Volary – Passau (#3wegsam30)

Der dreißigste Tag, den ich auf dem Fahrrad verbringe. Das ist viel. Das ist mehr, als ich jemals im Leben hatte, mehr als ich mir vorstellen konnte. Auch mehr, als ich gebraucht hätte? Was heißt schon brauchen, natürlich. Aber ich spüre eine Müdigkeit. Es ist viel, jeden Tag Neues zu erleben. Neue Orte, neue Straßen, neues Wetter, neue Berge, neue Pflanzen, neue Holzstapel am Wegesrand, neue Formen der Stille, neue Begegnungen mit mir selbst. In diesem Nur-Radfahren-und-Treten liegt eine Intensität, das hätte ich vorher nicht geglaubt.
Fast, oder nein: wohl nicht nur fast, oder doch fast? – jedenfalls: ich sehne mich nach der Routine des bevorstehenden Schuljahresanfangs. Zwar werde ich – mal wieder – 120 neue Schülerinnen und Schüler bekommen, zwar wird es in neuen Teams und neuen Konstellationen wieder anders sein als jedes Mal bisher, aber doch. Routine. Alltag. Ohne diese Fülle an immer wieder Neuem.

Das überrascht mich, schien mir doch bisher, ich könne nicht sattwerden von diesem hier. Anscheinend kann ich doch. Nicht vom Leben im Zelt, nicht vom einfach-bescheidenen Essen, nicht vom täglichen An- und Abreisen mit all dem Packen, das ist mittlerweile ebenfalls schon eine heimatgebende Routine geworden. Satt bin ich von Eindrücken am Wegesrand. Vielleicht wäre es anders in weitläufigeren Landschaften wie Sibirien, der Sahara oder auch Nordschweden, wo man nur alle 50 bis 500 Kilometer auf eine Ortschaft trifft, wo sich nicht in jedem Tal der Charakter von Dörfern und Menschen ändert, wo nicht eine Landschaft der anderen die Klinke in die Hand gibt, so dass keine zwei Tage auch nur Ähnliches bereithalten. Vielleicht.
Meine bisherigen Reisewelten jedenfalls – das heimische Hügelland, die fränkischen Flüsse, das Thüringische südlich und nördlich des Rennsteigs, die allmähliche Flachlandigkeit Sachsen-Anhalts, der Fläming, die Verdichtung auf Berlin zu, die Großstadt selbst, die Seen um sie herum, der Spreewald, die Braunkohlewiederaufforstungswälder, die Hügelwelt vor Dresden, die Elbe, erst das deutsche Ende, dann die tschechische, die Moldau mit Pragtrubel und späteren Schluchtenwegen, die böhmische Bergabgeschiedenheit, die Seenlandschaft um Trebon, Tschechisch-Kanada genannt, der Anstieg in den Böhmerwald mit dem breiten Lipno-See, der von der Natur her unmerkliche Übergang in den Bayerischen Wald mit seinen plötzlich so anderen Dörfern und Menschen, und nun also die Donau, hier ab Passau aufwärts – die haben mich gesättigt.
Ich merke das beim Fahren: ich schaue weniger hin. Will und kann gar nicht mehr jeden Lufthauch, jede Pflanze, jede Farbe, jede Ahnung wahrnehmen. Es fliegt an mir vorbei, denke ich erstmals.

Der Morgen mit meinem inneren Abschied vom stillsten aller stillen Zeltplätze zunächst, dann vom Land und seinen sonntagfeiernden Menschen, eine letzte (und fast die einzige) Einkehr an der Grenze, für einen „Abschiedskaffee“, der in meinem Fall (mangels Malinovka) aus Kofola und Palatschinken besteht.
Da bin ich schon in mich gekehrt. An den Nachbartischen spricht man deutsch, ich schalte ab. Keinen Kilometer entfernt ist der Fußgänger-Grenzübergang, unspektakulär, eine winzige Brücke mit ein paar Schildern, dahinter stehen reihenweise deutsche Autos. Tagesausflügler, auch in die Gastronomie, das hätte ich mir denken können. Dort wo gefragt wird „zahlen Sie in Kronen oder Euro“, dort sollte man nicht einkehren, Anfängerfehler. Aber ich bin in mir versunken, es stört mich nicht weiter. Meine übrigen Kronen haben ja nun ihren Sinn: zum Wiederkommen.

