Waltendorf – Kelheim (#3wegsam32)

Ein Donauradwegtag, von morgens bis abends. Der wievielte Fluss dieser Reise mag das sein? Ich habe aufgehört zu zählen. Viele habe ich nur kurz gestreift, manche länger begleitet. Keiner von ihnen hat in so kurzer Zeit so viel Veränderung durchgemacht. (Oder aber: an keinem von ihnen bin ich so schnell entlanggefahren?)
Gestern und heute morgen noch erlebte ich ein breites behäbiges Etwas, sich durch ein weites Tal ziehend, dessen haltgebende Berge erst in einiger Entfernung aufscheinen, und dachte bei mir, wie ähnlich sich doch all diese weiten Flusstäler sind. Zum Verwechseln.
Doch flussaufwärts wandelt sich das. Es wird enger, Felsen ragen ins Bild, der Fluss windet sich, hat sich in Schleifen durchs Land gearbeitet, hält sich durch helle Felsen in Form und gibt sich auf der gegenüberliegenden Seite mit kleinen Steinstränden sehr zugänglich. Seine Altarme, so nennt man das wohl – das Pendant „Altdonau“ zu Altrhein habe ich nicht gefunden – sind zugewuchert mit Baumurwüchsigkeit, ich möchte immerfort in dieser Wildnis stehenbleiben, sitzenbleiben, mich hinlegen und durch die Zweige nach oben schauen. Ab und zu tue ich das. Der Fluss hat mich. Schade, dass ich ihn morgen schon wieder verlassen werde. Eine Donaufahrt für die Zukunft anvisieren, das steht nun auf meiner Liste.

Allerdings: Der Donauradweg ist voll. In meine Richtung geht es noch. Genau genommen bin ich von keinem einzigen Packtaschenradelnden überholt worden noch habe ich selbst welche überholt, das heißt, ich habe schlicht keine getroffen. Entgegen kommen sie mir dagegen im Minutentakt. Das stört mich überhaupt nicht, allerdings würde ich ungern auch in diese volle Richtung fahren. Wie anstrengend das ist, weil man nie sein eigenes Tempo finden kann, wenn man ständig mit Überholen oder Überholtwerden beschäftigt ist, dabei kann ich meine eigene Fahrruhe einfach nicht finden.
Jedenfalls: ich finde es voll. Wenn ich dann noch höre, am Abend von der Zeltplatzwirtin nämlich, dass es jetzt schon abgeflaut sei, dass hier seit dem Wochenende nichts mehr los sei, im Vergleich zu den Wochen vorher, als die anderen Bundesländer noch Ferien hatten, dann wird mir doch ein wenig unheimlich mit diesem Weg. Vielleicht bei künftigen Reisen doch lieber auf unscheinbare Nebenwege ausweichen.
So wie ich es heute ein Stück weit tue, aus Lust und Laune. Auf unbelebten Nebenstraßen durch einsame Dörfer, voll mit kleinen Kirchlein, die genauso aussehen, wie man sich kleine Kirchlein in Bayern vorstellt. Das sind die Wege, auf denen man das Leben beobachten kann. Die ausgebauten Radstrecken führen an diesem oft vorbei. Also im Sinne: sie fähren daran eben nicht vorbei.
Ebenso ist es auch mit Einkaufsmöglichkeiten. Vielleicht soll man sich von den Schönheiten der Natur nähren. Oder aber einkehren, die Anzahl der Biergärten am Wegesrand ist quasitschechisch. Und doch. Mein Essen ist alle, ich greife das „Notbrot“ an, meine Essenstasche scheppert vor Leere, ich suche und frage letztlich in Bad Abbach. Oben auf dem Berg seien die Supermärkte, mehr gäbe es hier nicht. Die kleinen Läden haben alle zugemacht. Das sieht man dem Ort an, leerstehende Tristesse. – Oben also dann. Vor dem Markt sitzen noch andere erschöpfte Radler, alle wohl in der gleichen Situation wie ich. Ich kaufe gleich mal größere Mengen ein, der Hunger ist ein schlechter Einkaufsberater. Der Lowrider und das Vorderrad überleben es trotzdem:)

