Zlata Koruna – Volary (#3wegsam29)

Ein Tag zum Bersten voll, ich weiß gar nicht, wie das alles hineingepasst hat und wieso sich an einem einzigen Tag so viel Geschehenes ansammeln konnte. Ich weiß nur, dass ich am Abend müde bin, entsprechend und rechtschaffen müde. Und dass ich es genieße, meinen letzten tschechischen Abend auf einem verwilderten, abgelegenen Zeltplatz zu verbringen, auf dem außer Moldaurauschen und ein paar Lagerfeuern nicht viel ist. Doch, das „Bufet“, an dem sich alle sammeln und an dem gesungen wird. Von allen, mit allen. Mit vier Zupfinstrumenten verschiedenster Bauart. So höre und sehe ich es schon aus der Ferne, als ich noch am Zelt sitze und mein Abendessen koche.

Mein letzter Abend in diesem Land. Ich fahre morgen mit zwei weinenden Augen über die Grenze. Und komme wieder, ganz bestimmt.
Mir hat sich dieses Land und seine Menschen von einer sehr wohltuenden Seite gezeigt. Mal abgesehen von Prag und heute noch von Cesky Krumlov, ähnlich touristisch überrannt, habe ich viel Stille und Innerlichkeit erlebt. Ja, wirklich, die Menschen scheinen mir stiller, leiser, bescheidener durchs Leben zu gehen als ich es von unserer Öffentlichkeit gewohnt bin. Das ist nur meine Sicht und der Blick von außen, aber immerhin habe ich ja nun zwei Wochen lang täglich verschiedenste Menschen gesehen, beobachtet, in kleinen Begegnungen erlebt … und mich bei allem sehr sehr wohl gefühlt.
Unabhängig von der fehlenden Sprache begegneten mir von überall her Lächeln, viel Offenheit und eine stille Lebensfreude, deren angenehme zweite Seite ich als eine Art In-sich-Gekehrtheit, eine Versunkenheit wahrgenommen habe. Und als eine tiefe Liebe zur Natur. Ja, doch, in diesem Land mit seinen Menschen, seinen Wäldern und seinen Wegen fühlte ich mich geborgen. Wie gesagt: ich werde wieder herkommen, unbedingt.

Heute nun mein letzter hiesiger Reisetag, in einem Feuerwerk an Natur, wie man es sich eindrücklicher kaum vorstellen kann.
Ein früher Start am Morgen bringt mich schon in der mildwarmen Morgensonne am Kloster vorbei auf erste Hügel, von denen aus ich das Moldautal erahne und die fernen Berge mit einem leichten Schauder wahrnehme: heute arbeite ich mich hoch, morgen hinüber, und übermorgen bleibt mir wohl immer noch ein Rest davon. Aber wenn ich von der bevorstehenden Anstrengung absehe, liegt vor meinem Auge eine Traumlandschaft.
Vor die ersten wirklichen Anhöhen schiebt sich Cesky Krumlov, eine touristische Hochburg, ich bleibe unten am Fluss, staune, wie viele Touristenbusse schon morgens vor zehn Uhr hier ausgeschüttet wurden und flüchte ganz schnell vor den regenschirmhebenden Stadtführungen.
Weg aus dem Rummel in stille bergige Welten. Hinaufschrauben ins stille Bergland mit Weitblick nach rechts und links, mit einem kleinen Voralpengefühl und der Unheimlichkeit, dass ich hier oben ganz allein bin. (Die Vernunft – was, wenn mir hier etwas passiert? – muss ich ausschalten. Dann geht es mir gut in der Einsamkeit.)
Irgendwann bin ich oben auf der Kuppe, der Blick auf die andere Seite wird frei. Da unten, ganz klein noch, liegt der Lipno-Stausee. Lipno, Zauberwort aus vergangenen Kindheitsurlauben. Ein riesiger See, von oben als winziger weißer Spiegel zu sehen. Zu dem darf ich hinabrauschen.
Am See. Wie ein Meer fast. Na gut, die Bergketten gegenüber sind zu gut sichtbar für ein Meer, trotzdem. Boote, Strände, Wind. Ob ich nicht hier zelten sollte, frage ich mich, es ist schon Nachmittag. Der genauere Blick auf die Zeltplätze lässt mich dagegen entscheiden. Zu voll, zu viel Trubel, zu viele Menschen. Wie überall an Orten mit viel Zauber. Weiter nördlich in der Abgeschiedenheit gibt es weitere Zeltorte.
Am See entlang, immer nordwärts also. Bald wird er schmaler, nur noch eine Schilflandschaft, als hätte man ihm das Wasser abgelassen. Bald ist er wieder zum Flüsschen geworden. Im schrägen Nachmittagslicht rolle ich auf Hügeln längs des Ufers, die Landschaft könnte in Bayern sein. Ist sie ja auch fast. Luftlinie zur Grenze sind es kaum zehn Kilometer.
Dazwischen liegt der Böhmische Nationalpark, für ein paar Kilometer rolle ich durch seine Wälder am Fuß der Berge, ein Ort zum Auftanken.
Und dann bin ich da. Abgelegen, verwildert, verwunschen fast, so kommt mir der kleine Platz am Moldaubach entgegen. Ein Geschenk zum letzten Abend.

