Hnevkovice – Trebon (#3wegsam26)

Um fünf Uhr werde ich wach, muss raus und sehe als Belohnung die ersten Anfänge der Morgendämmerung. Wie schnell die Himmelsecke röter und röter wird …
Das nächste Mal weckt mich die Sonne, als sie unten durch den Zeltboden hineinscheint und dabei bizarre Schatten der Gräser in mein Blickfeld wirft. Es sind die kleinen Dinge …
Der Tag hört nicht auf mich zu beschenken. Barfuß im taufeuchten Gras laufen, in der Stille des Ortes. Später kommt ein kleines Mädchen auf den Spielplatz – ich stehe ja direkt daneben – und spielt versunken vor sich hin. Sie beginnt zu singen – immer wenn ich schaue, hört sie auf, also schaue ich nicht – und ich höre ihrem Glück einfach zu.

Als Weg wähle ich den gestern vom Zeltwart empfohlenen, den auf der anderen Flussseite, die Menschen vor Ort kennen sich schließlich besser aus als meine Radkarten. Ja, es beginnt „horribel“, wie er sagte, mit einem steilen Anstieg. Und die Steigungen reißen auch im Laufe der Strecke nicht ab.
Aber es ist ein Traum dort oben. Bilder fliegen vorbei, zum mittenhineinverlieben. Selten habe ich so oft bei Bergabfahrten gebremst, einfach um länger etwas vom Anblick zu haben. Und die Aufstiege bemerke ich kaum. Nicht nur, weil mich die Welt ringsum gefangennimmt. Auch, weil der Gegenwind weg ist. Jetzt erst fällt es mir so richtig auf: gestern war jeder Höhenmeter (und jeder andere Meter auch) gegen mistralartigen Gegenwind zu erkämpfen. Heute, in Windstille, fliege ich nur so aufwärts:)
Später führt der Weg an den Fluss hinunter. Das gab es seit Prag kaum. Diesmal bleibt er sogar für etliche Kilometer dort unten. Die letzten vor Hluboka, und die gesamte Strecke von dort nach Ceske Budejovice, nach Budweis.

Hluboka, ein mir bekannter Name, Bilder aus dem Kindheitsfotoalbum, ein weißes Schloss, so zeigen es die Schwarz-Weiß-Bilder aus den Achzigern. Nun taucht es in echt vor mir auf, dieses Schloss. Huch: Es steht hoch oben. Und es sind 32°. Ich stöhne auf. Und beschließe umgehend, das Schloss dann eben auf dem Berg liegenzulassen.
Aber in den Ort hinein will ich. Auch der liegt erhöht, macht nichts, ich brauche eh eine Picknickbank, und einfach am Ort vorbeifahren, mag ich nicht.
Oben im Ort ist es voll. Es ist Samstag, es sind viele Menschen unterwegs, auf den Radwegen ja auch schon. Hier kommen österreichische Tagesausflügler hinzu, die Autokennzeichen zeigen die Grenznähe an. Und nicht weit von hier beginnt das südtschechische Seenland, in dem man sicher wunderbar urlauben kann.
Ich sitze also auf meiner schattigen Bank, esse, trinke, schaue den Menschen zu, etliche Hochzeiten und ein historischer Umzug kommen vorbei.
Und plötzlich weiß ich: ich gehe doch zum Schloss hoch. Gehen ist das richtige Verb, schieben ja eigentlich. Ich will das plötzlich. Und so schiebt es sich leicht.
So ist es ja oft, denke ich, wenn man nicht muss und sich selbst die Freiheit gegeben hat, ob oder ob nicht, dann geht es plötzlich viel besser. Oder? Schwer ist nur, was man tun muss, egal ob selbst- oder fremdverordnet. Was man tun will, ganz freiwillig, das wird leicht. Nicht ohne Anstrengung, das meine ich nicht mit leicht, aber eben selbstgewählt und daher doch wie von allein.
Ich schiebe hinauf … und erkenne oben das Schloss tatsächlich wieder. Wobei: ich hätte schwören können, dass es zwei hohe Türme hat. Vielleicht ist der eine davon in den letzten 35 Jahren durch Erosion abgetragen worden:)

