Trebon – Jindrichuv Hradec (#3wegsam27)

Was der Abend nicht gab, schenkt der Morgen. Ruhe, so viel Ruhe wie selten an einem Ort. Der See hat noch seine Nebeldecke an, als ich aus dem Zelt blicke. Die Sonne ist hinter den Bäumen erst zu erahnen und kommt kurz darauf hervor. Enten spielen und schnäbeln miteinander, später schwimmen sie in immer größer werdendem Schwarm vor meinem Zelt auf und ab.
Alle Zeltnachbarn sind weit genug weg oder frühstücken so ruhig in der Sonne, dass ich sie kaum bemerke, ebenso wie die Wohnmobilburgen oben auf dem Hügel. Kinder streifen am Ufer umher, mit Keschern auf der Suche nach irgendetwas. Erinnerungen an früher werden wach. Es ist doch noch ein guter Ort geworden.

Die Kinder, so whatsappen sie, brechen gerade erst aus Italien auf, ich habe also Zeit über Zeit, sind ja nur noch 30 Kilometer.
Den ersten und zweiten Kaffee koche ich aus dem Zelt heraus, trinke ihn im Schlafsack sitzend. Auf den See könnte ich stundenlang blicken, da geschieht so Unglaubliches. Zum Frühstück gibt es einen dritten und vierten Kaffee und alle Reste, ich werde in den nächsten Tagen nicht zelten.
Es ist eine seltame Vorstellung, das Zelt nun für eine Weile zu verpacken, heute Abend ein festes Dach überm Kopf zu haben. Aber noch bin ich auf der Straße, für ein paar wenige Stunden.
Diese vergehen schnell. Ich träume vor mich hin, fahre – nach einem kurzen Stück, wo mich das Navi auf eine vierspurige Europastraße geworfen hat: hui, das rauscht und ist unheimlich – auf abgeschiedenen Feldwegen und Sträßlein vor mich hin. Dass ich am Freitag weiterfahren werde, erleichtert mir das Abschiednehmen von dieser Etappe. Denn ja, ich war gut angekommen im Unterwegssein, könnte meinetwegen noch eine Weile darin verweilen.

Doch das Ziel, das Zwischenziel ist schnell da, da kann ich Pausen machen wie ich will, irgendwann stehe ich am Ortseingangsschild.
Geschafft, ist ja trotzdem ein schöner Gedanke. Ich bin wohl sehr in der Gegend herumgeeiert, wenn ich von Berlin hierher 900 Kilometer verfahren habe. Sie hat mich genau an die richtigen Orte gebracht, diese kurvige Fahrt.

Und während wir uns stürmisch begrüßen, ich mein Rad in den Hof zum Radschuppen schiebe, alles Gepäck abnehme, während wir alles alles erzählen, ein wahrer Nachholsturm an Kommunikation auf allen Seiten, während ich im Zimmer dusche und mich die ungewohnte Wärme eines Stadtzimmers im Gesicht glühen lässt, während wir durch die kleine Stadt schlendern, auf der Suche nach Eis und Bier und einem würdigen Ort für diesen Wiedersehensabend, während ich dann ungewohnt in einem hitzewarmen Zimmer in den Schlaf zu finden versuche, während des ganzen Tages bin ich einfach nur dankbar, diese zwei Wochen gehabt zu haben.
Dankbar für das mir wohlgesonnene Wetter und die friedliche Landschaft, die mich getragen hat.
Dankbar für das brave Rad, welches zuließ, dass die Reparatursachen jeden Tag ein Stückchen tiefer in den Packtaschen verschwanden. (Vielleicht sind sie gar nicht mehr da, schon durch den Taschenboden hinausdiffundiert?)
Dankbar für die Zeit mit mir selbst, meinen Gedanken, meinen Sehnsüchten, meiner Suche nach diesem und jenem und den Antworten, die es darauf gab.
Dankbar für meinen inneren Frieden an diesen schlichten Tagen voll lebendigsten Lebens.

Als wir abends durch die vielen hundert Kamerabilder scrollen, einfach weil wir – ich ja auch – neugierig sind, was dort alles abgebildet ist, fällt mir eines auf. Die Landschaft sieht immer unspektakulär aus. Sie ähnelt sich, egal ob sie die Seenlandschaft bei Berlin, den Spreewald, das Bautzener Hügelland, die Berge längs von Elbe und Moldau, die Seenwelt um Trebon zeigt, mein Auge hat sich offenbar an einem Faden des einfachen Seins entlanggehangelt. Meine Seele auch.
Vielleicht sollte ich mir diese Ansichten auf einer Bilderschnur später in mein Zimmer hängen. Ein Faden des einfachen Seins, rings um meinen heimischen Schreibtisch. Damit ich nicht vergesse, dann wieder, in zwei Wochen ja schon, was das Wesentliche ist.

Aber zunächst sind wir hier. Im kleinen Jindrichuv Hradec, bei und mit Freunden, musizierend und (innerlich) singend. Sohnesgeburtstag feiernd, auch das. Tschechische Kerzen stehen schon bereit.
Und dann folgt die Heimfahrt. Am Freitag steige ich wieder aufs Rad.

  

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2 Kommentare

  1. Einfach nur toll!
    Klar könnte ich noch mehr zu deinem schreiben, aber nein, ich mag deinen Weg, deine Fragen, Gedanken und freue mich, dass du Antworten gefunden und deine Kinder „wiedergefunden“ hast.
    Bis bald
    Ulli – die gerade leise singt …

    Gefällt 1 Person

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