Passau – Waltendorf (#3wegsam31)

Was mir dieser Tag sagen wollte? Ich weiß es noch nicht. Ich weiß nur, dass man nie genug an (Reise)Gelassenheit haben kann. Und dass ich heute jedenfalls ungewohnt wenig davon hatte. So wenig, dass ich den Tag im Grunde im Zustand des Kampfes zugebracht habe. Gegen den Wind, gegen den Regen, gegen die klebrig-matschigen Wege, gegen die Autos, gegen die Uhr – im Zusammenhang mit den nicht am Wegrand liegenden Zeltplätzen. Und gegen mein besseres Wissen. Dass ich immer irgendwo ankomme. Dass ich jederzeit einfach aufhören kann. Dass ich immer wieder trocknen werde. Dass sich ein Bett finden wird. Und doch.

Schon von Passau komme ich nicht weg. Das hat gute Gründe, ich schwätze lange mit einem Berliner Radler, der die Donau bis zum Schwarzen Meer, jedenfalls bis November radeln will. In der Stadt suche ich eine Radkarte, die ich zu Hause vergessen habe, bekomme sie in der Buchhandlung nicht, aber dafür – sehr nett – rufen sie für mich in Regensburg an und organisieren, dass ich mir sie morgen dort abholen kann. Die Stadt, überhaupt, ich war ja noch nie hier, die will ich nicht ohne Hindurchspazieren links liegen lassen. Im faszinierenden Gewitterlicht liegen die Türme vor mir, und das Dreiflüsse-Eck. Alles aber verdeckt von einer Flotte an Flusskreuzfahrtschiffen, ich erschrecke über diese Ansammlung, was machen die alle hier, so gleichzeitig, und wo sind die zugehörigen Menschen, hoffentlich trifft man die nicht alle in den Gassen.

Jedenfalls bin ich lange nicht auf dem Weg. Als ich es dann bin, windet es, und wie. Genau mir entgegen. Beim Überqueren der Sperrstufe kurz vor Passau bläst es mich fast von der Brücke. Mir kommen spontane Erinnerungen ans Eidersperrwerk, das liegt an der Nordsee. Mich als (mittlerweile) Süddeutsche erschrecken diese Windstärken. Kurz darauf kommt Regen hinzu, ebenso heftig. Ich flüchte in eine Bushaltestelle, sitze neben einer Spinne und schätze, dass der Winkel des vorbeifliegenden Regens etwa 30° beträgt. Zur Senkrechten, immerhin, nicht zur Waagerechten.
Gegenwind und mich anpeitschender Regen werden zum Thema des Tages. Letzterer ist immerhin von Wolkenlöchern unterbrochen, von Kurzzeitsonne gar, das ewige Spiel Regenjacke-an-Regenjacke-aus, später ergänzt durch das Gleiche mit der Regenhose.
Die Wege werden regelmäßig gut durchfeuchtet. Die Sand-Schotter-Wege, viele Kilometer lang. Ein Untergrund, als würde ich in Leim fahren. So einer meiner wiederkehrenden Träume, ich laufe und laufe und komme doch nicht vom Fleck, hier wird dieser Traum zur Wirklichkeit. Und wo der Weg nicht klebt, da ist er – Deichmaterial soll ja grundsätzlich nicht wasseraufsaugend sein, das verstehe ich – pfützendurchzogen. Tiefe Pfützen, Matschepfützen, in denen Ausrutschen droht, in denen man nur die Wahl hat, rechts oder links vom Deich hinabzuschlittern, oder aber doch mitten hindurch: meine Hosen sprechen Bände über die Anzahl der durchstobenen Pfützen.

Wenn ich all das jetzt schreibe und selbst lese, denke ich, wie harmlos, wie wenig es eigentlich war, was mich da in meinen Groll geworfen hat. Gab es doch immer wieder eine Brücke zum Unterstellen, hatte ich doch Regensachen und jede Option, mich in ein warmes Café zu setzen – tat ich auch zwischendurch -, hätte ich doch viel eher schon mein Zelt aufschlagen können. Und trotzdem war ich nicht gut in mir und bei mir.
Jeden erneut einsetzenden Regen begleitete ich mit innerem und äußerem Och-nö, und als mich irgendwo ein aggressives Auto ausbremste, entlud sich mein Groll in ein lautes Schimpfen, so kenne ich mich nicht.