Wenig später bin ich in Budweis. Glühende Hitze mittlerweile, so machen Städte erst recht keine Freude. Nur beim Straßenfest bleibe ich gern stehen, spielende Kinder, Menschen, die miteinander wie Nachbarn wirken, eine warme Atmosphäre, nicht nur von den äußeren Temperaturen her. Um ein Haar wäre ich einem Bier erlegen. Nur die Vernunft lässt mich innehalten: ich würde es danach bei der Hitze vermutlich kaum zum Zeltplatz vor den Toren der Stadt schaffen.
So gehe ich weiter, auf den riesigen quadratischen Markt. Eine Kunstinstallation zieht mich an, lauter Flügel aus verrostetem Eisen bilden eine regelrechte Flügelstraße, auf den zentralen Brunnen zu. Die beigefügte Erklärung auf tschechisch verstehe ich natürlich nicht, aber ich fotografiere sie mir ab, für alle Fälle. Ein paar Meter weiter steht ein echtes, verstimmtes:) Klavier. Vorbeikommende setzen sich daran, ab und zu klimpert es über den Platz, manchmal erklingt Musik.
Daneben stehen riesige Bildsäulen. Stadtansichten aus früherer und heutiger Zeit, eine Stadt im Wandel eines Jahrhunderts. Schockierend, dass manche Ecken verschwunden oder durch gesichtslose Quader ersetzt wurden. Faszinierend, wie sich manche typische Straßenzüge doch erhalten haben. Veränderung neben Bewahren, es ist ja immer beides.

Und jetzt? Ich stehe auf dem Markt, die Sonne brennt, es ist noch nicht mal vier Uhr, ich könnte weiterfahren oder mir eine Bleibe suchen. Unentschlossenheit nennt man diesen Zustand, in dem ich über den Markt schleiche.
Ich beginne nach Zeltplätzen in der Nähe zu suchen, für morgen blieben mir dann 60 Kilometer. Nur: in der Richtung, in die ich muss, liegen keine. Für alle hiesigen Plätze müsste ich zurückfahren, und das mag ich nicht. Also: vorwärts.
Aus der Stadt hinaus, das ist gar nicht so einfach. Die Eisenbahntrasse kann ich durch eine Fußgängerbrücke überwinden, die Industrievororte danach ziehen sich grau in grau, ein erschreckender Anblick, abseits der touristischen Wege sieht es im Land also zuweilen so aus. Aha. Jetzt verstehe ich, warum sich in dieser Richtung Zelten einfach nicht anbietet.
Von den staubigen Straßen mehr erschöpft als vom sonstigen Tag, falle ich an der Stadtgrenze noch einmal in einen Supermarkt ein, es ist Samstag Nachmittag, höchste Zeit für Nahrungssuche. Ich schleppe aber vor allem Getränke hinaus, dies entspricht meinem dringlichsten Bedürfnis. (Nein, kein Bier. Da verlasse ich mich in altbewährter Weise auf den Zeltplatz:))

Der Blick auf die Karte, ins Internet und – dann doch mal, weil die Karte zu wenig fein ist – in die Navigationsapp ernüchtert mich. Nächster Zeltplatz in Trebon, knapp 30 Kilometer, dazwischen ein Bergrücken zu überwinden, und es ist schon fast fünf.
Nun ja, sage ich mir, komme ich eben später an, später als es mir lieb ist. Wird schon irgendwie werden. Und strample los.
Und tatsächlich wird es. Die Strecke, die Distanz verliert an Unheimlichkeit, je später es wird. Vielleicht beruhigen mich die Seen, an denen ich vorbeifliege. Oder die schlichte Ruhe in den Dörfern, all das Unspektakuläre. Die sich senkende Sonne, das milde Licht. Was soll mir schon geschehen in einer derart sanften Welt?

Nun, und wirklich, mir geschieht natürlich nichts. Nichts Schlimmes jedenfalls. Nur atemberaubende Blicke. Und ich komme spät an, das ist alles. Finde sogar noch ein ruhiges Plätzchen direkt am Wasser, ganz für mich, optisch jedenfalls.
Denn im Unterschied zu den vorigen ist dieser Platz groß und voll und – ja, auch das – laut. Wohnmobilburgen, doch die passen nicht in den Uferstreifen. Autos über Autos. (Dürfen Radfahrer eigentlich für jede knallende Autotür eine Tüte lautstark platzen lassen?)
Dazu gibt es Samstags Live-Musik, gratis. Gern hätte ich den See ohne diese erlebt. Naja.
Nach einem nur minikleinen Abendessen, wegen Mücken, Dunkelheit, des neben mir ankommenden Motorrads, der lauten Musik gebe ich das Sitzen am Zelt, am See auf und füge ich mich den Tatsachen. Es ist hier eben nicht wie an den vergangenen Tagen, das kann ich mir wünschen wie ich will, da kann ic hadern so sehr ich möchte. Den Abend möchte ich trotzdem nicht an einen Groll verlieren, also gehe ich mir ein Bier holen und setze mich damit auf eine der Bänke am Kinderspielplatz.
Anders, als ich mir meinen vorerst letzten Zeltabend vorgestellt habe, kann ich nur meinen Fokus anderswohin richten. Auf diese Kinder hier etwa, in ihrer Lebensfreude, in ihrem freien Spielen und Toben. Genau zu denen setze ich mich, hier geht es mir gut, hier höre ich das Laute bald gar nicht mehr.
Ein Mädchen schaukelt bis zum Himmel und juchzt dabei. Wäre eigentlich auch mal wieder Zeit dies zu tun …

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