind noch zwei Handvoll Kilometer nach Rothenburg am Tauber, dort ist Nordseewasser. Ob ich schon drüber bin?

Der vorletzte Zeltabend also. Ein großer Zeltplatz, nicht so still wie die vergangenen, aber ich setze meine grüne Hütte direkt ans Seeufer, mit Öffnung zum Wasser, dann sehe ich die vielen Wohnwagen nicht. Und auch laut ist es nicht, ich bin weit genug von allen anderen entfernt, es ist ja doch schon Nachsaison und leer.
Der Blick auf die Karte zeigt, dass ich die nächste Nacht auf unserer Strecke des ersten oder zweiten Tages verbringen werde. Es fühlt sich gut an, stimmig. So wird mein letzter Reisetag nahezu dem ersten entsprechen, in umgekehrter Richtung. Ich bin vorfreudig gespannt auf dieses Dejavu.
Und das Ankommen im Haus stelle ich mir schön vor. Möchte ich doch für die erste Nacht mein Zelt im Garten aufstellen. Als sanften Übergang …

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