Nun, und jetzt? Jetzt sitze ich da, im immer noch von außen beregneten Zelt, von lärmendem Windtosen begleitet, das von keiner meiner Wetterapps angezeigt wird, und sinne nach. Warum es mich heute tagsüber so aus der Fassung geworfen hat. Warum in mir nicht überwiegen konnte, was von außen sonst noch auf mich zukam.
Das Licht vor allem, immer wieder das Licht. Solches Wechselwetter, das bietet ja die faszinierendsten Lichtspiele. Beleuchteter Vordergrund vor dunkler Himmelskulisse. Dunkel-hellgraue Himmelsgemälde, durch die ab und zu ein Sonnenstreif fällt. Blaues Licht aus einzelnen Himmelslöchern. So vieles.
Der behäbige Fluss mit seinen Uferstillleben von so verschiedenem Charakter. Die vom Wasser ausgestrahlte Ruhe, wenn der Weg nicht gerade von einer Straße überdröhnt wird.
Mein Ankommen. Bei dem ich immerhin gelassen genug bin, zwei sehr unkuschelige Zeltplätze am Wegesrand liegen zu lassen, weil ich eben, was die Schlafstätten angeht, inzwischen von stillen Orten verwöhnt und daher wählerisch bin. So dass ich in einem einsamen Dorf lande, in dem man neben einem Gasthof zelten darf. Ich bin die einzige, die heute auf diese Idee gekommen ist, und die Wirtsleute sind gleichmal nicht da. Montag Ruhetag. Trotzdem baue ich auf, die Regenlücke ist günstig, und ich möchte noch vor dem Dunkelwerden kochen, Tee und Nudeln, Wasser habe ich genug. (Grog wär jetzt nicht schlecht. Nachdem ich die Idee von noch zu erfindendem Instantbier und Instantwein gleich wieder verworfen habe.) Irgendwann kommt auch der Sohn des Wirtes, hoch leben Mobiltelefone, und bringt mir den Schlüssel zum Duschraum. Alles gut also. Der Raum könnte zur Not als Unterschlupf für ein nächtliches Gewitter dienen, so riesig ist er. Warm noch dazu, ich lasse gleich mein Handtuch darinnen, zum Trocknen.

Nun also, am Abend ist alles gut. Und was mir der Tag sonst noch gebracht hat, ganz tief im Innern, daran gilt es weiterzuarbeiten.

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6 Kommentare

  1. Oder auch einmal sagen: Ja, so bin ich auch. So unleidig. Und das darf so.

    Zu Irgendlink sage ich in solchen Momenten zuweilen „es macht dich so menschlich“.

    Mir sind Menschen ja irgendwie unheimlich, die in JEDER noch so mühsamen Situation gelassen bleiben (außen und vor allem innen). Nicht, dass ich selbst so Ungeduldtage an mir mag (und auch nicht die äußeren Faktoren, die zu Ungeduld und Gereiztheit führen), aber eben: Sie sind so menschlich. Sich erschöpft zu fühlen, etwas doof zu finden, Regen und Sturm lästig zu finden: Das darfst du! Echt jetzt.

    Vielleicht hilft dir sowas ja, nicht immer so streng zu dir zu sein?

    Ich danke dir, dass du darüber so offen geschrieben hast!

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    1. So richtig klargemacht habe ich mir beim Schreiben gar nicht, was ich mit „weiterarbeiten“ meine, vom Gedanken her am ehesten, dass dieser Tag einer der wichtigeren der Reise sein wird. Weiterarbeiten als etwas daraus mitnehmen. Vielleicht ja, doch, gerade jetzt, wo Ihr mir das spiegelnd vor Augen führt, „weiterarbeiten“ als: meine Ich-Darf-Stimme stärken. Die ist tatsächlich oft sehr leise. Ich darf. Ja.
      Aber auch, so bin ich eben: mich und das (wie alles) zu hinterfragen. Nicht im Sinne von: in Frage stellen. Sondern um zu erkennen, was da war und ist. Was in mir jeweils geschieht, wenn mich bestimmte Dinge treffen. Warum sie mich manchmal nicht anfechten. Warum ich manchmal sehr schnell, umgehend, wie hier, wieder herausgefunden habe, und manchmal (zu Hause oft) eben nicht. Mich selbst kennenlernen, doch, ja, das meine ich zu einem großen Teil damit.
      Bin ich streng mit mir? Oft ja, Du blickst tief. Auch wenn ich diese Momente, diese Phasen, hier in der Regel nicht zeige. Aber es ist milder geworden in den vergangenen Jahren. Ich arbeite weiter daran … oder nein, eben auch annehmen und akzeptieren, dass ich streng zu mir bin;-)
      Ach, ich glaube, so ist meine, unsere, menschliche Entwicklung: sich nicht zu wenig und nicht zu viel mit sich selbst beschäftigen, so dass sich das eigene Sein immer mehr in eine Balance begibt. Es ist gut, auch hier auf Reisen in diese Fragen geworfen zu werden. Sonst wäre es so lebenslosgelöst:)