Die beiden größeren Städte auf dem Weg durchfahre ich nur kurz. In Straubing trinke ich auf dem Markt einen Kaffee, esse etwas vom Bäcker, weil meine Frühstückstasche nur noch ein trockenes Hörnchen hergegeben hatte – die Einkaufssituation war am Vortag schon nicht besser. In Regensburg hole ich die bestellte Radkarte ab, schiebe ein wenig durch die Stadt, in ein paar Erinnerungen findend, und fahre dann gleich weiter.
Städte taugen nicht für Radtouren. Beziehungsweise meine Radtouren taugen nicht für Städte. Ich bräuchte viel mehr Zeit, um eine Stadt wirklich zu besuchen, das will ich aber hier gar nicht. Die kleinen Ortschaften mit ihrer Atmosphäre öffnen sich mir viel mehr, ich finde mehr Zugang.
In Städten kann ich in der Kürze der Zeit höchstens Erinnerungen wachrufen, oder aber – bei mir unbekannten Städten – eine kurze Weile durch die Straßen spazieren und mich in ein Straßencafé setzen, um die Atmosphäre aufzunehmen. Aus dem Bauch heraus weiß ich dann meist, ob ich mit dieser Stadt warm werden kann oder nicht. Im ersteren Fall weiß ich, dass ich wiederkommen möchte, irgendwann, aber dann vermutlich nicht mit dem Rad. Im zweiten Fall kann ich mich ja getäuscht haben und trotzdem irgendwann wiederkommen.

Eine gut frequentierte Radstrecke also. Umso erstaunlicher, dass es hier Menschen gibt, die zwar Tag für Tag, Jahr für Jahr tausende Radfahrende vorbeizischen sehen, sich aber immer noch für das Woher und Wohin und das Drumherum interessieren. Heute werde ich einige Male angesprochen. Wie kann das noch interessant sein, was wir Vorbeiziehenden zuhauf mit uns führen? Und doch, ich staune. Und ich bekomme Tipps, Empfehlungen für meine Weiterreise. Und eigene Geschichten erzählt. Die Frau, die mit ihren Kindern ähnlich radreist wie ich, die hat mich einfach auf dem Parkplatz angesprochen. Der Mann, der mir die Burg zeigt, da müsse ich hinauf (nächstes Mal, bestimmt), und dann erzählt, dass er im Leben nur eine einzige Radreise gemacht hat, als junger Mann. Zum Nordkapp und zurück. Mit einer 3-Gang-Nabenschaltung, die man damals noch selbst auseinandernehmen und pflegen konnte, die gute alte Technik. Das Paar im Café, das mit mir über Bayern und Baden-Württemberg spricht, über das Verwandte und das Trennende, über die Grenzen, die wir haben und die wir machen, all das. So viele kurze Gespräche. Ich scheine heute wohl offen dafür gewesen zu sein.

Ja, doch, ich bin offen. Wieder geöffnet für das Michfortbewegen. Vielleicht ist es das Morgenlicht, das mich erst um die Zeltecke, später auf dem morgendämmernden Flussdeich hineinzieht in eine verzauberte Neugierde, wie die Dinge jetzt und später und hinter der nächsten Windung wohl aussehen werden. Ich schaue wieder hin, besänftigt nach dem gestrigen Tag, in eine Selbstverständlichkeit hineinfindend, wie sie mir viele der vergangenen Reisetage geschenkt worden ist..
Dabei nehme ich im Innern schon Abschied, es ist ja nicht mehr weit bis nach Hause. Als ich etwa durch den kleinen Ort Bach an der Donau fahre, da beginnt in mir Bach zu singen, und mir scheint, ich will nun doch lieber am Samstag heimkehren, weil ich dann am Sonntag noch Zeit für das Klavier hätte. Überhaupt freue ich mich auf den Moment, da ich der Route vom ersten Reisetag begegnen werde. Da es sich nach den tschechischen Bergetappen auf brettlebener Strecke wie mit einem E-Bike fährt, so ganz von allein, bin ich schnell. Schnell genug, um die nördlichere Route zu fahren, über Altmühl und Jagst. So werde ich die letzten 100 Kilometer im Dejavu-Zustand sein. Gut, zum Abschiednehmen.

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8 Kommentare

        1. Ja, das ist ein so dringendes Bedürfnis, dieses hiesige Ich ein Stück weit mitzunehmen nach Hause, nicht wieder zu verlieren. Ich hoffe ja, dass das ein wenig geht. (Aber schon in der einen „Zwischen“woche in Tschechien habe ich gemerkt, wie schwer das ist.)

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  1. wir sind die donau von rumaenien nach passau gefahren…das gefuehl kurz vor wien zu merken,dass wir fast bis heim kommen quasi (von den orten vermute ich in relativer naehe zu wohnen wie sie). es war die erste grosse tour.seitdem liebe ich es. macht fast suechtig. den deutschen teil sind wir dann im jahr drauf zu ostern gefahren. es war a…kalt aber wunderschoen!es folgten noch viele viele touren!
    es gruesst lieb auch eine lehrerin

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, es macht süchtig:)
      Hier waren es auch schon viele Touren, und werden hoffentlich noch mehr.
      Die südosteuropäische Donau, überhaupt die Gegenden dort, die stehen auch auf meiner inneren Liste.
      Herzlichen Gruß in unsere letzten Ferientage hinein.

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