Jindrichuv Hradec – Zlata Koruna (#3wegsam28)

Die Weiterfahrt ist schwieriger als vermutet. Ich brauche viele Kilometer, bis ich das Treten wieder als Treten nehme, es nicht mehr permanent registriere und nicht überfrachte mit Bedeutungen wie: ans Ziel bringend, Geschwindigkeit erzeugend, Zeitabläufe verwirklichend, Orte erreichend und so weiter. Die ersten Tagesstunden vergehen, bis ich in so etwas wie einen Fluss zurückfinde.

Haben doch die vergangenen Tage das Ankommen am heimischen Ort in greifbare Nähe gerückt. Von der Anzahl der verbliebenen Fahrtage her sowieso, es werden vermutlich unter zehn sein, wenn ich nicht direkt vom Fahrrad an den Lehrertisch springen will.
Meine Gedanken schweifen ab, vom Hiersein ins Heimkehren. Schuljahresvorfreude kommt auf, wie es mir immer ein bis zwei Wochen vor dem Schulstart geschieht. Dazwischen springen die Erinnerungen an unsere vergangene Nachferienankunft, an das Wasser im Keller, das lässt sich nicht beiseiteschieben. Und selbst simple Überlegungen, ob ich den Haustürschlüssel im Gepäck und zu Hause noch Brot im Tiefkühlschrank habe, grätschen mir in meine ersten Fahrtkilometer.

Dabei ist, was noch vor mir liegt, ein ausgewachsener Radurlaub. 700-800 Kilometer, bis auf die ersten heute und die letzten am letzten Tag sind es lauter unbekannte Strecken, es gibt Berge, einen großen Stausee, Flüsse am Weg, mein Zelt wird mir genauso Heimat geben wie in den vergangenen zwei Wochen, und vielleicht darf dies alles in einer trockenen Spätsommerwoche geschehen.
Und trotzdem bleibt ein Heimfahrgefühl in mir. Nach den vielen Tagen fast ziellosen Umhertreibens hat diese letzte Etappe jetzt eine andere Qualität. In zehn Tagen muss ich zu Hause sein. Das erste und einzige echte Muss der Reise. Ich werde mit ihm fahren lernen. Fahren lernen müssen:)

Und noch etwas nimmt mir die Präsenz. Mich fluten Erinnerungen an die vergangenen Tage. Fahre ich doch fast am Haus der Freunde vorbei, während ich die Stadt verlasse. Sehe noch einmal auf das Flüsschen, an dem wir gestern Abend geburtstagfeiernd saßen. Komme durch die Orte, welche in diesen Tagen unsere Ausflugsziele waren. Bin in Gedanken noch in der Musik und in allem, was die Woche mit sich gebracht hat.
Dazu habe ich meinen Zeittakt verloren. In die Tagesabläufe der Pausenwoche hinein hatte sich permanent die Wann-Frage gedrängt. Überlegungen, was man jetzt tun sollte, wie lange man dies tun sollte, wann man sich treffen, wann verabreden, wann aufstehen, wann losfahren sollte. Alles Fragen, die sich beim reisenden Sein nicht stellen.
Nun stehen sie mir im Weg, diese Wann-Fragen, ich muss sie erst wieder aus meinem Innern verdrängen, um mich von elementaren Entscheidungen befreit zu fühlen.
(Es gibt noch mehr solche Fragen: Die Was-Frage beim Essen, zum Beispiel, und beim Beschäftigen. All dies stellt sich hier nicht. Ich muss eine Menge Fragen loswerden.)

So kommt es, dass ich heute zu schnell unterwegs bin, für mein Gefühl. Zu früh schon bin ich losgefahren, weil auch die anderen früh aufbrechen wollten. Das schräge Licht des noch sehr kühlen Spätsommertages erinnert mich, dass um diese Zeit für gewöhnlich das Zelt trocknet. Schräges Licht kenne ich nur von den Abenden, jetzt ist es mir ungewohnt. Na, ich brauche wohl noch ein wenig, um wieder zu mir zu kommen.
Dies geschieht, je mehr ich mich vom Bekannten entferne. Der Turm Trebons winkt nur noch vom anderen Ufer des riesigen spiegelglatten Sees. Meine Strecke wähle ich über andere kleine Sträßlein als vor ein paar Tagen. Nach Budweis komme ich über eine nördlichere Straße hinein, die Bahngleisüberquerung wird dadurch ungleich leichter, der riesige quadratische Platz – heute ist Freitag – wirkt viel belebter, fast als wäre es eine andere Stadt.