Von jetzt ab heißt es Bayerischer Wald. Die tschechische Eisenbahnlinie endet abrupt, niemand hat sie nach dem Fall der trennenden Grenze wieder zusammengesetzt. Die Linie von Waldkirchen hoch nach Haidmühle existiert nicht mehr. Oder doch – Glück für mich heute – als Radweg. Auf der alten Bahntrasse, das bedeutet für nicht so bergbegeisterte Radfahrerinnen wie mich: konstant flache Steigung, später konstant flaches Gefälle. Keine Zwischenhügel, wie die Landschaft sie en masse aufweist. Die Trasse ist als Schlucht in den Fels geschlagen, als Brücke über Täler geführt, windet sich in Bögen durch die Landschaft und kann, wenn erstmal die Wasserscheide bei Frauenberg (? es war mal wieder kein Schild da) geschafft ist, hinabgerollt werden. Ehrlich: etwas 20 Kilometer hinabrollen, wo kann man das sonst? Und während dieses Rollens eben, da spüre ich, wie ich immer weniger nach rechts und links schaue, wie ich in mich gekehrt bleibe, wie das Außen nicht mehr zu mir dringt. An einem ersten Reisetag hätte ich hier eindrucksgeflutet an jeder Ecke angehalten, mich gesetzt, die Blicke und den Wind und die Weite und die Stille eingeatmet.

Später wird es doch noch hügelig. Von Waldkirchen einfach zur Donau runterfahren, das mag für die B12-Riesenstraße gelten. Im Prinzip geht es nur abwärts. Nach ein paar Kilometern auf dieser aber fliehe ich entsetzt. Die Autodichte ist größer als in Tschechien, fährt schneller und dichter vorbei, hupt (wie lange hatte ich das nicht!) und schreckt mich. Also doch auf Nebensträßlein längs der großen Trasse. Jeden Hügel, der sich am Wegesrand bietet, nimmt diese Nebenroute mit, manchmal haben sie die doch extra noch aufgeschüttet, oder? Ich habe genug von diesem Auf-und-Ab. Aber es ist absehbar, nach einer letzten steilen Abfahrt stehe ich plötzlich in Passau. Ein kleiner Zeltplatz an der (? dem?) Ilz, das Stadtzentrum sehe ich noch gar nicht, hier bleibe ich. Radfahrercamp, ganz bescheiden, ganz ruhige Menschen, niemand lärmt, alle sitzen vor ihren Zelten und kochen, und es ist viel Platz zum Abseitszelten. Hach.

Ja, es ist viel. Wie werde ich die kommenden Tage erleben? Bis auf die letzten hundert Kilometer sind das alles unbekannte Gegenden für mich. Es wird anders sein als in der ersten Reisephase. Vielleicht ist dies eine weitere Lehre des Reisens: Dass ich für mich sortieren und filtern muss, was ich aufnehme, damit es nicht zu viel wird. Dass ich meine Erlebensdichte selbst steuere, durch Rückzug ins Innere. Dass ich abschalte, wenn es innen überzulaufen droht. All das. Mir scheint, im Alltag kann ich das besser, dort bin ich es gewohnt. Mein Alltag ist ja, wie der vieler Menschen, permanent überflutet und überfordernd. Eigentlich. Darum habe ich lange gelernt, mich auf meine Weise zurückzuziehen, mich nicht der Fülle auszuliefern, wenn diese zur Überfülle wird. Dass mir dies nun auch hier auf Reisen vor Augen geführt wird, das ist unerwartet. Aber gut. Gut zu lernen, welche inneren Schutzräume ich noch so habe. Auch diese kann ich mir ja mit nach Hause bringen, zur „Weiterverwendung“. Ich bin gespannt.

2 Kommentare

  1. Ich denke, dass, würdest du noch länger und noch weiter reisen, sich etwas Neues melden würde, wie ich es bei Irgendlink bei den richtig langen Touren beobachtet habe (Ums Meer, Ans Kap). Dass in der Innenwelt eigene neue Geschichten entstehen. Dem Zuviel von da Außen hat er mit dem Reichtum seiner Innenräume geantwortet.

    … und nun muss ich an Menschen auf der Flucht denken. Monatelang neue Eindrücke.

    Ich realisiere, dass ich noch nie länger als 4 Wochen unterwegs war.

    Deine Gedanken kann ich daher sehr gut nachvollziehen. Diese Sattheit, sie hat was Schönes, aber in ihr steckt eben auch die Sehnsucht nach „weniger“ oder nach „anders“.

    Vielleicht gut so. Bestimmt sogar.

    Gefällt 2 Personen

    1. Bestimmt ist es gut wie es ist. Es ist ja auch ein Experiment, dieses sehr lange Reisen, um ganz Neues zu erfahren. Ich schaue dem fasziniert zu.
      Und ja, die Menschen auf der Flucht. Oft, in verschiedenem Kontext, denke ich an die Lebenssituation, in die diese geworfen wurden, unfreiwillig. Sie haben sich ja die neuen Eindrücke nichtmal ausgesucht. Ich glaube, ich vermag mir nichtmal annähernd vorzustellen, wie es ihnen ergeht, was sie durchleben, wie man das überhaupt aushalten kann …

      Gefällt 1 Person

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