Kelheim – Breitenfurt (#3wegsam33)

Alles ändert sich so plötzlich. Das fängt schon mit dem Foto an. Ich meine, mein letztes Donaubild aufzunehmen, um mich zu verabschieden. Da entdecke ich auf dem Stadtplan von Kelheim, dass der Fluss neben mir unbemerkt zur Altmühl geworden war. Na gut.
Das Tal, des neuen Flusses Tal, wird enger und felsiger. Der Fluss wird schmaler und sanfter. Der Weg wird schottrig und direkter am Fluss verlaufend.
Alles gut. Aber. Es gibt ein Aber. Es wird nämlich nicht leerer auf dem Weg, im Gegenteil. Jetzt fängt die Radreisendenfülle erst richtig an. Ich hatte wohl zuviel Hoffnung in das stille Tal gesetzt, muss erst ein paarmal durchatmen, bevor ich mich daran gewöhne: Hier ist es richtig voll. Auch in meine Richtung.

Nun gut, so ist das eben. Ich blicke den Menschen, die mir in Scharen entgegenkommen, ins Gesicht. Manche schauen wenigstens zurück, einige wenige grüßen. Und ich sehe: Sie sind fast durchgängig älter als ich, ein bisschen älter bis sehr viel älter. (Erst am Nachmittag begegnet mir das erste Kind. Es bleibt fast das Einzige.) Die E-Bike-Dichte ist groß. Die Quote derjenigen, die in Rudeln fahren, auch.
Wie abfällig das klingt: Rudel. Und überhaupt, diese Einlassungen über E-Bikes. Ich überlege hin und her, was mich daran eigentlich irritiert, ja, stört.
Es ist ja nicht so, wirklich nicht, dass ich mich störe, wenn Menschen, egal welchen Alters, egal welcher Radvorerfahrung, welcher Kondition auf diese Weise reisen. Im Gegenteil. Das Meditative, das Spirituelle des Unterwegsseins in einem Tal wie diesem, das einen zu pausenlosem Staunen bewegt, das wünsche ich einem jeden Menschen. Ich freue mich mit, wenn jemandem diese Erfahrung zuteil werden darf.
Aber. Viele der mir entgegenkommenden sehen gar nicht zufrieden aus. (Wobei: sehe ich zufrieden aus, wenn ich fahre?) Da sieht man in manchen Gruppen, in manchen Paaren die Spannung förmlich auf die Gesichter gemalt. Was hat sie hierhergeführt? Na gut, das ist ihre Sache.
Aber. Ich bin auch noch da. Ich, und andere Alleinreisende. Oder eben Stillreisende, nicht in Rudeln unterwegs seiende. Ich möchte nicht abgedrängt werden vom Weg, weil sie mir zu zwölft entgegenkommen. Ich möchte am Pausenplatz mein Fahrrad nicht zugestellt bekommen von zehn anderen Rädern. Ich möchte nicht kurz vor einer Bank von einer Gruppe überholt werden, so dass mir Bank und Pausenbucht vor der Nase weggeschnappt werden. Ich möchte nicht durch lautes Schreien von einer Karte verdrängt werden, die ich gerade betrachte. Ich möchte nicht, dass ich irgendwo still sitze und plötzlich umringt bin von einer lustig-grölenden Truppe, die so tut, als wäre ich da nicht.
All das ist mir auf der gesamten Reise nie passiert. Heute habe ich es in wenigen Viertelstunden erlebt. Alles. Dicht nacheinander. Es waren immer andere Gruppen.
Rudel also. Und ich war die Außenstehende. Mensch mensch. Ich fühle mich erinnert an das Leben im Allgemeinen: Wie oft drängen Gruppen Einzelne an den Rand. Wie oft werden Andersseiende nicht in ihren Bedürfnissen wahrgenommen und respektiert. Wie oft wird über das stille Sein von stillen Menschen hinweggeplärrt.
Nun also auch hier auf dem Radweg. Bisher erlebte ich Radfahrbegegnungen als solidarisch, zugewandt, offen und interessiert. Heute mache ich eine gegenteilige Erfahrung.
Warum ist es hier so anders? Vielleicht, weil gerade hierher – ein so liebliches Tal, eine so anziehende Landschaft – Menschen gelockt werden, die sich diese Form des Reisens doch nicht von ganz allein ausgewählt haben? Im Laufe des Tages entdecke ich an vielen Rädern spezielle blaue oder grüne Radtaschen, die Aufschriften kann ich nicht lesen. Sie scheinen von einem Reiseveranstalter zu kommen, sind zu klein für Tagesgepäck. Vermutlich also handelt es sich um organisierte Touren, wo einem das „echte“ Gepäck von A nach B gebracht wird und man dann quasi unbelastet die Strecke fährt. Ich habe ja gar nichts gegen diese Form des Radwanderns. Nur bitte: Trampelt hier auf den Wegen nicht alles kaputt. Bitte. Danke.

So. Das musste ich mir von der Seele schreiben. Es hat mich den Tag über arg bewegt. Bin ich doch pausenlos damit in Kontakt gekommen.
Aber auch, denn ich kann mein Auge ja zweiteilen, mit dem atemberaubenden Altmühltal. Vom felsig Engen geht es in immer mehr sich öffnende Weite über. Natürlich ist es manchmal zu weit, so dass neben Straße, Bahn und Ortschaften auch das eine oder andere Gewerbegebiet seinen Platz findet. Keine Idylle pur eben, muss ja auch nicht. Später wandelt sich die Art der einrahmenden Felsen. Es wirkt zuweilen sehr südlich, wie eine trockene Vegetation an kargen Felsen in der Sonne steht. Andernorts fühle ich mich schon fast wie zu Hause, so ähnlich wie im Kocher- oder Jagsttal schaut es aus, und dort bin ich schon wirklich fast heimisch.
Orte sehe ich nicht viele, genaugenommen fliehe ich sie. Nicht auch dort noch einer Touristenfülle begegnen. Vor allem Eichstätt bleibt mir unsichtbar hinter den Fassaden, den Bauten von touristischem Interesse. Ein fast schon steriles Zentrum, ich finde wohl den Zugang zu diesem Ort im Moment nicht.

Was ich aber finde, nach jeder Menge abschreckender Zeltplätze, auf denen ich um nichts in der Welt bleiben möchte, das ist ein guter Ort zum Bleiben. Ein kleiner stiller familiengeführter Zeltplatz, auf dem sich nur stille Menschen versammelt haben. Glückstreffer, wieder mal.
Hier ist gut ankommen, kochen, Bier trinken, am Fluss sitzen, der hier so still wie ein See ist. Mein drittletzter Zeltabend, übrigens. Vermutlich. Ich bin traurig.
Und: Es ist Schnapszahltag. Radltag 33. Ein wenig mehr als 111,11 km heute zurückgelegt. Und in der Summe die 2222,22 km überschritten, kurz vor der Ankunft. Schnapszahltag ohne Schnaps. Aber mit Sitzen unter Sternenhimmel. Das ist fast noch besser.

Advertisements

2 Kommentare

    1. Als erste Tage hätte ich diese nicht haben wollen und können, das steigert sich langsam, geht je länger je einfacher. Ich glaube, dass es mich da sozusagen hineingeflossen hat.
      Und nun bleiben noch zwei Tage. Fühlt sich aber gut und rund an.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s