Von hier ab führt es mich in neue, fremde Gegenden. Die Moldau aufwärts, das bedeutet heute: nach Südwesten. Der Fluss ist schmaler und schmaler geworden, heute erscheint er erstmals in der faszinierenden Bewegtheit eines Gebirgsflusses.
Entsprechend wird die Landschaft bergig, mein Weg auch. Und meine Beine sind noch müde, sind voller tagelanger Pensionsträgheit.
Als dann noch ein Mensch von hier, ein „Engel“, wie man ihn nennen könnte, mir empfiehlt, auf keinen Fall auf einen der Krumlauer Zeltplätze zu gehen, weil diese alle vom Rafting-Hype überschwemmt seien, statt dessen sei das Kemp in Zlata Koruna zu Füßen des Klosters ruhig und inmitten der Natur gelegen, als dieser Wink auch noch kommt, kehre ich erstmals schon gegen vier Uhr meinem Weg den Rücken und stelle mein Zelt auf.

Gut ist das. Zeit. Unendlich viel Zeit. Die Moldau lockt. Sie lockt sogar stärker als mein Magen knurrt. Ich lasse mich darauf ein … und stehe bald mit den Füßen drinnen. Es ist nicht kalt. Oder besser: ich will, dass es nicht kalt ist. Ich möchte nämlich in dieses Wasser hinein. Und tue es. Schwimme. Eine ideale Gegenschwimmanlage, die Moldau hat genau mein Tempo, egal ob ich vorwärts oder rückwärts schwimme.
Es ist übrigens mein erstes Bad in diesem Sommer. Ich bade nicht gern, eigentlich. Es muss schon viel zusammenkommen, dass ich mich vom Wasser angezogen fühle. Hier war es so. Das lebendige Fließen. Die Sonne schräg hinter den Bäumen. Die glitzernde Oberfläche. Die Schemen des Klosters und sein Läuten. Die Alleinsamkeit. Das alles.

Später wird es noch voll auf dem Platz. Wasserwanderer, zahlreiche. Am dichtesten an einen dran stellen sich übrigens die Deutschen. (Oder sagen wir mal vorsichtiger: Die nichttschechisch-sprechenden Menschen. Dies ist wohl tatsächlich wahr. Und nicht nur auf diesem Platz.) Warum denn bitte, wenn eine halbe Moldau mit ihren Ufern frei ist? Man könnte problemlos in eine der Ecken der vielen Wiesen ziehen.
Dies ist, was ich dann tue. Mit meinem Buch, meinem Bier, mit mir allein. Ich muss ja den langen Abend nicht in der Nähe meines Zelts verbringen:)

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2 Kommentare

  1. Wie schön du den Wechsel beschreibst: mit anderen, mit dir allein, in einem Haus, jetzt wieder mit Radel und Zelt, ich mochte besonders die Passage der Fragen, die du loswerden wolltest, da kamen viele Erinnerungen!

    Was nun dieses „Kuschelbedürfnis“ bei Zeltnachbarn ist, das ist wahrlich nicht zu verstehen, ob es die Angst ist? Wahrscheinlich, die Angst in einer ihren vielen Facetten.
    Gute Reise, gutes Sein, heute und morgen, bis du daheim angekommen bist …
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    1. Darüber denke ich nach: „Kuschelbedürfnis“ als Angst. Vielleicht. Gestern auf dem Platz war sehr viel Raum. Dennoch hatten sich alle Radler brav wie in einer Kette am Ufer aufgereiht, kaum Abstände zwischen sich gelassen. Nur ich ging ganz ganz nach hinten, wo ich dann tatsächlich bis zum Abend allein blieb. Für mich war es stimmig, aber gleichzeitig fühlte es sich seltsam an, so „anders“ als alle anderen seinen Platz zu wählen. Ich bleibe nachdenklich …
      Danke für diesen Gedankenanstoß, und überhaupt, für Deine begleitenden Kommentare.

      Gefällt 1 Person

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