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  2. Liebe Uta, genau das, was Sofasophia (ich weis, gar nicht, ob sie wirklich so heisst…) schreibt, wollte ich auch schreiben:
    Warum daran weiterarbeiten? Warum nicht einfach akzeptieren und umarmen, dass du auch das bist, dass auch diese Ungeduld und diese Fähigkeit, Groll zu empfinden, zu deinem Menschsein dazu gehört?
    Als Daheimbleiberin und Unterwegsseinträumerin ist es fast tröstlich zu hören, dass einen diese Momente auch einholen, welche man an sich nicht so gut leiden mag, wenn man unterwegs ist.
    Und je länger man unterwegs ist, desto mehr – vielleicht.

    Ich wünsche dir trotzdem weniger Gegenwind für die nächste Etappe (welche ja unterdessen bereits vorbei ist), und dass auch das Nicht-mehr-sehen-und-hören-wollen dich auch umhüllen darf wie eine warme Decke.
    (Würdest du übrigens zu uns allen auch sagen!!! =)

    Herzlichst

    Gabriela

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    1. Liebe Gabriela, nun habe ich eigentlich schon auf Euch beide geantwortet, bei sofasophia. Danke für Euren Spiegel.
      Dieses leise Ich-Darf, das fällt mir so oft auf, wenn ich mit meinen Klassen spreche. Wenn ich zu ihnen rede über Sich-selbst-annehmen, Gut-zu-sich-sein, Sich-nicht-den-äußeren-Werten-unterordnen. In der Schule natürlich in der Regel bezogen oder veranlasst von Schulischem, Noten, Leistungen, Leistungsdruck, aber natürlich meine ich das immer auch allgemein. Bei meinen eigenen Kindern ja auch, wann immer unser Gespräch darauf kommt.
      Und tatsächlich blitzt mir manchmal dabei durch den Kopf, dass ich hier eigentlich zu mir selbst spreche. Dass auch ich, nicht nur mein inneres Kind, auch ich als Erwachsene, immer noch diese Fürsprache braucht. Dass all diese Gedanken, dieses Ermutigen, mich selbst anzunehmen, immer auch an mich gerichtet sind.
      Bei meiner nächsten „Rede“ vor einer Klasse werde ich sehr intensiv daran denken:)
      Danke für Dein Hiersein. Und alles Liebe für Deine (Schul)Wege.

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    1. Ja, das denke ich bei vielen Städten. Städte gehören für mich nicht auf Radtouren. Jedenfalls nicht auf solche, wie ich sie für mich mache. Ich möchte – vom Äußeren her – Land und Dörfer und Landschaften und so allgemein das Lebensgefühl in den Regionen sehen. Städte würde ich fast auslassen, lägen sie nicht am Weg. Mit dem Zelt übernachte ich ja auch selten darin, und wenn, nehme ich mir abends und morgens wenig Zeit für den Ort, das machen andere Radler anders.
      Ich bin dann fast immer ein bisschen froh, wenn ich in der Stadt schon mal ausgiebig war, dann kann ich ein wenig erinnernd herumstreunen, das tut gut. Bei neuen Städten aber immerhin bringe ich ein Grundgefühl mit, ob ich mich dort wohlfühle, oder nicht. Bei Passau – langer Bogen, jetzt endlich zurück:) – ist dieses Grundgefühl sehr gut. So dass es in der Vielleicht-später-Mappe bleibt …

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