Ich bin erschöpft. Ein großer Teil der Strecke ist sehr anstrengend. Immer der Zwiespalt, ob ich lieber die abgelegenen Radwege fahre, unter der Gefahr, dass sie so schottrig daherkommen, dass ich aufwärts wie abwärts schieben muss, dafür aber – den Mehrhöhenmetern gedankt – mich mitten ins Herz der Natur werfen, oder ob ich Teilstücke zur Abwechslung auf der lauten Autostraße zurücklege. Dazwischen pendele ich.
Es ist heiß, meine Beine lassen mich zunehmend die schon bewältigten Höhenmeter spüren. Manche Stellen sind so steil, dass ich schiebe.

Mittags treffe ich drei deutsche Radler, die ebenfalls lange in Tschechien herumgefahren sind und morgen nach Hause wollen. Bei einem Kaffee am See reden wir über das, was wir erlebt haben. Über das, was uns jeweils entgangen ist, fürs nächste Mal:)
Dass sie von hier aus nach Passau runterfahren, sagen sie. Meine Pläne waren eigentlich andere, ich wollte etwas weiter westlich erst auf die Donau treffen. Aber das heutige Hoch-und-Runter-Gekurve lässt mir die Idee, möglichst schnell zum großen Fluss zu kommen, verlockend erscheinen.
Abends dann im Camp, bei einem Gespräch mit Hiesigen, lasse ich mich endgültig darauf ein. Nicht über die Straße, sondern über Waldwege zu einem südlicheren Grenzübergang, von dort auf einer ehemaligen Bahntrasse, ausgebaut als Radweg, nach Südwesten, und dann irgendwie nach Passau runterschlängeln. So werde ich es machen.

Apropos abends im Camp: Nach dem Kochen setze ich mich dazu. Es ist voll unter dem kleinen Dach des „Bufets“, des einzigen Gebäudes hier. Erstaunlich, wie viele Lieder gesungen werden, bei denen alle – alle! – mitsingen, mit Text von mehreren Strophen.
Ich werde angesprochen, von mehreren. Von einigen, die sehr gut deutsch können auch. Wir reden über das hier, das miteinander Singen, über meine Eindrücke vom Land, über ihre Wege in unserem Land, ja, sowieso, über die täglichen Kontakte durch die nahe Grenze.
Dazu fließt viel Bier und Schnaps. Ja, so sagen sie: so sind wir Tschechen, wir freuen uns beim Singen und mit Bier am Leben. In jungen Jahren sei es hier – in der Gegend? im ganzen Land? – üblich, in Pfadfinderlager zu fahren, das gehöre dazu. Deswegen kennen sie alle 300-400 Lieder, auswendig, das sei einfach Teil ihrer Kultur. Ich bin ein bisschen neidisch:)  Und diese musizierenden Männer verbringen immer in den ersten Septembertagen eine Woche hier auf dem Platz, deswegen kämen dann schon die Menschen aus den nahen Dörfern, weil sie um diese Abende wüssten. Einer, ein Lehrer, mit dem ich mich gerade noch unterhalten hab, holt seine Gitarre aus dem Auto, spielt einfach mit. Später sieht es aus, als wirft er weitere 300-400 Lieder in die Runde, und wieder kennen alle die.
Ich bin beschämt, denn ich leugne nicht ab, auch Gitarre zu spielen, aber einfach so ein Lied anzustimmen, etwas Englisches, was sie vielleicht auch kennen, da muss ich passen. Ich kann das einfach nicht. Sie glauben es mir nicht, vermute ich. Aber leider kann ich es wirklich nicht.
Mir bleibt, glücklich in der Runde dabeizusitzen, bis weit nach Mitternacht. Von den reihum ausgegebenen Schnäpsen nehme ich immer nur kleine, halbe. Sonst würde mein Kopf das nicht überleben …
Bestimmt bekräftigt dies ihr Bild von den freudlosen Deutschen. Oder nicht? Habe nur ich dieses Bild? Bei unserem Gespräch über die Sicht auf das je andere Land sagte der eine, man sei ja immer mit dem eigenen Volk etwas zu streng, wenn man es bewertet. Diesen Satz will ich mir mal mitnehmen, wenn ich nun über die Grenze ins eigene Land fahre.

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4 Kommentare

  1. Gemeinsam singen, das ist eine Kultur, die hier nur noch im Bierzelt zu Schunkelliedern zu finden ist, schade ist das, sehr. Einmal sagte Wolf Dieter Storl (ein Pflanzenethnologe, der viele Bücher schrieb und Seminare hält) bei einem gemeinsamen Gang durch den Wald, dass der Wald traurig ist, dass wir ihm keine Lieder mehr schenken. Seitdem singe ich unbedarft, egal wie andere schauen!
    Und klar denke ich auch an den Satz: hier lasse dich ruhig nieder, denn böse Menschen kennen keine Lieder …
    herzlichst
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    1. Mehr singen sollte ich wieder, ja, das bringe ich mit, unter anderem von diesem Abend. Meinen Chor habe ich seit ner Weile verlassen, dies hat gute Gründe. Aber ich wollte in einen anderen gehen. Und wieder Gesangsunterricht zu nehmen, ein lange vor mir hergeschobener Plan. Und einfach mit der Gitarre singen, hm, das kann ich ja direkt nach der Heimkehr machen. Und ohne Gitarre schon auf dem Rad … doch, das tue ich. In mir tönt beim Fahren oft ein Lied.

      Gefällt 1 Person

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